Das große Baby des Livereisens

Nun hänge ich voll in der Planung für die Radeltour im nächsten Frühjahr, surfe Googlemaps und mache mir die Strecke via Satellitenbild schon einmal schmackhaft. Ich erinnere mich, vor über zehn Jahren einmal einen Bericht über die Halbinsel Gargano gelesen zu haben, ein zerklüftetes Ding mit Felsenküste, kleinen Sandbuchten und Höhlen. Da wollte ich unbedingt hin. Nun wird es mehr zufällig wahr, weil mich die europäischen Billigflieger nur 200 km südlich davon absetzen.

Noch vor einer Woche war ich etwas angekratzt wegen der Reise, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte: eine Live-Reise wollte ich machen mit täglichen Berichten von Unterwegs, Fotos usw, sowie einer interaktiven Karte, in der man den Verlauf verfolgen kann. Sicher wäre das ein gutes Projekt, aber man müsste dafür zu fünft sein: 3 Reisende, welche sich die Aufgaben – Fotografieren, Schreiben, interaktive Karte gestalten – vor Ort teilen, sowie einen vierten Begleiter, der die radelnden Abenteurer mit einem Fahrzeug begleitet, die Nachtlager klar macht, Essen kocht usw. Als fünfter im Team säße irgendwo auf der Welt ein Onlineredakteur, der das gesamte Projekt schön gestylet und von Schreib- und Tippfehlern bereinigt ins Netz stellt. Das wäre das große Baby des Livereisens.

Das kleine bin ich, alleine unterwegs ohne Technik, das Leben genießend und abends ein paar Notizen ins Reisetagebuch kritzelnd.

Wie sehr ich mich auf das Meer freue. Ich habe es seit Jahren nicht gesehen. Wie sehr ich mich alleine schon auf die erste Reiseetappe freue, durch die Vogesen radelnd bis zum Flughafen Basel. Da radele ich durch bekanntes Terrain und trotzdem gibt es auch dort noch Neues zu entdecken.

Seit ich letzte Woche die Startrek-Vorlesung auf dem hiesigen Campus besucht habe, bin ich mit mir selbst im Reinen, dass virtuelle und reale Welt nur bedingt miteinander zu vereinen sind und dass man das Reisen nicht geniesen kann, wenn man versucht, beides unter einen Hut zu bringen. So will ich zwar dennoch von unterwegs berichten, aber sanft und nach besten Kräften. Einen täglichen Reisebericht wird es sicher nicht geben und Fotos von unterwegs nur tröpfchenweise.

Spaß und Abenteuer lautet mein Credo, stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, spannenden Menschen irgendwo da draußen im Off dieser Erde. Ein ruhiges Treiben im großen Fluss.

12 Tote bei gregorianischem Chorspektakel

Tse. Schon wieder ein Uhr nachts. Ich kriege es einfach nicht gebacken, früh ins Bett zu kommen. Heute durfte ich Journalist F. bei seiner versierten reporterischen Arbeit über die Schulter schauen. Auf dem Plan standen gregorianische Gesänge von sieben, Mönchskutten tragenden Ukrainern. Das Spektakel fand in einer, von Kälte gesättigten barocken Kirche statt. Paarhundert Gäste. Wir, zu spät, fanden nur noch auf dem Sünderbänklein direkt neben dem Eingang Platz. Während Journalist F. nach dem perfekten Pressefoto jagte, schlief ich zusammengekauert ein – ich habe mir sagen lassen, der Tod durch Erfrieren laufe genau so ab. Man döst, schläft ein und wacht nicht mehr auf. In der Pause – gottlob – weckte mich eine kalte Hand. Mit Eiszapfen an der Nase sagte Journalist „Van H.“ F.: “ Wach auf Junge! Ich hab genug, das sind keine gregorianischen Gesänge, bestenfalls ist es Kosakenmusik, 16 Jh. plus X. Gregorianisch war viel früher.“

Flucht aus den frostgesättigten Mauern. Eine Dame mit Pelzstola und an den Beinen so gut wie nix, hatte wie durch ein Wunder überlebt. Vielleicht hatte sie Holzbeine? Wir fabulierten die Schlagzeile für den Artikel: 12 Tote bei gregorianischem Chorspektakel, malten uns aus, dass am Morgen danach die Totengräber steifgefrorene Körper von den Kirchenbänken lösen, fuhren zum nächsten Jougoslawen und bestellten eine Split-Platte für zwei Personen. Man lieferte für vier. Dem Kältetod um Haaresbreite entronnen, ringe ich nun mit bedrohlichen Bauchproblemen – nur noch ein Minzplätzchen – naja, und ihr wisst ja, was dann passiert.

Zurück in die Kälte fast schon transylvanisch. Satter Mond im Dunst, Rauhreif soweit das Auge reicht.

Leise verschwindet der Schlitten in der Nacht. Fern heulen die Wölfe. Wie sollte Journalist „Van H.“ F. wissen, dass er in dieser Nacht das Böse in die Welt trug? ;-)

Preisfrage: welche beiden Filmklassiker kommen in diesem Blogeintrag vor?

Startrek Vorlesung – Klassiker auf dem FH-Campus Zweibrücken

Der Zweibrücker Audimax. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. In unermüdlicher Mission ist die Crew der Zweibrücker Fachhochschule „U.S.S. Audimax“ unterwegs, Visionäres und Reales miteinander zu verknüpfen und mit viel Technik in einer Mischung aus Fachvorlesung und Show Einblicke in gar nicht mal so ferne Zukunftsideen zu gewähren.

Die Weite des, vor Hightech strotzenden Audimax auf dem Zweibrücker Kreuzberg war jedoch nicht unendlich genug, um allen Wissbegierigen anlässlich der mittlerweile 44. Startrek-Vorlesung einen Sitzplatz zu bescheren. Über 500 Gasthörer drängten sich am Mittwochabend auf den unbequemen Sitzen und fanden sich vor der täuschend echt wirkenden Brücke des Raumschiffs Enterprise wieder. Der Greenbox-Technik sei Dank saß man Auge in Auge mit der Vorlesungscrew, Lt. Commander Hubert Zitt, Commander Markus Groß und Lt. Commander Manfred Strauß. Die hatten es sich auf der Enterprise-Brücke bequem gemacht und plauderten, live projiziert auf Beamerleinwand im pfälzischen Dialekt. Erst als die Leinwand eingerollt wurde, konnte man einen Blick erheischen in das kleine Filmstudio. Nichts als ein mit grünem Stoff ausgekleideter Raum, in dem die Crew Platz genommen hatte.

Mittlerweile im elften Jahr hat sich die Startrek-Vorlesung zu einem gut dreistündigen Programm gemausert, bestehend aus unterhaltsam aufbereiteten Informationen, Kostümwettbwerb und Wohltätigkeitsveranstaltung. Links der Bühne konnte man an die Wand projiziert zwei Ebay Auktionen verfolgen, deren Erlös zusammen mit Spenden aus dem Publikum und von Professoren des Fachbereichs Microsystemtechnik an die Gruppe Saar-Pfalz des Mukoviszidose e.V. überreicht wurde. 1905 Euro standen am Ende der Veranstaltung unter dem Strich.

Am Kostümwettbewerb nahmen nicht nur liebevoll nachgestellte Figuren aus Raumschiff Enterprise teil, sondern auch Helden aus anderen Science Fiction Klassikern wie Star Wars und Stargate. Die Sternenfamilie ist groß und hat stets ein offenes Ohr für Andersartiges.

Im Kern der Veranstaltung klärte Mathias Pfaff von der Fachhochschule Kaiserslautern auf über das Design der Zukunft. Mit mannigfaltigen Beispielen, Filmclips und Bildern demonstrierte er auf der Multimedia-Leinwand die Verstrickung von Vision und Wirklichkeit. Etwa sehen moderne Handys den, in den 1960er Jahren in den ersten Raumschiff Enterprise Folgen gezeigten Kommunikatoren verblüffend ähnlich und schon 1966 konnte man den Vulkanier Spock mit einer Diskette hantieren sehen, wie sie erst vier Jahre später in der realen Welt zum Einsatz kommen sollte. Dass die phantastische Architektur ferner Welten zum Greifen nah ist, verdeutlichten Bilder von hochmodernen Bauten wie dem Wave Tower in Dubai oder der weißrussischen Nationalbibliothek in Minsk. Dort hat man die Fassade mit Millionen einzeln ansteuerbaren Leuchtdioden versehen und kann dem Bauwerk mit aufwändiger Computertechnik jedes x-beliebige Aussehen verpassen. Dass die Welt auch auf dem Fahrzeugsektor Hand in Hand geht mit den Visionen des 24ten Jahrhunderts, beweist die neue Generation Autos, welche 2007 auf internationalen Autosalons als Prototypen vorgestellt wurden.

Ein abschließender Vortrag von Hubert Zitt erklärte aber auch, was in den Visionen schon längst erreicht ist, worum wir derzeit im 21. Jahrhundert aber noch hart kämpfen: Umweltverschmutzung, Gleichberechtigung, weltweiter Frieden, um nur einige Probleme zu nennen.

Dass wir irgendwann einmal diese Visionen wahr machen, ist ein Lichtjahre langer Weg. Die Überwindung unendlicher Weiten beginnt mit dem ersten Schritt.

(war ja mal wieder drastisch gekürzt in der Zeitung, was sich aufs Weihnachtsgeld des werten Herrn Irgendlink immens auswirkt)

Geocaching rulez

Tse. Ich kriege es einfach nicht hin, normale Tagesabläufe zu leben. Muss es ja auch nicht. Soeben mal wieder von einer Nightcaching-Tour aus dem großen Wald gleich nebenan zurück.

Wir leben in einer Parallelwelt, wir Geocacher – wie sagte doch Freund T.: „Erstaunlich wieviel kostenloses Vergnügen es auf dieser Welt gibt. Wir müssen nicht Kino, Theater, Weihnachtsmarkt und all den teuren Kommerzschnickschnack, das Einzige was wir müssen ist der große dunkle Wald und die tollen Verstecke, die wir uns gegenseitig kredenzen.“

Dass das Hobby auf milliardenteurer Satellitentechnik beruht klingt geradezu grotesk.

Silvester kristallisiert sich langsam. Nachdem ich Frau Busen gecancelt habe, die mit den schwarzen Spitzen, weil sie mich in eine komische Kneipe überreden wollte, lasse ich wieder den Desperado raushängen, der dazu steht, Silvester nichts vorzuhaben, oder einfach zu schlafen oder einen besonders kniffeligen Nachtgeocache anzugehen und spazierend im großen dunklen Wald das neue Jahr zu beginnen.

Mein Gott, für einen Menschen mit einem Planungshorizont von zwei Tagen ist die Woche bis nächstes Jahr ja auch verdammt lang.

Ist dies die Langzeitwetterprognose des gelebten Lebens?

Sie ist

Ein perfekter Tag. Der perfekteste seit Jahren. Ich habe den Glauben verloren. Den Glauben, dass es eine virtuelle und eine reale Welt gibt. Es gibt nur eine Welt und die ist weder virtuell noch real.

Sie ist.

Nun muss ich die K15, das Projekt im April-Mai 2008 nochmal überdenken und den Schwerpunkt ganz sicher auf das Amüsement in der realen Welt legen. Sprich: reise, genieße, nimm‘ alles mit und versklave dich nicht in deiner konzeptuellen Kunst. Das Projekt profitiert ganz sicher davon, wenn ein entspannter Künstler es durchführt, und nicht einer, der sich selbst unter Druck setzt, der den Maschinen gehorcht und somit nur die halbmögliche Performance erbringt.

Spätabends zusammen mit P. das Freikratzen von Autofensterscheiben celebriert, seltsamer Weise ein Highlight, denn sie legte eine ungleich hektischere Taktik an den Tag, als ich, was mich faszinierte, und während ich, fasziniert freikratzend sie beobachtete, schaute sie zu mir herüber und sagte, „seltsam, wie unterschiedlich unsere Freikratztechniken doch sind, komm‘, jetzt machst du wie ich und ich wie du.“ – auf diese Weise kratzten wir im Nu die Karre frei.

Ein kleines Erlebnis in der real-virtuellen Welt, welches einem niemand nehmen kann.

Ehrlichgesagt bin ich mir nicht mehr klar, was nun wirklich ist und was nur im Kopf. Das Geheimnis lautet – irgendwo im Niemandsland zwischen all den Milliarden Köpfen der Welt treffen wir uns in einem winzigen Punkt namens Realität.

Noch so eine Kleingkeit des Abends: Sie sagte, „was haben wir für ein Jahr?“ und antwortete sofort „Mittwoch“ – herzlich lachend spazierten wir durch die sternklare Nacht.