Zwei ganz normale Tage – oder auch mehr

Wir verlassen das Haus, die Frau SoSo und ich. Wir sind Glückliche, die das Haus verlassen können, ohne sich Sorgen zu machen, an der nächsten Ecke überfallen zu werden oder erst Kilometer weit über eine Müllhalde zu laufen, um den dreckigen Fluss zu durchwaten und irgendwo in den Randgebieten einer Großstadt ein bisschen Grün und Frieden zu finden. Wir sind Glückliche, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, friedfertige Nachbarn und keine Angst haben müssen, dass eine Rakete im Wohngebiet einschlägt. Ein ganz normaler Sonntag in einem Dorf in der Schweiz. Wir nehmen die Fahrräder. Wie glücklich wir sind, Fahrräder zu besitzen.

Wenn ich einen Bericht schreiben müsste, der jenseits dieser Welt bestehen soll in einer fernen Zukunft, eine Spur hinterlassend für jenstige Archäologinnen und Archäologen, ich müsste scheitern. Ich könnte keinen Gesamtabdruck der Welt, in der wir leben, liefern, weil ich gar nicht weiß wie woanders auf dem Planeten eigentlich gelebt wird. Obschon ich viele Arten zu leben kennen gelernt habe.

Ich berichte nur aus meiner kleinen Blase der Welt, aus meiner direkten Umgebung. Mehr wäre Spekulation, verunschärfte das Bild. Berichte im Rahmen dessen, was für mich normal ist und schön und gut, aber hinter allem, was mir bekannt ist und wovon ich etwas weiß, lauert so viel Unbekanntes und Ungewohntes, manches kennt man ja vom Hörensagen, aber was mich erschreckt: Es gibt ein nahezu unerschöpflichen Raum für noch nicht Entdecktes.

Ich hatte kürzlich während der Umradelung Bayerns einmal sinniert, wieso Menschen, die an Wiedergeburt glauben und von sich selbst sagen, sie haben schon einmal gelebt auf diesem Planeten – als Mensch, als Tier, womöglich als Pflanze – stets als solche Wesen gelebt haben, die uns allgemein geläufig sind. Als Schlange, Affe, Pferd, Römerin, Thrakischer Prinz oder Mammutbaum. Wiedergeborene waren stets ein Wesen, das schon entdeckt und beschrieben wurde. Nie hört man, dass jemand schon einmal gelebt hat als das bisher nicht entdeckte Wesen in der Tiefsee ohne Augen und Ohren, das in ewiger Dunkelheit unter dem hohen Druck, der im Marianengraben herrscht, existiert. Ein Wesen ohne Namen. Was der Buddhist nicht kennt, das reinkarniert er auch nicht. Vielleicht irre ich.

Wir, das Haus verlassend, sonntags vielleicht.

Vorbei am Dorfbrunnen, auf dessen Kopf eine Bärenskulptur thront, den man kürzlich neu angemalt und renoviert hat, durch die zackigen kleinen Straßen, vorbei an den uralten aneinander gebackenen Bauernhäuschen, die einst vereinzelt in der Wiese standen, bis diese verkauft, bebaut und erschlossen wurde. Gespickt mit Einfamilienhäuschen. Durch die Randgebiete eines typischen Schweizer Dörfchens. Die Bebauung der Dörfer endet mittlerweile an der Bebauung des nächsten Dorfs. Industrie und Handel dazwischen ab und an. Die Schweiz ist eine Ansammlung von Randgebieten, durchdrungen von Ortskernen.

Durch eine Kastanienallee ins Nachbardorf.

Die Welti-Furrer-Chilbi (eine Chilbi ist ein Jahrmarkt). Acht bis zehn fahrbare Baukrane. Hochgebockte Maschinen, deren Räder in der Luft hängen mit ausgefahrenen Teleskopen zwischen den Dörfern Hausen und Windisch. Das fulminante Finale der Kastanienallee. Auf einem normaler Weise leeren, ungeteerten Platz herrscht an diesem Tag reges Treiben. Ich frag, Frau SoSo, bleiben wir ein Weilchen stehen, ich möcht schauen. So stehen wir ein Weilchen, die Fahrräder zwischen den Schenkeln und schauen das Treiben auf dem Gelände an. Viele Menschen, allesamt mit Helm und Warnweste ausgestattet. Die Krane bewegen sich, ziehen die Ketten, kragen die Arme, schieben die Masten aus den Teleskopen und an den Ketten hängen an massiven Eisenhaken kleine rote Tonnen, die etwas kleiner sind als größere rote Tonnen, die im Abstand von einigen Metern am Boden unter den Kranen stehen. In den Führerhäusern der Krane sitzen kleine Kinder, über die sich Bauarbeiter beugen und ihnen gestikulierend die verschiedenen Hebel der Maschinen erklären. Die Kinder müssen die kleinen Tonnen aus den größeren Tonnen ziehen, den Kran um einige Meter nach links oder rechts schwenken und sie in die andere große Tonnen versenken. Wie wir so starren, also vielmehr ich, wird mir bewusst, dass genau so etwas mein kleiner, privater Alltagszirkus ist: scheinbare Banalitäten am Wegesrand, die man normalerweise nicht zur Kenntnis nimmt. Oh, juhei, Kinder heben Tonnen aus Tonnen und versenken sie in anderen Tonnen. Ob ich da hin möchte und selbst eine Tonne aus der Tonne heben möchte und in eine andere Tonne tun, fragt Frau SoSo. Nein, möchte ich nicht. Zuschauen ist viel bequemer. Man hat es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Maschinen, in denen Menschen sitzen und agieren. Das ist es. Ja, doch Krane voller Kinder, die Tonnen aus Tonnen in Tonnen heben, das ist genau mein spektakuläres Unterhaltungsding. Besser noch als Mährobotern beim Grasmähen zuzusehen.

Und wir fahren weiter durchs nächste Dorf, Ziel eine große Weide, auf der einige Dutzend Wutzen frei laufen. Entdeckt haben wir sie vor einigen Jahren schon (also ihre längst geschlachteten Ahnen). Glückliches Schlachtvieh. Fleisch in spe, aber eben, die Weide ist etwa einen Hektar groß und es befinden sich kleine, Schweinegroß hohe Häuschen darauf, sowie ein Wasserfass und ein Schlammloch, in dem die Viecher sich suhlen. Das ist eine weitere Art beliebter Unterhaltung am Wegrand. Außer Wutzen, Mährobotern, Welti-Furrer-Chilbi-Kinderkranen oder Nichts, brauche ich eigentlich keine Unterhaltung auf Sonntagsausflügen. Ich bin ein schlichtes Gemüt, das jenseits des Kommerzunterhaltungsmainstreams die kleinen unbezahlten Dinge sucht und sich damit zufrieden gibt.

Wenn ich von ‚Nichts‘ als Unterhaltungsform rede, meine ich schlichtes Verharren und nach oben in den Weltraum starren. Wie es uns, nachdem wir uns an den Kranen voller Kinder und den Wutzen satt gesehen hatten, einige Kilometer später unten an der Aare passierte. Wir hatten die Hängematten in einer kleinen Aue aufgehängt und baumelten vor uns hin. Hängematten sind unheimlich bequeme Sitz-, Liege- und Abhängmöglichkeiten. Faszinierend wie die Sonne durchs Laub schimmerte und das Grün in verschiedene Töne aufspaltete, durchdrungen von ab und zuen Blautönen und ein bisschen Braun oder Grau der Äste, sonst nichts … ach, doch, das Schimmern allen Grüns wurde noch getoppt von den Lichtreflexen auf dem spielenden Fluss. Sonne von oben und von unten aufs Blattwerk und alles in zitternder Bewegung. Das Laub zitterte wegen leisen Winds, der Fluss wegen Strudeln und Wellen, herrlich, wie er die sturen, geraden, unbarmherzig voran dringenden Sonnenstrahlen in Unruhe versetzt, sie mal hier, mal da aufs Laub wirft oder durch einige der wenigen Lücken zurück in den Weltraum. Wie wohl ein Impressionist, eine Impressionistin dieses Blattwerk malen würde, fragt Frau SoSo. Die sind alle tot, will ich sagen, verkneife es mir, Punkt für Punkt sage ich.

Wenn ich das Gesicht Richtung Himmel habe, gelingt es mir mittlerweile ganz gut, mich als auf einem Ball per Schwerkraft fest pappendes Lebewesen vorzustellen, das im Begriff ist, in die Tiefen des Alls zu stürzen, wenn die Schwerkraft plötzlich nicht mehr ist, beziehungsweise, wenn sie sich umkehrt.

Das Grüne-Dach-Bild ist grandios. So könnten Ewigkeiten vergehen, ohne auch nur eine Spur Langeweile zu empfinden, denke ich. Im Spiel von Sonnenstrahlen und dem, auf das sie treffen ist immer Bewegung, Chaos, Unruhe, Unberechenbarkeit und es öffnen sich der Phantasie Pforten, die einem im sturen Dahintreiben – sagen wir einmal geradeaus schauend beim Gehen, Autofahren oder Radfahren – entgehen. Weil man parallel in einer dünnen, belebten Schicht auf diesem Planeten eben auch nur diese schmale Schicht wahrnimmt, aber nicht die Sphäre, die diese umschließt.

Sturz ins Weltall an einem ganz normalen Sonntag also. Neben unserem Wäldchen befindet sich ein Kurgebiet, in dem man eine Freilichtbühne aufgebaut hat. Plötzlich Musik. Klavier, Saxophon, Schlagzeug, Soundcheck für etwas, was später geschehen soll vermutlich. Es ist Nachmittag. Erstaunlich wenige Menschen auf den Rad- und Wanderwegen unterwegs. Wir trudeln weiter durchs nächste Dorf. Auf der Hauptstraße eine Kolonne Oldtimer. Röhrende, stinkende Amischlitten. Allmögliche Modelle. Cabriolets mit offenem Verdeck und gigantischen, durchgehenden Sitzbänken im Fahrerbereich, auf denen man getrost zu dritt oder zu viert nebeneinander sitzen könnte. Die Straße wird abgeriegelt, damit die Kolonne in einem Rutsch durchs Dorf kommt und sich kein Fremdfahrzeug dazwischen mogelt. In kaum einer der Karossen sitzen mehr Personen als nur der Fahrer. Ja. Fahrer. Keine einzige Frau. Eine Schlange antiker, schön glänzender Spritfresser voller sogenannter alter weiser Männer. Verflixt, ich kann es ja verstehen, dass man einen Narren fressen kann an einem schönen Kleinod. Dennoch ist dieses Bild des Amischlittenkorsos voller einsamer, meist grauhaariger Männer verstörend im Antlitz der Hitze des Tages. Mein Hirn kalkuliert, wie viele Liter pro Stunde durch die Vergaser jagen und wie viel der kleine Ausflug einsamer, im Verbrenner-Interesse geeinter Männer gesetzten Alters kostet. Der Himmel ist gelb.

(Zur Verlinkung in Lind Kernig – Zukunftsroman der Feinen Künste)

Das Hohelied des Null-LeserInnen-Blogs

Last Exit Weblog. Ich denke, ich fürchte, ich hoffe, ich bin auf der richtigen Spur. Zurück zu den Wurzeln im Anbeginn des weltweiten Netzes. Als der Mensch, im Fall ich, noch frei war und sich nicht bis in den letzten Winkel seines Denkens in den sozialen Medien verirrte. Dieses irre Fraktal aus Ansichten, Meinungen, Bekundungen, dieses Machwerk sich selbst ausschmückender und somit unauthentischer Lebensläufe. Das ist doch alles nicht echt!

Nach der Reise rund um Bayern: Facebook auf, um zu reagieren auf die automatisch durchgereichten Blogeinträge. Unterwegs wollte und konnte ich Facebook nicht öffnen. Warum ich dennoch dort poste und Mitglied bin? Es sind die Menschen. Manche Menschen kenne ich nur auf Facebook. Deshalb bin ich da. Auch da. Manche Menschen sind nur auf Whatsapp erreichbar und so weiter und so fort und deshalb sind wir eben auch bei und so weiter und so fort.

Ich hatte vor vielen Jahren einmal gesagt, ein Mensch, ein Blog. Das war eine Zeit, in der man sich im Netz immer mehr verzetteln konnte, sich bei diesem und jenem Blog-Portal anmelden konnte, um zu publizieren, um der Gemeinde Inhalte beizusteuern und einen gemeinsamen Mehrwert zu schaffen. Myblog hier, TwentySix da, Antville jenerorts, Thumbler, WordPress … man konnte sich zig kostenlose Blogs anlegen. Doch wozu? Um des virtuellen Sternchens Willen? Blogger der Herzen und Likes? Letztenendes gewinnt die Plattform, die dir das Meiste zurückbringt. Kommentare, Herzchen, Daumenhochs und Sternchen. Glasperlen der Moderne allerorten und was dabei untergeht: Darum geht es doch gar nicht.

Ich propagierte das Null-Leserinnen-Blog. Die Königsdisziplin. Bloggen um des Bloggens willen. Egal, ob es überhaupt jemand liest. Die Frage, warum man in diesem Fall denn nicht in sein kleines, papierenes Tagebuch schreibt und gut ist, stand lange Zeit berechtigt, bis mir bewusst wurde, dass es sich um Erde handelt und um Saat. Der Kipppunkt zwischen ich publiziere, theoretisch ist es jedem Menschen der Erde möglich, den Inhalt aufzunehmen, weiter zu spinnen an einem Gedanken und dem ich schreibe es in eine geheime Kladde, die niemand sonst lesen darf, ist auch der Kipppunkt, bei dem es um bedingungsloses Wachstum geht. Im ersten Fall bringst du eine Saat aus, die ganz ohne Zwang entweder wachsen darf oder vergehen, wie das in der Natur eben so ist, bei der zweiten hegst du auf deinem privaten Balkon die Samen. Mag sein, dass deine Zimmerpflanze der Webpublikation eine Weile gedeiht. Aber die wird sich garantiert nicht vermehren. Die erstere hingegen hat wenigstens die Chance darauf.

‚Ein Mensch ein Blog‘ ging natürlich prächtig schief, seit ich diverse Projekte ausgekoppelt und in selbst gehostete Blogs gepostet hatte. Das ist etwas anderes, als jedem Trend hinterher zu laufen für ein paar Klicks mehr. Mittlerweile sind es etwas zehn verschiedene Blogprojekte, die ich größten Teils abgeschlossen habe. Zum Beispiel gibt es das Paminablog und das Erdversteck als verschiedene Saatgutlinien … und noch so ein paar Projekte. Das Hauptblog, der am besten und intensivsten bewirtschaftete Acker, ist und bleibt dieses hier, in dem du gerade liest. Hier laufen alle Spuren zusammen. Es ist die Saatgutbank meiner feinen Künste und der Bloggeratur sozusagen.

Kurzum, Facebook wieder zu. Es bereitet so ganz und gar keine Freude. Es verwirrt mich. Ich kann mich noch nicht einmal über die Statistiken freuen; ich weiß was von Glasperlen und ich kann sie von Diamanten unterscheiden. Facebook und Twitter werden dir nie Diamanten geben. Diamanten sind so selten wie gut gehegte, von Inhaberinnen geführte Blogs. Da kommste nicht einfach so ran. Die liegen nicht wie Sand am Meer. Noch nicht einmal wie Bernstein, die bestellste nicht containerweise in einer billigen Blogherstellerfabrik und vertickst sie zu Massen über den Telekanal.

Metablogging. Bloggen über das Bloggen. Halte dich zurück, Herr Irgendlink. Klar willst du deine Geschichte erzählen, aber du musst doch nicht erzählen, wie du die Geschichte erzählst wie du die Geschichte erzählst wie du … und allegorisieren auf die Allegorie der Allegorie … musste auch nicht.

Es ist jedoch ganz klar, dass im Vorfeld des zu entstehenden Großen und Reinen, einem Buch zum Beispiel, erst einmal jede Menge Material gesammelt und nebeneinander gestellt wird. Dann die Verbindungen suchen. Unsichtbares sichtbar machen, Gutes verstärken, nicht erwünschtes löschen. Womit wir wieder beim Garten sind. Dein Saatgut ausbringen, es düngen, gießen, hegen, die unerwünschten Pflänzlein ausrupfen, hacken, Schnecken fern halten, die Blattläuse, vergiss die Blattläuse nicht und ja, der Ansatz von literarischer Brennnesseljauche schadet nie.

Jede Menge Daten habe ich gesammelt auf der Reise /Bayern. Drei Kategorien: GPS-Tracks, Fotos, Texte. Alles in Rohform im Blog sichtbar. Fast alles. Manche Beiträge sind privat gestellt, weil sie noch nicht korrektur gelesen sind. Aber letztlich ist der Garten ‚UmsLand/Bayern angesät. Frühlingsstimmung. Viel Arbeit. Dass ich ein Buch daraus mache, sagte ich im gestrigen Blogartikel. Ja. Ich mache ein Buch daraus. Wie es aussehen wird? Das weiß ich, wenn ich sehe, wie sich die Saat entwickelt. Wahrscheinlich ein reines Textbuch, eine Art Reisebericht in Romanform mit einem kleinen Bildteil in der Printversion. Verlag? Vielleicht. Ich habe keine Lust, mir die Hacken wund zu laufen. Hier kommt der Null-Follower-Hassardeur in mir zum Vorschein. Der Sache an sich, Sache an sich, Sache an sich-Plärrer, der, der für die Nachwelt arbeitet, oder nein, noch nicht einmal, der, der sät um des Säens willen und sich am Wachsen (und auch am möglichen Vergehen) erfreut. Der auf eine späte Ernte hofft, aber nicht darauf angewiesen ist.

Wenn ich an einer Sache arbeite, entsteht manchmal eine Art Flow, in dem ich an der Sache auf immer weiter arbeiten kann, ohne, dass ich dabei erschöpfe oder Fragen stelle oder etwas wie Sinn darin suche. So kann ich stundenlang zum Beispiel glücklich Geschirr spülen, eine schmutzige Ecke auf dem einsamen Gehöft aufräumen, einen dreihundertfünfzig Kilometer langen Radweg durch Wälder radeln (Grünes Band, tagelang, nicht nur stundenlang), diesen Blogartikel schreiben, ohne mir Sorgen zu machen, ob ihn je jemand liest. Sobald er fertig ist und im Netz steht, ist er eine Saat. Wenn sie jemand liest und auch nur etwas mitnimmt, vermehrt sich die Saat. Gutso. Wenn nicht, bleibt die Saat einfach liegen. Im Gegensatz zu natürlichen Saaten, bleiben die künstlichen, digitalen so lange erhalten wie die Server laufen, wie die Blogadressen bezahlt werden, wie die Hosterinnen und Hoster (im Fall ich selbst) dies ‚er-tragen‘ können. Und so lange wie es Wesen gibt, die die Inhalte dekodieren können (im Fall welche, die die Sprache der Texte verstehen).

 

 

Der Herbstfrühling 2022 #mdrzl #UmsLand/Bayern

Vorgestern? Letzter Tourtag. Insgesamt war ich nur drei Tage auf der Straße. Mieswetter. Kälte, ich hatte es im Artikel zuvor schon erwähnt. Die Gefühle dazu jedoch nicht. Die Jahreszeit fühlte sich an wie Herbst, nicht etwa wie die Frühlinge, wie ich sie von Früher erinnere. Da waren keine Gerüche (außer Dieselrußgestank, wenn mich ein LKW überholte – Dieselrußgestank ist ein mächtiger Gegner!). Keine Gerüche, keine Hoffnung,  nur Desolation Peaks im eigenen Kopf. Dazu die Schmerzen des langen Radfahrens. Normalerweise liegen meine Tagesetappen ja bei etwa 70 bis 100 Kilometer, nicht bei 130 bis 150 . Aber der Herr wollte es ja wissen. Will da einer den Transcontinental-Fahrer spielen!?

Ich kam mir vor wie mit zwei Motoren ausgestattet. Eine Art Hybrid, der unter Wasserstoff und Benzin laufen kann, bloß, dass die beiden Motoren nicht synchron liefen, sondern gegeneinander funkten. Der gemächliche Kunstmotor, also das Triebwerk, das den Künstler in Bewegung antreibt und das eine Art fein abgestimmtes Geflecht aus Vorankommen, Denken, Aufschreiben und per Apps Kunst produzieren ist, dieses Triebwerk lag im steten Clinch mit dem brutalen Transcontinentaler, der auf Teufel komm raus radelt, radelt, radelt, egal wie hungrig, wie Schmerz, wie unangenehm, wie müde – ich erinnere mich, dass ich auf dem Hinweg mit dem Rad zur Liebsten am Rhein-Marne-Kanal beinahe auf dem Fahrrad eingeschlafen wäre. So fühlt sich das also an, wenn man Europa vom Schwarzen Meer bis in die Bretagne durchradelt. Mit Radeln ist dabei wörtlich zu nehmen. Trancontinentaler radel fast nur, gönnen sich ab und zu ein paar Stunden Ruhe und schaffen die 5000 Kilometer in etwa zehn bis vierzehn Tagen. Ständig im Sattel und alles andere ausblenden, Hauptsache, die Beine kurbeln und du kommst irgendwie voran, wach bleichen, Monsieur Irgendlink. Ich bin der Transcontinentaler des kleinen Mannes. Doch zurück zum ersten Reisetag, vorletzten Mittwoch, als ich erst gegen 15 Uhr los radelte und unweigerlich in die Nacht radelte und die war ziemlich kalt und ich ziemlich müde. Ich hatte immer, nein, nicht Angst, Respekt gepaart mit Unruhe, in die Nacht zu radeln. Nun tat ich es bewusst, um mich dem zu stellen. Kanalradweg. Keine Autos. Und auch sonst kaum jemand unterwegs. Die Chance, es zu üben. Auf der anderen Seite des Kanalradwegs meinte ich Lichter zu sehen. Angler vielleicht. Im klammen Licht meines Scheinwerfers musste ich höllisch aufpassen. Und eben die Müdigkeit. Schon nach zwölf Uhr nachts, Sichelmond wie mit dem Stechbeitel geschnitzt. Wenn ich einschliefe, würde ich entweder zur einen Seite eine steile Böschung runter rasen ins begleitende Schilf oder in den Kanal oder einen Angler überfahren. Der Radweg mag auf der Krone des Kanaldeichs nur etwa drei Meter breit sein. Viel Luft, um glimpflich auszurollen ist da nicht.

Der Herbstfrühling 2022. So will ich es nennen. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine natürliche Veränderung, die jeder Mensch im Laufe des Lebens durchmacht? Vor einigen Jahren schon hatte ich eine solche Veränderung festgestellt (obschon ich es nicht so recht glauben kann, denn in mir werkelt noch immer der Junge, der ich einst war). Der Verlust dessen, was ich das GEFÜHL nenne. Man kann es sich als eine Art alles egal-Einstellung vorstellen, oder als ein Vertrauen ins ‚Alles wird gut‘. Ich kann es schwer erklären. Bildlich ist es verknüpft mit einer Situation abends unter dem heimischen Nussbaum, Harndrang, einfach in die Wiese pinkeln, Richtung Süden schauen durchs Blattwerk in den dampfend schimmernden Lichtsmoghimmel der Kleinstadt und plötzlich, im Lassen des Wassers ist alles so herrlich egal. Alle Alltagssorgen fallen ab. Niemand kann Dir was. Weiß allerdings nicht, was das mit dem Pinkeln zu tun hat, aber das ist die letzte Erinnerung an das GEFÜHL, die ich habe.

Das beschützte kleine Kind in dir kann sich frei jeden Panzers nach draußen wagen ins  kalte Universum, das schon hinter der Haut beginnt.

Gefühlsverstümmelung? Ist es das, was ich durchmache. Mein Körper? In den letzten Jahren sind andere Merkwürdigkeiten hinzugekommen, bzw. schaue ich näher hin. Zum Beispiel, dass ich eine Verbindung vom Kopf in den Körper, den Rücken abwärts spüre und dass angenehme oder unangenehme Situationen eine andere Bahn den Rücken hinab nehmen, dass es im Kopf an verschiedenen Stellen ‚kitzelt‘, je nachdem, ob ich in Sorge bin, in Angst, in Freude oder in Lust. Die kürzliche Beschäftigung mit dem Vagusnerv, der eine Verbindung vom Hirn bis ins Gedärm ist und der sich in zahlreichen Verzweigungen durchs Rückenmark in verschiedenste Organe und in die Gliedmaßen zieht, gibt mir ein Bild vom Körper. Eine Art Landkarte. Keine Ahnung, ob sie stimmt. Bilder sind ja immer nur Teile der Wahrheit, Alternativen zueinander und ich bin gar nicht mal so sicher, ob man in diesem Bereich des sich die Welt Vorstellens überhaupt eine absolute, einzigartige Wahrheit finden kann oder ob nur verschiedene Vorstellungen dessen, was ist, miteinander konkurrieren. Durch Raum und Zeit ziehen sich dieser Versionen, hängen von den Bedingungen ab wie etwa, wie weit bist Du Deinen Lebensweg schon gegangen, was hast Du erlebt, was hat Dich geprägt, mal so, mal so und dann bist du, der Frühlingsjunge vor vierzig Jahren, den Mund rot umschmiert von Kirschen, die du im Baum erklettertest, plötzlich der Boomer und der ‚alte Sack‘ der Jetztzeit in einem seltsam vergehend sich anfühlenden Herbstfrühling. Nichts riechen, nichts fühlen, nichts empfinden. Drei weise Affen in der Zielgeraden Richtung Tod?

Doch nicht nur im Innern fühlt es sich an wie Herbst, auch die äußeren Symptome für Herbst erkenne ich heuer: Knappe Zeit. Ein Termin hetzt den anderen. Erntedank und Unabdingbarkeiten. In der Erntezeit, die nun einmal im Herbst ist, haben nicht nur die Bauern alle Hände voll zu tun. Wir Künstler auch. Ausstellungen, Offenes Atelier, Weihnachtsgeschäft. Kaum freie Zeit. So fühlt sich der Künstlerherbst an und nun schleicht sich die Termindichte in meinen Frühling. Ich ringe mit dem Garten, pflanze, hege, werkele. Gestern zwei Fuhren Holz aus dem Wald gezerrt, jeder der kommenden Tage ist schon verplant, nächsten Sonntag geht die Radelgalerie auf den heimischen Herzogplatz und ich muss unbedingt noch Kunst produzieren, die ich zeigen kann. Zack fünf Stunden Arbeit am Bein. Am 21. Mai Ausstellung in Saarbrücken, am 3. Juni Ausstellung in Fitou und eigentlich müsste ich ja zu den Vernissagen, aber es tat sich ein Loch im Terminkalender auf, in dem ich endlich mein Projekt UmsLand/Bayern vollenden könnte. 17. Mai bis 8. Juni … mal schauen. Dann gibt es wieder Liveblogberichte an dieser Stelle.

Zur Karte des 2018 begonnenen Kunst- und Reiseprojekts geht es hier lang ->

 

In einer Jammerstunde rings um Bitche bloß nicht die einfühlerige Schnecke zertreten #mdrzl

Landstraßengedonner. Nieselregen. Grau hebt sich der Tag. Mein Übernachtungsplatz unter einem Betonpavillon etwas außerhalb von Niederbronn-les-Bains ist zweifellos einer der seltsameren. Die Landstraße ist gerade einmal  dreißig Meter entfernt. Dank Ohrstöpseln und weil nachts kaum ein Auto oder LKW fährt, habe ich gut geschlafen, aber um sieben Uhr perversfrüh rollt der Verkehr wie eh und je. Auf vier Betonsäulen ruht ein rundes Dach aus Beton. Beim Einschlafen im fahlen Streulicht der Stadt stellte ich mir vor, ich liege unter einem UFO. Grotesker weise kongruiert das Rund des UFO-Dachs mit dem bewaldeten Berg jenseits der Landstraße. Zwischen den beiden Rundungen ein Streifen bleiern bewölkten Himmels.

Habe ich gut geschlafen? Ich glaube ja. Ich fühle mich ausgeruht. Die Oberschenkel fühlen sich nur mäßig maträtiert an durch die 125 Tageskilometer. Es ist kalt. Saukalt. Niesel kitzelt mich an der Nase. Ich habe unter der Hängematte geschlafen, die zwischen den Betonsäulen hängt. Es war mir zu mühsam, in die insgesamt drei Schlafsäcke zu kriechen und dann auch noch in die schaukelnde Matte. Der eigentliche Schlafsack wird ergänzt durch ein Inlay, das verspricht, drei Grad kälter zu ermöglichen, sowie einen Biwacksack, der den Nieselregen abhält. Ja, ich schlief gut.

Vor meinen Augen kriecht eine Schnecke die Treppe hinab in die Mitte des Pavillons. Vermutlich war das mal ein Brunnen. Anders kann ich mir die vielen Löcher und Öffnungen und Befestigungen und die Scheinwerfer, die in den Boden eingelassen sind, um etwas was einst Bedeutung hatte, nun aber nicht mehr existiert, ins rechte Licht zu rücken – anders kann ich mir die vielen Überbleibsel nicht erklären.

Die Schnecke hat nur einen Fühler und ein zartgraues Haus. Schlankes Vieh. Eine Weile beobachte ich, wie sie die Stufen hinab kriecht zum Mosaikfußboden, einen Bogen auf mich zu macht, sich aber dann wieder Richtung Zentrum des Areals wendet. Derweil frühstücke ich, schreibe klammen Fingers einen Blogartikel und als ich auf ‚Veröffentlichen‘ geklickt habe, packe ich alles zusammen, stets bedacht, die Schnecke nicht zu zertreten. Das wäre schlimm, hatte ich mir zuvor eingeschärft, pass auf die Schnecke auf. Doch die ist längst verschwunden. Verflixt schnell die Viecher, oder eben beharrlich. Ausdauernd. Wie wir Langstreckenradler.

Ich könnte die Landstraße nehmen und in drei Kilometern zur parallel verlaufenden kleinen Ortsstraße wechseln, das würde mir drei Kilometer Strecke sparen, die ich zurück radeln müsste, um Landstraße, Bach und ehemalige Bahnlinie zu über oder unterqueren. Verlockend. Aber aufs Dichtgeüberhole auf dem Schreiasphalt bin ich gar nicht scharf und überhaupt, L’Escargot, c’est moi. Beharrlichkeit und ein gut Stück Leidensfähigkeit. Kein eitel Lullifulliradeln wird das heute. Disziplin ist angesagt und Durchhalten. Erstaunlich, wie so ein Hirn mit Willen so etwas schmerzempfindliches, von seiner Natur her Träges wie einen Körper antreiben kann. Auf ins nächste Dorf namens Phillipsbourg, wo ich in einer Boulangerie einen Kaffee nehme. Bemaskt rein, drinnen alle ohne Maske, egal, Kaffee bestellt. Jemand hustet. Apnoe-Kaffeetrinken, derweil weitere Leute reinkommen und ich ziehe mir die Brühe elend schnell rein, weil ich mit so vielen Atmenden und plaudernden Leuten nicht so lange in einem Raum sein will. Noch einer kommt rein. Mit Maske, schaut sich unsicher um in der Runde und nimmt dann die Maske ab. Welch bizarre Logik, als ob der Freiherr von Knigge empfohlen hätte, aus Höflichkeit die Maske abzulegen wider die eigene Vernunft.

In Phillipsbourg endet der kleine Bypass an ruhigen Sträßchen und Waldwegen, die parallel zur Straße führen und man muss entweder im Vielverkehr auf der Landstraße die etwa zwanzig Kilometer nach Bitche radeln, oder links oder rechts Nebenstraßen durch Täler und über Hügel. Ich entscheide mich für rechts (westlich), denn die Strecke kenne ich noch nicht. Via Sturzelbronn und später vorbei am Camp Militaire de Bitche, einer riesigen, unheimlichen Truppenübungsanlage mitten im Wald. Die Strecke ist wunderschön bis das Camp beginnt. In Sturzelbronn eine Kompanie Soldaten, die Rucksäcke neben ein Wegkreuz gestellt, wartend, ich sage Bon Jour. Arme Teufel. Die müssen schwitzen und den Körper knechten. Ich darf schwitzen und den Körper knechten.

Kein gutes Wetter an diesem Tag. Ich friere. Hände und Füße schlafen ein. Ich verfluche das Radfahren. Ich gebe das Radfahren auf, schwöre ich mir, stoisch kurbelnd in den fraktalartigen mit zahlreichen Aufs und Abs gespickten Windungen rings um das Militärcamp. Wie soll ich derart jämmerlich je noch einmal ans Nordkap radeln, heule ich vor mich hin. Selbst das Projekt /Bayern fortzusetzen, scheint mir in dieser Jammerstunde rings um Bitche fast unmöglich. Sofa, das ist es was ich will. Sofa und Ofen und an die Decke starren und mir vorstellen, ich schlafe unter einem Ufo und wenn ich von meinem imaginären Sofa aufstehe, muss ich darauf achten, die einfühlerige Schnecke nicht zu zertreten. Vorbei am Etang de Haspelschied, der zur Hälfte im militärischen Sperrgebiet liegt. Alles tut weh. Ich habe Hunger. Sobald ich anhalte, friere ich. Hab den dummen Anfängerfehler gemacht, morgens nicht das feuchte Fahr-T-Shirt anzuziehen, sondern das einzige verbliebene trockene. Somit kann ich mich zum Pausieren nicht trocken umziehen.

Herrje. Ein Paradetag ist dieser gestrige letzte Reisetag, eine Blaupause für spätere Gutrederei nach dem Sprech, siehste, haste ja doch gut überstanden. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das zum Beispiel in einem norwegischen Fjord so ähnlich glimpflich ist. Bin ich so lange nicht gereist, dass ich es erst wieder lernen muss?

Letzter Anstieg nach Hause eine zwanzig Prozent Steigung. Ich erlaube mir, zu schieben, oft stehen zu bleiben, durchzuatmen und als die Steigung wieder flacher ist sitze ich wieder im Sattel und feixe, ich könnte ja einfach am heimischen Sofa vorbei fahren. Nordkap nur noch 3600 Kilometer entfernt …

(Dritter und letzter Tag der Rückreise ‚Mit dem Rad zur Liebsten‘ Aargau-Pfalz).

Tourhistory: Seit 2016 lege ich die etwa 350 Kilometer einmal im Jahr mit dem Rad zurück, statt per Zug oder per Auto. 2021 fiel die Tour aus. Die vergangene Tour 2022 radelte ich auf dem Hinweg nur das Stück Zweibrücken-Offenburg und Basel-Frick (190 Kilometer) und bewältigte etwa 150 Kilometer per Zug. Für die Akten: Zugticket Offenburg Basel kostete 13,90. Fahrradticket wird nach neun Uhr früh nicht benötigt. Die Regionalbahn fährt sich prima per Rad, da man am Beginn der Linie einsteigt und am Endhaltepunkt aussteigt (spart Gerangel beim Fahrradstellplatz). In der Schweiz durchquerte ich den Bözbergtunnel von Frick nach Brugg per Zug. 14 Franken – Fahrradticket wäre wohl nötig gewesen, wurde aber nicht kontrolliert.

Statistik: Rückweg etwa 21 Stunden im Sattel. Mein innerer Selbstüberschätzer unkt, das könnte man auch mal in einem Rutsch fahren, wie so ein Transcontinentalracer.

Trödelei und Vermeidung, die zweifelhaften Tugenden des Langstreckenradelns #mdrzl

Gestern ein hölzerner Pavillon, heute einer aus Beton. Es ist nicht schön, in der kalten, nackten, von Nieselregen umwobenen Betonfläche aufzuwachen. Alles fröstelt. Die Finger sind klamm. Ich habe schon gefrühstückt, auf der Radlerhose sitzend, um sie vor dem Anziehen ein bisschen aufzuwärmen, es gab Baguette, Käse, Schinken, Wasser – ha, Wasser und Brot zum Frühstück. Der Pavillon war mal ein Prachtbau, vermute ich. Mosaikboden, ein Loch in der Mitte, aus der etwas herausgerissen wurde, ene Skulptur?. Außerdem sind ringsum Scheinwerfer in den Boden eingelassen, die das Ding wohl einst beleuchteten. Vier Stufen führen hinab zum Mosaik, auf dem ich die letzte Nacht schlief. Die Landstraße ist nah. Da kann auch der kleine, etwas weniger gepflegte Park nicht darüber hinweg tünchen, der den Pavillon umgibt.

Abends hatte ich überlegt, in der Hängematte zu übernachten, die genau zwischen die Betonsäulen passte, aber da hätten die Scheinwerfer der vorbeifahrenden LKW mich stänig beflutet. Die Mulde darunter jedoch war stets im Schatten. Vermutlich war das mal ein schöner Brunnen. Vielleicht stand in dem derben Loch zur Mitte einmal eine Wasserspeiende Putte?

Der Glanz der nahen Bäderstadt Niederbronn-les-Bains verblasst wohl von den Rändern her. Obschon es gestern spät – es war wohl so gegen halb elf, als ich hier ankam und zuvor die Stadt durchquerte – recht aufgeräumt wirkte. Casino, Hotels, Duft von Essen aus den Ablüften der Retaurants, fein gekleidete Menschen, ein Park, in dem ich mich verirrte und sogar die Baukrane der Baustellen sind reichlich geschmückt mit LEDs und Lichteffekten. Kann ja nicht sein, dass in unserem Badstädtchen nackte, derbe, verrostete Baukrane stehen, oder? Da buchen wir doch bei der Baustelleneinrichtung schön noch das Paket ‚Fein aufgeäumte Kurstadt‘ mit.

Dass ich hier gelandet bin, verdanke ich alles nur einer Vemeidung. Vermeidung und Trödelei waren die beiden Joker des gestrigen Tages. Zunächst schlief ich in der Hängematte ein, die ich mittags nahe Krafft direkt am Kanalradweg aufgezäumt hatte. So ein Glück. Nicht nur wegen des Schlafs. Nördlich, da wo mein Ziel lag, rumpelte es über die Maßen. Ein heftiges Gewitter entweder in Straßburg oder eher noch etwas nördlicher, resümierte ich im baumelnden Halbschlaf. Und in der Tat, nachdem ich die Europametropole durchqquert hatte, kamen mir am Rhein-Marne-Kanal alle Radlerinnen und Radler in Regenklamotten oder klatsch durchnässt entgegen und nahe Vendenheim, ziemlich genau in der Gegend um den Bücherschrank, in dem ich auf dem Hinweg übernachtet hatte, lag zentimeterhoch Hagel und auf einmal war es eiskalt. Als habe sich eine Kälteglocke über die Gegend gelegt. Ich streifte die Handschuhe über. Selbst im Bücherschrank waren der Boden und die kleine, einsvierzig lange Sitzbank, auf der ich geschlafen hatte, nass.

Trödelei, welch Tugend, du hast mich vor dem Unwetter bewahrt, bzw. mich davor bewahrt, arglos hineinzufahren in den wohl nicht sehr großen Kältespot.

Der zweiten ‚Tugend‘ des gestrigen Tages, verdanke ich die Streckenführung über Brumath und Haguenau. Vom Kanalradweg ist diese Route ausgeschildert und ich dachte mir, vielleicht kann ich die Fünfhüpfberge vermeiden, die mich ab Schwindratzheim erwarten. Vermeidung! Fünf recht zackige aufs und abs, bis es im Tal der Zinsel ab Zinswiller wieder gemütlich radelbar ist.
Nunja. Die Radroute nach Haaguenau ist nur bis Brumath eine Radroute, danach folgt der Radweg der D 263 und die ist dummerweise mit Schreiasphalt belegt. So dass jedes Auto, jeder LKW und Omnibus einen mit etwa 90 dB Lautstärke überholt. Ein Stück von nur etwa fünf Kilometen zwar, über Kriegsheim bis Niederschaeffolsheim, aber das genügt. Es ist der spichwörtliche Tropfen Öl, der die unendlich große Menge Wassers verseuchen kann.

Tausche also Fünfhüpfberge gegen Kriegsheimer Schreistraße.

Fazit vielleicht: den lupenreinen, schmerzlosen, lullifullie-wohlfühl-Radweg quer durch Europa wirst du wohl nie finden, Monsieur Irgendlink.

Nun da ich dies schreibe, klammen Fingers im Betonpavillon, muss ich wieder entscheiden: drei Kilometer im Gemetzel der Landstraße, um auf den kleinen Bypass auf der anderen Seite des Tälchens auf die Ortsstraße zu gelangen, oder anderthalb Kilometer zurück nach Niederbronn, um dort unter der Landtraße hindurch auf die Ortsstraße zu kommen. Einen direkten Weg ohne Schmerz gibt es wohl nicht.