Regenliebeanalogie

Es fällt mir immer schwerer, mich zu erinnern, selbst an wenige Meilen zurück liegendes. Ein Phänomen, das sich nach mehreren Wochen unterwegs oft einstellt. Abenteuer legt sich auf Abenteuer und das Unterwegssein wird auf eine Weise zur Gewohnheit, dass man es getrost Alltag nennen kann. Auch wenn nie ein Tag dem anderen gleicht, schleichen sich Muster und Regelmäßigkeiten ein. Frühstück und Abendessen geraten zur Konstante. Morgens gibt es grundsätzlich Toast, den ich in der Pfanne auf dem Spirituskocher zubereite. Butter, gelbe Marmelade. Seit einigen Tagen habe ich die bittere Orange durch Aprikose ersetzt. Der Kocher dient auch als Zeltheizung. Ich erreiche damit zwar keine Schwitzhüttentemperaturen, aber mollig warm kann ich das Zelt innerhalb von einer Minute heizen. Ein Segen. Grundsätzlich beschlagen früh morgens Brille und iPhone, so dass ich die beiden erst einmal an den Tag aklimatisieren muss.

Vom gestrigen Wildzeltplatz an einem langsam fließenden Kanal folge ich weiter dem Nationalen Radweg Nummer 1, dessen Verlauf in Einzelstücken auf der Seite nationalcyclenetwork.org.uk zu finden ist. Von dort habe ich meine Tracks geladen, die ich zu Hilfe nehme, wenn ich die Schilder mal wieder verpasst habe und mich vor einer Hauptstraße wiederfinde. Die Strecke ist gut beschildert, so dass man theoretisch ohne Karte und Tracks radeln könnte, aber trotzdem verliere ich den Faden des öfteren.

Einmal parkt beispielsweise ein LKW direkt vor dem Abbiegeschild, so dass ich geradeaus fahre. Oder vorgestern verliere ich die Strecke, weil ich an der Abzweigung von Radweg 11 dem 11er folge, anstatt auf der 1 zu bleiben (ich berichtete). In Städten merkt man schnell, dass man falsch ist, weil eben plötzlich keine Hinweise mehr zu finden sind.

Gestern ist der Regen schuld, dass ich unaufmerksam etwa 6 km Umweg radele. Ich sehe es gelassen. Auch das Wetter. Es ist, wie es ist. Da hilft kein Hadern. Zudem ist der Regen glücklicherweise lang anhaltend (!). Das erspart das ständige An und Aus der Neoprengamaschen und der Regenhose. Auch für die gefühlt mindestens vier Zweibrücker Kreuzberge, die ich im Hügelland überquere, bin ich dankbar. Berghoch fahren ist das beste Mittel gegen die Kälte. Kurz hinter Market Rasen zwingt mich der Walesby Hill in den ersten Gang. Querab vom Flugplatz Bimbrook führt der Radweg über einen Feldweg gut vier Kilometer weit. Ein Stück, an dem man prima wild zelten könnte. Stainton le Val, kurz zuvor, wäre die letzte Einkaufsmöglichkeit von Süden kommend (nur für den Fall).

Gegen Abend Sonne. Mister Kunstbübchen hat sich den Floh ins Ohr gesetzt, ein Bed and Breakfast zu finden, quert somit vom N1 ab Richtung Wootton, wo das Fragespiel in Pubs beginnt: Bieten Sie B&B, nein, wo bitteschön ist der nächste, da und da, so hangele ich mich etwa 12 Kilometer weit von voll belegtem B&B zu voll belegtem B&B, um schließlich – endlich – meiner Seele treu zu bleiben. In einem parkähnlichen Areal, halb so groß wie ein Fußballplatz, von Parkbänken umsäumt, Bäumen und Hecken, Vögelchen, Pi, Pa und Po, baue ich mein Zelt auf. Das Schild, das vor dem Eingang stand, wurde abgerissen. Vermutlich eine Hinweistafel, da sie stehpultartig montiert ist. Ich bin nicht sicher, ob es sich nicht doch um Privatbesitz handelt, aber bisher bleibe ich unbehelligt.

Das mit der Liebe wolltste doch noch …? Ach ja. Wie ich so über den Regen nachdenke – die Europenner kennen tausend verschiedene Worte für Regen – kommt mir der Vergleich zur unerfüllten Liebe in den Sinn. Dieses Regenschauerwetter mit Klamotten an, Klamotten aus, fühlt sich ungefähr so an, wie wenn man jemanden liebt, der sich nicht so richtig für einen entscheiden kann. Dieses ewige, nervenzermürbende Hin und Her, manche Menschen ertragen das ein Leben lang.

Wegen Akkuknappheit jage ich diesen Beitrag nun ungefiltert an die Homebase.

(„sanft gefiltert“, mit Link bestückt und gepostet von Sofasophia, die froh ist, dass wir beide nicht ständig die Regenklamotten an- und ausziehen müssen)

Tag 28 – die Strecke

Schon wieder wild. Klein, nicht groß geschrieben. Wild zelten, meine ich. Drei volle B&B und 12 km Umweg zwingen Irgendlink heute Nacht, schon wieder wild zu zelten. Akku ist noch ein bisschen da. 70%, so schreibt er.

In der Nähe von Wootton hat er das Zelt in einem Park aufgebaut und verbringt dort nun die Nacht, bevor er morgen die Humber Bridge überradelt (geht das überhaupt, fragt sich Sofasophia).

>>> Scothem – Wootton: zum heutigen Kartenausschnitt bitte hier klicken!

Herzliches Dankeschön, lieber Engelbert, für den charmanten Bilderklau :-) Dein neues Headerbild, Jürgens letzter Zeltplatz im Panorama, macht sich super auf deinem Blog!

Die Bilder zum Text

Kunst am Radweg (Draufklick für groß)

Gruselkuh, die macht Muh, Gruselkühe machen Mühe …

Die Kathedrale von Lincoln …

Wildzelten-Romantik: einsames Gehöft in der Nähe …

Heute Morgen: Rundumblick mit Zelt …

Thousand Miles Away From Home

Der Zeltabbau auf dem wasserbettähnlichen Campingplatz bei Four Gotes gerät zur Schlammschlacht. Trotz aller Vorsicht zertrampele ich mit jedem Schritt das feine englische Gras rings ums Zelt und sofort quillt hellbrauner Schlamm zwischen den Halmen hervor, legt sich auf die Schuhe. Unmöglich, das klatschnasse Zelt davor zu schützen. Mit einigen Gramm dieser klebrigen Substanz im Gepäck und ein paar Flecken an den Radlerkleidern und Händen rolle ich los.

Nordwärts auf einer fast schnurgeraden Straße B1192. Trocken. Das heißt kein Regen. Ganz normale pfälzische Frühlingswolkenschichten am Himmel. Zu Hause würde ich wagen zu behaupten, der Tag wird schön. Aber hier? Hinter Brothertoft gerate ich in eine Art Radlerrausch. Alles stimmt. Beine, Atem, perfekter Takt, Lance Armstromlinienförmiger Körper. Die Landschaft stimmt auch. Ich bin wieder fest im Sattel nach der gestrigen Depression, die ich zu 9/10tel auf das Kopfgebäude zurückführe, das ich errichtet habe. Die Kirche des Grauens im Innern ist es, die einen niedergeschlagen macht. Anhand der Wettervorhersage auf dem iPhone, von der ich weiß, dass sie nie stimmt, habe ich ein Fachwerk des schlechten Wetters errichtet und es mit Steinen gegenwärtigen Seins vermauert. Feines Häuschen, das mir suggeriert hat, du wirst bis Aberdeen, zwei Wochen, tausend Kilometer weit nur bei Regen und Sturm radeln. Aber das geht doch nicht.

Ein Typ, den ich vor 12 Jahren in der Nähe von Montpellier gesehen habe, kommt mir in den Sinn. Sein böser Blick, als ich ihm vorbeiradelnd einen guten Tag wünsche. Er war über und über mit Lehm verdreckt, so wie Stan und Oli in Dick und Doof als Fremdenleginäre, kleines Bündel auf dem Rücken. Es hatte geregnet, und alles, was in den Weinbergen übernachtet hatte, war mit Lehm bekleckert. Ich hatte damals das Glück gehabt, ein Stück Wiese zu finden.

So rolle ich auf Chapel Hill, im Meer der Erinnerungen badend. Lache innerlich über die vielen lustigen Namen, die einem hier begegnen. Hill. Tse. Damit kannst du einem Pfälzer nicht kommen. Gib mir einen Donnersberg und pack noch eine Kalmit drauf, Fischjakobesk leg die Totenkopfroute nach und einen Eschkopf, ha, ich bin übermütig. Chapel Hill sieht von Weitem so aus, als hätte jemand einen überdimensionalen Reißnagel in die Ebene gedrückt.

Kurz vor Woodhall Spa kommt die Sonne durch. Ein Wetter wie in der Pfalz. Also doch. Ich packe das verschmutzte nasse Zelt aus, hänge es über einen Gartenzaun und übers Fahrrad zum Trocknen, will mir gerade ein Bier aufmachen, da verbellen mich zwei Hunde vom Haus gegenüber. Eine weißhaarige Frau ruft mich herbei und wir schwätzen ein bisschen. Im winzigen, fischerhüttenähnlichen Häuschen kocht sie mir einen Kaffee, gibt mir selbst gebackene Pizza, Schokokuchen. Hilda hat viele Enkelkinder, die nach der Schule hungrig zu ihr kommen, und so hat sie ständig frisch gekochtes im Haus. Übers Leben und dass es besser sein könnte, aber nicht müsste; über die Langsamkeit, mit der wir ganz normalen Alltagsmenschen unsere Projekte voranbringen. Ihr Sohn macht Glasskulpturen, aber er ist kein Glasbläser. Sie macht eine Handbewegung, als würde er flüssiges Glas in Formen gießen. Und sie würden überlegen, einen kleinen Zeltplatz aufzumachen für die Radtouristen. Das Anwesen liegt direkt am N1. Und neu bauen. Und die Wirtschaftskrise. Einmal mehr kommt es mir so vor, als stünde jemand, als stünden viele ganz normale Leute, auch ich, wie Lemminge an einer steilen Klippe, und das was draußen in der hohen Wirtschaftswelt vor sich geht, wo Gelder verschoben werden, über das Schicksal tausender Ahnungsloser entschieden wird, geht uns zwar eigentlich nichts an, ist aber entscheidend, ob wir weiter am Klippenrand stehen dürfen oder springen.
Hilda und ich sind uns einig: das Leben ist schön.

Der Radweg auf der „Water Railway“ zwischen Boston und Lincoln wird ab Woodhall Spa einfach beautiful. Alle Meilen stehen Schilder, die die Geschichte des River Witham und der Gegend darstellen. Das harte Leben der Kanalbauer, die Landgewinnung, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts wirklich fruchtbar war, mit der Erfindung der dampfbetriebenen Pumpe. Das Land hat sich gut 6 Meter abgesenkt durch die Trockenlegung, so dass die Entwässerungskanäle über dem Niveau des Landes liegen. Auch vom Krieg wird erzählt. Die Gegend südlich von Lincoln war Englands Bomber-Land. Am Himmel donnern auch jetzt noch Jagdflieger.

In Lincoln führt doch glatt ein halber Zweibrücker Kreuzberg bis in Kathedralenviertel. Ich muss schieben, so steil kommt mir das ca. 300 Meter lange Stück Straße vor. Ruhe vor der wuchtigen Kathedrale. Es schlägt fünf. Ein Straßenmusiker mit weißem Anzug und roter Brille spielt nuja, so Bob Dylan-Songs und Flowerpower. Macht mich ganz melancholisch. Ich gebe ihm 70 Pee, nen knappen Euro. Sonst hat er nur Kupfer, auch in England das geringste, im Kasten. Aber er spielt dennoch voller Leidenschaft.

Heute will ich B&B, verlasse Lincoln Richtung Nettleham. Polizeiakademie dort. Schönes Dörfchen. Kilometer 1600 überschritten. Pi mal Daumen bin ich jetzt „Thousand Miles away from Home“. Da der Tageskilometerzähler sich sowieso bei 16-irgendwas auf null setzen würde, nulle ich ihn bei exakt 1600, um nicht durcheinander zu kommen.

In Scothem frage ich nach B&B. Fehlanzeige. Ein Dorf westlich aber gäbe es so etwas. First Class. Stur folge ich der N1 Richtung Market Rasen und verliebe mich in einen gemütlichen Platz an einem Public Footpath, unweit eines einsamen Gehöfts.

Nun ist es sonnig, windig, kühl. Ich werde heute Engelberts Tipps beherzigen, die er per Mail geschickt hat. Ich glaube, da ist etwas in Hull dabei. Nördlich der Humber Bridge.

(entfippthelert und gepostet von Sofasophia)