Diesseits und Jenseits

In der Regel gelingt mir jeder Blogartikel. Ich setze mich vor die Tastatur, schreibe darauf los, und am Ende kommt etwas Brauchbares dabei heraus.Seit einigen Tagen jedoch hängen Satzfetzen und Passagen in der Warteschleife, die sich partout nicht fügen wollen. „Diesseits und jenseits der Grenze“, könnte der Titel heißen und die Geschichte würde auf den Straßen Deutschlands, in den Fußgängerzonen beginnen, vielleicht bei dem miserabel spielenden Saxophonisten, den ich kürzlich in Zweibrücken gesehen habe. Wieder und wieder nehme ich Anlauf für den Artikel, schreibe mit dem Zeigefinger auf dem iPhone, während ich das Geschehen auf der Kunstmesse beobachte, hocke in meiner 10 qm großen, hell erleuchteten Koje voller Kunst, und werde permanent beim Schreiben unterbrochen von Interessenten. Da kann man doch keinen zusammenhängenden Text tippen. Aber die Unruhe alleine ist nicht schuld, wird mir nun bewusst. Es ist die Komplexität des Themas, die mich hindert, es zu Ende zu bringen. Es fehlen mir noch entscheidende Puzzlestücke und ich vermute, dass ich auf eine neue Herausforderung gestoßen bin, die ich auf meine Livereise Ums Meer mitnehmen muss. In Jakobsweg 2.0 war das Leitmotiv die Unschärfe, mit der man als Mensch Dinge als richtig oder falsch einsortiert; meine Forschung ging so weit, dass ich zu dem Schluss kam, Dinge können grundsätzlich wahr und falsch zugleich sein. Man darf sich nicht gegen diese Paradoxie wehren.

Ein Gefühl sagt mir, dass das kommende Live-Buch vom Thema „Richtung“ handelt und von den „Blickwinkeln“. Hast du je die Welt mit den Augen einer kunstausstellungseröffnenden Ministerin gesehen? Oder je mit ganzem Körper gespürt, wie sich ein überquillender Mainzer Innenstadtplatz anfühlt, wenn du mit der Klarinette „Oh when the Saints“ spielst und zwar gut, verdammt gut. Die Münze im Hut des Bettelmusikers ist die Schnittstelle zweier Welten. Diesseits und Jenseits.Das macht mir Angst. Das Thema ist groß und schwammig. Ständig flimmern unscharfe Bilder vor Augen und ich denke, oh Mann, das ist genau das, was mir gerade ins Bild passt: Die Rednerin bei der Messe von „Hinter dem Pult“ betrachtet, und das grinsende Publikum. Du hast den Blick auf die andere Seite verlagert, du siehst tatsächlich, wie die Welt aus ihren Augen aussieht, aber du fühlst es nicht. Ihre Aufregung, vor dem Publikum zu reden, oder die Hoffnung des Saxman an der Straßenecke, dass ihm jemand etwas in den Kasten wirft – vorstellbar zwar, aber nicht nachfühöbar. Irgendwann nachmittags, kurz vor Ende des heutigen Messetages, reibe ich mir den müden Nacken und blicke nach oben  in die riesige, gut 12 Meter hohe Halle. Wie sieht die Welt von dort oben aus, frage ich mich. Genau in der Mitte, müsste man den 50 x50 Meter großen Raum mit seinem Labyrinth aus Messeständen, die allesamt nur 2,50 Meter hoch sind, doch bestens beobachten können, fast wie Gott. Jede einzelne Kreatur könntest du verfolgen, wie sie umherirrt, gelangweilt, interessiert, frustriert, rege dahin treibend, ein Strom aus Individuen, die getrieben durch ihren Willen und ihre Hoffnung zueinander finden, auseinander driften, sich anrempeln, miteinander Kommunizieren, einander aus dem Weg gehen.

Deichbruch der A6

Ein Stau bei Kaiserslautern hindert mich am Heimkommen. Der selbe Stau wie heute Morgen auf dem Hinweg. Nur eben jetzt meine Richtung. Mindestens 5 km. Es gelingt mir, über einen Feldweg in die Stadt zu kommen. Die Lücke haben aber so viele genutzt, dass sich selbst feinste Vorstadtsträßchen füllen mit Autos. Als wäre an der Stelle, an der ich von der A6 abgebogen bin ein Deich gebrochen. Anwohner auf Abendspaziergang wundern sich über die vielen Autos in den Wohnsträßchen. Pervers sind wir im Vorankommen wollen. Um jeden Preis. Ich parke das Auto vor einer Kirche. Erst mal pinkeln im Halbdunkel einer Buchenhecke. Dann daneben stehen, neben all den Reisverschlussverfahrensversagern und das Treiben beobachten. Wie sie sich gegenseitig die Wege abschneiden, meine lieben Mitmenschen und keinen Millimeter von ihrer Position zurückweichen. Betrachte das Straßenverkehrsverhalten einer Gesellschaft, und du siehst, wie es um sie steht.
Ecke Jägerstraße und Moltkestraße sitze ich. Aus einem offenen Fenster höre ich Jungmannsstimmen: „Wir rufen jetzt den Hass an und der soll es mitbringen.“ Ein Typ läuft an mir vorbei und redet ungeniert ins Handy, er sei gleich da. Oh elend mobile Welt denke ich, und ob es ein Holzweg ist, live zu bloggen. Wir kommen doch nie wieder zur Ruhe, wenn das so weiter geht mit dem Schulterrempeln, dem immer vorne dabei sein, dem Besser besser, mehr mehr. Stille nun. Um mich fließt der Alltag Vieler.
Verflixt, wo hab ich nur mein Auto abgestellt?

Kunst direkt 2012 – iPhoneart Pavillon

Nu hat er das beste 3G Netz, der Herr Artist in Motion, aber partout keine Lust, zu bloggen. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig Ruhe ist, um Texte zu schreiben. Übervoller Kopf. Mannigfaltig die Eindrücke beim heutigen Aufbau des Irgendlink-Pavillons auf der Mainzer Kunst direkt.
Es lief ganz gut, nachdem die Scharmützel an der Laderampe ausgefochten waren. Nun sitze ich im Auto auf dem KünstlerInnenparkplatz direkt am Rhein, Theodor Heuss Brücke im Blick. Alle Autos, die hier stehen sind voller Packmaterial, Leitern, Kisten. Kombis mit umgeklappter Sitzbank, in denen notdürftig Künstlerbettchen eingerichtet wurden. Herrliche Familie, finde ich. Ich hätte Lust, ein Europallettenfeuer anzuzünden und Wurst zu grillen. Und Feierabendbier.

20120314-175922.jpg

20120314-175948.jpg

20120314-180020.jpg

Schnell wie eine Sanduhr, mit goldenen Körnern

So muss sich ein Hochofen kurz vor dem Abstich fühlen. Voll brodelnder Lava. Wann schmilzt Eisen? 1200? 1400 Grad? Weißkochende Suppe unter Schlacke. Wie außerirdisch in Asbestanzügen ächzt der Hochöfner der feinen Künste. Funken sprühen.

Die letzten Tage, Wochen, Monate waren so intensiv, so voller Arbeit, Querelen, Kopfzerbrechen, dass es sich im Vergleich dazu richtig leicht anfühlt, wie sich nun die einzelnen Puzzlestücke des gelebten Lebens wieder zusammenfügen. Erledigungen zwingen mich runter in die Stadt, wo ich allmöglichen Leuten begegne, die Künstlerinnen H. und B. und ein lange nicht gesehener Ex-Komilitone flanieren in der Fußgängerzone. Ich erinnere mich an die Namen und atme insgeheim auf. Mein Hirn scheint wieder zu funktionieren. Am Busbahnhof schnappe ich das Gespräch zweier Männer auf zum Thema Weltuntergang. Fetzenweise: „Sonnensturm“, sagt einer, „in paar Minuten hier bei uns … Mayakalender … Weltuntergang … schneller als das Licht.“ Hä? Und als hätte der Endzeitler mein gedachtes Hä gehört, relativiert er: „Oder genauso schnell wie das Licht.“ Wir wollen doch hier die Relativitätstheorie nicht ad Absurdum führen. Vor einer Apotheke sitzt ein Saxophonist mit offenem Kasten voller 20 Cent Münzen und spielt so herzerweichend schlecht, dass ich nicht umhin komme, ihm Geld zu geben. Saxophon ist schwer. Die Rhythmusmaschine tockt grotesk im Hintergrund. Dankesblick und Saxman-Nicken, als die Münze fällt. „Kollege“, denke ich, und verschwinde hinter der Ecke. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen bei dem Gedanken, dass ich Europenner, ausgestattet mit den Insignien der Konsumgesellschaft doch auch nur ein paar Fehltritte von dem Leben auf der Straße entfernt bin und versuche mir zum Spaß auszumalen, wie einer wie ich, der keine Ahnung hat von Musik, nicht alt genug fürs religiöse Mitleidsbetteln auf Knien, zu Stolz für ein „Nehme jede Arbeit an Schild“, sich seinen Lebensunterhalt auf der Straße verdienen würde. Kann ja heutzutage jedem passieren auf der Straße zu landen. Nur ein paar Fehltritte zu viel. Werde ich iPhone-tippend in der Fußgängerzone hocken und an den „Protokollen eines existenziell gescheiterten Kunstfuzzies“ schreiben, live bloggend? Und die Kundschaft kann mit ihren iPhones, noch während sie vor mir steht, den Artikel abrufen, den ich gerade über das Geschehen da draußen in der Fußgängerzone mit all den hart arbeitenden, scheinbar so glücklichen Menschen schreibe? Wie sieht das eigentlich aus, wenn man bedürftig ist, bettelnd am Straßenrand gescheitert, Putzer der schmutzigsten Klinken des Universums? Ich meine das Driften geschäftiger Menschen in einer westlich zivilisierten Fußgängerzone aus dem Blickwinkel zum Beispiel von Saxman? Ich weiß es nicht. Ich möchte es mir nicht einmal vorstellen.

Mit dem Rad bin ich unterwegs, hatte ich das erwähnt? Durchquere die Stadt und radele hinüber in die Schwesterstadt (siehe Blogbild im Eintrag zuvor). Ich muss üben, trainieren für die Nordseeumrundung und mit dem Rad verlasse ich sehr gerne das einsame Gehöft, fühle mich per Rad in Innenstädten sowieso wohler, als mit einem belastend großen Auto.

Zwischen den Schwesterstädten, am neu gebauten Bahnhof Einöd ächzt eine Frau mit omakrummen Beinen nur dreißig Meter entfernt, „nur noch dreißig Jahre entfernt“, rechne ich, „dann bist auch du so weit, Knochenschwund, Stützstrümpfe, Schmerzen im ganzen Körper, froh um jeden Winter, den du überleben wirst, froh um jeden Meter, den du in der Frühlingsluft an deinem Rollator laufen darfst“. Die ehrenwerte Frau P. kommt mir in den Sinn, wie sie mich kürzlich angesehen hat, sehr wohlwollend, und mir viel Glück gewünscht hat für das Reiseprojekt: „Machen Sie das, so lange sie noch können,“ hat sie gesagt und ich habe genickt. Von allen Stellen kriege ich das zu hören: Lebe, so lange es noch möglich ist. Die meisten Menschen merken viel zu spät, dass es für etwas zu spät ist. Wo hätte ich gedacht, dass sich die Angst vor dem „Nicht mehr so können, wie früher“, schon so zeitig einstellt, gerade mal Mitte Vierzig. Aber es ist so. Hör gut zu, junger Mensch. Beeile dich. Tu, was du tun willst sofort. Warte nicht. Verschiebe nichts. Spätestens ab der fünften Lebensdekade rinnt die Zeit.

Am Abend erzählt mein Vater von einer Sanduhr mit goldenen Körnern, die man in Zeitlupe rieseln sehen kann. Zu jung, um genau hinzuhören, nehme ich nur wahr, wie er sagt, dass er mit Glück 90 werden könnte, und dass die zehn fünfzehn Jahre, die ihm vielleicht noch bleiben einen so hohen Wert haben, dass er sich genau überlegt, wie und mit wem er seine Zeit verbringt, wem er seine Aufmerksamkeit widmet. Der Abend glänzt. Rote Sonne sinkt. Zwei helle Sterne an einer Stelle, wo keine sein sollten. Ich muss an die Männer mit dem Sonnensturm denken. Schneller, als das Licht.