Côte du Huhn 2012

Der 2012er Côte du Huhn ist vollmundig im Abgang und verspricht ein fulminantes Finale. Bei impérialem Verzehr hinterlässt er einen fuchsigen Geschmack, vorausgesetzt, man hat ihn beim Öffnen fachgerecht degorgiert.

Jeder Önologe weiß: das ist ha(h)nebüchener Unsinn! Da ist wieder so ein Künstler, der nichts besseres zu tun hat, als den heimischen Hühnerstall zu misten. Mit Schubkarren und Schippe rückt er dem düstren Federviehdomizil zu Leibe. Und denkt. Maaann, Mann, Mann, hast ja schon lange nix mehr gebloggt, Alter. Seit du die Zielstrebigkeit eingebüßt hast und dich auf der verfluchten Ebene des Alltags aufhältst, ist nix mehr los mit dir. Üüüberhaupt nix. Das Blog ist verwaist. Zu langsames Voranschreiten. Keine Entwicklung. Worüber soll man auch schreiben, wenn man daheim hockt und sich nach und nach fett frisst? Nach so einer langen Radtour ums Meer kann eigentlich nix mehr kommen. Katze? Mach‘ Katzenblog, das verkauft sich. Faul liegt das Vieh im Blumenbeet. An der wärmsten Stelle des Gartens genießt es die letzten Sonnenstrahlen des Sommers. Es ist herrlich. Wind, der in den Pappeln rauscht. Die erforenen Apfelbäume tragen keine Früchte in diesem Jahr. Der Garten wuchert wie bekloppt. Einen Schubkarren voller Mist nach dem anderen lade ich, schiebe ihn über Stock und Stein bis hinter die meterhohen Dillpflanzen, schichte Hügel besten Dungs vor einer Wand aus Topinambur. Während der PC die 49 Gigabyte Fotos vom iPhone kopiert. Mal wieder bloggen, hä? Hä? stichelt morgens am Telefon die SoSo. Ich bin abgehalftert, müde und leer, sage ich, der letzte Beitrag ist im Entwurfstadium hängen geblieben. Zu viele Ungereimtheiten, zu brisantes Material. Ich habe keine Eile. Insgeheim finde ich mich damit ab, dass dieses Blog am blumigsten läuft, wenn der Künstler unterwegs ist. Was Künstler in Bewegung können, können nur Künstler in Bewegung, wusste schon die Frisörinnung.

Es dürfte nicht hinreichend bekannt sein, dass man mit Hühnerstall-Ausmist-Blogeinträgen ein Millionenpublikum erreichen kann, phantasiere ich, als ich unter dem dreißigjährigen Nussbaum vor dem Hühnerstall eine Kaffeepause mache. Ich lehne am Hackklotz vor der Lagerfeuerstelle und plötzlich ist das Wort da. DER Titel: Côte du Huhn 2012. Qualitätswein QBA DOC, Grand Cru extraordinär Cuvée, vollmundig im Geschmack und leicht im Abgang. Ha!

Derweil ich Schubkarren um Schubkarren aus dem Stall schiebe, beobachte ich die Hühner, wie sie im eigenen Kot scharren und es ihnen eine helle Freude zu sein scheint, das eine oder andere verschmierte Weizenkorn aus der Scheiße zu picken. Bä! Ich habe auch einmal beobachtet, wie sie gegen Dunkelheit eine Maus gestellt hatten in ihrem Stall. Ein Huhn hat das Tierchen am Schwanz gepackt und die anderen Hühner haben versucht, es ihm abzujagen. Was für eine wilde Verfolgungsjagd. Am Ende haben sie das unschuldige Mäuslein bei lebendigem Leib in Stücke gerissen und verzehrt. Hühner fressen alles. Ich bewundere sie für ihren Mut. Ich wünschte, ich könnte auch alles fressen. Das würde die materiellen Künstlersorgen etwas dimmen.

Zwischen Schubkarren zwanzig und einundzwanzig fährt Freund-der-Familie H. vor. Hänger voller alter Möbel hinterm Auto. Parkt neben der Kreissäge, lädt den Müll ab. Das gehe schon in Ordnung, er habe das Okay meines Vaters. Das Zeug kann man prima klein schneiden und verschüren. Anfeuerholz. Plötzlich muss ich an die Rohölgewinnung aus Ölschlamm in Kanada denken und an ganz arme Teufel auf müllkippenähnlichen Geländen im Umkreis großer Städte in Indien, die mit bloßen Händen alles nur Verwertbare aus dem Dreck ziehen. Irgendwo steckt in jedem von uns so ein kleiner Aus-dem-Dreck-Zieher. Ein Huhn du Kot auf höchst intellektuellem Niveau.

Die Filtration gerbstoffhaltiger Hochgewächse während der Maischegärung war noch nie mein Ding.

Fachbegriffe im Artikel gibt es hier.

North Sea Cycle Route alle 10 km ein Foto

701 Fotos rund um die Nordsee. Aufgenommen in Abständen von je zehn Kilometern. In Originalgröße hätte das Konzeptkunst Bild eine Pixelbreite von etwa 55.000 Pixeln, genügend für ein ca. neun Meter breites und hohes Wandbild.

Da die Rechnerkapazität (4 GB Arbeitsspeicher, Rechner aus dem Jahr 2008) nicht reichte, um das Bild in Originalgröße zusammenzusetzen, wurden die Einzelbilder auf ein Achtel der Originalgröße verkleinert. Mit den Linux-Programmen ‚Montage‘ und ‚Convert‘ wurden sie auf die Bildtafel gesetzt.

North Sea Cycle Route Kunststraße

Boulogne-Zweibrücken

Kunststraße. 670 km lang, alle 10 km ein Bild in beide Richtungen. Die geraden Spalten (2-4-6 …) zeigen die Vorblicke mit Zufallsfilter aufgenommen, die ungeraden schauen mit konstanter Filtereinstellung zurück. Das Original ist über 30.000 Pixel breit, was die Ausbelichtung auf etliche Meter Größe ermöglicht. Ich musste die gute alte Linuxkonsole bemühen, um es ausrechnen zu lassen (Montage und Convert kamen zum Einsatz). The Gimp hat die finale Kleinrechnung auf 2048 Quadratpixel erledigt. Die letzten sieben Fotos der 12×12 Bildtafel sind die Abdrücke einer längst verstorbenen Katze im Beton vorm Irgendlink’schen Atelier in Zweibrücken.

Die Gesamtstrecke Ums Meer wird aus 28×28 Bildern bestehen.

Angenehmer Zufall: das kurze Stück der Radelstrecke, das ich auf der N2 verbrachte, und auf dem ich partout nicht von der Straßenmitte fotografieren konnte, liegt genau in der Mitte von Zeile fünf.

Nur das allererste Bild hat keinen Rückblick. Am Beginn schaut man nicht zurück, gibt es keine Vergangenheit.

Aufnahmen in zehn km Abständen

Ums Meer – der Film. Animierte Slideshow der North Sea Cycle Route bei Youtube

Nach fast 12-stündigem Upload geht der Film „Ums Meer“ am 17. August 2012 online. In erträglicher Qualität. Die geheimen Originaldateien sind um einiges ruckelfreier. Ich bin mit der 14:42 minütigen Youtube Version höchst zufrieden. Die Originale sind (hoffentlich) nun in Hollywood (oder Santa Monica) auf einem iPad eingespielt und werden auf dem bis dato größten Festival für mobile Kunst in Los Angeles gezeigt.

Laut Puuuuuuh. Schweiß-von-der-Stirn-wisch. Der Filmbau war gewiss nervenaufreibender, als die vier Monate Radeln um die Nordsee.

Nun realisiere ich, dass ich in der Lebensmitte angelangt bin. Aber das ist eine andere Geschichte. Zu bloggen. Demnächst in diesem Theater :-)

Gute Nacht Johnboy.

Der Mensch

Die Zukunft liegt im Mensch. Ich hab ihn vernachlässigt. Ich musste ihn vernachlässigen. Ich hatte keine Zeit.

Die Radtour um die Nordsee hatte ab Itzehoe eine unerfreuliche Geschwindigkeit erreicht. Ab Emden musste ich meine Tagesetappen per Radel auf etwa hundert Kilometer steigern, um die Runde halbwegs logisch zu Ende zu bringen. Eine pure Kopfentscheidung. Teile die Distanz, die dich von zu Hause trennt durch die Anzahl der Tage, die dir zur Verfügung stehen. Fummele irgendwas mit Distanzen. Da bleibt keine Zeit mehr für Mensch.

Dabei hätte alles so spannend werden können. Schon im April, als ich gerade mal durch England ackerte, hatte Engelbert von Seelenfarben in seinem Blog aufgerufen, Übernachtungsgelegenheiten und geheime BloggerInnentreffen zu arrangieren, falls ich es tatsächlich schaffen könnte, mit dem Fahrrad die Nordsee zu umrunden. Eine schöne Überraschung sollte das sein mit echtem rotem Teppich entlang der gesamten deutschprachigen Nordseebloggosphäre. Viele seiner Leserinnen und Leser hatten sich auf diesen Aufruf gemeldet, dass ich doch bei ihnen vorbei schauen könnte. In Sarpstorp (Norwegen) sogar, und in Husum, in Sankt Michaelisdonn, in Cux- und Wilhelmshaven und wo-weiß-ich noch. Ein roter Teppich aus lieben Menschen an der gesamten deutschen Nordseeküste und ich habe mich durch ganz Dänemark riesig gefreut auf die Reise durchs Seelenfarbenland (Seelenfarben ist Engelberts Kernpräsenz im Internet, hat etliche tausende Fans).

In Deutschland holt mich dummerweise die Realität ein. Als langsamer Radler hat man gegen die schnelle Realität keine Chance. Schon habe ich einige Treffen vereinbart. Gabi in Sarpstorp schaffe ich schon nicht. Mit Karen und Carsten in Sankt Michelisdonn kann ich mich gerade so noch treffen und alle anderen „Termine“ sage ich klammheimlich ab, weil ich ab Deutschland wegen der Zeitknappheit hundert Kilometer am Tag radele. Freiwillig. Es tut ein bisschen weh, keine Zeit zu haben. Ich realisiere, dass das ganz normale Alltagsleben, das in den vielen Wochen, die ich um die Nordsee geradelt bin, klammheimlich immer noch vor sich hin getickt hat. Klare Kopfentscheidung: wenn ich die Nordseerunde radelnd zu Ende bringen will, sprich, der Küste rund ums Meer bis Boulogne folgen will und zu guter Letzt die knapp siebenhundert Kilometer bis Zweibrücken schaffen will, muss ich sputen. Da bleibt keine Zeit mehr für persönliche Begegnungen. Da kann ich nicht einfach mal so einen halben Tag hier Kaffee trinken und Schwätzchen halten, eine Nacht dort verbringen und tiefgründende Gespräche führen. Klare Kopfentscheidung: Meide den Menschen. Meide das Persönliche. Eine faire Entscheidung, wie ich finde. Ich will nicht einfach so bei den fremden Leutchen aufschlagen und übernachten und ein Frühstück einnehmen und weiterradeln. Das wäre einfach nicht gerecht. Das wäre sogar unverschämt. Also ist die einzig richtige Wahl die Einsamkeit. Bringe die Nordseerunde schnell, präzise und alleine zu Ende. Ohne gehetzt bei Fremden lieben Menschen zu Besuch zu sein.

Immerhin gab es dennoch menschelnde Kontakte zwischendurch, die sozusagen on-the-fly einfach so passierten. In Holland etwa verbringe ich einen ganzen Morgen mit Henriette und Michelle auf einem Minicamping. Kurz vor der belgischen Grenze. Auch die Zeit mit Monsieur Quehen im ehrwürdigen Saal des Standesamts in Boulogne sur Mer ist mir in bester Erinnerung. In den Stakatophasen des Speedlifes ist stets auch eine Nische für Ruhigeres. Aber geplant irgendwo sich zu verabreden, meine Lieben, das wäre in der Tat eine kleine Schandtat gewesen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei all denen entschuldigen, die ich nicht treffen konnte auf der Reise, bei Dir lieber Engelbert, der Du die Sache angeleiert hast, und bei all jenen, die sich gemeldet haben, um mich zu „begasten“.

Aufgeschoben ist nicht … ihr wisst schon. Die Zukunft lebt bekanntlich durch ihre Gegenwärtigkeit und die Gegenwärtigkeit lebt durch ihre verschwenderische Hingabe an die Zeit. Kurzum. Du, Mensch, bist es wert, dass man dir ein gebührendes Maß an Zeit widmet.

Daran arbeite ich. Ich bin gespannt auf Dich.