Kein Herz

Wie sich im vorigen Artikel schon ankündigte: der Zwischenakku, der mir als Starter für das marode iPhone diente, wurde auf dem verschlafenen vertrauenswürdigen Zeltplatz geklaut. Das hätte ich nicht erwartet. Zu spät wird mir klar, wie wichtig der Akku war. Er ließ sich per Fahrraddynamo laden. Und war nötig fürs Reanimieren des iPhones, welches sich bei halb leerem Akku während des Fotospeicherns in den Muss-geladen-werden-Modus setzt und nicht mehr anspringt ohne externe Spannungsquelle. Kurzum: es ist hier in der Einöde kaum noch als Fotomaschine zu nutzen.

Die seit 9:30 währende Suche nach Ersatz hat mich in einen schaukelnden Bus gebracht, der mich nach Inverness zum Retailpark bringt. Dort könnte es einen Zusatzakku geben, den ich, wenn zwar nicht per Dynamo ladbar, als Starter nutzen könnte.

Der Busfahrer fährt wie ein Henker. Die Scheiben beschlagen. Es ist eiskalt. Draußen diese Suppe. Und am Radel, das ich vollgepackt am Camping abgeschlossen habe, hängt leicht abnehmbar der Tacho. Achje. Weiter geht’s immer.

Herz weg

Irgendlinks Zwischenakku ist definitv (?) weg. Doof, schön doof sogar, kann er doch so unter Umständen, bis Ersatz gefunden wurde, nicht mehr so locker bloggen und fotografieren.

Er sucht nun in der näheren Umgebung, ob er etwas findet. Ich hoffe, dass ihm das Glück im Unglück, das vielzitierte, zu Hilfe eilt.

Mein Angebot, meinen Zwischenakku auf die Post zu bringen, hat er noch nicht angenommen. Nun heisst es Daumendrücken.

EDIT: Meine Internetrecherchen ergeben, dass Dingwall doch das eine oder andere an Technikshops zu bieten hat. So selten sind Ladegeräte ja nun auch nicht. Ich bin auf einmal wieder zuversichtlicher, Internetseidank :-) Gut zu wissen, dass sich Irgendlink meistens gut zu helfen weiß.

Herz

Erstmals sitze ich länger als ein paar Minuten vor dem leeren Bildschirm des Fons. Es fällt mir normalerweise leicht, einen Text zu schreiben. Es sei denn, ich bin abgelenkt. Das Hirn folgt eigenen, inneren, verqueren Wegen, die Sorgenspirale dreht sich. Über den Hafen von Lissabon wollte ich schreiben. Er ähnelt dem von Inverness wegen der hohen, schmalen, lauten, zerbrechlichen Autobahnbrücke, die darüber führt. In Lissabon über den Rio Tejo, in Inverness über den Beauly Firth bzw. den Moray Firth, jene fjordähnliche Meeresbucht, in die der Ness-Fluss mündet. Die Gegend um die beiden Häfen ist sich ähnlich: kahles Industriegebiet, in dem der Mensch mächtig Hand angelegt hat. In Lissabon habe ich einmal zwei Tage auf einem Schoner verbracht, nachdem ich den Kontinent durchtrampt hatte. Zusammen mit Freunden, die das Schiff nach Frankreich überführen sollten. Es ist nicht unmöglich, auf einem Schiff mitzutrampen. Das bestätigt mir ein holländischer Segler: „Die Finnen mit dem Holzboot hast du leider verpasst, ich glaube, die wollten nach Bergen. Wir segeln heute Nacht nach Holland“. Ich könnte die Tour abkürzen :-). Es gibt zwei Marinas, also Yachthäfen, in Inverness: einen bei der Brücke und den anderen beim Ausgang des kaledonischen Kanals, der vom Atlantik zur Nordsee via Loch Ness verläuft. Ich checke nur den einen, den unter der Kessock-Brücke, über die auch der N1 Radweg führt. Nachdem mir der Hafenmeister keine große Hoffnung macht auf Nordsee überquerende Yachten, es ist einfach noch zu früh im Jahr, radele ich auf dem N1 weiter Richtung Dingwall. Über weite Strecken entlang der A9. Die Kessockbrückenstrecke ist besonders schlimm, da der Radweg nur durch ein Stahlseil und einen Bordstein von der Fahrbahn getrennt ist. Man fährt direkt neben Schwerlast und die Winde des Transports mischen sich mit den Winden des Meeres zu willkürlichen Luftstrudeln, die dich hin und her blasen. Seit Inverness ist Mister Oberschlau Irgendlink auch im Besitz einer Campingplatzliste. Von ganz Schottland. In Evanton, etwa 4 Meilen hinter Dingwall ist der nächste eingezeichnet. Den peile ich an, oder ein B&B, in dem ich auch das Zelt trocknen kann. Die Wettervorhersage für Inverness prophezeiht Nieselregen den ganzen Tag und Starkregenschauer für Freitag. Zelt in Sonne trocknen wird also schwer. Was ist der Nasszeltverpacker doch so elend verdammt, am Abend wieder sein nasses Zelt aufzubauen …

Der N1 sieht eine Alternativstrecke vor, die über die Black Isle nach Cromarty führt, relativ verkehrsarm über Countryroads. Zwischen Cromarty und Nigg Ferry gibt es eine Fähre, die ab Ende Mai bei passendem Wetter über den Cromarty Firth setzt. Ich folge der Strecke direkt neben A9 und A835 bei gut radelbarem Nieselregen, checke spät auf dem Zeltplatz in Dingwall ein.

Ca. 20 Wohnmobile und ein paar Zelte. Hasen. Überall hoppeln Hasen und vor dem Toilettenhaus warnt ein Schild vor den Löchern, die sie auf den Stellplätzen hinterlassen. Sorglos stöpsele ich über Nacht meinen Zwischenakku im Badhaus ein, denn für die nächsten zwei Tage wird es wahrscheinlich schwierig, an Steckdosen zu kommen.
Jetzt ist das Ding weg. Und erst jetzt wird mir die Tragweite meiner Sorglosigkeit bewusst. Ich habe ein Bug behaftetes iPhone, das bei halbleerem Akku dazu neigt, sich einfach abzuschalten und erst wieder anzuspringen, wenn man es an eine externe Stromquelle klemmt. Sei die auch noch so schwach. Der Zwischenakku, über drei vier Kilometer geladen am Fahrraddynamo ist ein existenzielles Bestandteil dieses Onlineprojekts, wird mir bewusst. Es dürfen nun Wetten abgeschlossen werden, ab wieviel Uhr heute, das Fon offline geht und Herr Irgendlink verzweifelt in der schottischen Einsamkeit nach einer Steckdose sucht, an der er das Fon wieder starten kann, um damit das nächste 10-km-Streckenfoto zu machen.

Mehr noch: der Ärger über meine Unvorsicht, macht mich unkonzentriert, es mahlt die Gedankenmühle. Ich kann kaum den Einstieg finden in den Text, weil ich grübele, wie sich die Reise weiter entwickelt, und mir wird bewusst, wie immens wichtig das bisschen Strom ist, mit dem meine digitale Hightech-Schnittstelle ins WWW versorgt wird. Finde dich mit Verlusten ab und zwar für immer, schreibt Jack Kerouac.

Einige Szenarien entwickele ich:
– Der Akku wurde vom erbosten Platzwart gefunden und liegt nun in der Rezeption, in der ich bußfertig um 9 Uhr antanzen werde und mich entschuldige, dass ich versucht habe, Strom zu klauen. Das wäre mein Lieblingsszenario (drei Stunden Verlust-Abfinden).
– Dingwall hat einige Läden, in denen es vielleicht einen solchen Akku gibt.
– Ich bestelle einen im Internet und lasse ihn mir postlagernd nach Thurso oder John O‘ Groats schicken.
– Jemand schickt mir den Verkabelungsplan, mit dem man ein durchgeschnittenes iPhoneladekabel an ein durchgeschnittenes trapezförmiges Firewirekabel anschließen kann, so dass ich das iPhone direkt an den Gleichrichter anschließen kann. Utopisch. Das wird nie klappen …

Ich machs wie 1995 mit der Kunststraße: ich notiere akribisch in meiner Kladde, wann und wo ich die Fotos aufgenommen habe. Die Texte schreibe ich, wie vor einigen Tagen am Drumochter Pass mit Hand und fotografiere sie ab, wenn ich an einer Steckdose mit Internetzugang vorbei komme.

Oh Himmel, gib mir Wolkenbrücke, Nebel, Dauerfrost, aber gib mir mein Herz zurück. Noch anderthalb Stunden, bis die Rezeption öffnet.

Tag 44 – die Strecke

Nachdem Irgendlink in Inverness erfahren hat, dass so früh im Mai noch keine Schiffe und Fähren nach Norwegen verkehren, ist er weiter nordwärts geradelt und hat sich in Dingwall, auf dem dortigen Campingplatz, installiert. Noch immer regnet es, aber zum Glück nur ein bisschen. Hoffentlich halten sich die WettergöttInnen nicht an die Vorhersagen! :-)

>>> Moy bei Inverness – Dingwall: zum Kartenausschnitt von heute: bitte hier klicken!

Mann, der sich nicht frei kaufen kann

Elende Tristesse. Obschon die Gegend wunderschön ist. Die Strecke friedlich. Die Wenigen, die mir begegnen nett. „Es ist fünf Grad kälter, als normal“, klingen mir Neils tröstlich gemeinte Worte im Ohr. „In England hatten wir den regenreichsten April seit 75 Jahren“, klingt Klausbernds Kommentar vor ein paar Einträgen nach. „Rain keeps fallin, rain keeps fallin – down down down“, schallt David Bowie aus dem Radio des Waterfront Restaurants in Inverness. „Laa lallala laaa lalla la lalla lallaaa …“

Draußen steht das Rad. Gedankenflut. Jene Szene in Edinburgh, die ich noch gar nicht erwähnt habe, kommt mir in den Sinn: der Mann, der sich nicht frei kaufen kann. Wie ich in der Sonne sitze in der Nähe der Railwaystation, dürfte vor einer Woche gewesen sein, und die Touristen beobachte, die den Sackpfeifer auf seinem Denkmal im Minutentakt knipsen, schiebt sich der Mann, der sich nicht frei kaufen kann durchs Bild. Langsam von links nach rechts, von unten nach oben, vom Edinburgher Bahngraben in die Altstadt mit einem abgewetzten Rucksack auf den Schultern, grün und nicht wasserdicht und einer Plastiktüte in der Hand und weil es so kalt ist, trägt er alle Kleider, die er hat, auch die billige Kunststoffregenhose. Wie eine bunte Wurst sieht er darin aus und die Beine wetzen laut „ffpp ffpp ffpp“ und ich schon überlege, ihm ein Pfund zu schenken und er dennoch seines Weges geht, wie gerade ich meines Weges „sitze“ in dem bisschen Sonne, das wir kriegen können. Beide weit weg von Daheim, habe ich das Glück des monetären Fundaments. Wir leben in „ähnlichen Verhältnissen“, einer von uns beiden jedoch ohne Anker. Ffpp ffpp ffpp.

So schleppe ich das Bild mit mir herum, wie so viele Bilder, die ich noch nicht erzählt habe. Es gibt schlimme Dinge da draußen. Schlimme Menschen. Arme Menschen. So tell me Mr. Irgendlink, nennt dich die Bedienung im Waterfront nicht permanent Sir, tell me Mr. Irgendwer Sir da draußen, why are you so blessed?

Nahezu bayrisch folklorisch klingt die Musik im Waterfront zu Inverness. Versteh einer, wie sie von Bowie zu Quetschkommode im Dreivierteltakt wechseln kann, um sodann einen mystischen Art Of Noise-Schwenk zu machen. Die letzten kalten Kilometer seit meinem Wildzeltlager stecken mir in den Knochen. Ein Lied von Rio Reiser liegt mir im Ohr, in dem es heißt: „Die längst verlor’n geglaubten werden von den Toten auferstehen“ oder so ähnlich und ich kurbele vorbei an einem Grabhügel aus der Bronzezeit – 6000 Jahre alt – und frage mich, ob man damals schon weinte, mache einen gedanklichen Schlenker zu Rios Tod auf dem obersten Parkdeck der Frankfurter Messe.

War es 1996? Ich arbeitete für einen Juwelenhändler und sollte die neue Kollektion auf der Etepetete-Messe Ambiente aufbauen und just, als ich den Laster voller Silberschmuck auf dem Parkdeck ausladen wollte, fiel der Strom aus, so dass ich warten musste, bis der Lastenaufzug wieder Saft kriegt. Im Autoradio meldeten sie, Rio sei tot. Viel zu jung. Sie spielten König von Deutschland in einer 90er Jahre-Version und als ich den Sender wechselte, dudelte die Urversion mit Franz Josef Strauß. Und so kam es, dass für mich Rio auf dem geleckt sauberen Parkdeck der Frankfurter Ambiente-Messe sterben musste. Bei permanentem Nieselregen ist schwer zu entscheiden, warum die Augen feucht sind.

Kurz vor Inverness führt die Radstrecke 1 zusammen mit der 7 auf einem Trafficfree-Stück durch einen Park. Tolle Holzskulpturen zeigen Drachenfiguren und andere phantastische Skulpturen. Ich beschließe, die Sache gaaanz ruhig anzugehen, mich intuitiv durch die Stadt zu bewegen, aufs Herz zu hören, den Yachthafen anzupeilen, mich in einem Restaurant für eine Weile freizukaufen von der Garstigkeit der Natur. In der Touristeninfo lasse ich mir den Hafen erklären und checke, wie ich auch per Flug weiter komme. Ich habe tausend Möglichkeiten, kann von Inverness oder Sumburgh auf den Shetlands 2 Mal pro Woche nach Bergen fliegen. Der erste Flug ist am 16. Mai. Von Aberdeen und Edinburgh komme ich nach überall.

Freier Mann, was nun? Die aktuelle Wettervorhersage meldet Starkregenschauer für morgen, übermorgen wird es so wie jetzt und ab nächste Woche bissel besser. So drifte ich weiter durch die kalte, schöne Stadt bis ich auf der Nordseite des Ness-Flusses die Waterfront entdecke, in der ich, Geld sei Dank, einkehre, esse, mich aufwärme, diese Zeilen schreibe, und nebenbei das Fon auf 100% bringe.

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