Es ist vollbracht

Ich und der Jakobsweg – eine zehnjährige Odyssee geht ihrem Finale entgegen.

Noch bis heute Morgen, zwölf Uhr, war alles unscharf, die Möglichkeit, die Idee zu verwirklichen, den Camino Frances als Live-Blog-Bericht zu realisieren noch sehr vage. Aber als ich die Lungenarztpraxis verlasse geht alles ganz schnell. Im Rausch fotografiere ich die Stadt Homburg, als sei ich schon unterwegs, bewege mich in schmutzigen Hinterhöfen. Dort, finde ich, gibt es die besten Fotomotive. Dort ist das Leben noch nicht so gelackt und die doktrinierte Schönheit ist nicht kanalisiert. Alles, was ist in dieser Welt ist, kann in Hinterhöfen sein. Gleich um die Ecke ist ein Trekkingladen, den ich in der Mittagspause entere, die müde Verkäuferin mit Fragen zur Wasserdichtheit von Jacken nerve, alle Jacken, die es gibt anprobiere, mich tirrilierend im Spiegel betrachte, Geld spielt keine Rolle denkend die Kreditkarte zücke, kaufe, und sofort zum Bahnhof laufe, um ein Ticket nach St. Jean Pied de Poirt zu buchen. Donnerstag 6:56 gehts los, dreimal Umsteigen, Paris weniger als zwei Stunden entfernt.

Was war das für eine schwere Geburt mit dem Jakobswegwandern! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Bei dem Tagebucheintrag vom April 2000 etwa, als ich erstmals mit der Materie in Kontakt kam? Oder am 20. April dieses Jahres, als ich auf dem Weg nach Andorra einer euphorischen Dame begegne im Klosterstädtchen Hornbach, die mir sehr, sehr sehrsehr ans Herz legt, ich möge doch nach Saint Jacques radeln. Nicht jetzt, dachte ich und durchquerte Frankreich auf meinen alten Artlines.

Noch bis vor ein paar Stunden haderte ich mit dem Projekt, welches nun seinen Lauf nimmt. Im Kopf gibt es ja so viele Möglichkeiten für den Ausgang einer Geschichte. Draußen in der Wirklichkeit gibt es immer nur eine Möglichkeit und die wird von Minute zu Minute neu entschieden. Genau das dürfte auch das Kredo sein für die nächsten fünf Wochen: die Laune des Moments entscheidet über das Fortschreiten der Geschichte. Und Ihr, liebe Bloglesenden, seid, so es die Technik erlaubt, live dabei, denn ich habe ein Budget eigens fürs Live-Bloggen über diese Reise ausgewiesen.

So wird dies meine vierte Live-Reise in diesem Jahr.

Einziger Wermutstropfen: meine eigene Einschätzung, dass ich den knapp 800 km langen Weg in Nordspanien überstehe liegt bei nur 20 Prozent und Freund Journalist F., der stets ein gutes Barometer für den Ausgang ungewisser Geschichten ist, unkt schon: „In spätestens einer Woche bist du zurück“. So setzen schon die ersten psychosomatischen Knieschmerzen ein und ach und weh. Worauf lasse ich mich nur ein, ich Kunstbübchen, ich elendes, ich?

Tag Minus 2

Welch rasante Zeit, denke ich, während ich im Lungenspezialistinnenbüro warte. Herzklopfen. Die Uhr tickt. Auf dem Fensterbrett stehen vier Designervasen, weinrot. Farblich passen sie perfekt zur barocken Hausfassade gegenüber. Drei Golfbälle auf dem Schreibtisch. Quälendes Warten. Durch die halboffene Tür hört man den Praxisbetrieb. Als die Arzthelferin herein kommt, um zwei weiße Kittel zu suchen, erschrecke ich. Schließlich kommt die Spezialistin, liest die Werte vor und ich frage, ob das gut ist oder schlecht. Schlecht, aber besser, als letztes Mal, sagt sie. Ob ich wohl bis Ende Jahr in Spanien wandern darf, frage ich. Da sie keine Medizin brauchen und sich offenbar gut fühlen: ja, sagt sie.

Im Foto- und Kauf- und Lebensrausch durchquere ich die Stadt.

Nur noch wenige Querelen und es kann endlich beginnen. Ich freue mich auf die Pyrenäen.

Foto: nach dem iDogma kreierte Bildcollage, aufgenommen im Lebensrausch in Homburg/Saar.

Das letzte Bild: wartend, sinnierend

Warten, warten, warten. Wie erwartet laufen die Dinge schräg, seit ich gestern im Dauerregen aufs einsame Gehöft zurück gekehrt bin. Die Ausstellungseröffnung vom örtlichen Kunstclub gestern Abend war unterkühlt und anstrengend. Anstrengend deshalb, weil hundert Gäste da waren und man zwangsläufig kommunizieren muss: dies und das und Wetter und die Kunst. Nichts gegen ein gutes Gespräch oder auch Smalltalk – aber wenn man dazu nicht in der Laune ist …

Mein Kunstwerk, mit dem ich mich an der Ausstellung beteilige, ist leider in der Gruselecke gelandet, ganz Hinten, fürs Publikum fast unsichtbar, zusammen mit ein paar abscheulichen Kitschwerken. Zu recht liegt es da. Aus dem Konzept gerissen bleibt von meiner Kunst nichts übrig, als ein Skelett aus schönen bunten Landschaftsfotos wie man sie zu Tausenden bei Flickr und Co findet. So viel Demut und Selbsterkenntnis muss sein. Ist die Kunst mit dem darüber doktrinierten Kunststraßenkonzept also nur eine Glaubensfrage? Ein pseudoreligiöses Hilfskonstrukt der Kreativität?

Nicht etwa, dass ich nicht davon überzeugt wäre, dass meine Kunst einmal zu den großen Künsten zählen könnte, liebe Nachwelt, immerhin bewege ich mich mit dieser Mischung aus klassischer Fotografie, Geokoordinierung und Sichtbarmachung des begangenen Weges auf einem künstlerischen Neuland, das es in dieser konsequenten Form nicht oft gibt. Alter Freund QQlka hat vor 15 Jahren einmal gesagt: „du bist der Einzige, der die Straße ausstellen kann“. 1995, als wir zum Nordkap radelten und ich alle 10 km ein Bild der bereisten Strecke fotografierte. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal mit einem handteller großen Gerät unter milliarden teuren Satelliten eine exakte künstlerische Vermessung der Welt vornehmen kann. Und sogar die Bilder direkt mit eingebetteter Landkarte veröffentlichen kann. Die Zeit der aufwämdigen Ausstellungen ist spätestens seit der Erfindung des iDogmas für mich vorbei. Wer weiß, vielleicht war gestern der letzte Tag, an dem ich ein Bild in der „echten“ Welt gezeigt habe?

Nun sitze ich im Wartezimmer meiner Lungenärztin

Seismologische Aktivitäten der Gewohnheitsplatten

[nachträglich freigeschalteter Artikel]

Zurück in Bern. Seltsam aufgekratzt stehe ich zwischen allen Stühlen. Zum einen gaukelt die Wandertour in Spanien ab nächsten Donnerstag, zum anderen die Unlust, mich von einem Gewohnheitszustand in den nächsten zu begeben. Denn das ist eines der unergründlichsten Geheimnisse, wie ich finde: dass wir Menschen uns allzu gerne in Gewohnheitszustände begeben, so als würden wir uns in eine Badewanne voller Heißwasser setzen. Am Anfang tut es kurz weh und kribbelt an den Beinen, aber sobald wir mit ganzem Körper eingetaucht sind und uns – meinetwegen – in ein gutes Buch vertieft haben, können wir darin liegen, in der Badewanne oder im Gewohnheitsstrom und merken nicht einmal wie das Wasser abkühlt. Somit war es wie ein Schock, gestern den Gotthardt nach Norden zu durchqueren und nach fünfstündiger Fahrt (mit geocacherischen Unterbrechungen) in der dunkelnden Stadt anzukommen, die kühle Sofasophie’sche Wohnung zu betreten, auf dem Sofa sitzend die Wand anzustarren. Ein ganz anderes Gewohnheitsmuster, als das, das wir die letzte Woche lebten.

Noch schlimmer wird es, für drei Tage aufs einsame Gehöft zurück zu kehren in die kalte, verregnete Pfalz. Die unterkühlte Künstlerbude aufzuheizen wird eine der leichtesten Übungen. Aber dann dieser vor-Reise-liche Spießrutenlauf, allen voran eine Ausstellungseröffnung des örtlichen Kunstclubs, was mir nie besonders gut gefällt. Am Abend garniert mit dem Durchforsten von einem Jahr Steuerrelevanten Zetteln und Dokumenten, denn das Finanzamt sitzt mir auch schon wieder im Nacken. Und nicht zu Letzt der bange Besuch bei der Lungenärztin, die mich letzte Woche versucht hat zu kontaktieren. Es ist selten gut, wenn einen die Ärzte anrufen.

Ich wünschte, es wäre schon Sonntag, dann wäre ich schon in Pamlpona/Irun, hätte mich an das Wandern auf dem Camino Frances gewöhnt und könnte all den zerrenden Kleinkram, den ich oben angedeutet habe hinter mir lassen. Es soll regnen.

Die sprechende Straße von Prosito

Wir verlassen das enge Tal. Die Welt ist wieder groß. Die Sonne lacht. Versehentlich.

Wie wir so vor den Wanderwegetafeln in der Nähe stehen und uns überlegen, wo es denn heute hingeht – etwa zwölf qualvolle Kilometer über Stock und Stein? – finden wir uns plötzlich auf der Straße nach Süden wiieder, Mailand zum greifen nah. Die Orte, die in der Wanderkarte am Bahnhof Aquarossa verzeichnet sind, haben wir ja alle schon abgeklappert. Weiter, weiter, weiter, das ist unser Menschenziel.
Bei Prosito fahren wir mit offenem Fenster und die Granitpfosten, die in unregelmäßigen Abständen die Straße säumen, reflektieren ein seltsames Gedicht: „Fft- Fftfftffft-Fft“. was ganz eigenwillig klingt Und ich erzähle Sofasophia von den japanischen singenden Straßen, deren Belag von einem findigen, kunstliebhabenden Ingenieur so manipuliert wurde, dass mann im Auto eine Melodie hört, wenn man mit einer bestimmten Geschwindigkeit über den Belag rollt. So erzählt uns die Straße von Prosito Geschichten bis wir in Locarno sind.
Ich erkenne: meine wahre Bestimmung liegt in der urbanen Trash-Fotografie. Durch die hintersten Winkel der Stadt streifen wir und mit jedem Meter wird eine Ecke bunter als die nächste. Auf dem zentralen Platz bauen sie diesertage das temporäre Eisstadion auf, was es schon seit mehr als zehn Jahren jeden Winter hier gibt. Am Lago Maggiore setzen wir uns in der spätnachmittaglichen Sonne auf eine Bank und essen unsere selbstgeschmierten Kunstpausenbrote. Im Park Hans Arp. Zahlreiche Bronzeskulpturen, die allesamt aussehen, als wären es ineinander verschachtelte menschliche Nasen, zieren das ansonsten recht kahle Arreal am See. Ein Postmann fährt mit seinem Sprinter vor, was mich an meine Zeit als Paketfahrer erinnert und ich bin in dem Moment derart desperat, dass ich mir vorstelle, ich wäre er und ich verfluche das ruchlose Künstlersein, dieses ewige denken, denken, denken und immer alles fotografieren und aufschreiben und mitteilen, oh ich habe es so satt, die Sonne scheint und fast ist es ein bisschen Frühling. Wie gut, wenn endlich Ruhe wäre: „Postmann sein wollen, wie er eigentlich glücklich dein müsste auf der Suche nach dem Empfänger eines Pakets auf einem Bootssteg in Locarno“, denke ich und: „Das Schnurren des Sprinterdiesels beim Wenden, ach, herrlich“. Aber als er an uns vorbeifährt auf dem Weg in den Feierabend, macht er einen verspanntan, grimmigen Eindruck und starrt mir für eine Sekunde hasserfüllt in die Augen oder neidisch, vielleicht wünscht er sich, er wäre uns? Wie paradox das Leben doch ist.
Wir schlendern weiter durch die Stadt, heben zwei kleine, gut gemachte Geocaches und setzieren das tessinische Städtchen geradezu fotografisch. Mit reicher Beute kehren wir zurück ins Bleniotal. Dies ist unser letzter Urlaubstag.