Das erste Tydd. Reduce your pee
Tag 25 – die Strecke und andere Wichtigkeiten
>>> Tag 25: Sandringham – Four Gotes: zum Kartenlink: hier klicken!
Gleich zwölf: Sonnentanz für Sonne über England. Für Irgendlink.
Es tanzen: Frau Freihändig, Barbara Rößler und Frau Homebase … und du? (siehe Comments beim letzten Artikel) … jaaaa!
1. PS: die Bloguhr müsste mal richtig gestellt werden, ich weiß, aber ich weiß nicht wie, sie geht acht Minuten vor … ;-)
2. PS: Auf Pixartix_dAS bilderblog gibts ein neues „Ums Meer“-Bild: heute exclusiv für 
Badlands Flatlands Fenlands
Im Flächenland, das Albert Abbott in seinem gleichnamigen Buch entwirft, sind die Lebewesen Punkte, Kreise, Dreiecke und Linien. Die Welt in Flächenland hat nur zwei Dimensionen. So weit ich mich erinnere, wird die Geschichte aus der Sicht eines Kreises erzählt, der sich eines Tages wundert, warum es in Flächenland Kreise gibt, die ihre Größe verändern, die als Punkt beginnen, zu einem maximalen Umfang wachsen, wieder kleiner werden bis zum Punkt, und die dann verschwinden. Es handelt sich dabei um eine Kugel, die das Flächenland durchquert. Der Protagonist entdeckt eine dritte Dimension und eckt in seiner zweidimensionalen Welt auf ketzerische Weise an.
Mit dem Lied Kumbajah My Lord im Ohr wache ich auf und mit leichtem Niesel auf mein Zelt, so dass ich herum trödele, frühstücke, Kaffee en masse, bisschen schreiben, und es regnet sich langsam ein. Kumbajah. Regenkleider an, Neoprengamaschen, Schnürsenkel auf, Schnürsenkel zu. Dass Problem mit den Gamaschen ist, dass man die Schuhe ausziehen muss, um sie über die Knöchel zu stülpen und erst dann, wenn die Schuhe fertig gebunden wieder am Fuß sind, kann man die engen aber sehr warmen und hochdichten Füßlinge von Oben drüber strippen. Oh Lord.
Kurz vor King’s Lynn stehe ich in Castle Rising vor einer massiven Burg, die von Erdwällen, Graben und Mauern umgeben ist, das kleine Castle Rising Castle, das den Howards gehört. Vorm Tor kommt ein Mann auf mich zu, der mich überschwänglich begrüßt, er sei auch Radler, und er böte anderen Radlern Unterkunft für umsonst. David (www.davidjoan.me.uk) wohnt in Camebridge, hat die halbe Welt bereist, Australien, Patagonien, und im Juli gehts nach Madagaskar. Er gibt mir seine grüne, lustige Visitenkarte, falls ich es mir überlegen sollte, mit Camebridge, könne ich ihn anrufen, ach, und wenn ich mal einen guten Radladen suchen würde, in Hunstanton, gut 15 Meilen nordwärts!
Die Schlossbesichtigung spare ich mir wegen des vielen Gepäcks am Rad. Bei Nieselregen durch King’s Lynn, raus aus der Stadt Richtung Süden über die Radwege 1 und 11. Sie sind gut markiert mit kleinen blauen Aufklebern auf den Pfosten der Verkehrsschilder. Raus Richtung Wiggenhall, verirre ich mich vier Kilometer weit auf dem Elfer, der sich kurz hinter Saddle Bow vom Einser Radweg trennt: eine Elf sieht in meinem Flächenland aus, wie eine Eins, wenn sie auf die Rundung des Verkehrsschildpfostens geklebt ist und man sie nur von einer Seite betrachtet.
Längst bin ich in den Fenlands, die ich insgeheim auf Badlands taufe, weil mir der Ausdruck aus vielen Folgen Star Trek geläufig ist. Aber sie haben den Namen Badlands nicht verdient. Ein ehemaliges Marschgebiet, das trocken gelegt wurde und nun Anbaufläche ist für Gemüse, Obst, Getreide. Duftende Rapsfelder. Überall Pumphäuser, Rohre, Verschlussklappen, Deiche, Gräben und natürlich absolut flach. Schnurgerade Starkstromleitungen durchziehen die Fenlands. Ein Regenschauer jagt den nächsten. Pro 10 Kilometer ziehe ich einmal die Regenklamotten an und wieder aus. Wenn ich das hochrechne auf 6000 km, puuh, wieviele Meter Neopren-Gamaschen muss ich mir dann um die Knöchel wickeln, wie viele Kilometer Reißverschluss zu und wieder aufziehen, wieviele Lichtjahre Schnürsenkel binden? Oh Lord.
In einem Dorfladen in Wiggenhall St. Mary versuche ich Brennspiritus zu kaufen, weiß aber nicht das englische Wort. Im Regal steht White Spirit. Dunkel erinnere ich mich, 1993 in Irland einmal White Spirit im Kocher ausprobiert zu haben und gebookmarkt zu haben, dass der definitiv nichts taugt, für den Trangia. Ein anderer Kunde, mit einer afrikanischen Kappe auf dem Kopf, so wie sie Eddie Murphy in „Prinz aus Zamunda“ trägt, erklärt mir, dass es wohl Methylated Alcohol sei, den ich suche, der sei in England blau eingefärbt, ich könne ihn in großen Supermärkten in King’s Lynn zum Beispiel kaufen.
Vorm Laden trockne ich mein Zelt. Esse Müsliriegel. Nach ein paar Minuten fährt der „Prinz“ wieder vor, steigt aus, drückt mir eine Flasche Methylated Alcohol in die Hand. Hey, Thank you, thank you so much.
Der Radweg ist ein wahres Zick-Zack. Wäre ich über die A 17 direkt nach Sutton Bridge geradelt, wäre ich in einer Stunde dort gewesen. So brauche ich den ganzen Tag. In Wisbech metzelt ein Regenschauer, der erst in Tydd St. Gilles wieder nachlässt. Der dortige Campingplatz auf einer Farm ist eine Sumpflandschaft, „we’ve got a valley“, sagt die Besitzerin bedauernd. Da es sich sowieso um einen Caravanplatz handelt ohne jeglichen Komfort, fällt es mir leicht, weiter zu radeln. Die vielen Tydds: Tydd St. Mary, Tydd Gote, Tydd Giles, Tydd hinten und Tydd vorne, Tüddelüü. Bei Four Gotes, seines Zeichens direkt neben Tydd Gotes, finde ich einen anderen Zeltplatz, sehr schön, umringt von hohen Hecken direkt an der A1101, einer mäßig befahrenen Strecke. Mitten im Platz steht ein Starkstrommast. Auch hier haben wir im Prinzip ein „Valley“, quatschnasse Wiesen, aber neben dem Swimingpool ist eine kleine Erhebung, jeder Zentimeter zählt, auf der ich mein Zelt festnagele.
St. Mary The Virgin
Private Brain vs. Common Brain
„Sandringham, genau. Das ist ein guter Ort“, sage ich. Hanne und Klausbernd schwärmen von der Park ähnlichen Gegend nordöstlich von King’s Lynn, kaum 60 km zu radeln. Dort habe die Queen einen Landsitz, der Campingplatz sei ein Traum, man könne ausgedehnte Spaziergänge, Stille, Wohlfühl usw. Aber bloß nicht wild campen dort, warnt mich Hanne. Sie verweist auf einen Blogeintrag vom Team Frischluft (der ursprüngliche Link funktioniert nicht mehr, hier ein Link ins Reiseblog), das die Nordseerunde 2011 in umgekehrter Richtung gemacht hat. Da um Sandringham vermutlich alles der Queen gehört, befindet man sich, sobald man die Straße verlässt auf Militärarreal. Ich habe auf Golfplätzen gezeltet, auf Sportplätzen, vor Kirchen, auf Bauschuttdeponien und neben Silagelagern französischer Landwirte. Nie auf einem Militärgelände.
Der Start in Rhu Sila fällt schwer, das hatte ich im vorigen Artikel schon erwähnt. Die wenigen Tage haben genügt, mein Gewohnheitskonstrukt, nach dem meine Reisetage ablaufen, vollständig umzustricken. Die philosophisch angehauchten Abende, das Sitzen an einem Tisch, die stetige Verfügbarkeit von Dusche, Toilette, ja, sogar Sauna, Geschirrspülmaschine, all das, was das „normale“ Leben in der westlich zivilisierten Welt ausmacht.
Unterwegs rekapituliere ich meine beiden Gastgeber: Hanne ist eine der wenigen Fotografinnen, die ohne sich groß von der Außenwelt ablenken zu lassen, fotografieren kann. Als sie mich in Cley bittet, stell Dich doch mal dort und dort hin, stehen wir direkt neben einer Baustelle. Vier britische Maurer schauen vom Gerüst und wundern sich, rufen etwas. Unbeeinflusst drückt sie den Auslöser, gibt Anweisungen. Ich, das Model, lasse mich von ihrer Ruhe mitziehen. zwischen Model und Fotograf muss es immer eine enge, unsichtbare, gefühlsmäßige Verbindung geben, sonst wird das Shooting nix. Zwanglos.
Über Blakeney und Stiffkey, wo wir im Red Lion gegessen hatten, radele ich nach Wells. Umtanzt von Regenwolken. Die A149 ist relativ ruhig, jedoch mit Vorsicht zu genießen, da auf den geraden Stücken mancheiner mit 130 Sachen dahinfliegt. :-) Während ich mit 10 Meilen die Stunde Richtung Westen kurbele, schreibt Klausbernd an einem Artikel über meinen Besuch, soll ich abends erfahren, in dem es um die unvoreingenommene Sicht geht, mit der ich das Land erforsche. Nach dem Trial (oder heißt es Try) and Error Verfahren stelle ich fest und gleiche mit Vorhandenem, Gehörtem, schon Erlebtem ab, revidiere, wiedererlebe, revidiere erneut, meißele aus dem Nichts meines Innern alleine an Hand von Erlebnissen ein unperfektes, aber umso lebendigeres England-Bild.
Das Phänomen Klausbernd! Zu sagen, er wäre ein wandelndes Lexikon, würde der Sache nicht gerecht. Die ledergebundene Encyclopedia Birtannica, die auf einem Regal über der Tür des Bücherladens in Cley steht, würde der Sache schon eher gerecht. Pack noch sämtliche Dudenausgaben dazu und die Gesamtwerke namhafter Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Weltliteratur und du wirst dem Fall Klausbernd schon eher verstehen. Erstaunlicherweise ist die Konversation trotz allem zwanglos – eine sehr feinfühlige Art, zu wissen, aber nicht überheblich zu sein.
Während ich radele, arbeite ich meine Gedanken ab. Vielleicht eine moderne Form des Träumens, des Tagträumens. Oder meine spezielle Form. Wie auch immer. Mir wird plötzlich klar, wie sehr sich die Menschheit verändert, seit es Internet und Wikipedia gibt, Wissensdatenbanken. Gehöre ich schon zu der Fraktion Menschen, die ihr Wissen gnadenlos outsourcen, statt sich etwas zu merken, die sich sagen, achwas, das schlag ich doch besser bei Wikipedia nach? Nein. Ich bin noch in der Grauzone. Ich denke, um echtes, gespeichertes Wissen im eigenen Hirn kommt man nicht herum. Sonst wird man unecht, oberflächlich.
Wohlgemerkt: das sind Gedanken, die ich mir während des Radelns auf der A149 mache. Ich überhole ein älteres Radlerpaar, die alle 2 km stoppen, um an ihren Gepäckträgern etwas zu zurren, Regenhosen herauszukramen, wieder einzupacken. So auch ich. Die Wetterlage ist so inkonsistent, dass man weder mit, noch ohne Regenkleider gut fährt. Damokles-Wolken baumeln von Süden. Hach, Wissen früher und Wissen heute, Lernen früher und Lernen heute. Das externe Hirn, an dem wir alle gemeinsam schustern, namens Internet, wie wird es wohl in 100 Jahren aussehen? Wird es solche Menschen, wie vielleicht die beiden alten Radler, die ja auch noch eine klassische Schulbildung genossen haben, mit Gedichte lernen, mit den wichtigen geschichtlichen, geistig, philosophischen, politischen Strömungen usw. überhaupt noch geben? Oder sieht der Unterricht in der Schule der Zukunft so aus: Schreib nen Aufastz über den weltberühmten Nordseeumradler Irgendlink, der einst anno 2012 rund um das mittlerweile trocken gelegte Meer geradelt ist. Die Infos findest Du unter http://blablablub.de. Und wenn du den Aufsatz fertig hast, kannst du alles wieder vergessen, denn es ist ja in unserem „Common Brain“ gespeichert.
Ab Burnham Market bin ich wieder auf der Cycleroute Nr. 1, erstaunt über zweibrücker-kreuzbergeske Steigungen zu radeln. Langatmige 4% hoch und gegen Dersingham wieder bergab. Den einzig ernst zu nehmenden Hagelschauer überbrücke ich in einem Shop in Snettisham. Queens Land. Ab Dersingham radele ich in beautyful Kiefernwäldchen, Mischwäldchen. Entlang der Straße herrscht für 7,5 Meilen striktes Halteverbot, was ich mit der Wichtigkeit der Besitzenden in Zusammenhang bringe, denen das parkähnliche Gelände gehören mag. Zwar ist es nicht eingezäunt, aber nach dem, was ich bei Frischlufts gelesen habe, bin ich nicht erpicht darauf, dort wild zu zelten.
Sandringhams Campingplatz liegt mitten in diesem Wald, genau am Radweg. Beim Check In bei sehr freundlichen Ladies, stelle ich mich auf einen Nachtpreis von 27 Pfund ein, wie damals in, wo wars noch gleich? Drunten in Kent. Knapp 9 Pfund kostet der Spaß. Ich bin baff. Persönlich führt man mich zu meinem Platz, weißt mir eine eigene Toilette zu. Das Gelände im Kiefernwald scheint riesig. Überall Vögel, flanierende Fasane, fette Tauben. Aus allen Bäumen ruft es Gu’Guuh-Gu’Gu’Guuh. Und was is‘ das nochma‘ für’n Tier, das lebt auch auf’m einsamen Gehöft? Wiki, hilf!




