Des Kaisers neue Kleider der feinen Künste

Viele wichtige Dinge können in Künstlerbiografien stehen, um diesen auszuzeichnen und in’s beste Licht zu rücken. Eines ist ein absolutes Muss und darf niemals fehlen.

Schon gewusst? Für ein und den selben Künstler können zig verschiedene Biografien geschrieben stehen und man kann ihn, durch geschicktes Biografiemanagement mal in diesem, mal in jenem Licht erscheinen lassen. Schon mit der Berufsbezeichnung tun sich viele Künstler schwer, bewegen sie sich doch meist auf multiplem Gebiet. Selten ist einer nur Maler oder nur Bildhauer. Deshalb steht oft Maler und Bildhauer in der Vita. Eine Künstlerbiografie lebt von Mitgliedschaften, am besten in renomierten Verbänden und sie lebt von Werken in angesehenen Sammlungen, die man, in einer Liste zusammengefasst, dem ehrfürchtig staunenden Biografieleser unter die Schädellappen reiben muss. Eine Liste aller Ausstellungen und jedes Furzes, den der Künstler je auf der Welt hinterlassen hat, muss auch in die Biografie.

Sie halten das für Geplänkel? Für Augenwischerei? Für ein wunderbares Spiegelgefecht? Richtig. Auf alles oben Genannte – ich will es einmal des Kaisers neue Kleider der feinen Künste nennen – kann man getrost verzichten.

Was in einer Künstlerbiografie einzig zählt, ist der lapidare Zusatz ganz am Ende der ellenlangen, langweiligen Lebensliste:

Lebt und arbeitet in x und y“

Wobei X am Besten für New York steht und Y für London, Berlin, Paris oder Rom. Problematisch ist, dass es sich die wenigsten Künstler leisten können, ein Atelier in New York, Berlin, London, Paris oder Rom zu mieten. Geschweige denn zwei. Deshalb leben die meisten Künstler zum Beispiel in Bachdorf oder Hutzingen. Wenn sie Glück haben, haben sie eine Tante in Hutzingen und leben in Bachdorf, weshalb sie in ihrer Biografie großmäulig schreiben können: Lebt und arbeitet in Bachdorf und Hutzingen.

Als ich SoSo davon erzähle, die ja zu meiner Managerin mutiert, und ich sie verzweifelt anflehe, mach‘ was, ich kann doch nicht mit nur einem „Lebt und arbeitet“ an die Öffentlichkeit treten, ich muss in Bachdorf und Hutzingen leben und arbeiten, lächelt sie nur müde: lass es weg, wo du lebst und arbeitest. Bachdorf nutzt dir sowieso nix. Wenn dein Bachdorf nicht New York heiß, kannst du auch gleich Katzenfotos machen und als Kunst bezeichnen. Und irgendwo hat sie ja recht, die Frau Managerin.

In den Tiefen meiner gedemütigten Katzenmalerseele reift der perfide Plan, einfach in die eigene Biografie zu schreiben: Lebt und arbeitet in London, Edinburgh, Bergen, Oslo, Goeteborg, Hamburg, Amsterdam, hach und aufm Rückweg  Ums Meer könntste ja noch durch Brüssel fahren.

Bereinigt von Schmutz

Ich kann machen, was ich will. Es wird immer beinahe drei Uhr nachts, bis ich ins Bett komme. Das verträgt sich schlecht mit der Werktätigkeit und mit dem natürlichen Erwachen. Die Schere zwischen Freischaffen und Lohnerwerb klafft. Was passiert, wenn sie sich einmal schließt. „Denk nach, Mann!“ Ich reibe mir die Augen von Schlaf. „Scheren sind zum Schneiden da. Zum Ab-Schneiden!“ Um neun Uhr 50 koche ich Kaffee, fahre den Rechner hoch, versuche die Gedankenfetzen, die sich aus den Träumen herüber gerettet haben, zu sortieren. SoSos Worte, die sie direkt nach dem Aufwachen sagte, klingen nach: „Wie lange dauern Träume? – Paar Sekunden?“ – „Oooch, so 10 Sekunden vielleicht“, sage ich oder denke es nur. Ofen schüren. Es ist jeden Tag das Selbe, Verkleidung als Wurst anlegen (viele verschiedene Schichten Kleider anziehen, bis man dick wie eine Wurst aussieht), „der Winter hat es aber in sich“ denken, „aber hallo“. Fensterläden aufklappen. Zwei Zentimeter Schnee. Von Südwesten dringt ein Gerappel durch den seichten Nebel. So als würde ein riesiger Bagger ein Haus abreißen. Aber dort ist doch nichts zum Abreißen? In einer Gedankenschleife handele ich das ewige Wiederkehren von Alltäglichem ab, Dass das Leben eine Kombination von Gewohnheiten ist und dass es mit zunehmendem Alter schwerer wird,, die einzelnen Gewohnheitsmodule zu vertauschen, oder neue einzuführen. „Du musst dich zum täglichen Schreiben zwingen. Nur so kommst du voran mit deinen Projekten.“ Also stelle ich die winzige Bluetooth Tastatur auf den Küchentisch, mein mobiles Büro. Während der Kaffee endlich zu surren beginnt, Entscheide mich doch für den echten PC. Schließlich bin ich noch nicht unterwegs da draußen in dem Europa, über das ich demnächst berichten möchte. In meiner Phantasie stelle ich mir vor, die Reise in SoSos winziger Künstlerbude zu simulieren. Ich starte beim Ofen, simuliere am nächsten Tag im Bad die erste Etappe, ackere mich übermorgen bis zum Esstisch vor, auf dem ich die Tastatur und das iPhone, mein Mini-Büro, aufbauen werde und so tun werde, als schriebe ich unterhalb der Klippen von Dover einen fulminanten Blogartikel, Ich sende ein rasantes Bild aus der Küche, das aussieht wie ein schottisches Castle, einen eiskalten Eintrag aus dem Flur, der die Garstigkeit einer Atlantik-Überquerung simuliert, kurve in fjordesker Manier die Treppe hoch ins Schlafzimmer, vorbei am Ikearegal, lege das mobile Büro aufs Kopfkissen und kreiere, auf dem Bauch liegend, eine Bildergalerie mit Rentierbildern aus Schweden … live!

Ums Meer“ ist noch weit. Letzte Nacht habe ich endlich an meiner Jakobsweg-Rekonstruktion weiter gearbeitet und die ersten zehn Kapitel online gestellt. Ich nutze die Buch-Funktion einer Drupal-Installation auf dem Server. Man kann die Seiten chronologisch in Druckform ausgeben. Jakobsweg 2.0 wird nicht gedruckt werden und ich werde auch kein Geld dafür verlangen. Es soll als Pioniertat stehen bleiben. Immerhin ist es mein erstes live im Blog geschriebenes Buch.

Dass ich es nun über ein Jahr nach Entstehen noch einmal lese – die Überarbeitung erfordert das – berauscht mich geradezu. Und beflügelt mich. Ich weiß, dass ich in „Ums Meer“ noch zulegen kann.

Auf einer Vernissage mit excellenten Fotos von zwei excellenten Künstlern ist mir gestern klar geworden, was mir in der Kunst immer gefehlt hat: Wenn sie gemacht ist, das Foto geschossen, das Bild gemalt, das Buch geschrieben, dann ist alles vorbei. Ausstellungen finde ich langweilig, verkrampft. Für den Künstler und den Galeristen ist es purer Stress, für die Besucherinnen und Besucher oft nur eine Pflichtübung. Der künstlerische Prozess ist obendrein von jeglichem Schmutz, Schweiß, Mühen bereinigt. Was bleibt, sind tote, gerahmte Bilder, die schön aussehen und nicht nach verwester Katze stinken – zum Beispiel. Wirklich zwei excellente Fotografen, die sich in die Bunker und Höhlen der Gegend begeben haben, um von Schmutz und Gefahr Bereinigtes auf den Präsentierteller zu bringen. Es gab Häppchen, Sekt, Hochglanz an weißen Wänden in hellen Räumen.

Ich möchte so nicht. Ich kann so nicht. Mein Leben ist zu kurz, um es auf diese Weise zu vergeuden. Deshalb muss ich „Da raus“ und deshalb ist meine Galerie und meine permanente Vernissage hier in diesem Blog.

Materie und Antimaterie und wie sie sich morgens 10 vor Acht voneinander scheiden

Die Bluetooth-Tastatur, auf der ich diese Worte schreibe, ist gerade mal 25×12 cm groß, schätze ich. Schwarzes, stylisches Ding. Davor liegt das iPhone. Kaffee auf dem Herd. Abends finde ich eine Mail vom Owner im Postkasten: „Kannst du morgen kommen? Danke. Dein Owner“ Wunderbar knapp. Dummerweise ist es schon 3 Uhr nachts, als ich die Mail lese. Der Künstler-Alltags-Lebensrhythmus ist scherenhaft verzahnt oder entzahnt mit dem Werktätigen-Lebensrhythmus. Wie kann ich nachts um Drei so phantastisch sein, in Erwägung zu ziehen, morgens um Acht auf der Arbeit zu sein? Ich stelle den Wecker auf 7:29, lasse ihn vorsorglich im Wohnzimmer liegen und spekuliere auf natürliches Erwachen. Das natürliche Erwachen ist etwas, was die wenigsten Menschen wirklich zu schätzen wissen. Es ist der Garant für einen ruhigen Lebensfluss.
7:49 erwache ich „natürlich“, nur 20 Minuten, nachdem der Wecker, den ich ja vorsorglich im Wohnzimmer habe liegen lassen, geklingelt hat. Obschon es schwierig ist, sich mit nur 5 Stunden Schlaf aus dem Bett zu quälen, ist es doch um einiges harmonischer, zwanzig Minuten „zu spät“, aber natürlich und sanft geweckt zu werden, als aprupt von einer Maschine. Guter Kauf. Sofort ist der Kopf hellwach und lotet die Möglichkeiten aus, wie es zu schaffen ist, um 11 vor Acht aufzustehen und um Acht schon auf der Arbeit zu sein: garnicht. Vernunft ist ein scharfes Schwert. Ich koche Kaffee, schüre den Ofen an, rufe mir die Gleitzeit-Passage aus dem ohnehin brüchigen Arbeitsvertrag in den Sinn, kombiniere es mit der kurzen Formulierung aus der gestrigen 10 vor 20 Uhr Mail: Kannst du morgen kommen? Messerscharf stelle ich fest, dass es sich doch nur um eine Frage handelt, die ich mit Nein beantworten könnte. Aber der gute Wille siegt. Ich lege den potentiellen Arbeitsbeginn auf Neun, trödele bis10 vor, setze einen zweiten Kaffee auf. Zuerst muss ich noch bloggen. Bin eh schon zu spät, wird mir beim Broteschmieren bewusst. Und die kleine Reisetastatur und das iPhone würden sich doch prima auf dem Küchentisch machen. Arbeitsbeginn auf 10 Uhr verschoben. Der zweite Kaffee. Endlich. Puls ist auch wieder messbar. Boa. Mit nur fünf Stunden Schlaf. Freiwillig würde ich doch nie aufstehen, um nach so kurzer Nachtruhe einen Blogartikel zu schreiben. Und worüber sollte ich dann auch schreiben? Erst jetzt wird mir klar, wie eng der Zusammenhang zwischen Lebenszwängen und den Themen der Alltäglichkeit ist. Ähm.