Tagesmärsche von zu Hause entfernt

Wenn man uns hinterher fährt auf der schmalen Talstraße den Auerbach aufwärts, könnte man uns glatt für Sonntagsfahrer halten, für Männer mit Hut und Prinzipien, Frau SoSo und mich, wie wir so mit unserem unheimlich verbeulten, uralten Auto durch die Lande cruisen, stets ein paar Kilometer langsamer als erlaubt, viel Platz lassend zu Fußgängerinnen und Fußgängern, Radlern, zum Straßenrand und allmöglichen Hindernissen. Der imaginäre Dackel flätzt auf dem Rücksitz, auf der Hutablage eine Klopapierrolle, aufs Feinste umhäkelt, und die alte Rostmühle ist eigentlich ein Mercedes Benz, oh Gott, willst Du nicht …

… Sonntag, 3. Mai. Erstmals seit Ewigkeiten wieder draußen in der ‚echten‘ Welt. Da war diese Eingebung morgens im Erwachen: Pottschütthöhe. Lass uns rausfahren zu dem kleinen Freizeitflugplatz irgendwo im Nichts am Rande der Sickinger Höhe und ein bisschen spazieren gehen. Dort ist gut parken und es gibt ein paar Wege und die Gegend hat mit ihren spärlichen, knorrigen Kieferninseln ein gewisses südländisches Flair. Da können wir uns vorstellen, wir sind auf der Halbinsel bei Cadaques oder irgendwo in der Provence, fremde Wesen in touristischer Mission.

Wir ziehen die Wanderschuhe an und vorsichtshalber nehmen wir noch einen Regenschirm mit, denn das Wetter ist instabil hier in der Südwestpfalz, hier in unserer Provence des kleinen Mannes, hier an unserer Costa Brava der verzweifelten Fernsüchtigenphantasie.

Kaum neun Kilometer Luftlinie von daheim liegt der Ort. Eigentlich könnte man zu Fuß dahin. Auf dem Smartphone habe ich eine Reihe Punkte markiert, die die Wegeverzweigungen markieren, an denen wir aufpassen müssen und abbiegen, denn das Ziel unseres Sonntagsspaziergangs habe ich auch schon eingetragen: Eine eingezeichnete Schutzhütte neben gestrichelten Wegelchen, die, glaube ich, Wanderpfade oder Monutainbikewege markieren.

Die Sickinger Höhe ist ein ebenso garstiges, wie weites Wandergebiet. Sie hält so einiges an Überraschungen bereit, dürfen wir feststellen. Meine blindlings nach Karte gesteckte Route erweist sich als touristischer Volltreffer, macht der Costa Brava alle Ehre. Über einen breiten Feldweg, der auch als Radroute nach Maßweiler beschildert ist, wandern wir auf ein Kiefernwäldchen zu, das auf einer Anhöhe thront. Viele Radler, Jogger, Hundescheiße alle paar Meter. Scheint ein beliebter Gassigeh-Ort. Doch nach wenigen hundert Metern blinkt schon mein erster, instinktiver Marker auf dem GPS. Hier links ab von der Hauptroute, bis zum Waldrand, rechts, links, wieder rechts, aber Moment mal, da ist gar kein Weg mehr wie eingezeichnet, egal, querfeldein nur fünfzig Meter und wir finden uns in einer Art Schlucht wieder. Bächlein murmelt. Wir fühlen uns fremd und fern, erinnern uns beide an den gleichen Spaziergang im letzten Winter in der Nähe von La Roque-sur-Cèze, wo wir über den Jahreswechsel gastierten. Plötzlich sind wir wieder auf dem etwas verwachsenen Pfad in der Garrigue. Ein Spiel von belebter und unbelebter Gegend. Flieger brausen über unseren Köpfen.

Das ist anders, gebe ich zu. Ein fetter brummender Doppeldecker. Dann das schneidende Zischen eines Segelfliegers. Dann wieder Stille, Vögel, Bach, knackende Äste. Und plötzlich, ein Kneippbecken mitten im Wald. Irgendwo da oben ist Reifenberg eingezeichnet und Schmittshausen und Maßweiler. Die Orte kennen wir alle, aber hier in dem Tälchen waren wir noch nie. Wir folgen den Schildern eines Kapellenwegs in eine Fichtenschonung hinein. Singletrail. Mountainbikespuren. Ich beäuge die angezählten, vom Käfer bedrohten Bäume. Sie leben. Noch. Schlimme Vision, dass in wenigen Jahren hier alles abgeholzt ist. Im Wald liegen unzählige weiße Schneckenhäuser. Es gibt Hochsitze. Eine Pferdekoppel. Spaziergängergruppen kommen entgegen. Familien, ein Mann mit Wasserkanistern, der zur Kneippquelle radelt. Aber meist herrscht Stille.

Als wir das Tal verlassen über einen unheimlich steilen Pfad und wieder oben bei den Feldern sind, finden wir uns jenseits des Kiefernwäldchens wieder, das wir vom Parkplatz aus sahen. Da jetzt zelten. Wir wären mit den Rucksäcken unterwegs, stellen wir uns vor, hätten unten in der Schlucht Wasser gefasst und nun wäre es bald Abend und wir wären müde, Tagesmärsche von zu Hause entfernt, und würden in dem lichten Wäldchen ein gut riechendes Plätzchen suchen und unser Zelt aufbauen …

Das rostige, nicht sehr schöne Möbelstück im länglichen Wohnzimmer des Herrn Irgendlink | #zwand20

(Nachträglich geschrieben am 22. April 2020).

Verflixtes Deutschsprechen. Jetzt habe ich den Tote Hosen Song mit dem Schinken, dem Ei und dem belegten Brot im Ohr. Überm Tresen bleckt das Logo von Knittels Campingplatz. Ein geschnitztes Holzbrett mit Fischen und Angeln. Aus dem I im Namen schwingt sich eine filigran geschnitzte Angelschnur. Daran zappelt ein großer Fisch mit verzerrt todeskämpfend geöffnetem Maul.

Deutschsprechen aber als Auffrischung. Wie so eine Tetanus-Impfung. Blick auf den Ebrostausee. Ein paar Anglerboote ziehen ihre Bahnen. Rot bleckt das Geländer der Brücke beim Procter & Gamble Werk. Sind wir noch Katalonien, frage ich. Nein! Aragòn. Der Mann am Tisch gegenüber ist ein deutsch sprechender Spanier, der lange Zeit in Dortmund gelebt hat. Klingt so, als ob er Katalanien nicht mag. Ich vertiefe das Gespräch nicht. Aber irgendwie kochen wir doch alle im gleichen, großen Europatopf.

Wie naiv, Kunstbübchen, wie naiv. Hast Du den Graffiti-Krieg nicht gesehen? Diesseits und jenseits der Grenze zwischen Katalanien und Aragón findet man jede Menge Schriftzüge, die Freiheit für Katalanien fordern und solche, die Nein sagen zu Katalanien. Oft sind es Denkmale wie jenes stählerne Schiff auf der nördlichen Ebroseite. Hart umkämpfte Werbeflächen. Ein Graffitikrieg tobt diesseits und jenseits der offiziellen Landesgrenzen, stelle ich fest. So kurbele ich hinauf ins Niemandsland um Fabara, nachdem ich einige wenige Kilometer auf der Nationalstraße gekostet habe. Keine Autos überholen mich auf der serpentinensteilen A 1411. A, das steht für Aragón. In Katalanien würde eine Straße dieser Kategorie mit CA beginnen und in Navarra mit NA. Landesstraßen also. Soweit sogut. Ich radele ins Nichts. Kaum jemand begegnet mir, genau wie 2016 auf dem Weg nach Gibraltar. Die Gegend ist unheimlich. Brachen wechseln mit Feldern, steinige Wege zweigen rechts und links ab. Am verwahrlosten Bahnhof von Fabara mache ich einen Stopp. 2016 verweilte ich bis zur Unheimlichkeit an diesem Ort, fotografierte das zerfallende Gebäude gegenüber.Nur noch Baumbewohner und Gestrüpp zwischen maroden Fensterläden. Irgendwo summte etwas Elektrisches aus einem Traforaum. Kein Zug kam vorbei. Aber die Schienen sind blitzeblank. Die Strecke Barcelona-Zaragossa ist in Betrieb. Spiel mir das Lied vom Tod-Stimmung oder noch besser, Spanish Bombs von The Clash. Der Bürgerkriegssong schlechthin. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr ich durch den Krieg geradelt bin in den letzten Wochen. Einen Flickenteppich alter Grenzen und Ansprüche habe ich durchquert, ohne viel von den teils Jahrhunderte alten Konflikten, mitzukriegen. Vom Dreißigjährigen Krieg bis hierher ins scheinbar so vereinte Europa in wenigen Tagen. Eine völlig vernarbte Landschaft. Grenzen allüberall, aber eben nicht mehr offen sichtbar. Wunden allüberall. Notdürftig befriedete Konflikte. Fast muss man sich vorkommen wie auf dem Mond, in dessen atmosphärenlose Oberfläche alle nur erdenklichen Asteroiden, Meteoriten, Brocken und Staub eindrangen und eine unheimlich vernarbte Fläche hinterließen. Der Ist-Zustand der modernen Menschenwelt ist eine gigantische, verkraterte Fläche aus Besitzansprüchen, Kleingeisterei, nationalen und regionalen Konflikten bis herunter auf dei ganz ganz winzigen Konflikte zwischen einzelnen Nachbarn. Vorurteile und eben nie zu Ende gebrachte Kriege, die Abwesendheit von Vergebung sind die Ursache, vermute ich.

Vor meinem geistigen Ohr dudelt also Spanish Bombs und ich komme ganz gut voran von Narbe zu Narbe, von Wasserkonflikt zu Wasserstreit, von Romeojulianischen Liebeskonflikten bis zum den Nachbarn kann ich nicht leiden, ist halt so, war immer so, unsere Familien hatten immer Krieg. Bis Caspe auf ‚meiner‘ alten Strecke im länglichen Ort zwischen Nordkap und Gibraltar. Ich glaube, darin liegt das Paradox, das mich, den Durchreisenden Beobachter so verwirrt. Für mich ist seit seit ich die gesamte Strecke zwischen Nordkap und Gibraltar erradelt habe, ein länglicher Ort entstanden auf dem Narbenteppich des Verderbens all derer, die seit Jahrhunderten an ihren Konflikten festhalten, sie pflegen wie ein Pflänzchen oder ein putziges, beißendes, pelziges Tierchen. Die Narben? Natürlich sehe ich sie. Sie sind wie Möbel in meinem großen, grenzenlosen, selbst zusammen geradelten Wohnzimmer. Die Bevölkerung vor Ort sieht das anders, wenn sie tagein tagaus mit Spraydosen (zum Glück sind es nur Spraydosen und keine echten Waffen), anrückt um mein schönes feines Sofa, zum Beispiel die eiserne Barkenskulptur bei einem alten Castillo neu mit ihren jeweiligen Duftmarken zu besprühen. Heute Nein zu Katalanien, ist es morgen schon durchgestrichen und Freiheit für Katalanien steht auf dem rostigen, nicht sehr schönen, zum Möbelstück gewordenen Objekt im länglichen Wohnzimmer des Herrn Irgendlink.

Es ist ein Feature und not a Bug, würde mein innerer Serveradmin behaupten. Mache dir keine Sorgen, friedlicher Bewohner, es dient nur deiner Unterhaltung und damit Du etwas zu schreiben hast.

In Caspe überquere ich erneut den Ebro. Die Gegend wird gar großartig karl-mayisch. Zumindest so stellte ich mir die Gegenden vor, die der alte Sachse einst in seinen Romanen beschrieb. Staub und Leere und Durst. Irgendwo kreisen Geier. Tatsächlich?

Ich überlege mir moderne Karl May Heldennamen: Old Serverhand etwa, Vimnetou (nach dem Editor Vim) und Hadschi Halef Blogma. Eine Melange aus Karl May Film Melodie und den Spanish Bombs begleitet mich. So komme ich ganz gut voran. Das Lied Spanish Bombs ist übrigens hier in den Lyrics ganz gut dokumentiert. Wenn man einzelne Textpassagen anklickt, erhält man Hintergrundinfos dazu.

Ich stelle fest, es gibt keine Guten im Krieg*. Die Löcher in den Friedhofsmauern, von denen etwa die Rede ist, findet man noch heute und sie stammen gewiss nicht nur von den Roten oder den Faschisten. Beide Seiten waren grausam und erbarmungslos. Vielleicht war es einfach praktisch, den Gegner dort zu liquidieren, wo man ihn auch gleich begraben kann?

Mein innerer Sam Forgetthings versucht die Tristesse zu dimmen, versucht zu vergessen, beziehungsweise nicht daran zu denken. Kilometer um Kilometer, Schützengraben um Schützengraben, sich rettend ins Niemandsland des eigenen, länglichen Wohnzimmers lebe ich nur achtzig Jahre versetzt. Escatrón oder Sàstago heißt schließlich die Entscheidung an der Abzweigung zur A-221. Beide Orte liegen am Ebro, der in einer weiten Schleife eine Halbinsel ins Land gefressen hat. So kann man Narben vielleicht auch sehen. Sàstago wäre eigentlich eher meine Richtung. Dennoch radele ich links, einem Impuls folgend. Unten am Fluss ein Abzweig zu einem Kloster. Vielleicht eine Schutthalde nebenbei zum Wildzelten? Hundert Kilometer auf dem Tacho. Hundemüde und verlockend bleckt das hell erleuchtete Hotelschild. Gönn‘ dir was. Kauf dich frei, kauf dein Gemüt frei. Das billigste Zimmer kostet 68 Euro, mit Halbpension fast 80. Ich gönne mir den Luxus für diese Nacht. Zu viele Narben, zu viele Risse in der Welt. Ich brauche ein bequemes Bett ohne Ritze und etwas warmes zu essen.

Escatron liegt gegenüber der Hospederia, die im ehemaligen Kloster situiert auf der anderen Ebroseite. Es ist eigentlich nur ein kleines Dorf, aber es gibt ein Kraftwerk im Knie des Ebro. Ein Verbrennungskraftwerk. Früher wurde die Braunkohle, die man in Mequinenza förderte, verschürt. Heute hat man, glaube ich auf Gas umgestellt. Unheimliches Gespinst aus Starkstromleitungen liegt über dem Land. Vielleicht ist Handel das Balsam, das die Narben pflegt?

In der Hotellobby lümmele ich in den Abend, surfe im Wifinetz. Ein Bücherregal in der Ecke enthält genau ein einziges, deutschsprachiges Buch:** Panic von Mark T. Sullivan. [Titel noch unklar  – Zukunftsroman der Feinen Künste von Lind Kernig.]Ich denke, das kann ich mitnehmen?Es handelt von einer Jagdgesellschaft in Nordamerika, die abgeschnitten von der Außenwelt von einem unheimlichen Killer angegriffen wird. Einer nach dem anderen wird erlegt und ausgeweidet wie die Tiere, nach denen die Jägerinnen und Jäger auf der Jagd sind. Es handelt von einem Archäologen (Lind Kernig)  auf einer Mondstation der fernen Zukunft, der die Erde erforscht. Zunächst forscht er im digitalen Archiv des Mondes, stößt aber recht schnell an die Grenzen und muss einen Weg finden, auf die Erde zu gelangen, um im dortigen Archiv für digitale Frühgeschichte an weitere Informationen zu gelangen.

(Editiert 16. Juni 2020, Buchfundszene neu modelliert)

Edit 12. Juli 2020:

*Es gibt nur Böse und Antiböse

** Buchtitel Die Existenz/L’Éxistance. Das Leben in der Mondkolonie L’Existance hält nur ein begrenztes Repertoire an Erlebbarem bereit. Als wäre der Quell zu Erlebnissen irgendwann abgeschnitten worden und die Menschen, die in der Éxistance dem Elend der irdischen Apokalypse entkamen, durchleben Routinen, wieder und wieder. Neues ist rar. Neues ist ein knappes Gut. Neues gibt es nicht in der Kolonie, sondern nur auf dem Planeten. Der Zugang zum Planeten ist seit Jahrhunderten unmöglich. Kernig muss einen Weg finden, auf die Erde zu gelangen, um die Erlebnisquelle wieder zum Sprudeln zu bringen. Dabe stellt er fest, dass die Existenz nicht die Mondbasis ist, die in der Realität der Lunatier existiert.

Hey, denk mal nach, die Hauptwindrichtung führt doch vom Bärlauch zum Kernkraftwerk und nicht umgekehrt!

Das chinesische Insekt ist auch hier, sagt der Mann. Ein sonniger Tag in einem gespenstisch leeren Aargauer Dorf. Eigentlich wollten Frau Soso und ich nach einem Spaziergang entlang der Aare – wie schon so oft – in dem feudalen Café im örtlichen Schloss eine heiße Schokolade trinken und den Sonntagnachmittag genießen. Das Café ist aber zu. Vor der Tür liegen Kisten. Der Briefkasten quillt über.  Es sieht ein bisschen verwahrlost aus oder mindestens, um es brachial schwedisch zu sagen, ‚for ever stengt‘, für immer zu. Wir setzen uns auf Korbsessel in dem parkähnlichen Innenhof und Frau Soso versucht, die Baumart zu bestimmen, die uns überragt. Buchen vielleicht? Oder Eichen, mutmaße ich. Nee, da liegen doch Ahornblätter. Quatsch, das ist Efeu. Frau Soso fragt die App und die sagt, es sind asiatische Platanen, riesige Wesen, die in den letzten zig Jahren hier was-weiß-ich-schon-alles gesehen haben mögen. Das Dorf ist wie verlassen. Wir begegneten auf unserem Spaziergang nur wenigen Menschen. In einem Hinterhof ist ein Weinlokal geöffnet. Halligalli in dunklem Raum voller presswurstähnlichem beseeltem Klientel. Wir beobachten den plaudernden Frohsinn durch offene Türen.

Dann der Mann mit dem Insekt, den ich erst einmal gar nicht verstehe. Hä, wassen für ein Insekt? Ist da etwas Schlimmes, denke ich? Will schon naiv fragen, ob eine Spezies in die Schweiz eingewandert ist, die es den örtlichen Bauern schwer macht und die Weinernte frisst. Jenseits auf der kleinen Insel in der Aare pumpt das Kernkraftwerk ganz unscheinbar und hier an der Glastüre des Besucherzentrums hängt ein Zettel, dass das Zentrum bis auf Weiteres geschlossen bleibt und da dämmert mir, dass der Typ, ein alter, verkautzter Kerl, mit dem Insekt, das Virus meint. Schallend kracht der Groschen endlich. Ich bin geneigt, zu husten. Nur so aus Trotz, archetypisiere den Kerl als konservativ bis rechten Drecksknauser, der ganz gewiss die SVP wählt, aber vielleicht habe ich unrecht. Mögen tue ich ihn auf keinen Fall. Es gibt solche Menschen, leider immer mehr, die man auf den ersten Blick und wegen ihrer Äußerungen kategorisch nicht mag. Er nähert sich uns nicht, treibt sich stattdessen im Park herum, wo es einige physikalische Experimente mit sich drehenden Maschinen gibt, wohl um das Klientel des Besucherzentrums des Kernkraftwerks auf die Führungen einzustimmen. Wer weiß, vielleicht mache ich solch eine Führung auch einmal mit, wenn denn das ‚Insekt‘ endlich wieder weg ist. Eines der schönsten Experimente in dem Park ist eine akustische Installation zweier Parabolschalen, etwa fünfzig Meter voneinander entfernt, gegenläufig ausgerichtet, in die man sich hineinsetzen kann, einer hier, einer dort und sich in normaler Lautstärke unterhalten kann. Frau Soso und ich konzentrieren uns jedoch darauf, im Innenhof des Schlosses, neban des Besucherzentrums auf den Korbstühlen zu lungern und über die asiatischen Platanen nachzudenken und uns die Frühlingssonne auf die Körper brateln zu lassen. Später finden wir in einem lichten Wäldchen jenseits der Kernkraftwerksinsel ein halbhektargroßes Areal mit jungem Bärlauch, ernten unser Abendessen und abends, als wir den Sack voll Bärlauch, den wir ernteten in eine köstliche Lasagne verwandelt hatten, kamen kurz Bedenken, hey, Kernkraftwerk da und Bärlauch hier, in Spuckweite voneinander entfernt und nur das naive Bärlauchsammelbübchen in mir argumentiert, hey, denk mal nach, die Hauptwindrichtung führt doch vom Bärlauch zum Kernkraftwerk und nicht umgekehrt, genieße die Köstlichkeit. Aber so einfach ist es leider nicht.

Zweibrücken-Andorra, die Dritte

Ich muss verrückt sein, damit zu liebäugeln, Anfang März das Reiserad zu satteln und quer durch Frankreich zu radeln, vom ‚Großen Osten‘ des sechseckigen Landes einmal mitten durch bis in die Pyrenäen, mehr noch, dort auch noch hinauf auf den über 2400 Meter Hohen Pass namens Porte d’Envalira und weiter, weiter, weiter in einer geradezu abartigen Rutsche auf der unheimlich stinkenden, dieselrußgesättigten Passstraße bis nach La Vella, Andorras Hauptstadt.
Gerade habe ich mir verschiedene Webcams angesehen, um herauszufinden, ob der 1500 Meter hohe Mont Lozère, der auf der Strecke liegt, Schnee hat und wie die Hauptstraße zwischen Ax-les-Thermes und Andorra ausschaut. Bilder sagen weniger als tausend Temperaturanzeigen an den vielen Wetterstationen, die zwischen den Webcams auf der Karte gelistet sind. Kurzum, noch ist es recht winterlich und ein garstiges Lüftchen überweht Frankreich von Südwest nach Nordost.
2020 ist es wieder so weit. Ich habe die Reise schon in den Jahren 2000 und 2010 als Kunstprojekt realisiert. Dass ich die Tour auf fast identischer Strecke nach zehn Jahren wiederholt habe, bedingt irgendwie, dass ich es nun, noch einmal zehn Jahre später, wieder tue. Was für ein Kreuz die Konzeptuelle Blogreisekunst doch ist.
Warum die Reise schon im Vorfrühling beginnen? Ich möchte zur Gartensaison wieder auf dem einsamen Gehöft sein. So ein Künstlergarten bestellt sich ja nicht alleine.
Außerdem benötige ich später im Jahr noch etwas ‚Luft‘, um das Bayernprojekt, das 2018 begann, zu beenden.

Wie eine verrottende vier Meter hohe Sonnenblume, die dem ersten Herbstwind zum Opfer gefallen ist | #UmsLand

Vielleicht ist es eine Täuschung. Vielleicht nicht. In der Erinnerung liegt das Neuste meist klar und deutlich ganz oben wie eine verrottende vier Meter hohe Sonnenblume, die dem ersten Herbstwind zum Opfer gefallen ist und die man, in Stücke gehackt, auf dem Komposthaufen entsorgt hat.

Nach über zwei Jahren habe ich nun endlich mein erstes UmsLand-Projekt beendet. Die gestrige Etappe war definitiv die schönste. UmsLand ist der Hashtag in den sozialen Medien, ursprünglich kreiert für die Umradelung des Bundeslandes Rheinland-Pfalz auf der Rheinland-Pfalz-Radroute. Eben besagter Erstling. Seither gab es weitere ‚UmsLands‘, die ich sogar teils ‚in einem Rutsch‘ vollenden konnte.

Begonnen im Frühling 2017, musste ich die Reise unterbrechen und bin seitdem nicht mehr dazu gekommen die restlichen Kilometer, nur zwei drei Reisetage, zu erkunden. Bis letzten Samstag. Von Ludwigshafen bis zur französischen Grenze südlich von Wörth und entlang der Grenze bis zurück nach Zweibrücken klaffte dieses schmerzliche Loch in der Radelstrecke. Einige weitere UmsLand-Projekte folgten, erfolgreich, rund ums Saarland, das ähnlich wie Rheinland-Pfalz einen ausgeklügelten, grenznahen Radweg ausgeschildert hat. Vermutlich sind diese beiden Bundesländer im Südwesten der Republik die einzigen, die solch einen Radweg kennen. Rund um Bayern, das ich seit letztem Jahr bloggend und fotografierend und radelnd erkunde, gibt es keinen solchen Weg. Aber ich konnte auf Basis der Strecken des Bayernnetzes eine eigene Runde designen, der ich nun folge. Mit dem Paminaland habe ich letztes Jahr im eigens angelegten Paminablog ein weiteres UmsLand-Projekt erfolgreich beendet.

Doch zurück nach Rheinland-Pfalz und seiner 1040 Kilometer langen Rundtour auf verschiedenen Themenradwegen. Der gestrige letzte Abschnitt führte in etwa vom Rhein entlang der französischen Grenze bis zurück nach Zweibrücken, wo alles vor zweieinhalb Jahren begann. Ziemlich genau 100 Kilometer folgte ich dem gelben Radelsymbol, das die Runde auszeichnet durch den Bienwald in den Pfälzer Wald und den Wasgau durch stille Täler und verschlafene Orte. Meist auf gut ausgebauten Forstwegen, oft geteert, vorbei an alten Burgen und durch wie aus dem Fels gehauene Ortschaften, deren Häuser meist aus dem roten Sandstein gemauert sind, den es in der Gegend zu Hauf gibt. Die schönste Strecke!, dachte ich unterwegs. Jawohl, definitiv die schönste Strecke. Selbst die Bahntrassenradwege in der Eifel können da nicht mithalten. Natur pur, garniert mit diversen Abenteuermöglichkeiten. Hier mal eine Burg besichtigen, dort die Biosphäre zwischen Dahn und Fischbach, der ein eigener Rund-Radweg gewidmet ist und der am Biosphärenhaus mit Baumwipfelpfad in Fischbach bei Dahn gipfelt. Stille. Fernab der Straße. Hier ein Kleinod, zum Beispiel ein Stundenstein, der als Wegmarkierung außerhalb Rumbachs auf einer Anhöhe steht und der der Messung alter Postrouten diente. Hochsitze en Masse (ich gebe zu, das ist speziell, ich fotografiere liebend gerne Hochsitze; ich sammele sie geradezu).

Und Apropos sammeln, dieses Jahr ist ein grandioses Pilzjahr. Riesige Schirmpilze abseits des Weges begegneten mir und in den Dörfern war ich erpicht, bei jeder Gelegenheit irgendwo einzukehren, einen Kaffee zu trinken und ein Stück Himbeerkuchen zu verspeisen. Es gibt nicht allzu viele Einkehrmöglichkeiten auf der 100 Kilometer langen Strecke. Eigentlich nur in Fischbach und Eppenbrunn und gegen Ende, in Hornbach.

Eine Abwandlung der Radroute erlaubte ich mir auch und ich kann Nachfolgenden nur dringend empfehlen, darüber nachzudenken, ob sie stur den gut platzierten Wegweisern des großen Rheinland-Pfalz-Radwegs folgen, oder doch lieber meine Alternative wählen. Als Ortskundiger weiß ich um die Beschaffenheit des Radwegs zwischen Großsteinhausen bis Bottenbach und nach Vinnigen: Es gibt ihn nicht! Die Route führt auf garstiger Höhe auf einer Landstraße, auf der nicht gerade zimperlich gefahren wird. Nicht schön das. Obschon ich gut verstehe, dass man besagte Dörfer gerne in die Route einband. Die Alternative südlich durch Frankreich und durch das Dorf Walschbronn ist viel schöner. Man muss auch nicht auf über vierhundert Meter Höhe hinauf kraxeln, sondern man folgt Waldwegen durch die Täler. Einziger Wermutstropfen: Die Wege sind eben Waldwege und entsprechend matschig. Im Blogbeitrag zuvor ist die Reiseroute als Track einzusehen. Gegen Ende des Tracks (links, ich radelte ja im Uhrzeigersinn um Rheinland-Pfalz) findet Ihr die besagte Alternative zwischen Eppenbrunn und etwa Riedelberg.

Gegen Abend erreichte ich Hornbach und von dort aus sind es nur noch 11

Reiserade mit Gepäck vor weißen Barockbauten
Finale im Regen, zweieinhalb Jahre nach Start der Radreise rund um Rheinland-Pfalz. Herzogplatz und Rathaus Zweibrücken. Start und Ziel der Rundreise.

Kilometer bis zum Zweibrücker Herzogplatz, an dem die Runde 2017 begann. Über einen schönen Bahntrassenweg rollt man rein ins Städtchen und ich muss sagen, gar nicht so übel schneidet meine Heimatstadt ab ins Sachen Stadtdurchquerung im Vergleich zu anderen Stadtdurchquerungen, die ich absolvierte. Wobei ich natürlich die Strecke kannte und mich somit gar nicht verirren konnte, wie dies Fremde vielleicht tun.

Mein kurzes Fazit zur Rheinland-Pfalz-Radroute: Ein wirklich gut gemachter Fernradweg, der natürlich verbessert werden kann. Insbesondere im Westerwald und in den großen Städten am Rhein. Die Zeit, die man benötigt, etwa 10 bis 15 Tage, ist knapp. Es gibt viel zu sehen am Rande der Strecke und man könnte hie und da eine Pause einlegen. Sportlich ambitionierte Radlerinnen und Radler, die mit dem Begriff Transcontinental Race etwas anzufangen wissen, könnten die Strecke jedoch auch in drei bis vier Tagen bewältigen.

Ich verabschiede mich nun an dieser Stelle aus dieser Tour und harre weiterer UmsLand-Projekte (aktuell und noch nicht beendet (es fehlen 1000 Kilometer) zum Beispiel mein Projekt rund um Bayern (oben schon verlinkt). Danke fürs virtuelle Mitradeln.