Die Welt verunechtet

Im Konflikt Privat vs. öffentllich. Eine Perspektive, die sich erst durch das Medium Internet auftut. Damit muss man wohl leben. Es gibt keine Tagebücher mehr, die man irgendwann nach hundert Jahren entdecken könnte und die vollkommen authentisch sind, weil derjenige, der sie verfasst hat, nie daran gedacht hat, dass jemals jemand das lesen wird.

Es gibt nur noch das Web mit all seinen Weblogs, in denen die wahren Empfindungen verschleiert sind, Dinge zurückgehalten werden, Inhalte geklont sind, nichts mehr echt ist.

Das ist ein großer Konflikt. Das ist vielleicht das Ende.

Überall nur noch Masken. Gewäsch, seichter Krempel. Authentizität auf Basis von Marketingmethoden.

Die Welt verunechtet.

Gestern dieser Film auf 3sat von zwei tschechischen Filmstudenten. Sie machten im Vorfeld des Beitritts der Tschechischen Republik zur EU ein Experiment mit einer Marketingkampagne. Ein Suermarkt mit dem Namen Tschechischer Traum wurde erfunden und promoted auf Plakaten, Prospekten usw. mit tollen Angeboten. Ohne eine einzige Lüge zu verbreiten bereitete man das Volk auf die Eröffnung des Monstermarktes vor, eine Fassade aus Plastikfolie auf einem Messegelände. Zweitausend Leute waren gekommen, in der Hoffnung, Schnäppchen zu ergattern. Wow, was für ein geiles Exempel.

Tschechischer Traum bei Wikipedia

Die Welt verunechtet.

Man sollte die Augen schließen.

Selten kauft ein Mensch etwas, weil er es kaufen will.

Er kauft die Dinge, weil sie billig sind, weil sie vorgeben gut zu sein, weil er sie kennt.

So, nun wirds aber schwer, den Rückschluss zum Weblog zu finden. Und warum es verunechtet.

Ich bin Berufslügner in einer wahrheitssüchtigen Welt.

Die Lüge ist eine von vielen Wahrheiten.

Die Irren, die ich rief

Süße Musik. Schon spät. Ich schreibe kurze Texte, die den Tag skizzieren. Will mir Disziplin angewöhnen. Schließlich bin ich Künstler, somit könnte alles was ich tue in Zukunft Interesse wecken.

In den letzten vier Wochen einem kompletten Irrenhaus begegnet. Muss somit zu dem Schluss kommen,  ich bin ausschließlich von hochgradig gestörten Menschenwesen umgeben.

Ich weiß nicht, ob mir die seltsamsten Irren in der Landeshauptstadt M. begegnet sind, oder in der Nachbarstadt S. Oder auf meiner Terrasse (vom 2. auf den beinahe 4. Oktober besuchten mich alte Freunde – ich war so gutmütig spätabends zu denken, kannst sie doch nicht besoffen heimfahren lassen, also haben sie hier überall verstreut im Garten, der Scheune und auf dem Freilandsofa gepennt. War ja auch ein schöner Abend. Früh um zehn am 3. Oktober machten sie ihr erstes Bier auf. Da war ich immer noch positiv, weil ja nur noch acht Bier da waren, da müssten sie in einer Stunde weg sein. Dachte ich. Waren sie auch, kamen aber wieder mit einer Kiste Bier und Würstchen von der Tankstelle. Ist so schön sonnig hier bei dir).

Nuja, der Tag war lang, und sie sind dann noch öfter zur Tanke gefahren. Wetter war ja gut. Mit viel Glück und behendem Schweigen und einer gehörigen Portion Skrupellosigkeit, gute Freunde besoffen heimfahren zu lassen (Logik sagte: sie müssen besoffen fahren, sie kamen voll, blieben voll und voll werden sie auch gehen :-)), sind sie dann spät am 3. abgedüst. (Hey Leute, war ne schöne Zeit, nicht übelnehmen was ich hier schreibe).

Ganz besonders bemerkenswert war Künstler M., schon zwei Wochen her, in der Landeshauptstadt,  der vollkommen abgehetzt auf einer Veranstaltung auftauchte und von seiner 13-jährigen Tochter erzählte, die er gerade eben noch am Flughafen abfangen konnte, wo sie mit gefälschtem Pass, von München umsteigend, in den Transatlantikflieger steigen wollte. Nun ist das nicht so erschreckend, dass eine 13-jährige mal eben nach Übersee ausbüchst, aber das Seltsame an der Geschichte ist Künstler M., Rabenvater, den ich bisher für kinderlos gehalten habe, mehr noch, an seine zwei zwölfjährigen Beziehungen kann ich mich auch noch erinnern, nette Mädchen. Dass er nebenbei mit einer Münchnerin verheiratet ist und drei Kinder hat, für die sie sich bereit erklärt hat, die ersten 16 Jahre zu sorgen – er danach, der Schlawiner … Tss.

Man denkt, man kennt die Menschen: Künstler M. allabendlich so voll, dass man ihn Mitte der 90er stets neben dem Tresen schlafend vorfand. Der kann doch gar keine Kinder haben. Einer jener Irren, denen ich in den letzten Wochen begegnet bin.

Aber es gibt noch viel seltsameres zu berichten.

Tse.

Wie gehts weiter hier im Blog? Ich muss erst mal wieder schreiben lernen. Den Kopf sortieren. Die tägliche Disziplin besser pflegen.

Nimm ein Ereignis vom jeweiligen Tag, konzentriere dich. Beschreibe es. Ist das ein Weg? Sicher. Aber ist das mein Weg? Die Zeit verschwimmt. Ich bin gleichzeitig in den Neunzigern und heute und hier, aber in gewisser Weise auch schon viele Jahre voraus.

Machs so, dass die Anderen das verstehen und dass sie Freude daran haben.

Tja Leute, und das ist die Kunst. Und dafür muss man konzentriert sein und die Dinge auf den Punkt bringen.

Kein Titel

Zweimal rund um die Schweiz, nach Irland, Andorra, Portugal und quer durch den Odenwald, sowie fünf Liebesbeziehungen. Das ganze binnen weniger Stunden.

Wie?

Indem man sein Negativ-Archiv reproduziert.

Methode wird immer wichtiger.

Methode bedeutet, einen Weg gefunden zu haben, wie man etwas gut und schnell erledigt.

Die Methode Repro habe ich schon lange gesucht. Und stets war klar, wie es geht. Aber die materiellen Rahmenbedingungen mussten erst noch geschaffen werden.

Nun erschöpft.

In den letzten paar Wochen habe ich glaube ich vier fünf Jahre gelebt – nee, ich habe das, was man in vier fünf Jahren herkömmlicher Weise erlebt, erlebt (und bin dabei allen Sonderlingen des Universums begegnet).

Entsprechend urlaubsreif bin ich.

Der Berlinmarathon des eigenen kleinen Lebens nimmt und nimmt kein Ende.

Netzwerk der Socken, Tag 1 bis 4

Vorgeschichte:

Fotografin J. streunte kürzlich beim Atelierfest durch den Garten des einsamen Gehöfts und drappierte ein paar Socken überall und allerorts,. Mal fotografierte sie sie hängend an Bohnenstangen, mal liegend auf dem Hackklotz. „Das ist ein Projekt des Künstlers L.,“ sagte sie, „zehn Tage mit Bundeswehrsocken kreativ sein und mal schauen, was dabei raus kommt. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Meine Phantasie lief in engen Bahnen: Socken kauft man, trägt sie bis sie schmutzig sind, dann wäscht man sie, trägt sie erneut bis sie stinken und so weiter und so fort. Schließlich wirft man sie in den Müll oder lässt sie bei unliebsamen Bekannten unter dem Sofa liegen.

Tag 1, Sonntag, 23. September

Künstler L. auf einer Veranstaltung des Mainzer Kunstvereins getroffen. In einer stadtbekannten Kaschemme hatte er einen Stand aufgebaut, an dem er sein Projekt erläuterte. Er wirkte abgehetzt, müde und leer. Er habe die letzte Woche auf der IAA verbracht, das zehre an der Kraft. Dort hat er für einen großen chinesischen Autokonzern Socken im Akkord gestrickt, Werbegeschenke für die  Besucher der Automesse. Weiß nicht, was mich geritten hat, auch ein paar Socken zu nehmen und das Zehntage-Experiment durchzuführen.

Tag 2, Montag, 24. September

Eigentlich ein ganz normaler Morgen, wäre da nicht die Tüte mit den Socken neben meinem Bett. Mir fällt zu Socken verflixt nichts ein. Das wird nix mit den zehn Tagen. Die Idee von Fotografin J. zu wiederholen, und die Socken liegend auf dem Hackklotz zu fotografieren, oder hängend am Bohnenstrauch, macht keinen Sinn. Ich sollte sie zurückschicken.

Tag 3, Dienstag, 25. September

Ich übergieße die Socken mit Benzin, hole ein Streichholz, zünde es an, da fährt das Postauto vor. Der Post darf mich so nicht sehen, sonst weist man mich womöglich ins Irrenhaus ein oder in der Stadt kursiert schon bald das Gerücht, ich habe Schweißfüße. Schnell lösche ich das Streichholz und erzähle dem Postboten etwas von postmoderner Kunst; ein Freund habe diese Socken im Akkord auf der IAA gestrickt, zusammen mit vielen anderen chinesischen Kinderarbeitern. Garn von der Länge zweimal zum Mond und zurück haben sie innerhalb von vier Tagen verstrickt.

Tag 4, Heute, 26. September

Ich erwache aus einem Alptraum, in dem Socken die Herrschaft über die Welt erlangt haben. Ihre präzisen bösartigen Gehirne haben eine Möglichkeit gefunden im Fuß Synapsen zu bilden und den Menschen so unter Kontrolle zu bringen. Noch im Alpdruck, ziehe ich vorsorglich eine Strumphose an, die ich mir einmal für eine Fetisch-Party besorgt habe.

www.netzwerk-der-socken.net/