2012 gastierte der Mainzer Kunstverein in meinem Atelier. Sie organisierten ein Festival für Performance und ziemlich schräge Musik. Die Veranstaltung war so eine Art Barcamp mit Teilnehmern weltweit, sogar aus den USA und Taiwan waren Künstlerinnen und Künstler angereist. Die Unterbringung war spartanisch in Zelten im Garten oder auf der Bühne im Atelier. Alltagsleben und Kunstschaffen und ‚irgendwas mit Musik‘ machen fanden in mehreren vielschichtig miteinander verwobenen Parallelwelten statt, man könnte es Leben im Allgemeinen nennen.
Die Versorgung war selbstorganisiert und wegen der hohen Teilnehmerzahl brachte der Kunstverein sein eigenes Geschirr mit. Ich erinnere mich gut an den Moment, als jemand eine Kiste voller Besteck in meine eigene Besteckkiste kippte. Gabeln, Messer und Löffel aus zig Haushaltsauflösungen ergossen sich in mein eigenes Bestecksortiment, das aber ebensowenig lupenrein war, die das Sortiment des Vereins. Nie wieder würde ich die eigenen Bestecke aus den fremden Bestecken heraussortieren können. Ich bin ein verdammter Geschirrkommunist, der überhaupt keinen Plan hat, was von dem, das in seinem Schrank steht ihm selbst gehört und was jemand anderem gehört.
Hin und wieder kommt es vor, dass jemand mit einem schön geordneten Haushalt mir etwas zu Essen mit nach Hause gibt, vielleicht ein Stück Kuchen. Er oder sie packen es auf einen Teller oder in eine Tupperschüssel. Normale Menschen sagen im Fall danke, nehmen das Essen mit, essen es, spülen das Geschirr und geben es irgendwann zurück.
Nicht so wir Haushaltskommunisten. Durch die Unzahl durchmischten Geschirrs, das mittlerweile bei weitem nicht mehr nur aus Haushaltsauflösungen stammt oder von Landeshauptstadtskunstvereinen, habe ich geschirrtechnisch keine Identität. Ich bin sozusagen eine Sowchose des Kaffeekränzchens oder eine Kolchose weltweiter Suppenkellen. Sobald ein fremder Gegenstand in meinen Haushalt gerät, verliert er seine kapitalistische Identität und wird in eine Kommune bunter, vielfältiger Tassen, Teller und Töpfe integriert.
Seit jenem Tag im Jahr 2012 warne ich diejenigen, die mit mir ‚irgendwas mit Geschirr‘ machen, dass es höchstwahrscheinlich niemals zurückkehrt. Wie sollte ich, ein Mensch ohne geschirrtechnische Identität, jemals erkennen können, was mir gehört und was nicht? Oder besser gesagt, ich erkenne ganz klar, was mir gehört, nämlich nichts und alles andere in meinem Geschirrbestand gehört entweder niemandem mehr, oder jemandem, der es arglos hat liegen lassen. Erst kürzlich fand ich ein Messer in meinem Besteckkasten, auf dem der verwaschene Name eines Freundes geschrieben stand; vier Jahre her, dass er zum Grillen da war und nichtsahnend eine Nudelsalatschüssel und ein paar Satz Bestecke einbüßte.





