Die Degenerationstheorie

Tatsache: sich nach Oben orientieren ist einfacher, als sich nach Unten orientieren. Pflanzen streben immer zum Licht; wirtschaftlich denkende Menschen streben immer nach Oben.

Aufgabe:

Suche nach Beweisen, warum es besser ist, sich nach Unten zu orientieren. Widerlege die Praxis. Fabuliere eine neue Denkweise, in der Niedergang besser ist, als Aufstieg.

Anmerkung: am Besten demonstrieren mit Fußballverein. Weg vom Geld, zurück zum Herz.

Brisante Fragen: Wurde Hoffenheim gemacht? Sind die Bayern ein reines Geldphänomen. Antwort Ja.

Wie ist es möglich, in Niederlagen Spaß zu finden?

Tja, meine Lieben, das ist mal eine Aufgabe. Schier unlösbar. Oder etwa nicht?

Du musst versagen

Konzeptkünstler R. ist wieder da. Ein unbekanntes Wohnmobil mit Münchner Nummer stand im Hof, als ich nach Hause kam. Auf den Seiten prangte in roten Buchstaben der Schriftzug R. – Räte für den Mittelstand.

Der Künstler hatte es sich in meiner Bude bequem gemacht. Durch die Katzentür hatte er sich eingeschlichen und sogar den Ofen angezündet. „Wie kannst du bei der Kälte existieren?“ fragte er, ohne auch nur Hallo zu sagen. Perplex umarmte ich ihn: „Ich dachte, du wärst tot. Dort ist es noch viel kälter“.

Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Drei Jahre? Viel Wasser floss durch viele Bäche.

Konzeptkünstler R. ist sicher der merkwürdigste meiner Freunde. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer, seinen Wandel vom dreitagebärtigen Penner, der am Rhein alle 50 km einen Steinstapel aufgestellt hat zum Unternehmensberater – das muss man sich mal auf der Zunge vergehen lassen – zu verstehen.

Tatsächlich ist das Wohnmobil, nigelnagelneu, das nun draußen im Hof steht, seine Einsatzentrale, sein Arbeitsplatz. In Kurzer Rede erfuhr ich, dass er sich vor zwei Jahren offiziell selbständig gemacht hat und eine mobile Unternehmensberatung gründete. Seither durchquert er mit dem fahrbaren Büro die Republik und alle Staaten der EU, in denen romanische Sprachen gesprochen werden und berät kleine bis mittlere Unternehmen.

„Räte für den Mittelstand. Tse. Das klingt ja geradezu kommunistisch.“

„Dem Mittelstand kann ein bisschen Kommunismus nicht schaden“, sagte R. „Der Mittlestand ist in zehn Jahren tot, wenn er nicht andere Wege geht. Der Mitterlstand hat sich bisher immer nach Oben orientiert. Nun ist es an der Zeit, dass er sich nach Unten orientiert und ganz neue Strukturen schaffte. Ich helfe ihm dabei.“

„Davon lebst du?“ fragte ich.

„Nicht davon“, antwortete er, „ich lebe. Ist einfach, nicht wahr?“ Der Konzeptkünster Mr. UnternehmensberaterSir grinste breit.

Wir tranken ein paar Bier und ich zeigte ihm, was sich in den letzten Jahren auf dem einsamen Gehöft alles verändert hat: das neue Atelier, ein paar Pimp My Wohnung Finessen, sowie diverse Neuigkeiten. Wie das eben so ist, wenn man sich so lange Zeit nicht gesehen hat. Ein gemütlicher Abend voller gepackter Information.

Die wichtigste, die auch mich betrifft war wohl: Du musst versagen! Jawohl.

„Du musst dich versagen in dieser leistungsorientierten Welt“, erklärte R., „denn wenn du es nicht tust, schinden sie dich, nutzen dich aus, vernichten dich am Ende“. Ich dachte an die Niere von Freund F. Du musst versagen, ehe es die Niere tut. Vielleicht hat Monsieur Allwissend Konzeptkünstler R. recht: wenn du in dieser Gesellschaft rennst und rennst und rennst, um vor deinen Mitmenschen am Ziel zu sein, tust du genau das, was die da Oben wollen: du opferst dich auf einem schäbigen Altar – wofür- für nichts und auf der Strecke bleibt das Lebensglück.

Jawohl. Wir müssen einfach nur versagen, uns zurück nehmen, nein sagen, enthaltsam sein was Leistung betrifft, denn honoriert wird ja der ganze, von Menschen für Menschen erfundene Wirtschaftsquatsch nur, wenn man bereit ist, anständig in die Tasche der Allgemeinheit zu greifen.

Also lautet die Devise für die Zukunft: Langsam ist besser als Schnell. Was ich nicht mache, machen die Kollegen. Was die Kollegen nicht machen, bleibt liegen.

Und alles, was liegen bleibt ist so natürlich, so gut, es ist Sediment in einer verrückten Zeit. Forscher werden es in Hunderttausend Jahren finden und Rätsel darüber raten.

Tipps fürs Bloggen

Wenn ich zurückblicke auf die Anfänge meines Schreiber-Daseins staune ich, dass mir das Schreiben mittlerweile ganz leicht von der Hand geht. Ich habe verdrängt, dass das nicht immer so war. Beschwerliche Zeiten liegen hinter mir. Die ersten handschriftlichen Notizen datieren auf Januar 1991. Ich hatte Frankreich und halb Spanien mit dem Rad durchquert, bis mich eine Grippe in Calpe nieder streckte. Nachdem ich mich erholt hatte, saß ich unter einem Orangenbaum an der Straße zum Stausee von Guadalest und kritzelte unbeholfen einige Sätze auf ein Blatt Papier. „Diese Reise musst du aufschreiben“, sagte ich mir. Sofort stellte ich fest, dass sechs Wochen auf den Straßen Europas sich nicht einfach so mal niederschreiben lassen. Obwohl die Erinnerung sehr wach war, gelang es mir nicht, auch nur einen einzigen Tag zu rekonstruieren. „Hättest du bloß abends immer ein paar Notizen gemacht“, redete ich mit mir selbst. Die Reise, auf der ich einen meiner besten Freunde, Leb aus Nürnberg, kennen lernte, verschwamm zu einem unheimlichen Klumpen gelebten Lebens. Und was haben wir für Abenteuer erlebt zwischen Sete in Südfrankreich und der Costa Blanca; durchquerten mit den Fahrrädern Barcelona bei Nacht, Stoppover in einer Jugenherberge mit fußstinkenden Zimmerleuten auf der Walz. Ein Besuch der Sagrada Familia, diverse Neubauten, Bauruinen, alte Gehöfte, in denen wir übernachteten, Sturm und tagelanger Regen; zu dritt mit Fahrrädern beim Trampen mitgenommen worden (das soll uns mal jemand nachmachen) … selbst jetzt, da ich dies notiere, schreibe ich mehr Worte in besserem Deutsch, als mir damals unter dem Orangenbaum gelungen sind.

Das war der Anfang meines Schreiber-Daseins. Seit 1995 habe ich auf Reisen immer ein Notizbuch dabei, skizziere die Welt wie ich sie vorfinde, denn man weiß ja nie. Ein einziges gutes Wort kann ein ganzes Kapitel auslösen. Eine einzige halbwegs plausibel erklärte Idee genügt, um sie später zu verwerten.

Ab 2001 habe ich mit der Bloggerei begonnen. Zunächst in selbst gestricktem HTML und eigenem Design ohne jegliche Blogsoftware und Datenbankunterstützung – was war das anstrengend und manchmal auch chaotisch, die Links durch das Buch händisch zu setzen. Ein zwei Jahre später ergatterte ich bei der aufkeimenden Plattform Myblog.de ein damals noch werbefreies Weblog – myblog.de/europenner lautete die Adresse – um schließlich auf WordPress umzusteigen.

Anfangs ist es mir sehr schwer gefallen, einen Artikel zu schreiben. Wo fängt man an, wie ordnet man seine Gedanken, wie strukturiert man einen Text, oh, und all die Tippfehler, die Unkenntnis der Kommaregeln.

Wie habe ich mich frei gemacht, dass ich heute so schreiben kann, wie ich es tue?

Insbesondere für Blogger hier einige Tipps:

  • vergiss Rechtschreibung und Grammatik – zunächst; schreib das, was du denkst so schnell und konzentriert wie möglich nieder.
  • verzettele dich nicht in Selbstmitleid und schreibe nie über etwas, was dich aufregt, sonst verkommt all dein Schreiben in einer Anklage gegen die Welt (Anklagen gegen die Welt führen zu unnötigen emotionalen Reaktionen deiner Leser, denn nie sind zwei einer Meinung).
  • Solltest du dich in Selbstmitleid verzetteln oder über etwas schreiben, das dich aufregt, lass es dennoch stehen, denn es ist ein Teil von dir. Kehre nie zurück.
  • verinnerliche Jack Kerouacs „Wie schreibe ich moderne Prosa?“ (Unterwegs, letzte Seite); insbesondere: Es gilt, die Flut, die in deinem Innern bereits unversehrt existiert, aufzuzeichnen! Ringe darum! und Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Innern aufsteigt! Je verrückter, desto besser!
  • Wenn du beim Schreiben undiszipliniert warst, diszipliniere das Geschriebene in einem zweiten Arbeitsgang oder lass es für immer liegen, auf dass nach deinem Tod sich jemand darum kümmert.
  • Denke nie darüber nach, dass du in der Zeit, in der du schreibst nicht bezahlt wirst und ignoriere die Furcht, nur weil das, was du (im Weblog) schreibst, nichts kostet, betrachtet niemand es als wertvoll.
  • Nur ein einziger interessierter Leser ist es Wert, dass man  für ihn schreibt (großer Dank nach Lorch)
  • Ärgere dich nicht über verpatzte Geschichten (schlecht Geschriebenes), erfreue dich vielmehr daran, dass du sie vor dem Vergessen gerettet hast.
  • Solange es sich nicht finanziell lohnt oder du sonstwie mit Ruhm rechnen kannst, lass Altes liegen und kümmere dich um das Neue.
  • Wenn dir mal nichts einfällt, schreib auch nichts.
  • Betrinke dich nicht beim Schreiben.
  • Wenn dir weiterhin nichts einfällt, fleddere dein lederbezogenes Notizbuch und verblüffe deine Leser mit verrückten Ideen.
  • Sollte das Notizbuch nichts mehr hergeben, betrinke dich.
  • Wenn dir ein Thema zu schwer ist, wende dich einem leichteren zu oder übe – Themen wollen gelernt sein.
  • Gestalte deine Welt so wie du es magst.
  • Halte dich nicht an Tatsachen fest (z.B. nur weil deine Freundin das Glas rechts neben sich gestellt hat, musst du nicht schreiben: „meine Freundin hat das Glas rechts neben sich gestellt“. In der Tat ist es sogar ratsam grundsätzlich wenn jemand etwas rechts tut, zu schreiben, er tut es links ;-)) –
  • abstrahiere die Realität, sie ist ein Diener der Fiktion.
  • Geize mit Emoticons.
  • Hüte dich vor dem Mainstream, es sei denn du möchtest viele langweilige, nicht denkende, uninteressierte, oberflächliche Leser in deinem Weblog haben.
  • Kümmere dich nicht um Statistiken. Ein enthusiastischer Leser, dessen Innerstes du erreichst, ist tausendmal mehr wert, als unzählige oberflächliche Leser.
  • Nachdem du einen Artikel erstellt hast, streiche alles Überflüssige weg. Insbesondere Worte wie wie und und oder oder und eigentlich auch auch und eigentlich. Nur nur, bzw. bzw. darfst du stehen lassen. Weder weder, noch noch dürfen in einem guten Blogartikel vorkommen ;-)
  • Schärfe das Schwert deiner Schreibe

Nachtrag: In diesem Artikel hätte ich eigentlich den gesamten einleitenden Text vor der Liste streichen müssen, um das Schwert zu schärfen, bzw.  ich hätte den Artikel teilen müssen.

  • Fazit: verstoße gegen die Regeln wo immer du kannst.

Loungemöbeltherapie

Ein Kondom überstreifen ist die einfachste Sache der Welt. Man macht es für gewöhnlich mit Daumen und Zeigefinger, geht dabei behutsam vor und rollt das Gummi von Vorne nach Hinten über das üblicherweise sehr dicke, immens lange männliche Glied. Soweit bis das Kondom zu Ende ist.

Die Analogie vom Kondomeüberziehen zum Loungemöbelbau wurde mir erst heute bewusst. Der Laie dürfte erstaunt sein, dass Loungemöbel beziehen wunderbar geeignet ist, um Partnertherapien zu machen, bzw. um spielerisch herauszufinden, ob man zueinander passt, oder um bildlich zu sehen, wer der dominante Partner ist; zu guter Letzt sieht man, ob das gemeinsame Leben im gleichen Rythmus schwingt.

Erfahrene Lounge-Möbeltherapeuten nutzen für ihre Therapiestunden grundsätzlich den Stehtisch. 1,10 Meter hoch und im Quadrat etwa 40 cm groß, kommt er der Form des männlichen Glieds auf abstrakte Art sehr nahe. Ein Penis-Kubisticus sozusagen, überdimensional, sauber, unempfindlich.

Beim Bau dieses Möbels muss man ein enges, maßgeschneidertes Stück Leder von Oben nach Unten über den Korpus spannen. Am Besten geht das zu zweit, da das Leder so lang ist, dass das lose Ende sich verwirft – alleine müsste man hundert Mal um den Tisch kreisen und Kante für Kante das Leder Zentimeter um Zentimeter nach unten ziehen.

Zu zweit nimmt jeder zwei Kanten zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann rutscht der Überzug in wenigen Minuten bis zum Boden.

Hier setzt die Loungemöbeltherapie ein. Es würde wenig Sinn machen, wenn der Eine sein Lederende nach unten zieht, und der Andere nicht nach kommt. Die Lederschürze verkantet sich und man bleibt mitten im Arbeitsgang stecken.

Wie in einer Partnerschaft. Wenn du nicht weiterkommst, wenn du auf Widerstände stößt, so bist du in den seltensten Fällen alleine Schuld. Du könntest noch so viel Kraft investieren, um ein Ziel zu erreichen. Du wirst es nicht schaffen, wenn dein Partner nicht im gleichen Rhytmus geht.

Beim Stehtischbau erkennt man recht schnell, an welcher Stelle man in einem Duett steht: ist man der Führende, der immer zuerst zieht, Zentimeter um Zentimeter, oder lässt man sein Gegenüber den Takt bestimmen, und zieht nur nach.

Kollege T. und ich haben diverse Techniken ausprobiert:

  • Beide ziehen unsensibel und chaotisch – sie stoßen immer wieder auf Widerstand und machen den Gegenüber verantwortlich, dass es nicht voran geht.
  • Einer führt im regelmäßigen Takt und der Gegenüber lässt das Leder geschmeidig in einem Zug nachlaufen – hier hat der Führende die meiste Arbeit, der Folgende braucht ungleich weniger Kraft, aber das Gemeinsam läuft wunderbar.
  • Mehr durch Zufall entdeckten wir die Methode des gleichen Takts, in dem jeder für sich das Leder spannt, aber beide strippen zum exakt gleichen Zeitpunkt die gleiche Strecke (man kann beim Stehtischbau nicht sehen, was der gegenüber tut, weil ja der Tisch dazwischen ist): diese Methode entspräche für mein Empfinden der idealen Liebespartnerschaft. Beide strengen sich gleichmäßig an und ticken im gleichen Rythmus. Es ist wie Tanz.
  • Wenn man sich beim Stehtischbau beobachten könnte, würde sicher auch Fall 4 vorkommen: einer macht vor und der Andere reagiert darauf. Man schwingt dann nur beinahe im gleichen Rythmus und derjenige, der sich anpasst, geht psychisch vor die Hunde.

Dr. Psych. multikompetent-Kollege-T. und Prof. h.c. Dr. Vet. YesSir-Irgendlink erwarten Euch :-)

Wringe um Barbie

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Aufnahme vom 5. Februar – eine halbe Stunde schien die Sonne, dann zog sich der Himmel zu und es regnete. Morgenrot – nasses Brot.