Im TGV mitten in Frankreich

Feine Damen, ich müde. Fröstelnd am Bahnhof Saarbrücken. Was ist der Mensch in Bewegung doch so zerrissen zwischen den Welten. Ewig kahle Cerealien-Champagne. Braune Felder, keimende Wintergerste, 317 km pro Stunde. Ich habe ein bisschen geschlafen, so weit das möglich ist in den Zugsitzen. 20 Minuten bis Paris. Dort treffe ich Steph. Gut zu wissen, er wird mich durch die Großstadt führen. Ist doch fast wie in Paulo Coelhos Jakobswegbuch: der Mensch braucht einen väterlichen Führer in dieser bedrohlichen kalten Eisenwelt.

Leute: geliebte Eltern stecken mir Geld zu und fahren mich in aller Herrgottsfrühe nach Homburg. Man mit Rohloff-Schaltung radelt jeden Tag 76 km nach Burbach zur Arbeit. Er hat eine Freundin in Niederösterreich, redet viel und hat fast alle Regenjacken und Schuhe getestet, die es gibt. Frau mit Nasen-Op, iPhone 4 und Stöckelschuhen. Der Typ neben mir nach Paris mit dem Java2 Lehrbuch. Bettlerin vor einer Bäckerei in Paris Montparnasse. Steph steckt ihr 50 Cent zu. Er erklärt mir die Stadt, das neue Radwegenetz, das seit ein paar Jahren ausgebaut und verbessert wird. Es gibt überall Fahrrad-Leih-Stationen, an denen man per Kreditkarte ein Rad nehmen kann, es an einer anderen Station wieder abstellt.
Paris war aufregend. Nicht zuletzt weil Steph mich warnt, ich solle meinen Rucksack nie aus den Augen lassen, auch nicht im Zug. Misstrauisch kauerte ich in Metro vier Richtung Montparnasse, dem Bahnhof, an dem die West- und Südzüge abfahren. Im Zug gönne ich dem iPhone eine Aufladung. Jedes Sitzpaar hat eine 220 V Steckdose. Tastaturengeklapper vor mir, Schnarchen neben mir, Zeitungsblättern. Seit 12 Uhr rasen wir durch flaches Land. Haben einen großen Fluss überquert. Die Loire? Sonne zaghaft. Wir müssten bald Angoulème erreichen.

Nachtrag: nun im Bhf Angoulème. Upload.

Gestartet

7:35 Saarbrücken Hauptbahnhof.

Pamorama im Saarbrücker Hauptbahnhof Blick nach Gleis 14.
Fertig gepackt mit neuer, Einfamilienhaus-ähnlicher Jacke vorm Hauptbahnhof Homburg.

Die Schöne, das Biest und der Pilger

Wassen Tag! Frühmorgens erwache ich mit sofort einsetzender Grundnervosität, die sich den ganzen Tag über auf einem einheitlichen Niveau hält, so als würde in meiner Brust jemand sitzen, der ununterbrochen „Ommmmm“ singt. Aber das Omm trägt nicht zur Beruhigung bei. Gegen 11 überfällt mich Künstlerin H., welche sicher der seltsamste Mensch ist, den ich kenne, und belagert mich mit ihren Geschichten – davon erzähle ich besser ein Andermal, denn das ist ziemlich abgedreht. Ich Hobbypsychiarter, ich. Aber gute Ablenkung vom Ommmmm. Genauso wie die Mail vom Künstler Schalenberg, dass noch dies und das an seiner Homepage zu erledigen sei, und ich sogleich im Quelltext wühle. Nebenbei immer wieder den Arbeitsplatz verlasse, Dinge auf den Boden werfe neben den nigelnagelneuen Rucksack, eine Packliste kritzele. Einkaufen, telefonieren, die Welt retten. Liebling, so ist mein Tag aber das Schlimmste kommt ja noch: Die Steuererklärung, die mir Journalist F. gestern Abend in sein Laptop gehackt hat, ist noch immer da drin! Da ich i-Dogmatiker bin und somit gewohnt, alle relevanten Daten über, durch und mit dem iPhone zu beackern, habe ich keinen Drucker. Und so musste der Herr F. die Declaration of Steuer bei sich zu Hause ausdrucken, sie mir gegen Punkt 19:55 Uhr vor der Festhalle der Stadt in einem neutralen Umschlag zu überreichen (er hatte einen journalistischen Termin, keineZeit, keineZeit, keineZeit). Wie konspirativ wir doch sind. Im Schatten eines Baumes wartete ich neben fahlem Laternenlicht und beobachtete das Spektakel: die halbe Stadt hat sich Tickets besorgt für das Musical Die Schöne und das Biest. Menschentrauben strömen im Halblicht in die bunt beleuchtete Festhalle. Es riecht nach süßem Parfüm, Fönwelle und Ganzrasur. „Das Alles“, denke ich, während ich auf Journalist F. warte, „wirst du fünf Wochen lang vermissen.“

Gleich nachdem ich das Kuvert mit der Erklärung in der Hand halte, schleiche ich zum örtlichen Finanzamt und werfe es verstohlen in den Briefkasten.

Was noch? Gegen Mittag strömen im Minutentakt Kommentare in den Blogeinträgen herein, welche mir Mut machen, Wildgans, Soulsnatcher, Axel, Andrea – hab ich jemanden vergessen: IHR SEID EINFACH GOLD. Danke für die lieben Wünsche, Tipps und Rippenknuffer. Ich werde die nächste Zeit eher schludrig die Kommentare verfolgen können – Ihr wisst ja: das Live-Blogging steckt noch in den Kinderschuhen und ich muss mit zwei nicht zufrieden stellenden Apps hinausziehen und das Blog mit Texten versorgen. Aber das wird schon.