Friendsaward

Keiner weiß, woher er kommt, keiner weiß, wohin er geht. Jemand hat ihn erfunden. Goldene Sunny hat den Friendsaward an mich gereicht. Danke dafür!

friendsawardDiese Blogs sind besonders zauberhaft. Diese liebenswürdigen Blogger wollen Freunde finden und sein. Sie sind nicht an Selbstverherrlichung interessiert.
Unsere Hoffnung ist, dass wenn das Band dieses Preises weitergereicht wird, mehr Freundschaften entstehen und sich auch weiter fortpflanzen. Bitte, gebt diesen Bloggern mehr Aufmerksamkeit.
Überreiche diesen Award an acht Blogger, die weitere acht Blogger auswählen und diesen Text in ihren Award-Post mit aufnehmen. Danke!

Ich schicke den Award weiter:

Unentwegt

Axeage

Zauberhexe

Nela

Gabi

Wildgans

Strichundstrich

Nutellaprinzessin

Da ich weiß, wieviel Mühe die Linkerei macht, bin ich nicht böse, wenn Ihr den Award nicht weiterrreicht ;-)

Außerdem: hätte ich noch weitere Anwärter/innen für den Award: alle in der Liste nebenan und noch einige mehr.

Eine Lektion in Sachen Europennerei

„Ich werde euch allen eine Lektion in Sachen Europennerdasein beibringen,“ posaunte ich fröhlich am Nachmittag. Kollege T., Vorarbeiter A. und ich hielten ein Schwätzchen. Es gab nicht viel zu tun. T. und ich hatten den letzten Großauftrag soeben abgeschlossen. In der Firma machte sich eine eigenartige Flaute breit. Alle bewegten sich ungemein relaxed, aber nicht wirklich glücklich. Fahle Sonne stand im Wettkampf mit eiskalten Schneewolken. Ein Graupelschauer ging nieder. Man redete von Aprilwetter. Die Gemüter kochen hoch derzeit, denn es herrscht Ungewissheit. Wie ein Tsunami frisst die Wirtschaftskrise nun auch den letzten Wirtschaftssektor, welcher bisher noch als Bollwerk galt: Die Partymöbelbranche, welche als die bizarrste Ausblüte der Werbebranche gilt. „Wir brauchen uns überhaupt keine Sorgen zu machen. Wir sind die Werbebranche und die Werbebranche ist absolut krisensicher, ähnlich wie die Totengräber“, hatte noch vor zwei Monaten Kollege J. mich beschwichtigt.

Die Ökonomie frisst ihre eigenen Kinder.

Nun ist der erste Tag seit fast einem Jahr, an dem keine Arbeit mehr da ist. T. und ich nutzten die Gelegenheit, längst überfällige Reinigungsarbeiten am Arbeitsplatz vorzunehmen. Sogar die Fenster der Partymöbelwerkstatt haben wir geputzt. Wir haben Laub gefegt, den Fußboden und Staub gewischt, ausgesaugt, geschrubbt, ach wie sehr wir auf den Knien waren, heute am letzten Tag des Großauftrags.

„Jawohl, eine Lektion in Sachen Europenner, werde ich euch geben,“ sagte ich zu A. und T. „Kommt mit. Wir pilgern per Rad von hier aus bis nach Santiago de Compostella. Nicht nur all unsere Sünden werden uns dann erlassen, nein, ich zeige euch, wie man sich aus Mülleimern ernährt, wie man unter Brücken schläft und wie man etwas besseres findet, als Brücken, um darunter zu schlafen.“ Vorarbeiter A. grinste. Er hält mich für einen Spinner. „Ich mache euch fit für die Zukunft,“ prahlte ich. Da war A. plötzlich gar nicht mehr zum Grinsen zu Mute, denn Zukunft ist ein Reizwort. Damit darf man heutzutage eigentlich niemandem mehr kommen, denn Zukunft ist ein schwarzes Etwas, ähnlich wie Kohle, aber unbrennbar und bei weitem nicht so wertvoll. Sagen die Deprimierten.

Sicher gehört das Lachen und die Selbstironie in dieser harten Branche unbedingt dazu. Fakt ist jedoch, dass Kollege T. und ich erstmals seit einem Jahr ein paar Tage Urlaub haben. Zwangsverordnet. Klar, dass einen so etwas beunruhigt. Wenn man als Radler stundenlang einen steilen Gebirgspass erklommen hat und den Gipfel erreicht, geht die Kraft, die man aufwendet, erstmal ins Leere. Im günstigen Fall ist es ein sehr malerischer Gebirgspass, der allerdings unheimlich wirkt, weil man plötzlich registriert, dass man sich an einer Stelle befindet, an der es nicht mehr höher geht. In die Tiefe starrend, kann es einem dann bange werden. Genauso ist es, wenn du monatelang schuftest und sonst nichts mehr anderes kennst, so wie ich, so wie T. und so wie A. Wenn dann plötzlich die Kräfte wegfallen, gegen die du dich fleißig gestemmt hast, so kommst du ins Wanken.

Ich weiß nicht, wie der nächste Morgen aussieht. Wie sich das anfühlt: nicht aufstehen zu müssen, kein Weckerklingelnohrhasendingsda. Am Besten, ich würde die ganze Nacht hindurch schreiben, und endlich mal das Schreibprojekt ans Laufen bringen, an dem ich gerade rumkaue.

Hey: die Lektion in Europennerei, nachmittags, das war allerdings auch großes Kino. Ich habe die Sache mit den Mülleimern und den verkommenen Absteigen durchaus ernst gemeint. Kollege T. wusste das. In A.s Augen meine ich, einen Funken Entsetzen wahrgenomen zu haben.

Kröte im Kampf gegen Mäuse

Kollege X. (Name geändert) hat eine ganz spezielle Wohnung in einem Keller in einem kleinen Häuschen, was im Grund nichts besonderes ist, denn es gibt hunderte solcher Wohnungen in Kellern in kleinen Häuschen irgendwo am Stadtrand in einer Stadt namenlos in Deutschland. Kollege X. ist allerdings sehr leger, was die Verwaltung seiner Wohnung angeht. Um es kurz zu machen: die Wohnung würde ein Casting für Deutschland sucht den Supermessie haushoch gewinnen. Vor einem halben Jahr hatte X. angekündigt, er werde die Wohnung grundlegend aufräumen. Als ich im Winter zu Besuch war, geriet der Gang zum Klo etwa zu einem atemberaubenden Hike ala Indiana Jones, mit tückischen Fallen, Giftpfeilen, rollenden Steinkugeln und Schlangengruben. Das hat sich gebessert. Ich weiß nicht, wie X. es geschafft hat, die Messiehaftigkeit der Bude auf ein erträgliches Niveau zu reduzieren. Sinnlos vertan hat er mit seiner Aufräumaktion den sicheren Sieg auf Deutschland sucht den Supermessie. Nun gibt es nur noch eine etwa 12 qm große Messie-Ecke, die sich auszeichnet durch meterhohe Stapel von Papier, Pfandkisten, Wäsche und Geschirr. Ein Charakteristikum von X.s Messiebude (wie wir die Behausung liebevoll nennen) ist, dass sommers wie winters die Tür einen Spalt offen steht. „Das ist pure Energieverschwendung“, hob ich den Zeigefinger, „du solltest die Stoßlüftung in Betracht ziehen. Immer nur mal kurz für ’ne viertel Stunde Türen und Fenster auf und gut ist. Damit sparst ’ne Menge Energie.“ „Das geht aber nicht“, sagte X. „Wieso?“ „Na wegen der Mäuse. Die wären dann doch hier gefangen und müssten kläglich verhungern, wenn ich nicht da bin.“ Guter Mensch, dieser X. Mal abgesehen davon, dass es im Messiestapel sicher genug zu fressen gibt – Zeugnisse etwa und Pfandbriefe – ist diese Behauptung hanebüchen.

Wie ich heute feststellen durfte, hatten die Mäuse sowieso nie eine Chance. „Die liegen auf der Treppe, alle tot“, sagte X. „Hä?“ „Ja, mausetot. Ich weiß nicht warum, aber seit kurzem wohnt eine Kröte in meiner Bude. Unheimliches Vieh.“ „Vielleicht killt sie deine Mäuse?“ fragte ich scherzend. „Nee, Kröten fressen keine Mäuse. Wenn du mich besuchen kommst, zeige ich dir die Kröte mal. Ist schon ein großes Teil.“ „Ein Mutant?“ „Hmhm. Ich glaube, die Mäuse schaffen es einfach nicht die geflieste Treppe hinauf und verhungern jämmerlich.“ „Also hat das mit dem Tür auflassen alles keinen Sinn. Du kannst sie nicht retten.“

Eine Wolke der Ungewissheit

Das Leben ist eine Kombination verschiedener Stimmungen, nicht von Erkenntnissen. Das heißt: was ich tue, fußt nicht auf in sich schlüssigen Tatsachen, sondern auf einem bröckeligen Konglomerat aus Vermutungen. Kaum etwas von dem, was meine Entscheidungen beeinflusst ist tatsächlich messbar. Das meiste, was meine Erkenntniswelt ausmacht ist nicht prüfbar. Fast 100 Prozent meiner Informationen beziehe ich aus zweiter Hand. Aus den Medien, aus dem Internet; selbst wenn mir ein Freund über eine Sache erzählt, habe ich sie nicht selbst erlebt. Tatsachenfälschung ist das einfachste Geschäft der Welt. Es ist eine Frage des Vertrauens und des gesunden Menschenverstands, so etwas ähnliches, wie Wahrheit zu finden. Sogar Selbsterlebtes verschwimmt im Lauf der Zeit zu einer amorphen Masse, in der nicht mehr mit 100 prozentiger Sicherheit ausmachbar ist, was wirklich wahr ist. Etwa erzählte an Silvester mein alter Freund eine Geschichte, die wir gemeinsam erlebt haben, bald 20 Jahre ist das her. Wenn ich die Geschichte erzählt hätte, wäre sie eine andere. Die selbe Geschichte, exakt die selben Ereignisse, aber zwei verschiedene Versionen.

Wie viel von dem, was alltäglich auf uns einprasselt können wir selbst überprüfen? Kaum etwas. Somit verschwimmt unser Leben in einer schimmernden Wolke der Ungewissheit.

lengelsbachSpaziergang im Regen, Lengelsbach, Frankreich.