Tag 92 – die Strecke

Klatschnass in Meldorf, schreibt Irgendlink um neunzehn Uhr. Ohjemine, denke ich. Und: Das könnte ein Filmtitel sein!

Sind im Zug nach Itzehoe. Stefan holt uns vom Bahnhof ab, lese ich um viertel nach acht.

Kaum zu glauben, dass es woanders so regnet kann, wo wir hier und heute an der Sonne fast geschmolzen sind. :-)

>>> Tating – Itzehoe: zum heutigen Kartenausschnitt (inkl. Eisenbahn): bitte hier klicken!

The Eiderdaus Eider Nordwand Witzwort Ouh

Nordstrand ist tatsächlich größer geworden, seit ich 1992 hier campiert hatte. Nördlich des Fahrdamms ist ein riesiges Naturschutzgebiet „gewonnen“ worden, als man bei Deicherneuerungsarbeiten einfach die Abkürzung Richtung Hamburger Hallig genommen hatte, anstatt kurvenreich den alten Deich zu sanieren, erklärt mir Campingplatzbesitzer Paulsen. Vor einer Landkarte stehen wir und reden über die Gegend. Wieder einmal wird mir klar, wie flexibel das Spiel zwischen Mensch und Natur ist. Ich muss an die Überreste der alten Eselspfade im Jossefjord denken, die sich fragmentarisch, mit maroden Seilen markiert an den Steilwänden erhalten hatten; an all die Pyrenäen- und Alpenstraßen, die ich erradelt habe. In den Tälern sieht man eine vertikale Projektion menschlichen Ringens mit der Natur, hier im Flachland sieht man es in der Regel nur von oben. Es sei denn, der Mensch setzt Denkmäler. Oft sieht man Hochwassermarken an Häusern, kleine Striche mit Datum. In Husum, welches Ray und ich gegen 14 Uhr erreichen, hat man vor einem Museum mit einer Sonderausstellung zum Deichbau eine blaue Linie gemalt, die den Wasserstand zur Sturmflut, ich glaube von 1962, markiert. Zwei Meter hoch bis in den ersten Stock. Letzten Endes werden wir verlieren, denke ich und das Meer gewinnt. Das Meer ist einfach mehr, scherze ich, Wind auf zwei Uhr, keuchend durch die nicht sehr schöne Gegend raus aus Husum.

Sechseinhalb Kilometer später steht das erste „üwerzwerche“ Radwegeschild Deutschlands. Schräg zeigt es über einen Deich, auf dem eine Straße verläuft, in ein Privatgelände. Die Trasse durchquert den Hof und mündet in ein fünfzig Zentimeter breites Stück Pflasterweg, gesäumt von hohem Gras. Dem Deutschen fehlt offenbar das Grasmäh-Gen, das den Dänen allsommerlich hinter die Rasenmäher zwingt. Eine Simulation von Urwald, Orientierungslosigkeit. Hinter einer Hecke duckt sich ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Witzwort“. Laut Karte liegt dieses Dorf fünf Kilometer abseits der Nordseeroute. Aus Mangel an Alternativen folgen wir dem Pfad, stoßen immer wieder auf Witzwort-Hinweisschilder, so dass ich Ray von meinen Verkehrsministern erzähle, denen ich auf flapsige Weise allen Bockmist anhänge, den die Kollegen Radwegebauer in den jeweiligen Ländern verzappt habe. Von einer Dynastie aus tollpatschigen Typen erzähle ich, deren Stammbaum sich zurück verfolgen lässt bis zu Marco Polo oder Odysseus – in Schweden habe ich den Verkehrsminister glaube ich Björn K. getauft, in Norwegen war es Sverre K. Die dänische Verkerhsministerin heißt Ulla K. Sie ist die einzig Helle in der Familie. Sie hat ihre Aufgabe gut gemacht. Bei den dänischen Radwegen gibt es nichts zu beanstanden, sind wir uns einig.

Nun Deutschland. Der Nordseeküstenradweg ist okay. Die Beschilderung könnte besser sein, insbesondere in den Städten. Witzwort vier Kilometer. Der deutsche Verkehrsminister heißt Dr. Karl Theodor August zu K., skizziere ich am offenen Herzen der flapsig erradelten Liveliteratur. Wir passieren schon wieder ein Witzwort-Schild, was mich auf die Idee bringt, eine Geschichte zu schreiben, in der der kleine, naseweise, K. T. August zu K., kaum des Namenschreibens mächtig, von einem schmeichelnden bösen Onkel überredet wird, seinen Namen unter ein Dokument zu setzen, alleine mit der Verlockung, na, mein Kleiner, kannst Du denn schon deinen Namen schreiben? Das Dokument ist nichts anderes, als die Bestellung für 666 Witzwort-Fahrradweg-Hinweisschilder. Machen wir uns nichts vor, Witzwort ist ein Kaff wie jedes andere in Deutschland. Nur ein naives Kind würde 666 Fahrradweg-Hinweisschilder kaufen, die auf ein Dorf mit vielleicht 500 Einwohnern hinweisen.

Kilometerweit radeln wir durch die Wiesen auf einem geklinkerten Pfad und finden nur Witzwort-Schilder, bis zu einer Kreuzung vor Uelvesbüll, wo der Herr Dr. sich erbarmt und ein einzelnes, verlorenes Nordseeküstenradwegschild aufgestellt hat. Kurz hinter Uelvesbüll stehen wir wieder im Nichts, fragen zwei Rentner, die gerade vorbei kommen, nach dem Radweg. Sie zucken die Schultern, schauen vor, zurück, rechts, links, kratzen sich am Kopf und zeigen Richtung Osten: Da fahren sie am besten die Straße runter, dann rechts nach Witzwort … Neeeeeiiiiin! Obwohl es im Flachland kein Echo gibt, hat ein imaginärer Toningenieur in diesen live geschriebenen Blogartikel ein gellendes Neeeeiiiin! eingebastelt.

K.T. August zu K. ist nun schlachtreif. Schnell skizziere ich vor Ray ein Szenario, in dem der deutsche Zweig der Familie K. sich im Krieg 1870-1871 in Frankreich das „zu“ im Namen verdient hatte, indem der alte Unteroffizier Ferdinand K., nur bewaffnet mit einem rostigen Bajonett, eine Kompanie Franzosen festgenommen hat. Vom Kaiser höchstpersönlich wurde der Kriegsheld ausgezeichnet und ein zweites T im Nachnamen hat er sich auch verdient.

Ray schaut mich fassungslos an, so als radele er neben einem Spinner, der ihm phantastische Lügengeschichten erzählt. Macht er ja auch. Wie heißt der schottische Verkehrsminister, fragt er. Den gibt es leider nicht. Die Idee mit den Verkehrsministern kam mir erst, als ich mich in Norwegen und Schweden über die miserable Radwegbeschilderung geärgert habe.
Hach, die Tücken der Liveliteratur. Wenn ich an einem „echten“ Buch arbeiten würde, könnte ich jetzt prima noch eine Maggie K. für England erfinden, eine toughe, unnahbare Lady, die ein strenges Konzept durchsetzt, das zwar das Land in den Ruin treibt, aber wenigstens einen perfekt beschilderten Radweg hervorbringt, die Nummer 1, das Aushängeschild. Den Schotten würde ich Willie nennen und er hätte einen Bart. Frankreich ganz klar Francois, in Belgien und Luxemburg bin ich noch unschlüssig, aber hey, so ist das nun Mal, ich kann nicht an dieser Stelle des Buchs einfach zurückgehen, und wild irgendwelche Lügengeschichten einflicken.

Kannst du nicht?, fragt Ray.
Der Wind trägt unser beider Gedanken davon, während wir nach Westen radeln, hinaus auf die Halbinsel Eidersted.

Ich kann nicht erklären warum, aber aus einer eher mäßig betrachtenswerten Gegend voller Wiesen, Getreide- und Maisfelder, die von Deichen durchzogen sind, wird mit einem Mal ein wahres Wunderland, dessen Friede sich auf die Seele legt. Ich muss an Kommentatorin Szintilla denken, die geschrieben hat, dass das ihre Wahlheimat war für lange Jahre. Ist es diese Nuance anders, dieser knapp ein Meter hohe Hügel dort links, kurz vor Garding, der es ausmacht, dass plötzlich alles wunderschön ist?

Irgendwo nördlich liegt Augustenkoog. Die Wiege der Clowns? Weiter südlich liegt ein Ort namens Welt. Ha. Wenn man sich sputet, kann man in ein paar Stunden Welt umrunden, einfach dem Radweg Richtung Sankt Peter-Ording folgen, ein bisschen in der größten Sandkiste der Welt, so heißt es im Touristenprospekt, spielen, dann auf der Südseite des Eidersted zurück, vorbei am Katinger Watt (vermutlich den Schildern Richtung Witzwort folgen).

In Garding um 19 Uhr ein Zwischenstopp, bisschen Fotografieren. Vielleicht kriege ich ja eine Szintilla-Bildtafel zusammen. Was schwer ist. Das Flachland hat, rein fotografisch gesehen, seine Tücken. Also zieht es mich automatisch dorthin, wo es Vertikales gibt. Häuser, Kirchen, Denkmäler. Garding wird saniert. Baumaschinen, Kopfsteinpflaster, aufgerissene Straßen. Abendstille. Tolle Türen und Hausnummern haben sie, und der strenge Mommsen starrt von seinem Sockel. Neunzehnhundertnochwas hat er den Literaturnobelpreis gekriegt, lerne ich. Ob es damals leichter war, den Preis zu erhalten, als heute? Wie lange es wohl dauert, bis ein Blogger, eine Bloggerin den Literaturnobelpreis erhält? Ich stell mich mal an.

Tag 91 – die Strecke

Weil alles immer ein bisschen anders kommt, als geplant, sind Irgendlink und Ray nun unterwegs zum Campingplatz Martendorf/Olsdorf in St. Peter-Ording.

Das wichtigste beim Reisen sei es, sich immer auf den Augenblick einzulassen, sagte Irgendlink vor Jahren als wir durch Nordspanien und Südfrankreich fuhren und einen Campingplatz für die Nacht suchten. Ein Satz, der mir dieser Tage immer wieder einfällt. Weil Irgendlink ihn lebt, täglich, stündlich.

>>> Camping Süderhafen, Nordstrand – Campingpark Olsdorf, St.Peter-Ording: zum Kartenausschnitt: bitte hier klicken!

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Deutschland

Am 29ten März habe ich das Land verlassen. Ganz unspektakulär überquere ich die dänisch-deutsche Grenze 23. Juni abends. Ein Sonntag. Fähnchen, gelbes Ortsschild, Ä, Ö und Ü, scharfes S. Mitten auf dem Radweg liegt ein Hundehaufen. Der rote Teppich des kleinen Mannes. Ich lache über diesen Witz kilometerweit.

Montagmorgen in Neukirchen spüre ich den Takt. Müllabfuhr leert die Container – ist es nur Einbildung, oder sitzt das Korsett des Lohnerwerbs hier tatsächlich fester als in all den anderen Ländern? Das wievielte Land durchquere ich eigentlich auf meiner Reise? Frankreich, Luxemburg, Belgien, wieder Frankreich, England, Schottland, Norwegen, Schweden, Dänemark … Puuuh. Ich habe mein Leben so extrem in die Gegenwart verlegt, dass ich mich kaum noch erinnern kann an früher. Trübwetter. An einer Scheune steht in großen Buchstaben: VERLEUMDUNG. An der Bushaltestelle vor einer Schule haben Kinder gekritzelt: Wir wollen unsere Rechte zurück. Eine Lea vereint in einem Herzchen mit Mike, Fredi ist schwul und Lisa schreibt: Ich war hier.

Die Menschen! Der Kassier im Supermarkt, den ich frage, warum sie sonntags aufhaben, sagt, dass es eine Ausnahmeregelung ist im Grenzland, und dass weiter unten, in Niebüll die Kurortregelung gilt, und dass dort die Läden auch offen sind. Wir haben nur vier Tage im Jahr zu, und an denen sind wir besoffen.

In den Ritzen des Alltags erlebe ich meine Landsleute. Eine Frau packt die Kinder ins Auto, während ich unter einer schrägen Weide einen Regenschauer abwarte, mit Engelbert telefoniere, der in seinem Blog vor einigen Wochen schon umgefragt hatte, wer denn von seinen LeserInnen am Meer wohnt, und wer mich treffen wolle. Er verrät mir die nächsten Orte: Husum, Sankt Michaelisdonn. Dort kann ich Menschen kontaktieren. Ich schreibe ihnen Emails. In Dagebüll, dem Inselhafen, der Amrum und Föhr bedient, treffe ich Ray wieder. Barsche Imbissbesitzerin. Die Leute sprechen uns reihenweise an, vollbepackt wie wir sind, wir zwei Exoten. Bei dem Sauwetter fährt sonst niemand Rad. Kilometerweit am Deich entlang. Durch Schafsland. Sehr schön. Ich spiele eine Weile mit dem Gedanken, dass die Schafshaufen auf der durchwegs geteerten Strecke eigentlich eine Botschaft sind, dass man den Weg als eine Art Lochstreifen sehen muss. Beschließe, mich Penn Drown zu nennen und einen Bestseller zu schreiben mit dem Titel der Da Sheepy Kot.

Die Vögel fliegen im Slalom um uns Fremdkörper, scharwenzeln im Wind, bleiben manchmal sekundenlang in der Luft stehen. Flut läuft ein. Nieselregen. Ein kleines, schwarzes Schaf liegt im Windschatten eines aufgedunsenen, toten Schafes, das die Beine von sich streckt. Mir wird klar, dass es pure Statistik ist. Dass der Tod immer da ist, mitten unter uns, und dass man ihn nur sieht, wenn eine Art überkritische Masse an Lebenden erreicht ist, dass in den großen Städten immer irgendwo eine Sirene heult, wenn etwas Schlimmes passiert ist, und dass hier im Schafsland immer irgendwo ein totes Schaf liegt, dem die Möwen die Augen aushacken. Weitere tote Schafe. Meine ungenaue Statistik berechnet einen Kadaver pro fünf Kilometer. Wie Schiffswracks liegen sie auf dem Deich und der Wind zaust in der Wolle. Vorbei an der Hamburger Hallig geht es bis nach Nordstrand, wo ich 1992 auf dem Weg nach Island campiert hatte. Die Insel scheint größer geworden zu sein. In meiner Erinnerung gab es vor zwanzig Jahren nur einen schmalen Damm mit Straße, auf dem man von Osten auf die Insel fahren konnte. Nun radeln wir streng zwischen Meer und Deich zehn Kilometer nördlich des Damms, den ich damals benutzt hatte. Schafe blöken, von Wellen eingeschlossen. An einem Haus Nummer 4 klopfe ich und sage Bescheid wegen der Tiere. Damit sie den Nachbarn verständigen. Die Frau bemitleidet uns wegen des Wetters und sie würde uns ja ihre Gartenlaube anbieten, aber es gebe keine Toilette, und deshalb schickt sie uns zum Campingplatz nach Süderhafen. Im Notfall können wir dennoch bei ihr klingeln. Sie schenkt uns ein Päckchen Nudeln, da die Läden auf der Insel um 18 Uhr schließen.

Die Dörfer heißen witzig: Oben und Westen. Mit dem Wind unterwegs auf der Straße zwischen Norderhafen und Süderhafen. Zehn Kilometer kein Problem. In einer Bäckerei treffen wir auf eine mürrische Frau, die uns zwei Kaffee to Go verkauft und ein Brot. Sie habe eigentlich schon geschlossen, nur vergessen die Türe zu zu machen. Direkt gegenüber der alten Mühle in Süderhafen liegt der kleine Campingplatz. Sieht aus, als böte er nur Platz für vier Wohnwägen, Herr Paulsen tritt aus der Tür, begrüßt uns herzlich. Wie Licht und Schatten sind die Menschen hier im Norden. Die einen mürrisch, als habe man sie gerade geweckt, die andern voller Wärme. Verschmitzt führt uns Herr Paulsen ums Haus runter zum Deich, ich hab das was für euch, etwas ganz besonderes, quartiert uns im Festzelt ein, das seit dem Mittsommerfest letzten Samstag hier steht. Wir werden in die kleine Campingfamilie integriert. Nachbars Kinder, Niklas und Benny, schauen beim Zeltaufbau zu, stellen Fragen zum Rad, zur Ausrüstung. Im Männerklo hängt ein Schild über dem Urinal: Der Schiffer hat darauf zu achten, dass das Ruder in der Fahrrinne bleibt. Wie bitteschön soll ich das für Ray übersetzen?

Abends lese ich im Aufenthaltsraum die Kommentare zum vorigen Beitrag. Wow, wow, wow. ich bin begeistert und freue mich einmal mehr über die wunderbare Eigendynamik, die dieses Blogexperiment entwickelt. Man bietet mir ein Bierchen an, schon ganz spät, und so lande ich bei Jutta und Carsten im Vorzelt. Deutsch reden. Hab ich auch vermisst, merke ich im Nachhinein. Scherzen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, auf einer Wellenlänge liegen.

Wir reden über Schottland, Tauschbörse der Abenteuer, das Wetter, den Sommer, Fußball, herrlich, all das, was das Daheimsein ausmacht. Ich spüre, wie ich langsam zurückkehre.

Mit Karen und Carsten habe ich in Sankt Michaelisdonn ein Treffen vereinbart und Kommantator Stefan in Itzehoe freut sich schon auf unseren Besuch am Abend. Nun, die Karte lesend, bin ich am Zweifeln, ob das so hinhaut mit den Terminen. Ich muss mir das Planen im Alltag erst wieder angewöhnen. Das Wetter: übel. Wenn der Wind dreht, klappt es noch nichtmal mit Sankt Michaelisdonn. That’s Rad.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Tag 90 – Bilder

Heute haben wir den Sechser mit Zusatzzahl: Bilder, Texte, Kommentare in kaum zu überbietender Fülle. Mich freut’s … Danke, lieber Irgendlink!

Die Bilder Ins Watt und die Schmalspurbahn findet ihr groß auf pixartix_dAS bilderblog. Ein Besuch dort lohnt sich immer wieder … >>> Einfach auf die Bilder klicken, um sie in groß zu sehen!

    

Ray im Wind

Fahrradverleih auf Nordstrand