Ein ganz herzliches Dankeschön an dieser Stelle an alle, die das Projekt „Ums Meer“ unterstützen mit Spenden, Verlinkung, Berichten in ihren eigenen Blogs und mit Kommentaren.
Tag 6 – die Strecke
Nachdem Irgendlink heute wieder um die siebzig Kilometer zurückgelegt hat, ist er auf seinem Weg nach Nordwesten in St. Aubert gelandet. Auf einem Sportplatz werde er zelten, da kein Zeltplatz auszumachen sei. Also wieder wild. Genug Wasser habe er diesmal vorsorglich gebunkert. Es werde wohl wieder eine kalte Nacht.
>>> Zur heutigen Strecke: Hirson – St. Aubert: hier klicken!
Die Sponsors & Donors-Seite wird übrigens laufend ergänzt. Klaus, Engelbert, Emil und Sonja-Wildgans haben bereits tolle Artikel über das Ums Meer-Projekt veröffentlicht. Danke!
Werben ist erlaubt! :-)
Cartignies, genannt Cartagena
Die erste Europenner-Wildzeltnacht überstanden. Gerne würde ich behaupten „bestens“, aber dafür war es zu kalt. Die Morgensonne tut gut, dennoch brauche ich Handschuhe und die Einfamilienhaus-ähnliche Regenjacke als Schutz vor dem kalten Wind. Heilfroh, dass es erst mal ein Stück bergauf geht, um warm zu werden. Über die E44 für einen Kilometer, bis ich mich ins stille Farmland schlage und auf den kaum befahrenen, in der Karte weiß gezeichneten Departementssträßchen weiter radele. Der getrocknete Kuhmist auf dem Asphalt zeugt von regem Viehtrieb zwischen Weide und Melkstand. Einzelstehende Farmen und Landhäuser und die zu Krüppeln verhechselten Buchenhecken erinnern mich ein bisschen an Irland.
High Noon in Étrœungt. In dem Dorf irre ich eine Viertelstunde umher, weil ich zu stur bin für 500 m die N2 zu benutzen und nach einem schwer auffindbaren Feldweg Richtung Cartignies suche. Irren ist wichtig. Ein langhaariger Freak im Kleinlaster erklärt mir schließlich die Strecke.
Nun sitze ich auf der Treppe des Kriegerdenkmals neben der Kirche von „Cartagena“, wie ich Cartignies zum Spaß nenne. Habe Backwaren gekauft und beobachte das Geschehen auf dem Kirchplatz. Im Café des Sports „Chez Aurélie“ verschwinden immer wieder Männer, parken ihre Kleinwagen direkt vor der Tür, kommen nach einer Viertelstunde wieder raus. So lang dauert wohl der Mittagswein. Zwei Kerle schleppen sarg-große Pappkartons vorbei, schöne Statisten auf der Bühne meines Theaters des ganz normalen gelebten Lebens. Der Besitzer vom Vival-Markt nebenan spendiert mir ein Schwätzchen, nichts besonderes, nur woher, wohin, Bonne Courage, aber das reicht dem Langstreckenradler ja schon, um sich nicht ganz so verloren vorzukommen.
Überhaupt: wieder taucht die Frage auf, wie ich das aushalte, so ganz allein. Die Antwort ist: ich bin nicht alleine. Und ich habe mir mit der Kunststraße, den Fotos, den Blogeinträgen eine Mission auferlegt. Dazu SMS mit der Homebase, mit der geliebten SoSo, Mails, Telefonate. Nach zwei Jahren Liveblogexperimenten bin ich der Verschmelzung zwischen realer und virtueller Welt wieder ein Stück näher gerückt. Aber ganz im Ernst, ich bin ja noch nichtmal am Meer und hab schon Muffensausen, wenn es bald losgeht auf die Nordseerunde. Vielleicht übernehme ich mich?
Ich werde nun weiter Kurs Nordwest halten, via Landrecies Richtung Arras. Als Pfälzer empfinde ich die sehr sanften Hügel entlang ruhiger Bäche als total flach.
Für immer geschlossen. Tankstelle in Étrœungt
Sonntags in der Hochleistungsgesellschaft
Sonntag ist Ausnahmetag. Das Tüpfelchen auf dem „i“ der Woche. Früher mehr als Heute. Früher waren sonntags die Läden zu. 500Beines Kommentar, ein paar Tage zuvor, kommt mir in den Sinn, als ich Fiones über die D5 verlasse: „Das Ausrollen der Gesellschaft (Konsum- Kommerz- Leistungsgesellschaft), in der wir leben, ist das normale Tempo des Künstlers.“
Ausrollen ist die Phase nach einer Rennradtour, wenn man die Muskeln und den Körper nach und nach auf den Normalzustand zurück bringen will. Die Gesellschaft, in der wir leben ist, glaube ich, in einer Leistungsspriale gefangen. Jeder will immer noch besser, noch mehr, noch schöner sein, als der Andere. Dass die Läden in Zweibrücken mittlerweile bis 22 Uhr geöffnet haben, dass sie in Frankreich auch sonntags auf sind, daran habe ich mich gewöhnt, aber ich erinnere mich auch an die Zeiten Ende der Siebziger, als grundsätzlich mittwochsnachmittags geschlossen war, 17 Uhr alles dicht, samstags nur bis 12 Uhr geöffnet.
Ich weiß es sehr zu schätzen, an diesem Sonntag in Warcq eine Pizza in einer Bäckerei kaufen zu können. Die Strecke führt durch ewiges Weideland, Getreidefelder mit feinen, grünen Schößlingen, wunderbar ruhige Straßen. Nur nur ein paar kurzgeschorene Typen mit Lonsdale-Jacken verzerren das ländliche Idyll. Sonntag sei dank kann ich es mir erlauben, zehn Kilometer weit bis Liart über die D978 zu fahren, die werktags sicher mit LKWs übervölkert ist.
Von Liart gehts weiter über radweg-ähnliche Sträßchen nach Hirson an der Loise. Für eine ganze Weile folge ich dem Tal des Thon, ein Kleinod, bis zur Abtei Bucilly. In dem kleinen Dorf treibt ein Mann seine sieben Ziegen quer über die Straße nach Hause. Es ist 18 Uhr. Ich erwäge, auf dem örtlichen Campinplatz, direkt neben dem Stadion abzusteigen, der zwar noch geschlossen ist, aber die spätnachmittägliche Szene ist so malerisch, dass ich gerne in diesem Wohlfühldorf mit angeschlossenem Kloster bleiben würde. Der Umstand, dass „Mister Oberschludrig, ehemals professioneller Europenner Irgendlink“ Regel Nr. 1 der Europennerei missachtet hat und seine Wasservorräte aufgebraucht sind, veranlasst mich, weiter zu fahren bis Hirson, zwei Kilometer berghoch, Nationalstraße links.
Et voilà. Der örtliche Auchan-Supermarkt ist geöffnet. Sonntags! Um kurz vor 19 Uhr! An einer Tankstelle fasse ich Wasser, kaufe eine Flasche Rotwein, durchquere die Stadt. Westlich liegt der Zeltplatz La Cascade. Ein Schild sagt, er sei von 1. April bis 31. Oktober geöffnet. nach einem Auf und einem Ab stehe ich vor verschlossener Tür. Kein Schwein da. Keine Telefonnummer, nur zwei dicke Ketten mit Vorhängeschlössern und ein Schild „Betreten verboten“ empfangen mich. Adieu Welpenschutz. Zwei Wege, denen ich folgen könnte: links aufwärts, rechts abwärts am Zeltplatz vorbei. Ich entscheide mich für Links, finde 100 m später einen super Stellplatz in einer Fichtenschonung – sogar ein Loch im Zaun gibt es, durch das ich theoretisch schauen könnte, ob die Duschen geöffnet sind. Der gesunde Menschenverstand sagt nein.
Um drei erwache ich, weil es mir zu heiß ist, um sechs, weil es zu kalt ist. Ich befülle den Spirituskocher und nutze ihn als Zeltheizung, tippe diese Zeilen. Ob ich mich jetzt noch mal hinlege? Ich lebe in einer Hochleistungsgesellschaft.
Tag 5 – die Strecke
Als Betthupferl hier noch der Link zur heutigen Strecke. Die Koordinaten kann ich dank der geogetaggten Bilder, die mir Irgendlink schickt, exakt ermitteln. Mit „Geosetter“ auf meinem Rechner kann ich die Strecke so jeweils auf ein paar Meter genau einkreisen. Macht total Spaß.
>>> Tag 5: Floing – Hirson: hier klicken!
Gute Nacht allerseits. :-)
