Das war heute ein kleines Wunder bzw. viele kleine Wunder, die dem Weg eine gute Wende geben. Kurz hinter Saint Jean stehe ich ratlos vor einer Landkartentafel, die die beiden Möglichkeiten nach roncesvalls zu kommen aufzeigt: die Route Napoleon vorbei an der Rolandsquelle über einen 1400 plu x Meter hohen Pass oder, und das riet mir Pilgerherbergsmutter Marlene (aka Marie-Annette, entlang der Landstraße Dort sei der Pass nur 1100 Meter hoch und es läge kein Schnee. Ich beschließe, die Landstraße zu nehmen und liebäugele, an diesem ersten Tag nur 10 km zu laufen bis ins nächste Dorf. Auf der Lankartentafel kann ich leider nicht erkennen, wo mein Standort ist. Da kommt schon ein anderer Pilger mit GPS. Und obendrein der erste Deutsche, den ich hier treffe. Sein GPS zeigt uns die richtige Strecke. Plaudernd laufen wir weiter und ich erzähle ihm über eine Simpsonsfolge, in der die gelbe Comic-Famili auf einem Kanu vor Indianern flüchtet Der Fluss wird immer reißender und gabelt sich in einen guten, ruhigen Teil, über dem die Sonne scheint und Vöglein zwitschern und in einen garstig reißenden todbringenden Teil, voller Stromschnellen ung wilder Tiere, werwelkte Bäume am Ufer und dunkler Wolkenhimmel. „Natürlich rauschen die Simpsons in die falsche Flussgabel“, lache ich. Wir sind mittlerweile auf 600 Höhenmeter, haben einen schönen Blick aufs 400 Meter tiefer gelegene Saint Jean. Frank entpuppt sich als waschechter Ironman. Die Schmale Straße ist kaum befahren. Auffällig kaum befahren. Langsam dämmert mir, dass wir den falschen Weg eingeschlagen haben. Ab Höhenmeter 1000 sehen die krüppeligen Buchen etwa so aus wie in der Simpsonsfolge. Spitze, bedrohliche Äste ragen über die Piste immerhin geteert. Doch es kommt schlimmer: Ab 1200 Metern kommt Sturm auf mit Böen von 40 50 Stundenkilometern. Auf 1300 Höhenmetern ziehen wir unsere langen Unterhosen, Mütze, Schal, Hanschuhe in einer halbwegs windgeschützten matschigen Rinne an Überall Schafscheiße. Egal. Eine scharz gekleidete Gestalt mit Pllgerrucksack nähert sich. Immerhin sind wir nicht alleine. PilgerGreenhorns auf dem Weg zum Friedhof der Lemminge. Vielleicht macht das ja den Lemming aus: in einer langen Reihe laufend, und vertrauend, dass der, der vor einem läuft schon weiß, was er tut, kommt so Schnell keine Sorge auf. Die scharze Gestalt ist ein fast 2 Meter großer Spanier aus Santiago, der wie sein 68jähriger Vater den Weg in Doppeletappen laufen will ein Hochleistungspilger sozusagen Frank nimmt mich väterlich in den Windschatten und läuft wahrscheinlich langsamer, als wenn er alleine wäre. Vielleicht ist er aber auch froh, dass ich bei ihm bin. Die eigene Psyche ist der gemeinste Gegner. Das gute am scharz gekleideten Spanier, der vor uns läuft, ist dass man immer genau sieht, hinter welcher Kuppe es besonders windet, weil es den Hünen samt Rucksack ordentlich durchrüttelt. Wir nennen ihn das weiße Kaninchen nach Alice im Wunderland.
Wir verirren uns und kommen so wieder mit dem Santiager zusammen, ackern eine vielleicht 100% Steigung über eine Schafskoppel. Etliche Schädel und Wirbel liegen in der Erosionsrinne. An der Rolandsquelle sind wir zurück auf dem Camino. Hier beginnt Navarra. Alle 100 Meter stehen nummerierte Pfosten, so dass man immer erinnert wird, wie weit man schon gelaufen ist. Nach sieben Kilometern erreichen Frank und ich die einzige Schutzhütte. (ihr Name irgendwas mit I. Keine Muse, jetzt zu recherchieren.). Es gibt einen Ofen, ein bisschen Holz und einen Notrufkasten mit rotem Knopf und Sprechanlage. Zwei. Teebeutel liegen auf dem Fensterbrett und ein Regencape. Wir stärken uns für die letzten 100 Höhenmeter. Der Wind rüttelt beängstigend am Dach und ich muss an die hölzerne Schutzhütte auf dem Öxipass in Island denken, die mit vier armdicken Eisenketten im Fels verankert war.
Der nur vier Kilometer lange Abstieg ins 962 m hoch gelegene Abstieg nach Roncesvalls fordert noch einmal äußerste Konzentration und ist eine extreme Belastung für die Gelenke. Frank geht streckenweise im Moonwalk, also Rückwärts, herrlicher Jacko von Saint James.
Kurz vor Roncesvalls trennen wir uns und er hängt noch eine Etappe dran. Ein Leistungspilger ist er aber nicht. Einfach nicht ausgelastet, der Ironman. Es fehlen ihm noch 180 km Radeln und 3,6 km Schwimmen.
Nun auf Bett Nr. 5 im voll belegten 16 er Zimmer in Roncesvalls. Die drei slovenischen Freaks kaum Mitte 20 geben ihr Bestes: haben im Park vor dem Kloster ein Seil gespannt und tanzen darauf herum.
Auch Team Korea ist eingelaufen, die vier Spanier vom Morgen, und das Schweiz- Österreichische Duo, das schon seit August unterwegs ist.
Bei der Anmeldung für 6 Euro muss man einen Bogen ausfüllen und kann u. A. Den Grund fürs Pilgern ankreuzen: religiös, kulturell, sportlich, Sinnsuche. Ich mache mein Kreuz bei „Anderer Grund“, denke erschöpft, ob in Zukunft nicht auch Lievebloggen draufstehen sollte.
Roncesvalles – das Kloster
Eben habe ich mit Irgendlink in Roncesvalles gesprochen. Es geht ihm soweit gut und er ist froh, den Winterschlafsack nicht verschenkt zu haben. ;-) Ich habe ihm eure lieben und motivierenden Kommentare vorgelesen.
Wie schön!, sagte er. Das tut mir gut.
Essen gibts erst nach der Messe, um 20:30. Der Arme muss warten. Bestimmt lest ihr bald live mehr …
Ich grüße euch herzlich
Sofasophia – Blogbasis Alpha 1
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Infos zum Kloster unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Roncesvalles
Mehr über den Camino Francés: http://de.wikipedia.org/wiki/Camino_Franc%C3%A9s
Für die Tagesetappe auf GuuglMäp hier klicken.
St. Jean Pied de Port – örtliche Pilgerherberge
Hum. Wassen Tag. Die Ereigniase seit Bqyonne überschlagen sich. Ich habe die Sache völlig falsch eingeschätzt. Am Bahnhof Saint Jean plötzlich wunderbare Koreaner-Vermehrung. Wie aus dem Nichts taucht Töng mit seinem schweren Rucksack auf. 19:49, schon dunkel. Die drei Freaks steigen auch aus und sollen sich später als Slowenen entpuppen, einer wird geradewegs auf mich zu kommen und mir die Hand geben und sich als Jan vorstellen.
Doch zunächst folgen Jon Su und ich Töng, der zu wissen scheint, wo wir hin müssen. Erst bei einer dunklen Kreuzung machen wir alle suchend halt, entdecken an einer Hauswand den gelben Pfeil. Für die nächsten 800 km unser Wegbegleiter. Gleich um die Ecke unterhalb des alten Kastells stolpern wir ins hell erleuchtete, von drei ehrenamtlichen Menschen besetzte Pilgerbüro. Es hat immer auf bis der letzte Zug eintrifft. Man versorgt uns mit Pilgerpässen (2€), Jakobsmuschel (Spende 1€), und Kopien mit dem Weg der ersten Etappe, sowie einer Liste aller offenen Pilgerherbergen.
Die Herberge in St. Jean kostet 8 Euro incl. Frühstück. 16-Bett-Zimmer ist nun voll belegt. Ein Österreicher stellt sich mir Zähne putzend vor, die Bürste im Mund reden wir eine Weile. Er ist schon seit Salzburg auf dem Weg, freut sich riesig, weil es morgen nach Spanien geht.
Ich frage mich, ob die Herbergen im Laufe des Weges immer leiser werden. Es ist nämlich so: jetzt um zehn Uhr wühlen alle unerfahrenen Neupilger, so auch ich, wie verrückt in ihren Rucksäcken, weil sie irgendwas suchen. Eine Packordnung muss sich erst einstellen. Es war auch keine gute Idee, das Hygienezeug in eine Knistertüte zu stopfen, um Gewicht zu sparen. Apropos Gewicht: eigentlich hätte ich können den Winterschlafsack daheim lassen, den Reiseführer sowieso, weil die redseligen Leutchen am Weg viel bessere Reiseführer sind. Die Solarzelle kann auch weg, weil es genug Steckdosen gibt in den Herbergen. Ich habe eigens einern leichten Verteiler eingepackt, falls noch andere i-Dogmatiker unterwegs sind.
Ich will jetzt enden. Die ersten schnarchen schon und es riecht nach tausend Füßen.
Bayonne, fast am Ziel – ähm am Start
Im Diesel getriebenen Einwagenbähnchen verlassen wir Bayonne. Ja, ich bin nicht mehr alleine. Schon im TGV kam mir der Typ mit der Brille verdächtig vor, bestand sein Gepäck doch aus einem ähnlich fetten Rucksack wie meiner, obendrein noch Wanderstöcke festgeschnallt. In Bayonne beäugte er die Zuganzeigetafel irritiert.
Stunde Aufenthalt. Ich gehe durch die Schalterhalle in die Stadt, um Brot und Wasser zu kaufen. Bayonne ist genau wie Kollege T. es beschrieben hat. Zusammengerollt wie ein Embrio liegt ein rotnasiger Säufer in der Ecke. Typen mit Lumpen am Leib und ssssolllchen Hunden lungern vor der Tür. Ein schlacksiger Junge spuckt Bindfäden auf die Straße. Als ich in einem Abrissgebäude eine zerbröselnde Wand fotografiere – ich habe die Kaputze auf, weil es regnet – spricht mich ein Typ von hinten an, erschreckt mich zu Tode, labert etwas von „Vodka“ und „Argent“. Er trägt einen grüngelben Jogginganzug, auf dem „Marocain“ geschrieben steht; gibt die Konversation auf, als ich ihn nicht verstehe.
Zurück im Bahnhof spricht mich eine Dame an, ob ich pilgere und erzählt mir von ihren vielen Camino-Reisen.
Nun im Zug. Feierabendmenschengemurmel und Dieselrußgestank. Mein neuer Freund spricht kein Wort Deutsch, Französisch und kann kaum Englisch. Immerhin erfahre ich, dass er Jon Su heißt, aus Korea kommt, 51 Jahre alt ist und gedenkt in 45 Tagen nach Santiago zu laufen.
Er scheint, ebenso wie ich, keinen Plan zu haben, wo er nachher unterkommt. Die Pilgerherberge, sagt der Zugführer, sei vermutlich zu. Aber es gebe Hotels …
Zugfahrt von Angoulème bis Dax
Im Zug zwischen Angoulème und Bordeaux. Zum ersten Mal seit Tagen sehe ich wieder einen Streifen Sonne. Wie gut es tut, der novembertristen Saqrpfalz den Rücken zu kehren.
Die fünfstündige Fahrt von Paris bis Bayonne zieht sich ungemein. Ich bin seltsam aufgekratzt, ein bisschen hungrig, aber auch müde und gelangweilt. Entweder fährt der TGV nicht so schnell wie gehofft – über 300 Sachen – oder ich schätze die Geschwindigkeit falsch ein, habe mich schon daran gewöhnt? Es ist sehr still im Zug. Die Leute wollen eben nur von A nach B. Ich ja auch. Aber ich will auch den Weg erleben. Darüber schreiben, ihn fotografisch setzieren.
Gerade denke ich – weil sich gestern Abend beim Irgendlink-Blog-Statistik lesen andeutete, dass einige neue LeserInnen herein schalten, ich sollte das Projekt und mich mal grob vorstellen.
Die Idee: mache eine Reise und berichte live darüber im Blog. Nutze dafür nur das iPhone, indem du die Methode iDogma anwendest. iDogma ist jedes geschriebene oder fotografierte / gefilmte oder aufs Diktiergerät gesprochene künstlerisch digitale Produkt, das alleine mit dem iPhone und seinen Software-Erweiterungen (Apps) erzeugt und auch publiziert wurde.
Die Ausgangssituation, ich: 44, körperlich recht fit, aber noch nie mehrtägig mit Gepäck gewandert. Meine einzige Tageswanderung, die länger als 20 km war hatte ich im Mai 2008 – ohne Gepäck, auf dem Pfälzer Jakobsweg.
Ich bin also ein absolutes Greenhorn, was das Wandern betrifft.
Ausgangssituation Technik: Der Rucksack wiegt mit 1 Liter Wasser und ein bisschen Essen 15 kg. Schwerster Gegenstand dürfte die Nikon D 300 samt Ersatzakku und Ladegerät und Objektiv sein. Ich hatte überlegt, sie daheim zu lassen. Aber ohne Foto keine Fotos. Weiters trage ich zwei Ladeakkus für das iPhone mit und eine Solarzelle, um den kleinen Stromfresser möglichst niemals hungern zu lassen. Was noch? Notizbuch, Bleistift und den recht schweren Pilgerführer, in den ich noch immer nicht reingeschaut habe. Vielleicht lasse ich ihn in Roncesvalles, dem Ziel der ersten Etappe zurück? Der Winterschlafsack ist vielleicht auch überflüssig. Warme Kleider, und, StammleserInnen werden es nicht glauben, Unterhosen und T-Shirts und sogar Geld. :-)
Nun ist der Zug schon in Bordeaux. Ein Mann mit zwei großen schwarzen Hunden steigt zu und eine geduckte Gestalt mit Buckel und rotem Cape, die aussieht wie der Gnome in diesem uralten Gruselfilm, der in Venedig spielt. Wie heißt der Film noch? Wenn die Gondeln trauer tragen?
Die Typen fahren bestimmt nach Bayonne. Kollege T., der letztes Jahr den Jakobsweg geradelt ist, hat mich vor Bayonne gewarnt: seltsame Typen hängen dort vorm Bahnhof rum. Mit Hunden und roten Capes und Ringen in den Nasen. Ich werde langsam nervös. Der Zug rollt wieder. Unaufhörlich.
Bahnhof Dax. Noch eine halbe Stunde bis Bayonne, dem letzten Umsteigebahmhof vor dem Ziel. Regen in Sturzbächen. Mist. Hier herrschen vielleicht andere Wettergesetze, als bei uns? Die Kumstbübchenrechnung geht womöglich nicht auf.