Never mind the ‚Fünfhüpfberge‘ #mdrzl

Südwind. Kühl. Etwas ungemütlich. Ein Picknick-Pavillon an einem ruhig fließenden Fluss. Auf der anderen Seite des Flusses das Dorf Kunheim. Landstraße mit Stoßverkehr, ähnlich ungemütlich wie der sanfte Südwind.
Ich zwinge mich dennoch, zu schreiben. Das gehört dazu. Schließlich bin ich auf dieser Kurztour in die Schweiz und zurück auch ausgerückt, um meinen Worflow zu überprüfen und auch, um zu schauen, wie eingerostet ich schon bin. Der Workflow des reisenden, radelnden, schreibenden irgendwas mit Kunst Machenden, kurz des modernen Appspressionisten, besteht daraus, sich Richtung Tourziel zu bewegen, Dinge zu erleben, Gedanken zu verfeinern und über das Erlebte zu schreiben. Mobil. Per Handy ans Internet angebunden, per Apps die Daten verarbeitend und sortierend.

So sieht es hier aus. Zur Mitte des Pavillions steht ein feiner Picknicktisch, auf dem ich die paar Lebensmittel ausgebreitet habe, die mir von gestern geblieben sind. Dazwischen eine Minitastatur, das Handy, Notizapp geöffnet. Jeder Tipp auf die Tasten ein Treffer, Gedanken fließen lassen, ein Vogel ‚uhut‘, ab und zu Autos. Überlaute Mopeds, ein Jogger im gelben Hemd und zwischen den Frühstückssachen Brillenetui, Taschentücher, ich will nicht zu sehr ins Detail gehen.

Der gestrige Tag war hart. Zehn Uhr gings in Brugg los. Die Liebste Frau SoSo begleitete mich einige Kilometer den Bözberg hinauf und wieder hinunter zum Bahnhof Effingen, wo wir uns verabschiedeten. Durchs Fricktal nach Bad Säckingen abwärts, lief prima auf Radwegen und in Deutschland dann auf die Rheinradroute. Wehr Brennet im Klosterhof traf ich einen anderen Reiseradler. Kurz zuvor hatte ich eine Karotte in Nutella getunkt und an dem bis zum Schaft braunen, phalliscchen Objekt genagt, brach in schallendes Lachen aus bei dem Gedanken an die entsetzten Blicke allfälliger Passantinnen und Passanten, doch ich blieb unbeobachtet.

Dietmar aus Thüringen. Schon Wochen unterwegs und so verplauderten wir den Weg bis Basel, was auch das Drängen ein bisschen aus meiner Reise nahm. Die Zeit verging wie im Flug. Selfies zum Abschied und wer weiß, vielleicht sieht man sich mal wieder.

Das Quietschen am Radel war da schon präsent und auch mein tief verinnertlichtes Wissen, wenn etwas am Radel klappert oder quietscht, suche die Ursache und zwar sofort. Tat ich natürlich nicht, wollte ja voran kommen. Bei der Dreiländerbrücke rüber nach Huningue  und schon in der Petite Camargue, ein Naturidyll am ehemaligen Kanal, Sandwege. Das dimmte das Quietschen, aber sollteste mal was machen, sagte ich mir, doch da überholte mich Mathieu aus Mulhouse, Novartis-Angestellter auf dem Heimweg. Mit dem Rad zur Arbeit trifft mit dem Rad zur Liebsten. Gut zehn Kilometer plaudern wir. Er spricht gut Deutsch. Dass er morgens 1:42 Stunden gebraucht hatte für die gut vierzig Kilometer, erzählte er mir. Mit dem Zug dauere es im Winter über eine Stunde und eben, das ist ja allgemein bekannt, dass man so schön entspannt nach Hause kommt, wenn man radelt. Portion Sport schon intus. Es gebe eine Dreiländer-Radroute von 210 Kilometern Länge, erzählt mir Mathieu und dass Novartis, zwar in der Shweiz, einen Mitarbeiterparkplatz habe, der in Frankreich liegt, den man aber nur von der Scchweiz aus erreiche. Wir hangeln uns über das Enklaventhema nach Büsingen und all die kleinen Schweiz-Zotzen, die nach Deutschland ragen und die Deutschland-Polypen, die in der Schweiz wachsen bis hin zum Haus zwischen Belgien und Deutschland, durch das die Grenze angeblich verläuft. Lustige und weniger lustige Grenzabsurditäten, wie etwa beim Brand eines Novartis-Gebäudes vor einigen Jahren, das auch auf französischem Gebiet liegt und bei dem erst einmal ausdiskutiert werden musste, ob die französische, die Schweizer oder die Betriebsfeuerwehr zuständig ist. Mathieu lacht verschmitzt, das ist natürlich eine moderne Legende über Bürokratismus. Hoffentlich.

Endlich Zeit, dem Quietschen nachzuforschen: Gepäckträger-Bruch steht unmittelbar bevor. Kaum Hilfsmittel, keine Hülsen, Schlauchschellen, nichts an Bord. Im Straßengraben halte ich Ausschau nach Draht und Blech, bis mir die Sache zu heikel wird und ich absattele und mal schaue, was ich mit Bordmitteln tun kann. Schließlich muss das Ding ja nur noch 200 Kilometer weit am vollendeten Bruch gehindert werden. Zwei Kabelbinder, welch Segen und die Reifenheber als Schienen lösen das Problem. Hoffentlich. Das Quietschen ist jedenfalls weg und es hört sich auch nicht schlimm an auf den letzten Kilometern hier her zu meinem Pavillion, die über ein von Wurzeln aufgefaltetes Radwegasphaltgebilde holpern. Spät ists. Zehn Uhr durchquere ich Neuf Brisach. Marckolsheim ist ausgeschildert, zwanzig Kilometer, schaffe ich noch. Ich könnte mir auch gut vorstellen, bis weit in die Nacht zu fahren. Der Tacho zeigt nix mehr, weil unbeleuchtet. letzte Werte, die ich im Dämmerlicht lesen konnte, waren um die 100 Tageskilometer und knapp sechs Stunden Fahrtzeit. Einer Nachtfahrt stünde tatsächlich nicht viel im Weg. Es ist nicht so kalt und der Kanalweg führt bis nach Straßburg hinein.

Aber dann ist da dieser Pavillion. Pfosten genau richtig im Abstand, um die Hängematte aufzuhängen. Der Lageraufbau ist holprig. Ich bin aus der Übung. Muss in allen Taschen wühlen. Nicht auszudenken, wenn es hätte schnell gehen müssen bei etwa Regen oder anderen widrigen Umständen. Nun stehen knapp 140 Kilometer auf dem Tacho und gut acht Stunden Fahrtzeit. Mit viel Selbstüberwindung könnte ich die 160 Kilometer bis nach Hause heute noch schaffen. Aber erst einmal warm radeln. In den Nordvogesen lauern zudem die ‚Fünfhüpfberge‘. So nenne ich das faltige Gebiet zwischen dem Rhein-Marne-Kanal und dem Bach Zinsel. Ein elendes auf und ab. Darf gar nicht daran denken.

Bloggen von unterwegs – ein Ringen mit dem Workflow #mdrzl

Kaum ist man mal ein paar Wochen oder Monate weg, ändern sich die Bedingungen in der digitalen Welt. Wie lange ist das jetzt her, dass ich von unterwegs über das Radreisen oder das Reisen schlechthin bloggte? Ernsthaft und über mehrere Tage? 2021 tat ich nichts. 2020 umradelte ich (ich erinnere mich kaum) Rheinland-Pfalz. 2019 gabs den zweiten Abschnitt von /Bayern. Dazwischen gingen die Softwareversionen und kamen und WordPress, mein bevorzugtes Blog-System entwickelte sich rasant, was auch zu massiven Veränderungen im Backend führte und letztlich stehe ich nun da wie ein Anfänger, muss mich neu einfinden in die Technik. Zudem bin ich kürzlich von Twitter als Kurznachrichtendienst, (das kleine Futter zwischendurch für die verehrten Gepäckträgerreisenden), umgestiegen zu Mastodon. Dort fand ich bei Freund Hagen ein nettes Plätzchen auf einem netten kleinen Server irgendwo in einem der vielen Spiralarme des sogenannten Fediverse: @irgendlink@fimidi.com heißt der Account. Ist wie Twitter, nur anders :-). Und weil fimidi sich so schön macht als Name, habe ich kurzerhand vorgestern den Namen als bescheidenen kleinen Unterteil des sogenannten Fedi- oder Metaverse geprägt. Alles klar? Vermutlich nicht, und das ist auch nicht so schlimm.
Denn im Grunde sind die Abläufe wie eh und je gleich geblieben, wie schon seit Anbeginn der Zeit, in der Menschen begannen, über das zu plaudern, was sie antreibt, darüber zu schreiben und andere daran teilnehmen zu lassen. Nur die dahinter stehenden Accounts, die Technik und die ‚Nennt-das-Kind-doch-beim-Namens‘, die haben sich ein bisschen verändert.
Momentan sitze ich im Schneidersitz auf Frau SoSos Sofa und tippe diesen Text, der vor allem die Funktion hat, mal wieder auszutesten, ob ich auf dem Handy noch tippen kann. Bzw. auf dieser gakeligen, faltbaren Minitastatur, die per Bluetooth gekoppelt ist, und eben, wie die Kanäle funktionieren mit dem Veröffentlichen. Also vom Prinzip her: Text ins Blog hochladen und veröffentlichen und in der Blogsoftware auf dem Server laufen magische Mechanismen, die man nicht verstehen muss, die aber dafür sorgen, dass sofort auf Twitter und in Facebook und im eine Notiz hinterlassen wird, der Herr Irgendlink hat wieder einen Artikel geschrieben …
Zudem befinde ich mich in einer Reisesituation (wir haben eine REISESITUATION). Radelte kürzlich von Zweibrücken in den Aargau, verbrachte eine eiskalte Nacht zusammengekauert in einem Bücherschrank am Rhein-Marne-Kanal nahe Strasbourg und ja, ich fuhr auch ein bisschen Zug. Das Ganze als erstes kleines Reisekunstprojekt im unter dem Hashtag (mit dem Rad zur Liebsten), doch das nur als Geplänkel und ich befinde mich ja gerade noch in einer Phase des Technik wieder Erlernens und auch des Radreisen wieder Erlernens und des Schreiben von unterwegs wieder Erlernens.
Ich glaube, es geht um den Workflow. So wichtig beim reisend Schreiben.
Morgen gehts zurück in die Pfalz. Noch sagt mein Mut, diesmal radelste die 300 Kilometer komplett. Es soll nicht mehr so kalt werden. Ich erinnere mich an einige Kaschemmen und Hütten und Schlupflöcher unterwegs, wo ich übernachten könnte. Mal schauen. Zur Not habe ich keine Scham, in den Zug zu steigen (obschon das mit Reiserad nicht spaßig ist).
Im Fimidiverse werde ich den Workflow ‚Kurznachrichten von unterwegs‘ austesten (also während der Pausen ab und zu eine kleine Statusmeldung zum Fortschreiten der Reise posten): @irgendlink@fimidi.com heißt der Account. Ich glaube, man muss da selbst keinen Account haben). Gepäckträgermitreisende der Vergangenheit kennen das ja von Twitter. Blogtexte wie dieser sollten übrigens auf https://fimidi.com/@irgendlink im Fediverse zu finden sein. Auf Facebook (Atelier Rinck) und Twitter (@irgendlink) bleibt alles beim Alten. Hoffentlich.

Buchveröffentlichung: ZU – vermauerte Türen zwischen Nordkap und Gibraltar

Eine Kellertür aus Holz wird von einem Pfosten gestützt und verschlossen. Im Fenster darüber spiegelt sich ein gegenüber liegender Hausgiebel. Daneben steht geschrieben ZU, darunter der Autorenname Jürgen Rinck
Da ich mit meinem Buchprojekt der Bauesoterik-Trilogie seit etlichen Wochen hänge – ich müsste kreativ sein, um die Serie weiterzuschreiben, aber das Hirn will nicht denken – habe ich jüngst ein bisschen schlichte Bildbearbeitung und Drucksetzung betrieben. Eine recht mantrische Tätigkeit, bei der man weder Charaktere erfinden muss, noch Szenen erdenken und das Hirn praktisch wie ein Perpetuum Mobile läuft.So entstand das Büchlein ZU – Vermauerte Türen zwischen Nordkap und Gibraltar.

 

Kollege Sascha Büttner schreibt darüber „Ein Meisterwerk der Geschlossenheit“

Das bei BoD erschienene Kunstbuch ist fein gedruckt und mit Fadenbindung, Hardcover, Lesebändchen und Schutzumschlag sehr wertig ausgestattet.

Man kann es in jeder Buchhandlung, sowie online bestellen.

Zu

Vermauerte Türen zwischen Nordkap und Gibraltar

Jürgen Rinck

Hardcover
96 Seiten
ISBN-13: 9783755773245
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 27.02.2022
39,99 €

Angedacht ist auch eine Umsetzung des Buchs mit geschriebenen Bildern als PDF, oder Screenreader taugliche Version für sehbeeinträchtigte Menschen. Ein Bilderbuch ohne Bilder.

Signierte Expemplare können direkt bei mir bestellt werden und kommen versandkostenfrei per Post. Ich mache demnächst eine Sammelbestellung.

Menschen, die es sich nicht leisten können, aber das Buch gerne haben möchten: das kriegen wir auch so hin.

ZU bei BoD (mit Leseprobe): https://www.bod.de/buchshop/zu-juergen-rinck-9783755773245?

Da sich eine der verbarrikadierten Türen direkt vor Ort nahe des heimischen Ateliers in Zweibrücken befindet, verlegte ich die Durchblätterung standesgemäß vor ebendiese Tür :-)

Ursprünglich war eine Lesung geplant. Aber was will man vorlesen aus einem Buch, das keinen Text enthält?

ZU im Durchblätterungsvideo:

Das Turmzimmer, gedanklich fein tapeziert #AnsKap

Donnerstags oder freitags müssen sie den Sperrmüll oben an der Landstraße abgeholt haben. Ein Tisch, Holzplatte, Kleinkram. Nur die Asche eines Teppichs liegt noch im Gras, als ich samstags an der Stelle vorbei komme. Obwohl die Landstraße kaum zweihundert Meter entfernt ist, bin ich nicht all zu oft da oben. Ich verlasse den Hof nur selten. Eigentlich kriegt man auf dem einsamen Gehöft von der Welt nicht viel mit, wenn man sich aus den sozialen Medien und aus der Stadt fern hält. Nur bei Ostwind hämmert es einem den Verkehrslärm mit Wucht um die Ohren.

Herr Irgendlink, für ihre Wette haben sie eine unbestimmt lange Zeit mehrere Jahre in einem dunklen Raum ohne Uhr und Kalender verbracht. Sie wetten, dass sie die aktuelle Jahreszeit einzig am Geräusch des Verkehrslärms erkennen können?

Anfang März. Motorräder, Cabrios, Kleinbubenröhrmotorvehikel verlassen die Garagen. Eine wahrhaft ‚Kambrische Explosion der Saisonkennzeichen‘.

Nachdem ich im Internet das örtliche Meldeportal für Sperrmüll entdeckt hatte, markierte ich die Stelle, an der der Tisch und der Teppich ‚entsorgt‘ wurden auf der Landkarte und schickte es ab. Das war sonntags zuvor. Fast wie am Laufenden Band notierte ich Teppich, Tisch, Regal, Telefonbuch, Fragezeichen, Bügeleisen … ich scherze, aber die Müllkippen unserer Zeit sind ja die obskuren Spiegel unseres einstigen Begehrens. Um ein paar Kröten zu sparen, liegt es doch nahe, bei Nacht und Nebel in die Natur zu fahren und den Müll dort abzuladen, statt auf der nahen Müllkippe für die Entsorgung zu bezahlen. Ein paar Tage nach der Meldung war der Teppich verbrannt. Jemand musste ihn nachts angezündet haben. Nur noch ein schwarzer Fleck.
Samstags alles clean, das Portal scheint zu funktionieren, ich auf dem Weg zu Freund Journalist F.s Pflegeheim, um ein Schwätzchen zu halten und ihm ein paar Dinge mitzubringen, Schokolade, Wurst, Getränke, Bügeleisen, Telefonbuch, das Fragezeichen, vergiss das Fragezeichen nicht …
Stau in der Stadt. Exorbitanter Stau. Die Autobahn seit zehn Uhr gesperrt, meldete man im Radio und man möge die Stadt großräumig umfahren. Zu spät höre ich die Meldung. Der Stau ist ein Meister aus Zweibrücken, schrieb ich auf Twitter. Statt einer halben Stunde Fahrt, würde ich durch die innerstädtische Umleitung anderthalb Stunden brauchen bis zum Pflegeheim. Ursprünglich hatte ich vor, mit dem Fahrrad zu fahren, was knapp anderthalb Stunden gedauert hätte, aber da ich mich verspätete und man in Pflegeheimen ja nicht einfach so kommen und gehen kann wie man will, ach, nimmst mal schnell das Auto.
Zeit, Zeit, Zeit. Termin, Termin, Termin. Ich hab’s schon immer gehasst. Zeit und Geld sind für mich die Drangsalemaschinerien der modernen zivilisierten Welt. Damit werden wir Individuen kanalisiert. Es ist unmöglich, diesen beiden Parametern zu entrinnen, wenn man in der Welt als Mensch existieren möchte. Dabei gäbe es sicher einen Weg, beide Parameter abzuschaffen. Ich kenne ihn nicht, aber seit ich vor einigen Wochen das Rätsel des Umkehrens und des in gänzlich andere Richtungen Denkens fabulierte (worüber ich nie einen Blogartikel schrieb, leider), vermute ich, dass es eine andere Art des Zusammenlebens hätte geben können, wenn wir vor ein paar hundert Jahren eine andere Art, uns zu sozialisieren eingeschlagen hätten. Im Grunde, als Sofortmaßnahme, das ist bei weitem nicht reif, müsste man Zeit und Geld und noch ein paar üble Parameter der Kapitalsozialisierung durch Bedingungslosigkeit ersetzen. Also nicht etwa das viel zitierte bedingungslose Grundeinkommen, denn das würde ja bedeuten, dass man sich ein auf Bedingungen gebautes Mittel mit ins Boot holt, sondern nur die Bedingungslosigkeit. Die Milde. Die Nächstenliebe. Untermauert von Vernunft, Vergebung, Friede.

Wie gesagt, das ist nicht möglich. Die Kapital- und Zeitprozesse müssen zuerst zu Ende laufen, und zwar so, dass alles zu Ende läuft. Erst dann könnte anderes wahr werden.

Pessimistisch.

Die Verspätung durch den Stau und die Umleitungen hatte einen tieferen Sinn, sollte ich später feststellen. Welch unbeschreibliche Aggression in der Stadt lag. Jede Ampelkreuzung, jeder Verkehrskreisel restlos überlastet. Kreuz und quere Vierzigtonner mit Fahrern unter Zeitdruck, verzweifelten Blicken. Kreuzungszufahrungsanarchie. Wut, Hass, Gehupe, Rigorosität, geregelt von auf übliche Auslastung getakteten Ampeln.
Mit dem Fahrrad wäre ich durch die Zwischenwelt der Radwege längst bei Journalist F.

Anderthalb Stunden später erreiche ich das Heim. Halbherziger Coronaselbsttest am Eingang, das übliche Prozedere, um überhaupt jemanden zu treffen im Innern. Die Testung ist eine Sache, die vermutlich schief läuft und ein weiteres Beispiel für mit guter Absicht eingeführte Regeln, die nie wieder überprüft wurden, ob sie überhaupt Sinn ergeben. Zum Einsatz kommen jedenfalls die billigsten Selbsttests, denen man selbst bei hoher Virenlast eine nur wenige Prozent sichere Diagnose nachsagt. Testen. Journalist F. sitzt schon im Rollstuhl vor der Tür und ab in den Park auf ein Schwätzchen und ein Zigarettchen. So sitzen wir in einer windgeschützten Ecke hinter dem Haus und lassen die Frühlingssonne unsere Gesichter schmeicheln. Im Schatten des Hauses spaziert eine alte Dame. Ganz ganz langsam, einige letzte Schritte am Fuße des Lebens, vielleicht ihr letzter Frühling? Die meisten Leute in dem Heim sind über neunzig, viele dement, viele im Rollstuhl oder mindestens auf Rollatoren gebeugt und die allermeisten verlassen das Haus nicht mehr. Ein Blick auf die Spitze des Eisbergs des Elends in einem ganz normalen Pflegeheim, denke ich, im Anblick der Frau wie sie durch den Schatten schleicht, die Hauskante, hinter der sich die Sonne bricht schon bald erreicht.

Und hinfällt.

Im Park des Pflegeheims stehen wunderbare alte Bäume. Ein paar geschlungene Wege, einige wenige, na, sagen wir Kunstwerke. Eine lebensgroße Kuh aus Polyester zum Beispiel, eine kleine Hütte. Der Park ist alles andere als Rollstuhl tauglich. Auch mit Rollatoren kann man ihn nur unter hasardeurischem Einsatz betreten. Trotzdem investiert der Betreiberkonzern des Pflegeheims Unsummen in die Pflege des Baumbestands und dass alles schön aussieht. Man sagt, der Park koste mehr als das angeschlossene Heim. Aus Konzernsicht ist der Park jedoch eine perfekte Werbemaßnahme. Würde mich nicht wundern, wenn die Pflege des Parks in der Bilanz als Ausgaben für Werbung gebucht wird. Gerne führt man Angehörige, die beabsichtigen, ihre Lieben im Heim unterzubringen durch den Park, gönnt ihnen einen Blick auf das alte barocke Gebäude mit den feinen Türmchen. Wer, wenn nicht du kommt dann ins Schwärmen und blickt vorbei an den hunderte Jahre alten Eichen hinauf zum Turmzimmer, das ist doch ein Zimmer, oder, ein Einzelzimmer, nicht wahr? Ganz bestimmt, bei dem Park. Wann wird es frei? Könnte die Oma, der Opa das vielleicht …
Spiegelgefechte. Nichts als Spiegelgefechte. Wir lieben Spiegelgefechte. Wir lieben Selbstlügen. Wir lieben selbst gezimmerten Welten, in denen eitel Sonnenschein herrscht, unsere Lieben in Turmzimmern residieren, umschwärmt von Personal.

Die Frau fällt wie in Zeitlupe, etwa dreißig Meter von Journalist F. und mir entfernt. Wenn ich einen Hechtsprung täte, könnte ich sie auffangen, ein Impuls, schon sag ich Journalist F. was geschieht, er sitzt mit dem Rücken zu ihr, renne hinüber. Die Frau liegt bäuchlings im Dreck, versucht als erstes ihre Handtasche zu finden. Keine Chance hochzukommen. Erst einmal beruhige ich sie, frage, ob ich helfen kann, überlege, Personal zu rufen (ha, gut, dass ich das nicht tat, später sollte ich feststellen, dass da niemand ist). Die Frau dreht sich auf die Seite, ich assistiere, frage, ob sie Schmerzen hat, nein, nur Schmutz, dreht sich auf den Rücken, ich packe sie unter den Armen, und wir schaffen es – das letzte Mal, dass ich jemanden unter den Armen packte und aufrichtete, war 2017 und mir graut seither davor, denn das wäre beinahe schief gegangen. Ein paar Tage vor seinem Tod war mein Vater aus dem Bett gefallen und kam nicht mehr hoch und obwohl er sehr stark an Gewicht verloren hatte, wären wir beinahe beide umgefallen beim Versuch aufzustehen. Aber die Dame ist kräftiger als mein sterbender Vater, hilft gut mit und schon steht sie und schon rufe ich rüber zu Journalist F., alles okay, wir stehen, wir gehen jetzt zur Tür, bin gleich wieder da, und so setzen wir den Weg fort, ich die Dame stützend bis zur Eingangstür gut vierzig, sechzig oder hundert Meter. Erstaunlich flott, erstaunlich agil. Dass es ihr nicht gefällt in dem Heim und dass sie weg möchte, flüstert mir die Frau zu und bedankt sich. Das ist der Moment, in dem ich mir überlege, mein sinnloses Künstlerdasein an den Nagel zu hängen und als Wächter im Park des Heims zu verbringen. Da unten beim Kreuzweg könnte ich das Europennerzelt aufstellen und hinter der Grotte mit dem Schrein auf dem Komposthaufen wäre mein Klo. Ganz wie unterwegs ans Nordkap oder nach Gibraltar radeln zum Beispiel, nur eben tagein tagaus am selben Fleck, Gutes tuend … nicht dass radeln, darüber schreiben, andere als Gepäckträgerreisende an der Reise teilhaben lassen, nicht auch eine gute Tat wäre. Es kommt mir aber egoistisch vor. Man könnte auch für Menschen da sein. Bedingungslos. Geld weg, Zeit weg, tausche Ewigkeit und Bedingungslosigkeit gegen Hatz und überlastete Ampelanlagen und immer von A nach B wollen mit dem dicksten Auto, um sich in C beim Feinkarrenhändlerchen das nächste dicke Auto zu bestellen, die Waschmaschine, das Fragezeichen und das Telefonbuch, vergiss das Telefonbuch nicht, denke ich ganz Rudi-Carellesk.
Es interessiert mich schon, wie lange die Frau hilflos im Schatten im Dreck gelegen hätte, wenn der Journalist und ich nicht unser verspätetes Schwätzchen gehalten hätten. Geht hier jemand vom Heim regelmäßig nachsehen, ob jemand Hilfe braucht? Oder schauen sie wenigstens ab und zu aus dem Fenster, frage ich den Freund. Ich denke nein. Die interessieren sich für nichts. Mittagszeit ohnehin schwierig. Da hat man die Muttchen und Väterchen ja müde gefüttert mit dem billigen Drecksfraß … das Essen sei schlecht, sagt der Journalist. Man gewöhne sich daran. Schön sei es trotzdem nicht.
An der Pforte hockt ein Mann, der die Besucherinnen und Besucher kontrolliert, die sich vorher anmelden müssen, auf einer Liste stehen, mit den nutzlosen Tests getestet werden, immer negativ sind, rein dürfen. Oft bin ich schon nach zwei Minuten im Heim, denn der Mann nimmt es nicht so genau mit der Inkubation des Tests von einer viertel Stunde.
Ich frage, ob ich die Frau ins Foyer bringen darf, na klar, und dort sitzen jede Menge alte Leute, ziemlich dösig, apathisch. Keine Pflegekraft in Sicht. Die Frau setzt sich in einen Sessel und ich suche jemanden, finde niemanden, sage dem Pfortentester, dass er jemanden anruft, wieder raus zu Journalist F.

Was für ein Tag. Wer weiß, vielleicht hatte meine Verspätung einen tieferen Sinn? Bewahrte die Frau vor Unterkühlung, mindestens aber vor minutenlanger Angst und dem Gefühl, alleine gelassen zu werden. Das Leben ist ein Meister aus Zweibrücken?

Seit bald einem Jahr verkehre ich nun schon regelmäßig in dem Heim. Ein beklemmender Ort. Journalist F. sagt, seine Taxifahrerin, die auch andere Heime anfährt, habe ihm erzählt, es gehöre zu den besseren. Es ist aber trotzdem schlimm für die ‚Insassen‘. Das fühlt man, wenn man näher hinschaut, wenn man sich nicht täuschen lässt von dem Gerede des Managers, der einen durch den uralten Park führt und einen beim Abschlussgespräch unmerklich so dreht, dass man vorbei an Eichen über ein Feld voller Krokusse hinaufblickt zum Turm und sich das Turmzimmer gedanklich fein tapeziert für die Oma, den Opa, den Papa, die Mama, den dementen Onkel … bloß weg. Wir haben keine Zeit. Teuer genug. Daheim ging es ihnen auch nicht besser!

Und was will ich sagen, das ist es, was ich damit meinte, dass das System auf Gedeih und Verderb zu Ende laufen muss. In aller Korruption und Schlechtigkeit. Es gibt kein Entrinnen. Wir sind ebenso gefangen in den Großläufen der Gesellschaft mit Arbeiten, Geld verdienen, Haut zu Markte tragen, keine Zeit für andere haben, wie wir auch im temporären Ausnahmestau auf der A namenlos bei Brückensperrung ausgeliefert sind. Das Leben ist nur eine Kombination verschiedener Sachzwänge.

Schnell weg da weg da weg da, wir haben keine Zeit. Keine Zeit und keine Bedingungslosigkeit.

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