Dritter Tag auf dem Saarland-Radweg.
Die heutige Etappe führt von Türkismühle zurück nach Oberkirchen (nicht wie im Artikel zuvor erwähnt Oberthal). Per Zug zunächst von Homburg via Neunkirchen nach Türkismühle. Dort auf dem Saarland-Rundweg einsetzen.
In Homburg ungeplatzt: Kunstreisemorgenblütenträume, dass die Kombination Fahrrad und Bahn in Rheinland-Pfalz und im Saarland doch so praktisch ist. Radmitnahme kostet nix. Aber der Zug hat Verspätung, so dass mir der Regionalexpress in Neunkirchen vor der Nase wegfährt. Ich kann sogar noch den Türknopf drücken. Der Lokführer späht hämisch in den Rückspiegel und fährt.
Nun im Bummelzug, der durch so namhafte Orte gondelt wie Wiebelskirchen, Ottweiler, Niederlinxweiler etc. Ich wünsche dem ignoranten, hyperkorrekt pünktlichen Regionalexpresszugführer einen Maschinenschaden. Möge der Mob das Führerhaus stürmen. Ha.
Die Taktung der Welt wird mir insbesondere im eng verzahnten Liniennetz der Deutschen Bahn bewusst. Eine Minute zu spät und du kannst eine Stunde warten. Das passt irgendwie zu dem Bild der ewig rennenden Leistungsgesellschaft.
Dieses über ein langes Menschenleben antrainierte High-End-Gebaren, jede nur erdenkliche Lücke sinnbringend auszunutzen. Lemminge sind wir auf dem Weg zur Absprungkante. Als ob ich nicht glücklich sein könnte, einen Zug später zu nehmen. Immerhin bleibt hier Zeit, ein paar Buchstaben ins iPhone zu hacken.
Nachher auf dem Radweg werde ich zurückkehren in locker geschichtete Zeitzonen. Terminloses Land. Bummeln in künstlerischer Mission. Mein Plan: zum Endpunkt der vorgestrigen Strecke radeln, ca. 25 km schätze ich, und von da aus in 2,5 km Stücken den Radweg rund ums Saarland dokumentieren. Also von Türkismühle nach Oberkirchen und zurück lautet der heutige Plan.
Nun erfahre ich aus dem Zuglautsprecher, dass mein Bummelzug in Sankt Wendel einen Zwischenstop einlegt. Die Stimme des Zugsprechers klingt wie Hypnose. Du wirst gaaanz müüüde. Ich „verliere“ eine gute Stunde Arbeitszeit. Ganz Leistungsbürger, der ich bin, werde ich die Zeit „gewinnbringend“ nutzen.
Aus diesen Zeilen einen waschechten direkten Blogeintrag schustern. Bild muss her.
Der Saarland-Radweg bei Werschweiler
Meist über Waldwege, nur selten auf Straßen verläuft der Fernweg rund ums Saarland.
Im Uhrzeigersinn auf dem Saarland-Radweg unterwegs durchwandert Liveblogger Irgendlink ein faszinierendes Stück Nordsaarland. Alle zweieinhalb Kilometer macht er ein Hipstamatic Foto der bereisten Strecke und dokumentiert einen der schönsten Fernradwege Deutschlands.
Die Kunststraße rund ums Saarland nimmt langsam Gestalt an. Wegen des brillianten Herbstwetters kann ich nicht umhin. Ich muss hinaus in die Welt. Die zweite Etappe auf dem Saarland-Radweg macht mich endgültig süchtig. Mit dem Auto transportiere ich das Radel bis zum Endpunkt der gestrigen Etappe auf dem Höcherberg. Setze dort ein.
Gefangene! Was wäre das Künstlerauge, ohne genau hinschauen? Alltagsstraßenverkehr. Ein Kleintransporter mit drei Kerlen im Führerhaus, wie sie dröge durch den Arbeitsalltag driften. Ich vermute Gipser auf dem Weg von einer Baustelle zur nächsten, und es schleicht sich ein beklemmendes Gefühl ein, das nach Schweiß riecht in Firmenautos kurz nach der Mittagspause, nach Müdigkeit und nach Leere. Ich kenne das Gefühl aus frühen Berufen, ein Gefühl von Schnitzel essen auf Firmenkosten, danach wider die Natur weiter schuften. Jedes Kind weiß, voller Bauch studiert nicht gern. Noch ungerner arbeitet er direkt nach dem Essen. Und ich Künstler begegne nun diesen armen Kerlen, wie sie nebeneinander im Firmenauto von Baustelle zu Baustelle fahren. Ich hoffe, niemand von denen denkt. Ein anderes Auto, das mir entgegen kommt, zeigt eine überschminkte Frau am Steuer. Schönheit ihr Lebensziel. Gefangene, schießt es mir in den Sinn. Es gibt nur noch Gefangene in dieser Welt. Konsumsträflinge. Hörige auf dem Weg von einer Baustelle zur nächsten. Menschen, denen man eingeredet hat, dass sie so und so aussehen müssen und sich deshalb viel Fett ins Gesicht schmieren müssen, damit die Augen gut rauskommen. Geld. Geld. Geld. Schön, schön, schön. So lautet das Diktat. Derweil schickt sich Mister Leichtfuß-irgendwo-zwischen-den-Welten-schwebend, halberkennend-Irgendlink an, seinen selbst gewählten Verzweiflungsberuf auszuüben. Was für eine Welt. Die zehn Jahre alte Karre ohne TÜV stelle ich auf dem Parkplatz vor der Höcherberghütte ab, ziehe das Radel raus, atme tief durch. Auf der Heckscheibe steht noch immer im Schmutz: „Art is a dirty Job“, wie ich es vor der Kunstmesse im März mit den Fingern eingeritzt habe. Seither bin ich kaum Auto gefahren. Wie auch, wenn man vier Monate um die Nordsee radelt? Im Innenraum wuchern Spinnweben. Ich lasse sie.
Jetzt beiße ich mich fest an meinem neuen Liebling, dem Saarland-Radweg
Was gibt es an dieser Stelle des Saarland-Radwegs zu berichten? Kilometer 17,5 bis 35. Ich durchradele das Ostertal und werde natürlich mit den Anwohnern konfrontiert. Passanten. In Niederkirchen verbellt mich der Hund einer Friseurin. Hat schlimme Erfahrung gemacht mit Mann mit Hut. Radler mit Helm ist für Hund wie Mann mit Hut. Kurzum, das kaum drei Jahre alte Hundchen verbellt mich, dass es nur so eine Art ist, als ich das alte Feuerwehrhaus fotografiere. Die Friseurin erklärt mir, dass das Tier ein traumatisches Erlebnis hatte, weil irgend so ein Witzclown mal versucht hatte, seinen Hut auf den Hund zu stülpen. Wir schwätzen eine Weile und irgendwann gibt mir die quirlige Kira, so heißt das Tier, Pfötchen. Das hat sie aber feiiiin gemacht. Nebenan ein zwölf Quadratmeter großer Kreis auf freiem Platz, in dem jemand zig Bierdosen zusammen gekehrt hat. Das waren die Männlein, erzählt mir die Frisörin. Die treffen sich immer hier auf dem Platz mit ihren Autos, hören Musik, feiern, lassen das Leergut liegen. Scherben und Menschenglück. Und der Moment. Wie nah sie einander doch sind. Ich konstatiere, Menschen, die nicht wissen, wohin sie ihren Müll tun sollen, müssen zurück in die Schule. Ein Verkehrsflieger überquert die Szene und ich ahne: wir sind in der Einflugschneise nach Saarbrücken. Weiter, weiter, weiter. Altes Paar auf Parkbank. Ich beneide sie um die Innigkeit. Tapfer fotografiere ich in zweieinhalb Kilometerschritten weiter. Hart an der Grenze zur Pfalz verläuft der Radweg Richtung Oberthal. Dort gebe es eine faszinierende Eisenbahnbrücke, erzählt mir jemand. Nach 17,5 Kilometern kehre ich um. Nun also insgesamt 35 Kilometer seit Homburg im Uhrzeigersinn auf dem Saarland-Radweg. Auf dem Rückweg erinnere ich mich, pausierend auf einer Parkbank gegenüber einer Kläranlage an meinen alten Kunstlehrer, wie er herunter betete, wer jemals die Sonnenblumen von Van Gogh gesehen hat, wird nie wieder sich trauen, eine Sonnenblume zu malen. So oder so ähnlich hat er gesagt. Er wollte vermitteln, dass es sich mit dem Bild um einen nie topbaren Meilenstein handelt. Vermutlich hat er es so auf der Kunstlehrer-Akademie gelernt und betet es nun einfach runter. Ich beobachte die Kläranlage, denke an Van Gogh und dass er das Wunder Kläranlage nie beobachten durfte, weil es damals noch keine Kläranlagen gab. Der Mann musste Sonnenblumen malen, nicht Kläranlagen, damit zeitgenössische Kunstpädagogen predigen dürfen, wer jemals eine Van Gogh’sche Sonnenblume gesehen hat, wird sich nie trauen, eine Sonnenblume darzustellen.
Gleich um die Ecke fotografiere ich eine Sonnenblume, die es in sich hat. Ich bin zufrieden mit dem Bild. Ich muss an meinen Kunstlehrer denken. Ich muss an Van Gogh denken, wegen meines Kunstlehrers.
Irgendlinks müde Van Gogh Sonnenblumen
Es hat mich einfach überkommen, ich musste das gelbe, runde Ding fotografieren. Ich habe es hipstamatisiert. Apps gab es zu Van Goghs Zeiten noch nicht. Ich denke an mein Ohr. Derweil neigt sich die Sonne dem Horizont und die Windmühlen drehen müde im Herbstwind.
Wer auf dem Nordseeküstenradweg ums Meer radeln kann, der kann auch auf dem knapp 350 Kilometer langen Saarland-Radweg um das kleinste Bundesland Deutschlands (ausgeschlossen die noch kleineren Stadt-Bundesländer) radeln. Und alle zweieinhalb Kilometer ein Bild der bereisten Strecke machen. Schon auf dem Rückweg um die Nordsee hatte ich geliebäugelt mit passenden Folgeprojekten. Die Psychologie ist sich einig: Fernradler, die nach Hause kehren, fallen erst einmal in ein verdammt tiefes Loch. Verdruss. Sinnfrage. Orientierungsverlust. Nach einer so langen Zeit mit Ziel, immerhin vier Monate im Uhrzeigersinn um die Nordsee, glänzt der Alltag daheim logischer Weise nicht gerade mit Ziel.
Ein neues Ziel muss her, der Saarland-Radweg
Der Saarland-Radweg liegt zum Greifen nah vor Herrn Irgendlinks Künstleratelier. Neun Kilometer runter nach Homburg (Saar) und ich bin auf der mit „gelben Wutzen“ gekennzeichneten Trasse. Die Wutz, auf gut Deutsch das Schwein. Das Saarland aus dem Weltraum betrachtet hat die Form einer Wutz.
Homburg Talstraße, ein Sonntag Anfang September. Nach meinen ersten Versuchen, mich dem Fernradwerg zu nähern geht es gegen Nachmittag ans Eingemachte. Ich radele die selbe Strecke, wie am Tag zuvor, von Homburg durch den Wald bis nach Jägersburg und noch ein Stückchen weiter, hinauf auf den Höcherberg. Ganz schöner Trümmer. In Jägersburg sagen Hinweisschilder, wo der Hammer hängt: Weg steigt 240 Meter auf knapp fünf Kilometern. Ereignislose Waldstrecke. Wunderschön, gut beschildert. Da geht was. Ich wachse langsam hinein in das neue Projekt. Ziel ist, mich in zweieinhalb Kilometer Abständen rund um das Saarland zu fotografieren. Skelett meines Kunstprojekts sind, wie seit 1995 üblich, regelmäßige Fotos der bereisten Strecke. Alles weitere, das „Fleisch“, so hoffe ich, kommt während des Tuns. Vorbei am Golfkurs Websweiler schwitze ich hinauf zum Höcherberg, kehre bei Kilometer 17,5 um und kehre auf ein Weizenbier und einen Wurstsalat in der Hütte direkt neben dem Aussichtsturm auf dem Höcherberg ein. Freund Journalist F. hatte, als ich ihm die Idee schilderte, durchblicken lassen, dass man daraus ja eine Art Reiseführer machen könnte. So fühle ich mich arbeitsam, gebraucht, wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Datenharvester, der ich nunmal bin. Ich lasse mir Quittungen geben. Sind ja Reisekosten, Datenbeschaffungskosten, wenn man so will. Ich bin ein Mähdrescher, der die Ernte in Form von Pixeln und Satzfetzen einbringt.
Das Projekt nimmt mit jeder Pedalumdrehung mehr Schwung auf. Was, wenn daraus tatsächlich ein Buch wird? Yet another Saarlandrundweg Buch? Gähn. Es muss etwas Besonderes werden, hatte mich Journalist F. gebrieft. Somit lautet meine geheime Mission: während du Daten beischaufelst und kurbelst und das Leben genießt, kannst Du auch gleich über die Zukunft nachdenken. Ergebnislos. Halb taub kehre ich auf dem selben Weg zurück nach Homburg. This ist not a North Sea Cycle Route, bei der du monatelang ums Meer radelst und den Bloghelden spielst. Dennoch. Das Kleinod vor der Haustür darf nicht verschmäht werden. Und ein Kleinod isser, der Saarland-Radweg. Die Beschilderung ist beinahe narrensicher nach niederländischer Perfektion. Die Streckenführung, dank Höcherberg als hart einzustufen, aber ein Blick auf die Saarlandkarte verrät, der Rundweg hat auch zarte Seiten, Flachstrecken, Flussidylle. Ich bin eben in die „falsche“ Richtung unterwegs. In Jägersburg liefert man mir im dortigen Heimatmuseum auf dem Rückweg nach Homburg erste philosophische Kitzeleien. Gratis Eintritt in die alte Gustavsburg, die so eine Art Museum beherbergt. Kurz vor Ladenschluss informiert mich der Museumsaufseher in einer Art Crash-Kurs über die Geschichte des Dorfs. Es gab einmal ein Lustschloss, irgendwo da draußen in den Wäldern. Fast sieht es aus wie Versaille. Ein Modell steht im Hauptraum des Museums. Der Mann zieht die Vorhänge zu, bereitet alles vor für den Feierabend und erzählt mir die Geschichte: dass das Schloss nur 40 Jahre lang existiert habe, dann wurde es nach der Französischen Revolution „angestock“ – angesteckt, also niedergebrannt. Die Adligen geflohen, guillotiniert, die armen Leute der Gegend haben mit den Steinen ihre Häuser gebaut. Nichts ist mehr übrig von dem Glanz. Und mit einem Schlag wird mir die Zerbrechlichkeit unserer Existenz bewusst. Warum denken wir immer in Ewigkeiten? Welch grandiose Illusion. Genau wie Mister Kunstbübchen Irgendlink dem Glauben verfallen ist, alle Pixel und Einsen und Nullen, die er ins Internet hackt, bestehen für immer weiter, müssen auch die sypillitischen, von Kopfläusen zerfressenen Aristokraten von anno Siebzehnhundertnochwas geglaubt haben, dass ihre Lustburgen die Jahrhunderte überdauern. Vierzig lumpige Jahre für Glanz, Reichtum, Macht. Und nun radeln Typen wie ich durch jungen, lichten Buchenwald und grübeln über ihre eigene Existenz und hoffen auf den nächsten schönen Tag. Bytejäger, Ideenfänger, Konsumträumer. Die Lebensspirale hat sich dreihundert Jahre weiter gedreht und sie wird sich noch dreihundert Jahre weiter drehen. Inständig hoffe ich, dass ein alter, hinkender Museumswärter in einem Heimatmuseum der feinen Künste der Zukunft die Vorhänge zuzieht, kurz vor Feierabend, und einem interessierten späten Gast erzählt, dieser Herr Irgendlink hat nur vierzig Jahre lang seine Daten auf den Server gehackt, dann haben bei der ersten digitalen Revolution die Franzosen alles gelöscht. Oder so ähnlich.
Auf dem Rückweg zum einsamen Gehöft, durchweg auf Waldwegen, sehe ich antike Aristokraten wie sie auf ihren Rassepferden von Burg zu Burg reiten, von Liebster zu Liebster, passiere den dunklen Wald, in dem einst Schloss Karlsberg stand. Ein noch prächtigeres Schloss, als Versailles. Das habe nur zwanzig Jahre existiert, hatte mir der Museumsaufseher erzählt. In Fußballfeldern ist die Größe der Anlage kaum zu beschreiben. Aber sie war einst wahr. Nun ächze ich zwischen verächtlich in die Vergangenheit blickenden Buchen dahin. Fotografiere die Jägerträume des kleinen Mannes – hatte ich erwähnt, dass ich seit einiger Zeit Hochsitzbilder sammele. Es ist erstaunlich, zu welch kreativer Phantasie der gemeine Jäger des 21ten Jahrhunderts fähig ist.
Samstag, Künstlergruppe Prisma. Herr Irgendlink betreut die Galerie in der Zweibrücker Innenstadt gemeinsam mit Kunstkollegin D. Zur Erinnerung: die Künstlergruppe hatte Herrn Irgendlink während seiner Abwesendheit – ungefähr, als er Schottland mit dem Radel durchquerte, adoptiert. Gruppeninitiator P. hatte sich mittels Ersatzschlüssel Zugang zum irgendlink’schen Atelier verschafft, eine Kiste Bilder eingepackt und sie bei der Gründungsvernissage der Gruppe aufgehängt. Herr Irgendlink sendete auf alle Fragen, die er auf elektronischem Wege aufs das Mobiltelefon erhielt die Standard-Message „Die Antwort ist Ja“. Auch auf die Frage, „willst du Prismamitglied werden?“
Ach Kunstbübchen, mein Kunstbübchen, und nu hockste da, samstags um pervers zehn Uhr früh gegenüber einer völlig verkaterten Kunstkollegin D., kriegst selber kaum die Augen auf, keine Lust auf Kommunikation. Mürrisch. Gegenüber der Galerie ist eine der alteingesessensten Bäckereien der Stadt. Aus dem Galerieschaufenster hat man einen prima Blick in den Verkaufsraum. Wer was hält auf sich in der Stadt, der kauft dort seine Brötchen. Autos fahren an, Menschen raus, rein in den Bäckerladen, mit Tüten bepackt wieder raus. Die Regale mit den Auslagen leeren sich zusehends. Eines jener Wochenende, die den Menschen auf schmerzliche Weise suggerieren, dass es nie nie nie wieder etwas zu kaufen geben wird, wenn jetzt die Läden schließen. Immer wenn Gäste die Galerie betreten, raune ich Kollegin D. zu: „Wir sperren sie zu den Anderen.“ Der Spruch wird zum Running Gag. In unserer Phantasie entsteht ein riesiges Verließ unter den ehrwürdigen Galerieräumen, in dem sich nach und nach alle Kunstinteressierten der Stadt wieder finden. Und ich erzähle von dem englischen Spielfilm mit dem deutschen Titel „Hot Fuzz“ aus dem Jahr 200X, 2007 wahrscheinlich, in dem die Bürgerwehr eines kleinen englischen Städtchens alle, die auch nur irgend den Frieden des Idylls am Meer stören könnten, radikal umbringen. So gibt es auch ein Verließ, in dem die reisenden Bettler, die sich als lebende Statuen auf den Straßen präsentieren, gefangen gehalten werden. Napoleon neben Macbeth, Hamlet, allesamt weiß getünchte, hoffnungslose Kerle, wie man sie eben so sieht in den Fußgängerzonen dieser Tage.
Mittlerweile ist Kunstgruppenmitglied B. eingetroffen und natürlich habe ich sie begrüßt mit den Worten, „Wir sperren sie zu den Anderen.“ Ein älteres Paar betritt den Raum, tönt stolz, die Galerie sei ihnen empfohlen worden, und sie suchen ein Bild fürs Wohnzimmer. Etwas mit Toskana. Scheiße! Wir haben nur abstrakt. Das ist eine Kunstgalerie, bin ich versucht, sie wieder hinaus zu werfen. Toskana. Igitt. Kollegin B. wittert, dass ich mit den lieben Leutchen nicht zurecht komme, und dass wir auf eine kommunikative Katastrophe zusteuern. Spätestens, als die beiden Enttäuschten einlenken und sagen „… oder was mit Blümchen.“ B. wirft sich heldenhaft dazwischen, führt die „KunstliebhaberInnen“ durch die abstrakten Räume, während ich apathisch auf einen Zettel kritzele: „WIR SPERREN SIE ZU DEN ANDEREN.“ Verkaterte Künstlerin D. kriegt einen Lachanfall, den sie nur mit Mühe unterdrücken kann. Derweil parkt vor der Bäckerei gegenüber ein silbernes Auto mit SOLCH einer Schnauze. Laufender Motor. Unrasierter Kerl am Steuer, telefoniert. Wir handeln ab: Das Auto ist teuer. Der Kerl hat einen Minderwertikeitskomplex. Diagnose Männlein. Jetzt erhält er eine SMS, liest, ich scherze: „Sie beobachten Dich“. Er schaut sich um. Motor aus, raus aus dem Auto, rein in einen der leerstehenden Läden neben der Bäckerei. Kurze Zeit später, als würde man den Film rückwärtslaufen lassen raus aus dem Laden, rein ins Auto, Motor an, Telefonieren.
Diese Welt ist merkwürdig.
Was lerne ich an diesem Tag? Dass es nie genug Perspektiven geben kann. Ich habe bis zu dem Zeitpunkt die Welt klassifiziert in „vor der Bühne, hinter der Bühne, auf der Bühne“, eine einfache Künstlermorgenblütentraumwelt, in der es nur drei Kategorien von Menschen gibt: Publikum, SchauspielerInnen und KulturorganisatorInnen. An diesem Samstag erhalte ich einen Gratiseinblick in die Welt der KonsumentInnen und VerkäuferInnen. Das Bild von der Straße, auf der verzweifelt wie portugiesische Hunde die Meute der KonsumentInnen um die Einkaufsläden streunt. Und der hoffnungsvolle Blick aus den Schaufenstern nach draußen, dass sie den Laden stürmen, kaufen, kaufen, kaufen …
Die Straße ist tot. Die echte Welt ebenso. Es wird bald keine Läden mehr geben, in der Stadt. Es wird bald nur noch Menschen geben zu Hause vor ihren Computern, die Waren bestellen und die Kaste der Zulieferer wird es geben und seltsame Nerds, die sich Produkte ausdenken und noch seltsamere Leute, die irgendwo auf der Welt ein Volk versklaven, um den Schund zu produzieren … apathisch faselnder Herr Irgendlink am Rande des Wahnsinns.
Ich rette Erkenntnis: Die Anzahl der möglichen Betrachtungsweisen in der Welt ist schier unbegrenzt. Auf dem Heimweg durchquere ich ein Wohngebiet, in dem sie Sperrmül vor die Häuser räumen. Vor einem Haus Nummer 34 steht ein schönes Gemälde mit Pinien, Hügeln, ockerfarben verspielt mit Olivgrün und Himmelblau. Fast unversehrt, Acryl. Man kann das warme ionische Meer riechen. Seetang. gewitter liegt in der Luft. Es ist schwül. Kitsch! Ich könnte mir in den Hintern beißen. Das ist genau das, was meine KundInnen vorhin gesucht haben. Zweihundert Euro aufm Müll. Eine weitere Perspektive schleicht sich ein: wie wohl die Welt aus der Sicht eines Sperrmüllabfuhrmitarbeiters aussieht?
Wie wird man eigentlich zum Urheber eines Wortes, zum Beispiel des Begriffs Massenverzweiflungstat? Und was nutzt es einem? Die Verrücktheiten der Suchmaschinenoptimierung persiflieren brilliant in diesem Artikel.
Der Tag war lang. In den Tiefen der Pixelwelt umher geirrt wie ein entlaufener Lobotomierter, ein faselnder Jack-Nicholson-Typ im Nachthemd. Ich bastele am Blog. Ich baue Poster, ich lade Filme auf Youtube. Es ist diese verflixte Zwischenreisephase, in der es zu viele Ziele gibt, zu viele Wege, zu wenig Geradlinigkeit. So findet man den Künstler morgens am PC im wahnvollen Suchen nach Verbesserungen für das Blog. Suchmaschinenoptimierung, Verbesserung eines ohnehin zufriedenstellenden Pageranks, Mehrung von Backlinks – ach wäre ich doch schon bei 12 Milliarden Backlinks und einem Pagerank von 10, ich könnte mich bequem zurück lehnen. Zwischendurch Überprüfung sämtlicher Webpräsenzen auf finanziellen Wert bei zweifelhaften „Isch-mach-dir-korrekt-Bewertung-Seiten“: alle x Präsenzen zusammen knapp 80.000 €. Ich bin reich! Juhuuu! Das ist natürlich hanebüchener Quatsch. Alleine irgendlink.de liegt bei über 10.000 €. Will’s jemand? Ne. Na also.
Der Webkacke kannst du nicht sooo weit trauen (und ich mache eine Handbewegung mit knapp zusammen gehaltenem Finger und Daumen, die, wenn man sie einem ausgewachsenen Kerl zeigt, eine rechte Beleidigung ist).
Es ist an der Zeit, das Haupt-Keywort für diesen Artikel, Massenverzweiflungstat, in einem Überschrift Klasse zwei Tag zu notieren.
Außerdem verlangt die ungeschriebene Fibel für SuchmaschinenoptimiererInnen, dass das Schlüsselwort, in diesem Fall „Massenverzweiflungstat“, ein paarmal in dem Artikel vorkommt. Zwei drei Prozent der Worte sollten also Massen-öhm heißen. Verflixt, musst Du Dir auch so komplizierte Schlüsselworte aussuchen? Suchmaschinen sind ja auch nur kleine pelzige Tier, wie meine heimische Katze, die mit der Schnauze im Dreck nach Wohlschmeckendem suchen. Massenverzweiflungstat muss ich ihnen auf einem porzelanenen Tellerchen servieren und hoffen, dass sie ausgehungert genug sind, das Ding zu fressen.
Jetzt wäre noch ein Bild zum Thema gut, in dessen Alternativ-Attribut man das Wörtchen notieren könnte. Verzweiflung. Schwitz … da ich ja soeben das Wort erfunden habe, das ich nicht mehr nennen möchte, weil zu oft in einem Artikel, Massenverzweiflungstat zu sagen (Tourette ein – Jehova, Jehova, Monty Python – Tourette aus) kommt einer singulär katastrophalen Verzweiflungstat gleich und wird so ganz und gar nicht von der Suchmaschine belohnt. Also, ein Bild muss her und das Schlüsselwort soll in das Alt-Attribut des Bild-Tags notiert werden (<img src=“bild.jpg“ alt=“massenverzweiflungstat“ /> oder so ähnlich, die WordPress Hochladesoftware erledigt das schon). Komme zu dem Schluss, dass es der Suchmaschine scheißegal ist, ob das Bild etwas mit dem Schlüsselwort zu tun hat und lade einfach irgendein Bild hoch, das mit dem Wörtchen, ihr wisst schon – Verzweiflung, schwitz – markiert wird. Hier das belanglose Bild:
Massenverzweiflungstat
Finale: Fipptehler finden in dem Artikel. Unbedingt ausmerzen! Gute Rechtschreibung (Duden), gutes HTML und CSS (wird vom WordPress-System erledigt) sind die Basis für gute Artikel.
Nachtrag: die Suchmaschinensoftware meckert und verlangt einen ausgehenden Link. Klicke hier, um den Film Ums Meer zu sehen – mit Ton.
Außerdem sollte der Titel des Blogeintrags über 40 Zeichen liegen und die Metaangaben bei Hundertnochwas – bla, blabla, bla bla …