Kröte im Kampf gegen Mäuse

Kollege X. (Name geändert) hat eine ganz spezielle Wohnung in einem Keller in einem kleinen Häuschen, was im Grund nichts besonderes ist, denn es gibt hunderte solcher Wohnungen in Kellern in kleinen Häuschen irgendwo am Stadtrand in einer Stadt namenlos in Deutschland. Kollege X. ist allerdings sehr leger, was die Verwaltung seiner Wohnung angeht. Um es kurz zu machen: die Wohnung würde ein Casting für Deutschland sucht den Supermessie haushoch gewinnen. Vor einem halben Jahr hatte X. angekündigt, er werde die Wohnung grundlegend aufräumen. Als ich im Winter zu Besuch war, geriet der Gang zum Klo etwa zu einem atemberaubenden Hike ala Indiana Jones, mit tückischen Fallen, Giftpfeilen, rollenden Steinkugeln und Schlangengruben. Das hat sich gebessert. Ich weiß nicht, wie X. es geschafft hat, die Messiehaftigkeit der Bude auf ein erträgliches Niveau zu reduzieren. Sinnlos vertan hat er mit seiner Aufräumaktion den sicheren Sieg auf Deutschland sucht den Supermessie. Nun gibt es nur noch eine etwa 12 qm große Messie-Ecke, die sich auszeichnet durch meterhohe Stapel von Papier, Pfandkisten, Wäsche und Geschirr. Ein Charakteristikum von X.s Messiebude (wie wir die Behausung liebevoll nennen) ist, dass sommers wie winters die Tür einen Spalt offen steht. „Das ist pure Energieverschwendung“, hob ich den Zeigefinger, „du solltest die Stoßlüftung in Betracht ziehen. Immer nur mal kurz für ’ne viertel Stunde Türen und Fenster auf und gut ist. Damit sparst ’ne Menge Energie.“ „Das geht aber nicht“, sagte X. „Wieso?“ „Na wegen der Mäuse. Die wären dann doch hier gefangen und müssten kläglich verhungern, wenn ich nicht da bin.“ Guter Mensch, dieser X. Mal abgesehen davon, dass es im Messiestapel sicher genug zu fressen gibt – Zeugnisse etwa und Pfandbriefe – ist diese Behauptung hanebüchen.

Wie ich heute feststellen durfte, hatten die Mäuse sowieso nie eine Chance. „Die liegen auf der Treppe, alle tot“, sagte X. „Hä?“ „Ja, mausetot. Ich weiß nicht warum, aber seit kurzem wohnt eine Kröte in meiner Bude. Unheimliches Vieh.“ „Vielleicht killt sie deine Mäuse?“ fragte ich scherzend. „Nee, Kröten fressen keine Mäuse. Wenn du mich besuchen kommst, zeige ich dir die Kröte mal. Ist schon ein großes Teil.“ „Ein Mutant?“ „Hmhm. Ich glaube, die Mäuse schaffen es einfach nicht die geflieste Treppe hinauf und verhungern jämmerlich.“ „Also hat das mit dem Tür auflassen alles keinen Sinn. Du kannst sie nicht retten.“

Eine Wolke der Ungewissheit

Das Leben ist eine Kombination verschiedener Stimmungen, nicht von Erkenntnissen. Das heißt: was ich tue, fußt nicht auf in sich schlüssigen Tatsachen, sondern auf einem bröckeligen Konglomerat aus Vermutungen. Kaum etwas von dem, was meine Entscheidungen beeinflusst ist tatsächlich messbar. Das meiste, was meine Erkenntniswelt ausmacht ist nicht prüfbar. Fast 100 Prozent meiner Informationen beziehe ich aus zweiter Hand. Aus den Medien, aus dem Internet; selbst wenn mir ein Freund über eine Sache erzählt, habe ich sie nicht selbst erlebt. Tatsachenfälschung ist das einfachste Geschäft der Welt. Es ist eine Frage des Vertrauens und des gesunden Menschenverstands, so etwas ähnliches, wie Wahrheit zu finden. Sogar Selbsterlebtes verschwimmt im Lauf der Zeit zu einer amorphen Masse, in der nicht mehr mit 100 prozentiger Sicherheit ausmachbar ist, was wirklich wahr ist. Etwa erzählte an Silvester mein alter Freund eine Geschichte, die wir gemeinsam erlebt haben, bald 20 Jahre ist das her. Wenn ich die Geschichte erzählt hätte, wäre sie eine andere. Die selbe Geschichte, exakt die selben Ereignisse, aber zwei verschiedene Versionen.

Wie viel von dem, was alltäglich auf uns einprasselt können wir selbst überprüfen? Kaum etwas. Somit verschwimmt unser Leben in einer schimmernden Wolke der Ungewissheit.

lengelsbachSpaziergang im Regen, Lengelsbach, Frankreich.

weiter reise darf

Wie wir unsere Spuren hinterlassen in dieser Welt. Mein alter Freund Janax aus Paris, bilingual, hat vor etlichen Jahren einmal ein Feuerzeug, welches mit Werbung für Welter Reisebedarf bedruckt war so zurecht gekratzt, dass nun der Schriftzug weiter reise darf zu lesen war. Für einen Franzosen macht so ein Wort durchaus Sinn. Für mich übrigens auch. Was habe ich gelacht, als er mir das Ding schenkte. Ein Feuerzeug hat in der Regel eine Lebenszeit von etwa einem Monat. Dann ist es leer, oder der Feuerstein abgewetzt und man wirft es auf den Müll. Feuerzeuge sind sowieso stark fluktuierende Gegenstände. Umso verwunderter war ich, als das Feuerzeug nach all den Jahren wieder aufgetaucht ist. Sofort erinnerte ich mich an meinen alten Freund und wunderte mich, wie einfach es ist, uns in den Köpfen unserer Mitmenschen zu verankern. Zu dem Thema habe ich übrigens schonmal etwas geschrieben über Künstler Meierk.

Ich bin ein Kenner des Straßengrabens. Insbesondere bin ich ein sensibles Wesen im öffentlichen Raum. Alltäglich prasseln im öffentlichen Raum ja hunderte von Botschaften auf einen ein. Gewollt oder nicht. Zum Beispiel Werbeplakate oder große Schriftzüge auf den Dächern von Firmengebäuden oder bunt bedruckte Autos. So verankern sich die Unternehmen unterschwellig in den Köpfen von den Konsumenten. Nicht zu unterschätzen ist hierbei die Wirksamkeit von Abfallwerbung. Da die meisten Firmen ihren Namen auf die Verpackung ihrer Produkte drucken und viele Menschen ihren Müll im Straßengraben entsorgen, sind die Unternehmen auch dort präsent. So kaufe ich, einem geheimen Impuls gehorchend, neuerdings Bier einer gewissen Sorte, wohl weil in dem Straßengraben auf meinem Heimweg ein Trinker dieser Sorte seine Dosen entsorgt (die ich manchmal aufhebe und in bares Geld verwandele). Einst bildete ich mir sogar ein, auch wenn ich eine Gegend nicht kenne, den Standort eines bestimmten US-Schnellrestaurants auf Grad und Minute genau bestimmen zu können, allein anhand der Funde von Papiertüten, die die Kunden dieser üblen Firma aus dem Autofenster werfen (seltsamer Weise findet man fast nur Tüten dieser Firma; die ebenso präsenten Mitbewerber sieht man nur selten, was daruf schließen lässt, dass diese Firma ein besonders rohes, Klientel im unteren IQ-Bereich anspricht). Um ein Restaurant dieses Konzerns zu finden, muss man nur ein hinreichend großes Arreal beobachten, die Fundstellen der Tüten markieren und Verbindungslinien ziehen. An der Stelle, an der sich die Linien schneiden, befindet sich das Schnellrestaurant.

Für uns Künstler bedeutet dieses Phänomen, sich in den Köpfen der Menschen zu verankern automatisch, dass wir unsere eigene Marke profilieren müssen und die Information, wer wir sind und was wir machen im öffentlichen Raum streuen. Der öffentliche Raum ist die Straße, die Stadt, der Wald, das Dorf, überall wo Menschen unterwegs sind. Und er ist das Internet, Radio, Fernsehen, der menschliche Körper mit Kleidung, ja sogar die Haut der Mitmenschen, wenn man sie tätowiert.