Tag 19 – die Strecke

Auch heute geht’s, wie gehabt, ihm Langsammodus nordwärts. Irgendlink beschreibt das aktuell herrschende Wetter eher schwierig; mal Hagelschauer, dann wieder Sonne. Mehrheitlich ist es kühl und windig. Eben richtiges Aprilwetter.

Vom Outney Meadow Campingplatz bekomme ich gute Nachrichten. Schön sei es dort.

Schön auch, dass ihn morgen Abend in Cley next the Sea ein gemütlicher, warmer Ort erwarten wird. Klausbernd und Dina (siehe Blogroll), zwei engagierte Bloglesende und selbst Bloggende, werden ihn beherbergen.

>>> Peasenhall Camping – Outney Meadow Camping: zum heutigen Kartenausschnitt bitte hier klicken!

Schwanzwedelnd, um Geschichtenleckerli heischend oder Zum Weißen Rössel

The White Horse, eine Meile außerhalb von Peasenhall. Ein Edelrestaurant, wie sich herausstellt.  An der Wand hängen Urkunden und handgemalte Teller, die bekunden, dass das Restaurant regelmäßig Platz 1 unter den Dinig-Pubs in Suffolk belegt. Nur in einem Jahr, 2007, klafft eine Lücke, sagt die Besitzerin, da seien sie nicht zugelassen worden zum Wettbewerb. Die Preise liegen für den Hauptgang bei 15 Pfund. Obschon in meinem Hinterkopf das Damoklesschwert des Bankrott baumelt, gönne ich mir diesen Abend unter samstagsfeinen Gästen.

Von meinem Platz, unweit des ehemals offenen Kamins, in dem ein geschlossener Ofen lodert, beobachte ich das Ein und Aus der Gäste. Zwei-Meter-Typen, die sich limboesk unter der kleinen Tür durchzwängen gefolgt von edlen Ladies, Menschen in Abendgarderobe. Alle kommen zuerst zum Tresen, um sich anzumelden, die Karte zu empfangen, ein Getränk zu bestellen, zu ihren Tischen zu verschwinden. Direkt neben der Tür steht ein zum Tisch umfunktioniertes Fass, an dem Kurzzeitgäste Platz nehmen, Pärchen, die nur mal eins trinken möchten. Ein kahler Kerl fummelt zwischen den Beinen seiner gelangweilt wirkenden Begleiterin. Sie knutschen.

Wie ein Leuchtfeuer schweift mein Blick über die Gästeschar über das Kommen und Gehen. Fast erstarrt trinkt ein Zausel ein Pint nach dem anderen, wohl fest verankert in seiner Stammecke am Tresen. Mit dem Daumen fummelt er im Mundwinkel. Hinterm Tresen rochadieren Wirt und Wirtin. Ich bestelle Lamm und ein Pint. Genieße die Wärme und die murmelnde Ruhe im Raum, das Klappern von Geschirr, die fremde Sprache, von der ich doch mehr verstehe, als ich anfangs geglaubt habe.

Der Hund des Wirtspaars mogelt sich durch die offene Tür, schwanzwedelt von Tisch zu Tisch. „Oooch, ist der süß“, ruft eine Braunhaarige, und ihr Kavalier, dessen Schlips wie eine Henkersschlinge schlapp um den Hals hängt, streichelt zurückhaltend das Tier. Er will ihr gefallen, konstatiere ich. Sie kennen sich noch nicht lange. Er hat Angst vor Hunden oder ekelt sich. Mit dem Taschentuch wischt er sich die Hand ab, kramt ein Päckchen Tabak hervor, dreht zwei Zigaretten, beide verschwinden nach draußen, um zu rauchen und der Hund sitzt nun bettelnd am Tisch neben mir, wo ein Paar, das sich schon lange kennt, diniert. Sie lacht mit dem Hund, mit mir, und er schneidet ein Stück von seinem Steak ab, spießt es auf die Gabel, bückt sich zum Hund, zieht es mit den Fingern von der Gabel und gibt ihm zu fressen.

So sind wir Hunde an den fett gedeckten Tafeln dieser Welt. Die einen wollen Fleisch und Lächeln und ein anerkennendes Wort und die anderen wollen Geschichten und Lächeln und ein „ooch, bist duuu aber ein Feiiiiner“, gesprochen mit der hohen Stimme edler Damen an einem Abend im Irgendwo und Irgendwann dieser schönen reichen Welt.

(entfippthelert und gepostet von Sofasophia)

Von Woodbridge nach Peasenhall

Das Grove House ist trotz der direkten Nähe zur vierspurigen A-namenlos sehr ruhig. Ein feines Gästehaus, von dem ich nicht so recht weiß, was ich von ihm halten soll. Der Besitzer ist sehr freundlich, korrekt, was ein britisches Markenzeichen zu sein scheint. Außer in den Docks und den schmutzigsten Gassen des Landes im Südosten von Greater London, habe ich nie bedrohliche oder unfreundliche Menschen getroffen. Stets waren sie zurückhaltend bis reserviert, aber wenn man ins Gespräch kommt, sind sie offen und zu ausgedehntem Smalltalk bereit. Quer durch alle Altersklassen.

Der Hotelier vom Groves erklärt mir, dass die Hochzeitssaison begonnen hat, und dass es deshalb so schwer sei, ein Hotelzimmer finden. Das entkräftet meine Wahnvorstellung, die Hotels und B&Bs nehmen mich nicht, weil ich ein halb borumatisierter Radler bin, der so aussieht, als könne er es sich nicht leisten. Eine weitere Wahnvorstellung und auch ein Grund, weshalb ich nicht weiß, was ich von den Gastgebern halten soll, sind die „seltsamen“ Preise. 50 Pfund, sagt die SoSo am Telefon, koste mein Hotel, so stehts im Internet. Ob der Preis mit der Späte des Gasts steigt? Dass man handeln kann, habe ich in, wo wars noch gleich, liegt schon paar Tage zurück, gemerkt. Als später Radler hast du eine schlechte Verhandlungsposition.

Hochzeitssaison. Scharenweise treffen Familien aufeinander, die sich zuvor nicht gekannt haben aus allen Weiten des Landes und man sucht sich zum Heiraten natürlich die schönen Gegenden aus. Die ländlichen Idylle und nicht etwa das tangverstunkene Themseufer neben einem Schiffsfriedhof. Autokorsos, wie man sie in Deutschland bei Hochzeiten durchführt, mit viel Gehupe und Tamtam, sind mir erspart geblieben.

An einer Tankstelle kaufe ich eine Straßenkarte., um die mangelnde Radwegbeschilderung zu kompensieren. „East Anglia“ als kleines Buch, welches die Gegend von Colchester bis Kings Lynn im Osten Englands in einem Maßstab von 1:158’400 abbildet. Eine Meile entspricht einem Inch. Alles klar?

Die Karte ist grandios. Sogar ohne Brille kann ich die Ortsangaben lesen. Die Navigation ist ähnlich leicht, wie mit den französischen Michelin 1:200’000 Karten. Alle weißen Sträßchen kannst du als Radler problemlos benutzen. Die gelben B-Straßen gehen notfalls, die roten musst du meiden und die grünen Autobahnen darfst du nicht. So hangele ich mich zurück zum N1-Radweg, mit dem Plan, heute nicht zu viel zu machen, einen Campingplatz südlich von Norwich anzulaufen, zwei Tage dort zu ruhen und am Montag nach Cley, zu Klausbernd Vollmar zu fahren.

Es kommt anders. in einem Dreihaus-Dorf namens Hoo raste ich auf einer Parkbank und tippe am Artikel „Diesseits und jenseits des Burggrabens“, bis ich vom kalten Nordwind so durchgefroren bin, dass ich unbedingt radeln muss, um mich aufzuwärmen. In Framlingham betrachte ich die mittelalterliche Burg – von außen. Luke, der England mit dem Rad umrunden will, und den ich vorm Eingang treffe, sagt, es lohne sich nicht, 6.5 Pfund Eintritt zu zahlen. Die Burg sei von außen viel imposanter. Luke kommt aus Felixstowe, ganz in der Nähe, ist gerade erst gestartet, Stopover bei seinen Eltern in Framlingham. Er macht die Reise als Wohltätigkeitsaktion – Aktion für die Krebshilfe -, folgt den Küsten Englands und Schottlands und Wales‘. Ich erinnere mich, davon gehört zu haben, dass Charity-Fahrten mit dem Rad in England gang und gäbe sind. Komme mir fast ein bisschen egoistisch vor, „nur“ im Dienste der Kunst und der eigenen Abenteuerlust unterwegs zu sein.

Auf einer Radtour im letzten Jahr, kam Luke auch durch London. Er bestätigt mein Bild vom bitteren Süden der Stadt. Ein Kerl wie ein Koffer habe sogar versucht, ihn vom Rad zu zerren. Und Luke sieht nicht gerade aus, wie einer, bei dem viel zu holen ist. Die Piercings über seinem linken Auge geben ihm etwas verschlagenes. Das Dawes-Rennrad mit den angerosteten Chromfelgen ist definitiv perfekt borumatisiert, was widerum bedeutet, dass man gar nicht genug borumatisieren kann, wenn man heil durch die ärmsten und bösesten Gegenden der Welt kommen will. Der Trick mit den Federn, den Andreas Borutta beschreibt, scheint das letzte Mittel zu sein, um sich so wertlos wie möglich aussehen zu machen.

Anyway. Luke nimmt erstmal ein Pint in Castle Pub, während ich mich zu dem Aussichtspunkt westlich von Framlingham Castle begebe. Hochoffizieller Fototermin. Bekannt ist die Burg für ihre gardinenartige Ringmauer, die das Innere vom Umland trennt. Burggraben. Schon wieder.

Nächste Prüfung: Ein Weinberg. Der Shawsgate Wineyard wirbt mit Degustation, Partyzelt, Besucherparkplatz und Shop. Erstmals ziehe ich auch nur vage in Erwägung, dass in England auch Wein produziert wird., obwohl das logisch scheint, schließlich waren die Römer auch hier. Dank Golfstrom und Meeresnähe ist das Klima mild. Natürlich muss ich als reisender Forscher und als forschender Reisender der Sache auf den Grund gehen. Im Shop sind weiße Weine, Rosé und sogar ein Rotwein ausgestellt. Auf einer Landkarte sind sämtliche englischen Weinbaugebiete eingezeichnet. Shawsgate ist nicht einmal der nördlichste. Ein Blick ins GPS verrät, dass es ungefähr auf Höhe Köln liegt, ca. 52 Grad Nord. Also gar nicht mal so weit hergeholt, dass es hier auch Wein gibt.

Der Rote ist nicht mein Ding. Die Winzerin gibt mir von allen Sorten zu probieren und ich bleibe am 2010er Bachus hängen. Zwei weitere Gäste testen mit und von Schluck zu Schluck lösen sich unsere Zungen, so dass wir, Mister Oberweindilettant Moi-même und das mittelalte englische Paar ungehemmt über Weine weltweit diskutieren und ich schlussendlich so enthemmt bin, zu allem meine perfekte Weinmeinung abzugeben, egal ob chilenisch, australisch, südafrikanisch, hoppla, dort trinken sie den Rosé sogar auf Eis, trumpft der Er vom Weinkennerpaar auf. Ich bin baff.

Im Zick-Zack schleppe ich mich weiter, nun wieder auf der N1-Radroute, bis ein Typ im Landrover neben mir stoppt und mir einen Campingplatz neben einem Pub namens The White Horse empfiehlt.

Erstmals steige ich auf einem „So-sollte-es-sein-Platz“ ab. Eine idyllische, weiche Wiese im Garten eines feinen weißen Häuschens, vier Wohnwägen nebenbei, Gästezahl überschaubar, Keine Schnellstraße oder Bahnlinie weit und breit. Nachts mucken einige Nachtvögel und im nahe gelegenen Stall hört man die Kühe im Traum rufen. Dusche gibts keine. Aber dafür kostet die Übernachtung auch nichts.

(auf dem iPhone entfipptehlert, mit Link bestückt und gepostet von Sofasophia)