Tag 80 – die Strecke

Bin vier Kilometer nördlich von Asaa und hab nen schönen Picknickplatz an der Landstraße gefunden mit sauberer Toilette und Sitzbänken. Ich bau mal auf. Gleich wird es regnen, schrieb Irgendlink kurz vor acht Uhr.

Die Regenwetteraussichten sind grad das einzige, was nicht so toll ist. Dänemarks Radwege bekommen 5 von 5 Sternen. Irgendlink ist hell begeistert. Bereits nähert er sich dem nördlichsten Punkt Dänemarks und dann geht es schon bald wieder südwärts.

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Kunstmaschine

Dieser uralte Ford! Graublau verblasst, zig Jahre alt steht er vor einer Landmaschinengarage in Bønnerup Strand. Der Vorderreifen ist platt, Scheinwerfer gesplittert, wie Falten im Gesicht eines Achtzigjährigen runzelt die Farbe. Rost, wohin man blickt. Die freiliegende Einspritzanlage nur notdürftig unter einem „Vordach“ aus Motorhaube geschützt, leckt. Wie viele Hektar Wiese mit ihm gemäht worden sind? Alte Traktoren haben keinen Kilometerzähler, sondern einen Fahrtstundenanzeiger, der ausschlaggebend ist, wie sehr das Ding genutzt wurde.

Ich mache die üblichen Hipstashots, längst hat mein Hirn eine Bildcollage vor Augen als künstlerisches Endprodukt. Yet another old fillingstation, schießt es mir in den Sinn und dass, wenn ich ein studierter, promovierter, diplomierter, jahrelang vor sich hin hündelnder Welpe an den Zitzen des Kunstmarkts wäre, ich meine Masche gefunden hätte. Das Produkt ist da. Du musst es nur noch verkaufen. Des Kaisers neue Kleider der feinen Künste. Es geht nur darum, den Leuten vorzumachen, dass das, was sie kriegen, auch etwas wert ist. Wertvoller Künstler, wertvolle Kunst.

Im Seckel kratzt ein 100 Kronenschein. Ich krame ihn hervor, streiche ihn glatt. Norwegische Kronen. Im Einkauf ist das Stück Papier vielleicht 2 Øre wert. Nur weil die Menschen es kollektiv mit Wert füllen, bringt es 100 Kronen. Des Kaisers neue Kleider des Bezahlsystems.

Auf der Fähre bei der Stadt mit U, deren Namen ich mir nicht merken kann, schlags nach, sie heißt Udbyhøj, habe ich zum Glück schon dänische Kronen im Seckel. Der Kassier mimt den Clown, scherzt mit allen Fahrgästen. (Er ahnt gar nicht, in welche Gefahr er sich begibt, in diesem Blog den Clown zu spielen :-)). Als ich ihm versehentlich 100 NOK gebe, lehnt er lachend ab. Nene, das ist hier nix wert, schelmt er und blickt zornig nach Norden. Zum Glück hab ich getauscht, sage ich. Davon (Dänische Kronen) wirst Du eine ganze Menge brauchen, jagt er mir Angst ein.

Während ich meine ersten Kilometer in Dänemark abspule, wird mir klar, wie real die Kunstmaschine ist. Jetzt schon – wie sieht das erst in 200 Jahren aus? Ich bin Teil des Konstrukts, das aus Fotoapparat, Smartphone und Fahrrad besteht. Würde eine der Komponenten fehlen, oder wäre ich nicht gesegnet mit der Gabe, meine Welt in Schrift und Fotografie zu skizzieren und dabei all die körperlichen Strapazen auszuhalten, würde die Kunstmaschine nicht funktionieren. Mein Freund QQlka kommt mir in den Sinn, wie er 2008 im technischen Museum in Berlin, vor einer Dampflok stehend, quer über die Köpfe einer schwäbischen Touristengruppe ruft: „Irgend, was ist die Mehrzahl von Dampflok?“, ich ihn schulterzuckend anstarre und er schreit „Darmpflöcke!“

Bin ich nur der Prototyp für eine neue Serie von Kunstgeneratoren? In meinem Phantasmus sause ich durch die unbeschreiblich schöne Gegend. Wälder im Wechsel mit Weideland, Sandstrände, weite, offene Kiefernschonungen, Gutshöfe, Reet gedeckte Häuschen. Unbefahrene Straßen. Perfekte Radwegbeschilderung seit sechzig Kilometern. Ich folge der Route 5. Die Kunstmaschine der Zukunft ist ein Mensch mit medizinisch technischen Veränderungen: direkter Zugriff auf das Auge zur Anfertigung von Fotos, die zusammen mit gedachten Textstücken verwandelt in Druckschrift, drahtlos in eine Serverwolke übertragen und publiziert werden. Eine phantstisch grobe Skizze entwerfe ich. Ein Blinzeln genügt und schon ist das Bild gemacht. So wie es die Kunstmaschine sieht. Der Harvester der feinen Künste. Von der Entwicklung der Dampfmaschine bis zum GPS gesteuerten Mähdrescher war es eine lange Zeit. Gemeinsam haben beide Geräte, dass sie einen Platz für einen Menschen bereit halten, der sie steuert.

Spätabends vorbei an einer riesigen Schweinemastanlage. Hier wohnt niemand. Das Ding stinkt. Es muss die Hölle sein, da drinnen. Geboren, gemästet, geschlachtet. Wie der moderne Konsument. Nur viel schlimmer. Viel ehrlicher? Vor der Halle stehen zwei Hundertzwanzigliter-Mülltonnen. Eine ist übervoll mit Ferkelkadavern, so dass der Deckel nicht mehr zu geht. Ich spare mir den Blick in die andere Tonne. Schrödingers Mülltonne. Oder Schrödingers Wutzekadaver, schießt es mir in den Sinn.

Ein Schnitzel hat für einen Vegetarier überhaupt keinen Wert. Somit ist der Beruf des Schweinemästers aus Sicht des Vegetariers absolute Zeitvergeudung. Genauso verhält es sich mit der Kunst. Sie hat als Produkt für viele Menschen, die sich von anderer geistiger Nahrung ernähren, keinen Wert und somit ist auch der Beruf des Künstlers wertlos.

Warum also willst Du eine Kunstmaschine bauen, lieber Irgendlink, die doch nur fabrikneuen Schrott produziert. Bau doch lieber eine Druckmaschine für norwegische Kronen in Dänemark.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Tag 79 – die Strecke

Außerhalb von Norup baue ich jetzt das Zelt auf. Recht kühl und kein Camping in Sicht. Schöner Platz. Hab wieder Langsamnetz, aber gut Akku, schreibt Irgendlink kurz vor acht.

Und als ich später skypte, war er schon fast eingeschlafen. :-) Kein Wunder, hat er doch schon vor dem Frühstück zwanzig Kilometer zurückgelegt … nach einer ziemlich kurzen Nacht am Grenaaer Hafen in einem kleinen Park unter freiem Himmel.

Wer sich über die Route wundert (nördlich statt westlich), sollte dazu wissen, dass Irgendlink auch in Dänemark der Nordseeküste entlang radeln will. Er fährt dazu zuerst nach Skagen und von da aus südwärts. :-)

Gute Nacht euch allen!

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Die Fünfzehnuhrfähre und andere Gespenster

Wie ausgestorben ist der Ponyhof. Nur ein Pferd, das ab und zu grummelt und mit den Hufen gegen die Stallwand trampelt. Seit halb sieben bin ich wach. Koche Kaffee auf dem Spirituskocher. Praktischerweise steht ein Stahltisch vor meinem Container. Eine junge Katze gesellt sich zu mir. Doch ein Lebewesen. Aber vom geschäftigen Treiben, das ich mir von einem Pferdestall erwarte, Viehtränke, Futter, ausmisten keine Spur.

So radele ich ohne Abschied weiter auf dem Ginsteleden bis nach Kungsbacka, formuliere in Gedanken eine Email an Nathalie, um auf diese Weise Tschüss zu sagen, irgendwann.

Das Fon ist bei moderaten fünfzig Prozent und die Mili fasst wieder Strom vom Nabendynamo. Für die nächste Livereise nehme ich mir vor, die Technik zu verbessern, den Ladeakku fest zu verlöten, wie im übrigen alles elektrische. Auch an der Liveblogtechnik doktore ich gedanklich herum. Letztlich müsste ich, oder jemand, der die Liveschreibe kommerziell gestalten möchte, die Jugend gewinnen. Kaufkräftige, willenlose KonsumentInnen zwischen 15 und 30. Und wie kriegt man die? Mit Onlinegames.

Schon 2001 habe ich mit Medienmanager Thilo, bei einigen Bieren zu viel, darüber gebrütet, wie man eine interaktive Livereise gestalten könnte. Die Sache ist simpel: Du musst zum lebenden Avatar werden, der von den lieben Kommentierenden ferngesteuert wird.

So phantasiere ich vor mich hin, verliere Höhe Åsa den Ginstleden und radele zwölf Kilometer Umweg. Hektik macht sich breit. Wann wohl die Fähre in Varberg ablegt? Ob es mehrere gibt pro Tag. Um nur „rechtzeitig“ zu kommen, trete ich ordentlich rein, habe ruckzuck fünfzig Kilometer auf dem Buckel. Schaue nicht so genau hin, weil ich ja in Gedanken schon die X-Uhr Fähre in Varberg besteige. Sowas hirnrissiges. Ich gehe von einem fiktiven Zeitplan aus, auf dem sich all meine Hektik, Anstrengung und Schweiß gründet. In Frilesås ziehe ich die Notbremse, nachdem ich den Zwölf-Kilometer-Unaufmerksamkeitsumweg gemacht habe. Welchem Gespenst jage ich hinterher? Das Denkmal der unbekannten Timetable. Ich meißele in Granit, baue einen Götzen aus Minuten. Ihm zu dienen trete ich mächtig rein.

Ich könnte auch einfach ins Netz gehen und nachschauen. Aber das würde meiner Schinderei jeglichen Zauber nehmen, mich gegebenenfalls noch mehr unter Druck setzen, wenn etwa die Fähre um 15 Uhr ablegt. Schon der Gedanke, dass sie vielleicht um 15 Uhr ablegen könnte, lässt mich ordentlich reintreten. Die Gegend ist flach. Nicht hässlich noch malerisch. Gegen Varberg dominieren mächtige Felsen in sanften Wiesen. Bei einem Dorf namens Li, gleich neben einem Weiler namens Tom, gibt es zig Hinkelsteine zwischen Koniferengewächsen, deren Name ich nicht kenne. Imposant. Nach fast achzig Kilometern erreiche ich Varberg. Gunillasberg nenne ich die Stadt nach meiner Freundin, Kunstsammlerin, Mäzenin Gunilla, die hier geboren ist. Von Anfang an war klar, dass ich eine Varberg-Bildtafel ihr zu Ehren gestalte. Selbst wenn ich deshalb die imaginäre 15 Uhr-Fähre verpasse.

15:00 endlich da. Der Grenaa-Kai ist verwaist. Nur ein Auto mit Wohnanhänger deutet darauf hin, dass heute vielleicht noch was geht. Die Timetable sagt, dass montags bis freitags täglich zwei Fähren fahren: eine um 8:50, utopisch pervers früh. Die andere um 19:45. Das Paar im Wohnwagen bestätigt das. Puuh, genug Zeit, Gunillaberg zu erkunden.

Zunächst lade ich in einem Café den iPhoneakku, trinke Kaffee und esse Riesenschokokuss. Kaffee darf ich nachschenken ohne zu zahlen. Das ist so in Schweden. In Norwegen gibts den zweiten nur billiger. Anyway.

Stunde später kreuz und quer durch die Stadt und auf der Hauptstraße scheint sich etwas anzubahnen. Männlein in Amischlitten flanieren. Auch erwachsene Kerle mit Asterixbart. Versteh einer diese Volk. An der Straße warten etliche hundert Menschen, vielleicht tausend? Worauf. Wummern. Am Ende der Straße ein Polizeiauto, gefolgt von einer Kolonne aus Trucks, Oldtimern und Traktoren mit Anhängern. Techno. Loveparade? Fasnacht?

Schulaus. Die örtliche Uni spuckt ihre AbsolventInnen aus. Jubelnd mit Schuluniformen und weißen Mützen auf ihren Trucks, die behängt sind mit selbstgeschriebenen Bannern, die ich nicht verstehe. Faszinierend wird das Spektakel, wenn man sich in den Stadtkern begibt. Der Korso fährt im Rechteck um die Quadraturen, so dass man an einem Punkt zwischen den akustischen Schneisen, die sich automatisch bilden, aus verschiedenen Richtungen von verschiedenen Musiken beschallt wird. Fast wie in diesen Vampirfilmen, in denen das dunkle Gemach der scheußlichen Kreatur von Kugeln zersiebt wird und plötzlich aus allen Richtungen Lichtstrahlen eindringen, das Böse verbrennt. Ich muss an Whitby denken, Bram Stoker Stadt, das ich just am Wochenende des Frühlingstreffens der europäischen Gothicszene durchradelt habe. Ich bin ein Vampir, zerschossen von den höchst wirksamen akustischen Strahlen der schwedisch zivilisierten Welt.

Gegen 18 Uhr legt sich der Spuk. Nur noch Amischlitten voller Schulabgänger kurven durch die Stadt. Und ein einzelner kleiner Polo, der die Bässe elend aufgedreht hat, erstaunlicherweise aber an der Bahnschranke, an der er neben mir wartet, für kurze Zeit die Musik ausstellt.

Ich buche die Fähre im Büro am Hafen, erschrecke beim Preis: 525 SEK. Durch 8 gleich Euro die Frau am Schalter sieht mein blasses Gesicht. Billiger wirds nur, wenn ich vorab im Netz buche, ähm, gebucht hätte. Aber, fügt sie hinzu, sie lasse mir die Gebühr nach von 150 SEK.

Ich setze sie unbekannterweise auf die Liste der SponsorInnen des Herzens.

Nun bin ich mit fast nur Truckern an Bord. Bärbeißige Typen mit Unterbiss, karikaturenhaft, Jogginghosen, Adiletten, Kulturbeutel und Handtuch, kehlige Witze, solche Bäuche. Habe beim Buffet die Softeismaschine entdeckt. Das ist das Paradies. Ich darf das Ding selbst bedienen, könnte mich mit offenem Mund darunter legen …

0:00 solls in Grenaa an Land gehen. Keine Ahnung, wo ich dann zelten werde.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Das graue Band, das niemals endet …

Und schon wieder zwei neue Kunststraßen-Collagen! Sechzehn Kunststraßenbilder, wie er sie immer im 10km-Takt fotografiert, hat Irgendlink hier zu Collagen montiert.

Draufklicken für groß und dann nochmals draufklicken für sehr groß, doch das wisst ihr längst?

Km 4160 – Km 4310
Km 4320 – Km 4470