Tag 56 – die Strecke

Irgendlink will morgen in Stavanger einen meiner fernen Verwandten treffen, der ihn zu sich und seiner Familie eingeladen hat.

Er hat sich für diese Nacht auf dem Skudenes Camping eingecheckt und von Ray bis auf weiteres verabschiedet, da dieser ebenfalls Besuche in Stavanger geplant hat.

Von dort hat er mir viele tolle Bilder geschickt, die ich – wenn wieder daheim – hochladen werde.

>>> Viksefjord – Skudenes Camping: Zum Link für die heutige Tagesstrecke: bitte hier klicken!

Full Croatian Breakfast

Liebes Tagebuch, stell Dir vor, heute Morgen gab es einen Clown zum Frühstück. Sein Name war August und er war unglaublich dumm. Kurz bevor ich ihn gefangen habe, hatte ihm ein anderer Clown eine Sahnetorte ins Gesicht gedrückt. Mann, war das lecker. Nur seine Schuhe habe ich nicht gegessen. Fast ein Yard lang. Ich habe die Latschen zu einem Kreuz geformt und sie am Wegrand aufgestellt. R.I.P. August!

Nun muss ich ständig lachen. Hab, wie man so schön sagt, den Schalk im Nacken. Die Gegend ist total zerklüftet und voller Felsen. Überall kleine Rinnsale, Wiesen. Die einspurige Straße schlängelt sich wie ein Wurm. Die Plitzwitzer Seenplatte ist nicht mehr weit. Ich radele nun auf Trogir zu. Schlimm ist, dass ich kein Wort Kroatisch kann. Und die Menschen an der lauen Adriaküste sprechen auch kein Englisch. Wir hatten heute über 20 Grad. Ich konnte im T-Shirt radeln. Wie zum Teufel ich von Norwegens Nordseeküste an die kroatische Adria komme, fragst Du, liebes Tagebuch? Daran sind nur die dusseligen Außerirdischen schuld. Die hatten mich gestern entführt und, Du kennst das sicher aus Filmen, alle möglichen abscheulichen Untersuchungen durchgeführt mit Sonden und Endoskopen, das volle Programm eben. Aber anstatt mich wieder in einem Kornkreis in Norwegen abzusetzen, haben sie mich nach Kroatien gebracht. Vermutlich haben sie irgendeinen armen Teufel, der eigentlich das Mittelmeer umrunden wollte, an die Nordsee gebracht. Typischer Montagspatzer. Dass die auch nie lernen, dass man montags keine Menschen entführt …

Stooooopp! Das habe ich soo nicht geplant. Dieser verflixte Montag, der wievielte ist heute eigentlich? Ah ja, Montag, der 21. Mai 3.999.997.988 vor Christus. Das Universum ist gerade Mal 13 Tage alt. Kochendheiß. Handballgroß. Dass sich aus dem hochdichten Plasma, das aus dem Nichts kam, einmal alles entwickeln wird, kann sich keine Sau vorstellen. Nur ich. Und was muss ich nun feststellen? Ein Bug! Die Lücke im System. Alles wird bestens laufen, da bin ich mir sicher. Sonnen und Sternensysteme werden sich in die noch leere Unendlichkeit ergießen, Planeten und Monde entstehen und vergehen im Laufe der Jahrmilliarden. Und auf einem intergalaktischen Furz namens Erde, auch blauer Planet genannt, wird irgendwann aus kochendheißen Proteinen die erste Zelle entstehen, Dinosaurier kommen und sterben aus. All die anderen Lebensformen, kambrische Explosion, pi pa po, das volle Programm. Neandertaler werden vom Homo Sapiens verdrängt, der sich schließlich in unglaublicher Ignoranz für die Krone der Schöpfung halten wird.

Bis dann dieser Kunstbub geboren wird, der sich Irgendlink nennen wird. Über zweitausend Jahre nach der Zeitrechnung wird er ums Meer radeln, so hab ich mir das jedenfalls vorgestellt, immer schön rechts rum um ein salzhaltiges Etwas namens Nordsee und er wird live darüber bloggen. Am 21. Mai 2012, so will es meine Vorsehung, soll er eine wunderschöne, zerklüftete, Gegend durchradeln voller grauer, grüner, schillernder Felsen mit Flechten, üppiger Natur und die Sonne soll ihm von morgens bis abends lachen. Damit er nicht alleine ist, lasse ich ihn mit einem anderen Typen, einem Schreibbuben aus Schottland, zusammen radeln. Sollen sie ruhig quatschen, wie sie wollen und sich am schönen Wetter freuen und später in ihren Liveblogs darüber berichten. Mann, was freue ich mich auf diesen Montag. Kanns kaum erwarten.

Von weißhaarigen Frauen soll berichtet werden, die mit benzingetriebenen Maschinchen den Rasen in ihrem Vorgarten mähen und ein eigenartiger Kerl soll vor Irgendlinks Augen aus seinem röhrenden Auto steigen, laute Musik, und er wird ein Tattoo auf dem Oberarm haben, das ein Gesicht zeigt, nämlich sein eigenes, und Irgendlink soll staunend unauffällig den Typen anstarren und sich wundern. Natürlich habe ich Akkuprobleme vorgesehen für meine Lieblingsschöpfung, die er aber lösen kann, indem er in dem Wartesaal bei der Fähre zwischen Langevåg und Buavåg lösen kann, indem er sein iPhone unter der Sitzbank einstöpselt. In dem Wartesaal wird es nach Putzmittel stinken und der Fußboden wird schmierig sein von der Seife. Irgendlink wird sich wundern und sich eine Geschichte ausdenken, in der eine Putzkolonne die Überreste eines Saufgelages beseitigen musste, die irgendwelche Jungs dort hinterlassen haben, Kotze und Urin meinetwegen, aber Himmel, diesen Außerirdischenkack, mit dem der werte Herr Liveschreibfuzzi seinen Tagesartikel beginnt, den hab ich nicht vorgesehen. Verdammt. Ich weiß nicht, woher der Kunstbub das hat. Die Außerirdischen wird es zwar geben irgendwann auf der Erde, aber erst 400 Jahre später, nach dem großen energetischen Kollaps. Faselt er etwas von einem Clown und Kroatien, tse. Ich fass es nicht.

Wenn der Typ so weiter macht, vergesse ich, wer ich bin!

Tag 55 – die Strecke

Heute sind Irgendlink und Ray gemeinsam südwärts geradelt – ziemlich im Zickzack, wie ich höre. 67 km seien es gewesen, ohne die Fähre durch den Bømlafjorden. Im Garten einer freundlichen Familie am Viksefjord haben sie nun ihre Zelte aufgebaut. Die Gegend sei einfach nur wunderbar. Und erst der Sonnenuntergang! Stundenlang.

Ray bloggt übrigens auch. Und er ist auch Künstler! (Link zu seinem Blog)

Meine Wetterkarten haben heute nur Sonne für jene Region angezeigt. Ich hoffe, sie sagen auch für die kommenden Tage die Wahrheit :-)

   

>>> Sadvåg bei Leirvik – Viksefjord: zum heutigen Kartenausschnitt bitte hier klicken! (Die Route stimmt nicht wirklich, da die beiden kreuz und quer gefahren sind … die Karte dient nur als Anhaltspunkt).

Tag 54 – Bilder

Meinst du mich? (Draufklick für groß)

Ganz schön platt …

Die Fähre durch die Björnafjorde …

 

Felsstruktur am Lagerplatz

Skelett

Eine gewisse Zeitspanne

Geschrieben nachts am Fjord – die rohe Basis eines Texts, der eigentlich velosophisch fleischlich sich um die Struktur ranken sollte.

Um etwas nachhaltig zu verändern im Leben, braucht es eine lange Zeit. Mindestens sechs Wochen, sagt mein Freund Journalist F. Ich glaube, wir hatten über Gewohnheiten geredet und wie sie sich, ähnlich wie ein Skelett, als Grundkonstruktion des eigenen Lebens etablieren, wie sie verkettet sind miteinander, und wie schwer es ist, sie zu verändern. Weil eben alles miteinander zusammenhängt. Eine gewisse Zeitspanne.

So lange wie auf dieser Reise, war ich noch nie alleine unterwegs.

Mein Lagerplatz auf einer großen Wiese unweit von Fana. Ich stelle fest, dass ich mir die Vorstellung von Stadt oder Dorf, die ich von zu Hause gewöhnt bin, hier gänzlich abgewöhnen muss. Es gibt keine erkennbare geschlossene Siedlung namens Fana. Überall in den zerklüfteten Wald und Wiesenregionen liegen einzelne Gehöfte. Ein Ortszentrum ist nicht auszumachen. Ohne Karten, die manchmal am Straßenrand auf großen Blechtafeln gemalt sind, Infopunkte, würde ich hier weder einen Laden, noch die Bank finden.

Kurz hinter der Kirche endet der Radweg Nummer 1, der seit Bergen teils auf einer alten bahntrasse, teils neben der Straße auf einem Extraweg geführt wird. Über eine serpentinöse 12% Steigung geht es kilometerweit berghoch. Der Fanaseter. Viele Rennradler, Hunderte, teils in Gruppen von 20-30, machen den Autofahrern an diesem Sonntag das Leben zur Hölle auf der schmalen Passstraße. Oben ein Heimatmuseum, das Gebäude aus den späten 1800er Jahren, verteilt im Wald, zeigt.

Weiter abwärts mit 50-60 km/h. Vorbei an einem Zisterzienserkloster, den Grundmauern des Lysseklosters. Die Sonntagstouristen machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle. Die Straße ist so schmal, dass keine zwei Autos aneinander vorbei passen. Selbst bei mäßigem Verkehr fühle ich mich relativ sicher, weil man hier nicht schnell fahren kann.

In Halhjem, südlich von Osøyro führt die E39, deren Verlauf der Radweg im Groben folgt, mit einer Fähre über den Björnafjord. Als Radler kann man einfach auffahren, zahlt an einem Kassenhäuschen an Bord. Auf Vertrauensbasis. Niemand kontrolliert. Die gut halbstündige Fahrt kosstet 55 Kronen. An einer Steckdose unter einem Tisch in der Cafeteria lade ich das iPhone.

Buntes Volk. Viele fummeln auf ihren Smartphones. Ein Mann mit schwarzen Fingern setzt sich zu mir. Radler? Ja. Ray aus Schottland, der heute seinen ersten Tag auf der Nordseerunde radelt. Von Edinburgh ist er mit dem Flieger nach Bergen gekommen, hat zwei Tage in der Herberge des YMCA verbracht. Wir radeln gemeinsam weiter. Er hat eine schlechte Radlerkarte, in der die Strecke des Nordseeradwegs als rote Linie eingezeichnet ist, ich habe eine Autokarte und den GPS-Track im iPhone. Der rettet uns die Strecke.

Die Beschilderung ist an entscheidenden Stellen manchmal nicht vorhanden. Ray hatte sich morgens schon auf eine Halbinsel verirrt, kilometerweit, stand plötzlich an einem Hafen. Ende der Straße.

Die Landschaft ist unbeschreiblich schön. Ein zerklüftetes Etwas, bestehend aus Felsen, die im Laufe des Tages die unterschiedlichsten Farbtöne annehmen, je nach Sonnenstand, Kiefernwälder, Fichten, Birken, wilde Bäche, Wasserfälle, als habe die Natur alle Schönheiten zu einem Carepaket geschnürt und noch einen Shuss Schönwetter draufgelegt.

Das Fahren zu zweit ist kompliziert. Ich merke, wie wichtig es ist für meine Fotografie, dass ich alleine bin, dass ich nach Belieben hemmungslos an jeder Stelle anhalten kann, an der ich etwas interessantes sehe. Sei es auch nur ein alter Traktor. Bei Km 3100 macht es, just, als ich den Auslöser betätige, einen lauten Knall. Der Vorderreifen hat sich verabschiedet. Offenbar habe ich den Schlauch eingeklemmt, nachdem ich ihn an der Tanke beim Flughafen wieder befüllt habe. Nicht auszudenken, wenn die Panne beim Abstieg vom Fanapass passiert wäre. Ersatzschlauch rein. Heute ist Pannentag. Schon am Morgen ist eine der angeblich unbrechbaren Zeltstangen gebrochen.

In der Nähe von Sagvåg finden wir einen prima Lagerplatz, wild in einem Strandbad am Digernessund.

Dieser Sonntag ist der erste Tag seit 7 Wochen ohne Regen. Sonne von morgens bis abends.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)