Ab 21. Juni gastieren der Schweizer Maler Marc Kuhn und die mexikanische Malerin Rossana Durán in der Zweibrücker Prisma-Galerie. Neben einer Ausstellung von Kunstwerken aus fünfundvierzig Jahren Col-Art, bei denen international mehrere Hundert Künstlerinnen und Künstler mitgewirkt haben, wird es am Wochenende, den 22. und 23. Juni 2013 (jeweils 10-18 Uhr) eine Malaktion in den Atelierräumen geben, zu der sowohl Laien als auch Profis, herzlich eingeladen sind.
Vernissage der Col-Art-Ausstellung ist am Freitag, 21. Juni 2013 um 19 Uhr in der Galerie Prisma, Lammstraße 6, Zweibrücken.
Das Wort muss notiert werden. Schönwetterdepression ist, wenn immer Schlechtwetter ist, und es vom einen auf den anderen Tag schön wird. Der Mensch kommt mit diesen Extremen nicht zu Recht. Ein Meteolag (abgeleitet von Jetlag).
Mittlerweile hat man sich an das „normale“ Wetter wieder gewöhnt. Zum Glück. Es bremst leider die Arbeitswut am Jakobswegbuch. Gestern während meines Livetrackingexperiments, spüre ich einen Hauch Defaitismus. Wozu soll ich ein Buch, dessen Handlung im Winter spielt, im Sommer herausbringen? Es wird nicht klappen, diese Woche das Schriftstück zu vollenden.
Erst, wenn ich die Arbeit am Alten und die Arbeit am Neuen (neue Liveblogideen, Pläne für neue Reisen versus das Aufarbeiten der Jakobsweglivereise und des Ums Meer Liveblogs) als Einheit betrachte, macht das alles einen Sinn. Innovation geht Hand in Hand mit dem Zementieren des Fundaments. Bin ich der verrückte Innenarchitekt im zehntausendstöckigen Hochhaus der prozessorientierten Literatur? Während unten noch am Rohbau gearbeitet wird, tapeziere ich schon die Wände meines Wohnzimmers?
Einge Minuten stehen Soso und ich auf dem NOK-Wehr an der Aaare und beäugen die Wassermassen und ich versuche ihr dieses tiefe innere Bild zu vermitteln, das sich mir aufdrängt, wenn der ruhige Fluss über die Kante stürzt, zwei drei Meter tiefer sich in ein wirbelndes, chaotisches Etwas verwandelt. Ein wuchtiger, entwurzelter Baum treibt in den Massen – eben, noch vor der Kante, war seine Bahn berechenbar. Mit konstanter Geschwindigkeit liegt er im ruhigen Fluss, aber ab dem Übergang, verschwindet er in einem sprudelnden Gemisch aus Wasser und Luft. Minutenlang beobachten wir, wie er gefangen in dem Wirbel, sich ab und zu aufbäumt, hin und her geschleudert wird, und es will und will ihm nicht gelingen, das Ende der Turbulenzen zu erreichen und weiter zu treiben im Strom. Soso hatte mich vor einigen Tagen gefragt, wie fühlt sich das an, über den bevorstehenden Tod eines geliebten Menschen zu sinnieren? – für eine Szene in ihrem neuen Buch, wollte sie das wissen – es ist, als ob dir von einer Sekunde auf die andere alle Kraft aus dem Körper gesaugt wird und von dir nichts mehr übrig bleibt, als ein armseliges, atmendes Etwas ohne jedes Ziel und jede Richtung, sagte ich. Dann radelte ich an den überfluteten Flüssen entlang und mit jedem Stauwehr und jedem Wirbel, der nach ruhiger, glatter Wasserfläche folgte, manifestierte sich das Bild von der Vorstellung vom Tod des lieben Menschen in genau diesem Prinzip.
Ich schweife ab. Noch immer müsste die Geschichte des Rheins neu geschrieben werden. Aber heute geht es erst einmal raus in die Natur, schließlich habe ich neben all diesen Überlegungen Urlaub.
Die Leseprobe für das 2010 live gebloggte Jakobsweg-Buch ist soeben fürs Lektorat fertig geworden. Das Titelbild, das ich für ein Ebook benötige, wird wohl die Version Sieben aus einer Reihe verschiedener Motive werden. Die erste Version zeigte noch die Kathedrale in Santiago. Aber für ein Buch, das nicht christlich motiviert ist, finde ich das ein bisschen dick aufgetragen. Auch vom ursprünglichen Arbeitstitel „Nach der Schuld ist vor der Schuld“, habe ich mich verabschiedet.
Buchcover „Schon wieder ein Jakobsweg“ – Liveblog von Jürgen Rinck (Irgendlink)
Ein wunderbarer Tag zum am Sinn des Lebens zweifeln. Entweder, man wendet sich dem Konsum zu, oder … oooder … sonst gibt es nichts mehr. Dauerregen. Ein Einkaufszentrum in Bremgarten. Ein urban Artwalk, also ein künstlerischer Spaziergang durch das kleine Städtchen in einem halbinselartigen Knie in einer Schlaufe der Reuss will nicht so recht in Schwung kommen. Das iPhone auszupacken, um verregnete Fotos zu machen, ist stets ein Balanceakt. Ich fotografiere ein Hundchen, angebunden neben einem Regenschirm vor dem Einkaufszentrum. Das könnte Sosos neuer Arbeitsort werden. Ein Büro im x-ten Stock. Sie stellt sich gerade vor. Ich warte. Im Erdgeschoss sind alle möglichen Läden. Neben Coop Lebensmitteln und einem Exlibris Bücherladen auch Schuhe, Telefone, Kleider, Kosmetik. Die Regenschirme stehen ganz vorne beim Eingang. Der Schuhladen verkauft die wohl hässlichsten und größten Frauenschuhe, die ich je gesehen habe. Auf einer Bank, gegenüber einem Schmuckstand, schreibe ich diese Zeilen. Komme mir deplatziert vor und desolat. Ich gehöre nicht dazu. Das
macht es um so schwerer, im Sein Sinn zu sehen. In einem Anfall von Paranoia kommt mir zudem der Gedanke, wir existieren alle nur, weil wir konsumieren, weil wir von A nach B wollen, weil wir Telefone verkaufen oder Schmuck. Mit dem Kerl, der eine Präsentationsspinne voller Geldbeutel von A rechts hinter mir nach B jenseits des Schmuckladens fährt, würde ich jetzt gerne tauschen. Wenn man etwas von A nach B bringt, hat man kaum Zeit, über den Sinn nachzudenken. Ein einsamer Kunde im Mobilfunkladen auf 10 Uhr. Er und der Verkäufer stecken die Köpfe zusammen, wie zwei Buben auf einem Schulhof, die sich über Mädchen unterhalten. Mittagspausenstimmung. Die Schmuckverkäuferin, kaum vier Meter vor mir, ringt seit drei Minuten, eine Halskette an eine feine Dame zu verkaufen. Immer wieder reibt sich die Dame das Kinn und schüttelt den Kopf, „ich weiß nicht, ich weiß nicht“. Ein junges Paar schiebt einen übervollen Einkaufswagen, in dessen Unterteil ein Spielzeugauto eingebaut ist, in dem ihr Sohn „Ruääääm-bruuuuummm“ prustend das Steuer hin und her reißt. Ganz perplex ist das Kind, als der Papa plötzlich kehrt macht, und das Auto rückwärts fährt. Mit einem Bimbam kündigen Lautsprecher irgendwas Billiges an, oder dass ein Geldbeutel gefunden wurde, ein Regenschirm, ein Hund und ein Kind. Sehnsüchtig hoffe ich, dass der Spruch fällt, den Petra neulich ein paar Artikel zuvor ins Kommentarfeld getippt hatte: „Der kleine November möchte bitte aus dem Mai abgeholt werden“. (Wer Ah sagt, muss auch Wäh sagen).
Eine halbe Stunde flaniere ich durch die Stadt. Wie deplatziert wirkt die drei Meter hohe Wasserpyramide in einem Brunnen. Ein kahlgeschorener Rocker kauft Zigaretten am Kiosk und scherzt, fünf Minuten später, den selben Weg habend wie ich, mit einem Metzger. Ein Laden für Gießkannen befindet sich direkt gegenüber der Metzgerei. Die haben Mut, tse, Gießkannen. Ich fotografiere eine uralte Wetterstation mit vergoldeten Armaturen in einem reichlich verzierten Minihäuschen bei der Reussbrücke. Das Hygrometer zeigt 100% Luftfeuchte. An der Bushaltestelle überlege ich, den Fahrer des Linienbusses nach Baden mit einem Lächeln zu erinnern, dass es ziemlich dreist ist, bei dem Wetter einen Bus zu steuern, auf dem Baden steht. Ich muss dabei an den Busfahrer auf der Sickinger Höhe denken, das ist zwei Jahre her, der nach Feierabend in seinem Display über der Windschutzscheibe eingeblendet hatte, Nix wie hem (pfälzisch für jetzt aber nichts wie nach Hause). Am Schaufenster des Shoppingcenters klebt das Motiv einer Plakatkampagne, die ein Ferkel zeigt und einen Bauern, mit der Aufschrift, HmHmHm Soundso, ein Biobauer aus Muhen. Ha, Muhen, das ist klasse, das ist zum Wiehern.
Später durchqueren die Soso und ich die Altstadt, die ein bisschen erinnert an ein Mini-Bern oder ein Mini-Baden. Das Hotel Sonne – auch die haben Mut, lächele ich. Das Wehr im Fluss bei der alten, überdachten Holzbrücke ist etwas ganz Besonderes. Eine gut sechizg Meter lange Zunge mitten im Fluss, vertieft, in die sich die Fluten stürzen.
So kurz vor dem Vorstellungsgespräch will sie sich noch die Haare färben lassen. Von mir! Alle meine Warnungen, was, wenn was schief geht, was, wenn es zu lange dauert, schlägt sie in den Wind und rührt die nach Ammoniak stinkende Brühe an, drückt mir Latex-Handschuhe in die Hand und sagt, mach!
Das ist Orange, sage ich, willst du orangene Haare?
Das wird schon schwarz, guck, auf der Packung steht schwarz.
Was, wenn nicht? Willst Du dem potentiellen Arbeitgeber dann erklären, ein bedrohlich wirkender Mann mit niederländischem Akzent habe dich überfallen und mit Nachdruck gesagt huie daag, ich mach dir jetzt orangene Haare, korrekt fiets.
Ich starte den Färbevorgang und wir spinnen gemeinsam an einem Selbsthilfeportal für Menschen, die von Holländern überfallen werden und denen die Haare zwangsorange gefärbt werden. Aufstieg und Fall eines Webportals.
Zwischendurch ein Exkurs in die mutmaßlichen Lerninhalte der Frisörsausbildung: Da haben wir aber einen gaanz schönen Wirbel, Frau Sophia, näsele ich. Das ist zweites Lehrjahr. Da lernt man den Wirbeltrick, der den zu Frisierenden suggerieren soll, man wisse alles über ihr Haar. Im ersten Lehrjahr lernt man, über das Wetter zu reden, und im Dritten ist „Dorftratsch – sexuelle Phantasien unter dem Haarbusch“ dran.
Mein alter Freund K. fällt mir ein. Er ist echter Frisör. Er erzählte mir, wie er stundenlang im Türrahmen das Scheren geübt hatte, flinke Hand, Luftgitarre der Barbiertums, quasi. Liebe Frisöre, bitte seid mir nicht böse über diesen verhonepipelnden Fachartikel. Ich weiß, was für ein harter Beruf das ist. Und ich liebe euren Slogan, was Frisöre können, können nur Frisöre.
Nun trocknet die Farbe, während ich den Artikel schnell in das Blog hacke.