Tag 62 – die Strecke

Heute hat Jürgen einen unglaublich anstrengenden, doch auch wunderschönen Tag mit vielen Zweibrücker Kreuzbergen und Kalköfer Wegen gehabt.

“ … nun bin ich auf einem Holzlagerplatz. Kaum noch Lebensmittel. An einer Tanke konnte ich Milch kaufen. Ich bleibe wohl hier, weil unklar ist, wieviele Kalköfer Wege bis zum nächsten Camping noch kommen (nur 5 km). Mann, bin ich müde“, schreibt er um halb acht.

Mit seinen letzten Lebensmitteln hat er sich ein Abendessen gekocht und erschöpft schlafen gelegt.

>>> zwischen Flekkefjord und Farsund – Kalvehagen: zum heutigen Streckenabschnitt: bitte hier klicken!

Tag 61 – die Strecke

Eben erreichen mich die Koordinaten von Irgendlinks heutigem Wildzelt-Nachlager.

Wieder hat er einen wunderbaren Tag durch das wilde Land der Fjorde erlebt. Nun kocht er sich ein feines Essen und genießt den schönen Abend.

>>> Jøssingfjord, in der Nähe der Helleren-Fischerhütten – irgendwo zwischen Flekkefjord und Farsund in der Pampa: zum heutigen Kartenausschnitt: bitte hier klicken!

Das Ei

Vor der Reise habe ich versucht, mir vorzustellen, wie dieses live geschriebene Buch denn aussehen könnte. Wie ich Leserinnen und Leser dafür begeistern könnte und wie ich künstlich eine Struktur hinein bringen könnte. Drei Elemente hatte ich rein gedanklich im Gepäck: Richtungsphilosophie, die sich mit dem simplen Thema auseinandersetzen sollte, ob es eine Rolle spielt und wenn ja welche, in welche Richtung der bereiste Weg führt. Ressourcenphilosophie, die von der begrenzten Verfügbarkeit aller Güter und sonstiger wertgeschätzter Elemente dieser Erde handeln sollte. Als drittes regte Künstlerin M. an, ich könne etwas mitnehmen, es unterwegs abliefern und von unterwegs wieder etwas mitbringen. Keines der drei Jokerelemente spielt bisher eine tragende Rolle in diesem live geschriebenen velosophischen Buch. Stattdessen bieten mir die bereiste Strecke und die vielen kleinen Tagesbegebenheiten reichlich Nahrung für ein standhaftes Gerüst.

Frau Freihändig (kurz FF), hatte jedoch für unerwarteten Besuch in meiner Packtasche gesorgt, indem sie Klausbernd, den ich in seiner Heimat Cley in Norfolk kurz nach Ostern besuchte, in Berlin ein Päckchen in die Hand gedrückt hatte. Das Ei. Ich solle es nach Stavanger bringen, zu einem alten Freund, der dort als Ölprofessor an der Uni arbeitet.

Das Ei ist ein Reclambüchlein, das halb zerfleddert voller Notizen verschiedene Besitzer hatte. Auf der Douglas Adams‘schen Seite mit der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens findet sich folgendes Zitat:

„Hätten wir aber vergessen, dass wir von dort herkamen, […] wer wollte uns sagen, dass dieser Funke mehr wäre, als der letzte glühende Funke am Zündholz […]“

aus: Dada Berlin, Texte, Manifeste, Aktionen, Reclam

Hum?

Schleppe ich das Ding fast 2000 km per Radel durch England, Schottland, über die Orkneys und Shetlands und durch Fjordnorwegen bis zur Öl-Uni Stavanger. Paar Tage her. Vor dem Bauwerk, in dem meine Kontaktperson, Agent Udo, sein Büro hat, haben sich Streikposten aufgestellt. In Norwegen wird nämlich seit ein paar Tagen um mehr Geld gestreikt. Längst maile, skype und kommentiere ich mit der FF, im folgenden auch Miss Ponymany genannt, in mysteriöser Agentensprache. Nur so zum Spaß. Der Adler fliegt übers Nest, der Fuchs verlässt den Bau. Frage nach dem rosa Kaninchen und man wird dir antworten, wie lange habe ich diesen Tag herbei gesehnt.

Unsere feinen Spiele.

Die Uni liegt still. Das Institut für Petrogeologie ist auch so eine seltsame Ausblüte des Nordseeölbooms, der Stavanger vollpumpt mit Geld, mit Forschung, mit Wissen, mit internationaler Kultur. Ich frage mich, was wohl wird, wenn die Quellen einmal versiegen. Nicht nur mit Stavanger, mit uns, der ganzen Welt. Erinnere mich, dass ich als Kind während der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre sogar Angst hatte, dass ich kein Öl mehr kriege für meine Fahrradkette. Haha.

Egal. Auf dem Flur vor Udos Büro steht ein Modell einer Ölplattform. Man sieht die wuchtigen Füße, vier Stück, die aussehen, wie in die Erde gerammte Zeppeline. Technik und Kram aus Plastik – aus Öl! – obendrauf im Spielzeugeisenbahnformat. Zimmer 007 ist abgeschlossen. Unser Freund ist ausgeflogen, liebe Miss Ponymany. Der Kollege im Nachbarzimmer nimmt das Ei entgegen. Als ich ihn nach dem rosa Kaninchen frage, guckt er mich nur ungläubig an und sagt: „Ich wusste, dass eines Tages mal so ein Spinner durch die Tür kommt und diese Frage stellt.“

Dieser Blogbeitrag vernichtet sich in fünf Minuten selbst.

(sofasophiert von Sofasophia, autsch, heiß!)

Tag 61 – Bilder

Blick zum Vardefjell (vergrößern mit Draufklick)

Bei Åna-Sira. Kilometerweit abwärts sieht man die Spur blockierter Bremsen, was bei alten Traktoranhängern oft vorkommt, die nicht über eine Bremskraftregulierung verfügen. Unbeladen bergab blockieren dann die Räder.

 

Pfingstsonntagsclown

Nur so zum Spaß tippe ich diese Zeilen vor einer Pizzeria in Flekkefjord. Habe das Fon zum Laden an ein rotes Kabel gestöpselt, das in einem leer stehenden Pavillon am Hafen hängt. Sitze auf einer Mauer und höre den Männlein beim Männleinsein zu.

Pfingstsonntagsclown

Liebes Tagebuch, der Clown, den Miss Ponymany vor einigen Tagen geschickt hat, war sehr lecker. Auch er hieß August. Und er war sehr dumm.

Aus seinen Schlappen, die nicht besonders gut rochen, habe ich an der Straße 44 ein Kreuz gebaut. Eine herrliche Straße. Im Graben liegt dort alle 100 Meter eine Bierdose oder eine Plastikflasche. In Norwegen ist auf Dosen eine Krone Pfand und auf Flaschen zwei-fünfzig. Die Norweger müssen ein sehr reiches Volk sein, wenn sie auf diese Weise ihren Straßenrand schmücken. In Momenten, in denen ich mich unbeobachtet gefühlt habe, habe ich den Schmuck eingesammelt. Irgendwie muss ich ja durchkommen. Ich überlege, für eine Weile hier zu bleiben. Zum Beispiel an einem 27. Mai 2012 zwischen 12 und 14 Uhr auf der Landstraße zwischen Åla-Sira und Flekkefjord für etwa 4000 Jahre. Mann, dann wäre ich in Kürze Millionär.

Liebes Tagebuch, ich muss nun leider diesen Bericht beenden. Eigentlich wollte ich ja über das norwegische Männlein schreiben, das mit seinem tiefer gelegten Auto und dem röhrenden Auspuff und lauter Musik die prunkvoll geschmückte an sich potthässliche und widerwärtig stille Landschaft akustisch und olfaktorisch aufwertet. Aber dieser Bericht muss wohl warten, bis ich alle Lieder dieser modernen Helden mit den langen Schwänzen aus Schwedenstahl (auch Kirunaprügel genannt), mitsingen kann.

(entfippthelert und gepostet von Sofasophia)