Örebrooo #AnsKap

SoSo erzählt und sie hat auch Bilder.

Treffpunkt Hauptbahnhof. Gestern 19:14. Wie scheinbar in allen Ländern, die mit Schw beginnen, ist der Zug absolut pünktlich.

Auf dem 340 Kronen teuren Camping Lost City in Gustavsvik sind wir einquartiert. Immerhin zu dritt. Wobei wir die Zeltanzahl verschweigen.

In Schweden bezahlt man in der Regel pro Stellplatz. Ein Zelt, ein Platz. Wenn man lieb guckt, gehen zwei Winzzelte meist aber als ein Platz durch.

Der Campingplatz ist voller norwegischer Caravangespanne. Oslo ist nur vier Stunden entfernt.

Hier eine Bildcollage mit Fotos aus Örebro.

  
Drei Blogartikel hängen noch in der Warteschleife von Herrn Irgendlinks Gehirn.

Denkmal des unbekannten Lauthalses #AnsKap

Vor sechs steht ein Streifen Sonne über dem Horizont. Lang fällt der Schatten des Zelts bis hinüber zum zehn Meter entfernten Maschendrahtzaun, der den Campingplatz ‚Z Park‘ in Motala umgibt. Alles schläft. Möwen kreischen und ein paar andere raubeinige Viecher stimmen ein in den Chor.

Als ich aufstehe, um das Solarpanel am Zaun aufzuhängen, schiebt sich eine Wolkenfront von Westen über die Sonne. Zwei Krähen sitzen auf dem Fahrrad und schauen mir furchtlos zu. Die Platzwartin kommt mit dem Fahrrad und in Gummistiefeln am Sportplatz im Zentrum des Lagers herbeigeradelt, um das Sanitärhaus zu putzen. Wie Miss Marple sieht sie aus. Und so schrullig scheint sie auch. Sie spricht nur schwedisch.

Eigentlich wäre ich nicht auf diesem Campingplatz eingekehrt, wenn ich alleine unterwegs wäre. Er sieht ungemütlich aus, ist recht voll. Abends hörte man Bässe und Lärm vom nahen See. Familien polterten quer übers Gelände.

Das Alleinewesen in mir beäugt argusäugig das Treiben. Diese tiefergelegte Karre dort drüben mit den knallroten Aufklebern gehört doch bestimmt irgendwelchen Suffprolls, die spät laut in ihr Zelt torkeln und alle aufwecken.

Vorurteile und Schubladen. Herr Irgendlink ist ein ängstlicher kleiner Ikeaschrank voller lauthalser Plärrbanden.

Nichts von alldem. Die Dusche ist gut. Abends taumeln noch ein paar Familien vorbei, murmelnd, im Gehen zum Waschhaus die Zähne putzend. Die Front aus weißen Reihenhäusern jenseits der Straße schimmert rosa im Sonnenuntergang. Die Prollkarre steht da ohne jeglichen Besitzer. Kein Zelt daneben. Keine Prolls. Fast wie ein Denkmal des unbekannten Lauthalses.

Um 23 Uhr dunkelt es. Bei der Rückkehr vom Seespaziergang komme ich an einer Frau vorbei, die gerade vor dem Durchgang im Maschendrahtzaun pinkelt. Lächelnd, ihr ein Sorry in Richtung Dämmerlichthintern zurufend. Unbekümmert sagt sie etwas auf Schwedisch.

Die Nacht ist ruhig. Nun denke ich über das spärlich krächzende Vogelkonzert nach. Wie sehr es sich doch von den reichen mitteleuropäischen Klängen unterscheidet und wie sehr diese sich von den noch viel reicheren karibischen Klängen unterscheiden, die ich vor einem Vierteljahrhundert einmal hören konnte.

Eine Taube gurrt. Der Platz erwacht. Ray und ich wollen heute nach Örebro radeln, von wo aus er am Dienstag per Bus oder Bahn nach Malmö zurückfährt. Wie genau, ist noch offen. Am Bahnhof Motala jedenfalls nehmen die Provinzzüge nach Linköping keine Fahrräder mit. Wie es mit Fernzügen aussieht, wissen wir nicht. An den Aushängen am Bahnhof steht auf schwedisch, also schwer für uns zu verstehen, dass man Fahrräder im Bus mitnehmen kann.

Die Busfahrt nach Malmö bzw. Kopenhagen dauert elf Stunden. Weit haben wir es gebracht mit den Rädern.

Collage mit Bildern vom gestrigen Tag.

  

Drinnen und draußen #AnsKap

Es geht mir gut hier draußen. Wirklich gut. Vergesst das miese Wetter und die Radelstrapazen, das ewige schwedische Auf und Ab in einem unbarmherzigen Sägezahnprofil mal für einen Moment. ‚Innen‘ ist alles bestens. Und wenn es mit dem Innenleben stimmt, dann ist alles Äußere unwichtig. Dann darf man tagelang eingeregnet sein, die Klamotten verschwitzt, Füße und Hände klamm und die Zukunft, wenn man dieses Denken in nur wenigen Stundeneinheitenmal so nennen darf, die Zukunft kann getrost ungewiss sein.

Denn man hat sein Ziel erreicht: Gegenwärtigkeit. Ein Zustand friedvollen Insichruhens.

Gift. Ich komme nicht umhin, das Zusammenleben im herkömmlichen Alltag, zu Hause, im Job, auch in der Freizeit und im Hobby, als eine Art Gift zu sehen. Kein tödliches Gift. Eher so eine Art Droge wie etwa Alkohol. Man nimmt es ständig zu sich und es wirkt und diese Wirkung zeigt Symptome. Innere Unruhe, Unbestimmtheit, Angst, Hatz, Sorge, wie seh‘ ich heute aus? Darf ich das so und so? Was wird dieser oder jener denken? Kriege ich den Job? Streichen sie mir die Leistungen? Auch die virtuelle Welt fehlt hier draußen. Auch sie ist ein Krankmacher. Die Welt der Nachrichten und prügelt zu Hause tagtäglich auf dich ein und du stehst alleine im Informationsdjungel und musst zu allem und jedem eine Meinung entwickeln. Was ist mit den Griechen? Dem Islam? Den Aktienmärkten? Der Freihandeln?

Alles Dinge, von denen man als normaler Mensch keine oder kaum Ahnung hat, zu denen man sich aber unweigerlich eine Meinung bildet und sich dann im Netz, in sozialen Medien oder in Foren gegeneinander aufreibt.

Die meisten Meinungen und Gegenmeinungen, die in Kommentardiskussionen oft unter aller Würde geführt werden wie Krieg, fußen auf Nichtwissen. Auf Vermutungrn. Auf Glauben und auf dem Wiederspiegeln der Meinungen anderer, die man sich unbewusst überstreift.

Hier ‚draußen‘. Was weiß ich wirklich?

Dass dort Norden ist und da Süden. Von da komme ich. Dort will ich hin. Ich erinnere mich, vor der Reise einige Gesundheitschecks gemacht zu haben, weil sich der Körper marod anfühlte. Die Knochen. Kopfweh. Verspannung. Morgendliche Unruhe bis hin zu Herzrhythmusstörungen. Diese Rumpeln im Brustkorb war am zweiten Reisetag verschwunden wie alles andere auch.

Was ist hier draußen anders, als da drinnen im Kerngehäuse der Gesellschaft?

Das Webgift ist weg. Die Alltagsbanalitäten, die das Menschsein so mit sich bringen fehlen. Keine Formalitäten.

Konzentration auf das Wesentliche. Essen, schlafen, vorankommen.

Es war nicht leicht, mich drei Monate loszureißen und aus dem Alltagsleben auszusteigen. Diesmal war die Hürde besonders hoch. Den schönen Garten nicht wachsen zu sehen. Das Künstleratelier zurückzulassen, die Lieben nicht in ihrem Alltagsleben unterstützen zu können. Beinahe hätte ich es nicht geschafft.

Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, sich loszueisen. Das ist meine Erfahrung. Ich weiß nicht, ob sie allgemein gilt.

Handele jetzt.

Warum geht es mir hier und jetzt, draußen, gut und dort damals, drinnen, nicht? Das ist die Frage, die in mir brennt.

Und wie kann ich das, was ich hier und jetzt habe, was mir da drinnen offenbar fehlt, retten und mitnehmen?

Innenansichten eines Europenner-Zeltlagers #AnsKap

Isomatte auf nacktem Bein. Kälte kriecht durch den halb offenen Reißverschluss des Zelts. Eben noch war die Sonne da und verwandelte die Szenerie um den Landsjön in ein antikes Gemälde. Wie hieß noch mal der Maler mit den bombastischen Wolkenlandschaften? Er muss ein Radreisender gewesen sein, der morgens nach dem Aufstehen Pinsel, Öl und Leinwand zur Hand nahm und die Szenerie malte.Unsere Zelte stehen auf einer Art Kanzel, eine etwa dreißig Meter durchmessende gemähte Wiese oberhalb eines Hofes. Windgeschützt. Sichtgeschützt. Eigentlich mitten in einem weitläufigen Wohngebiet unweit von Huskvarna.

Nachts konnte man die E4 rauschen hören, die vierspurig am Vätterensee entlangbrettert. Mahlstrom des Tourismus und des Güterverkehrs.

Das Zelt ist Schlafplatz, Schutzhütte, Küche und Büro in einem. Zwei Packtaschen vom Frontgepäckträger liegen zusammen mit den entpackten Lebensmitteln neben der Isomatte auf einem dreißig Zentimeter breiten Streifen bis zur Zeltwand. An der Leine im Dach baumeln Socken und Küchenhandtuch,durch das Mieswetter der letzten Tage zu ewiger Nässe verdammt.

Der Schlagsack schlafwarm klamm. Auf dem anderen dreißig Zentimeter breiten Streifen neben der Isomatte liegen Kleider und die Techniktasche. Pufferakkus fürs Smartphone, Kabel, das Notizbuch, in dem ich mein iDogma Postkartenprojektorganisiere.

Um nicht den Überblick zu verlieren, brauche ich die Namen aller Empfänger übersichtlich auf Papier. Das Projekt muss dokumentiert werden. Wer hat wann welche Postkarte erhalten. Bloß niemanden vergessen.

Unter unserer Kanzel summt eine Maschine hundert Meter weit weg. Wind starkt auf und rauscht in den Birken. Das übertüncht die E4.

Eben schien kurz die Sonne. Wie gut das tat nach dem gestrigen Tag in tiefhängenden ständig nieselnden Wolken. Die Solarzelle hängt am Radel und füllt einen der beiden Pufferakkus. Am anderen Ende der Kanzel steht Rays Zeltlager. Seit er seinen Fahrradständer eingebüßt hat ist er auf Zeltplätze neben Bäumen zum Rad dranlehnen angewiesen.

Das Heu verfault. Schnecken kriechen aus dem Boden an den Zeltwänden hoch. Zehn Zentimeter lange, nackte, ekelerregende Viecher.

Meine Stimmung?

Sie ist zwar nicht schwermütig oder depressiv, alles andere als schlecht. Ich frage mich aber, wieviele Tage man ohne Sonne bei Wind und Regen wohl durchstehen kann. Es sieht nicht nach Wetterbesserung aus. Je weiter nördlich wir kommen, desto kälter wird es.

Wie wird das erst in Lappland, wenn die schützenden Bäume weg sind?

Bloß nicht an die Zukunft denken. Bloß nicht dem Ungewissen ein womöglich falsches Gesicht geben.

Ich könnte jetzt meinen warmen Pullover brauchen. Aber den habe ich Ray geliehen, der nur für eitel Schweden Sonnenschein gerüstet ist.

Wir müssen einen Winterkleiderladen finden. Im Juli. Tse. 

     

Hier, jetzt, warm, trocken, süße Musik – #AnsKap

Dass nicht immer eitel Sonnenschein herrscht auf der Reise ans Nordkap war mir ja schon klar. Aber dass das Wetter so früh so ekelhaft einbricht und so nachhaltig trist und kalt bleibt, damit hätte ich nicht gerechnet. Mein England-Trauma von 2012 erwacht: ein Monat außergewöhnlich kalt und nass, von atlantischen Winden umtost. Ganz groß in dieser Erinnerung ist der Campingplatz in den Fenlands, nahe Boston war es glaube ich. Ein topfebener Platz, flach, wie eben die trockengelegten Fenlands sind. Dem Meer abgerungenes Land, das einst maßgeblich von Holländern gestaltet wurde, habe ich mir sagen lassen.

Der Campingplatz war fast leer. Niemand wollte bei dem Sauwetter campen. Geschweige denn zelten. Wenn man vom Kiesweg abbog auf die schöne, grüne Wiese, merkte man auch warum. Das war gar keine Wiese mehr. Das Fahrrad hinterließ quatschend eine Reifenspur in einem vollgesogener-Schwamm-nassen Stück Land. Jeder Schritt war deutlich sichtbar. Auf einem etwa zehn Zentimeter höheren Teil der Zeltplatzwiese baute ich das Zelt quasi schwimmend auf. Nie war ich froher über den 10.000 Millimeter wasserdichten Zeltboden, als damals in den Fenlands.

Nach dem Sonnenradeln der ersten Tage in Schonen, müssen wir nun „taktisch“ radeln. Müssen zwischen oft heftigen Regenschauern spießrutenfahren.Meist haben wir Glück, so wie gestern in Vetlanda. Gerade reiten wir in die Stadt ein, als es wie aus Eimern zu schütten beginnt. Wie Nacktschnecken kriechen Wolken am Himmel. Ein Café, die Rettung. Etwa zehn Männer an den Tischen schwatzen in den Morgen. Wir kaufen Sandwiches und halten uns an der hierzulande üblichen Kaffeeflatrate schadlos.

Kaffeeflatrate heißt, du kaufst einen und darfst dir am Buffet so oft nachschenken wie du willst. Wobei ich mir des So-oft-wie-du-willsts nicht ganz sicher bin. Vielleicht gibt es auch ein ungeschriebenes Limit?

Der Kaffee kommt, nicht wie bei uns daheim aus überkanditelten Kaffeeautomaten,sondern er wird handgefiltert in großen Kannen bereitgestellt.

Vor dem Café sorgen zwei durchnässte Harleyfahrer für aufsehen. Achja, und wir, mit unseren vollbepackten Fahrrädern, wir auch, bzw. die Fahrräder.

Handys laden. iDogmapostkarten verschicken. Mobiles Büro. Dazwischen schmatz-schmatz und schlürf. Wasserflaschen im WC- Waschbecken auffüllen.

Schwupp Sonne, blauer Himmel. 79 Kilometer bis Jönköping. Das liegt an einem der großen Seen. Dem Vätteren- (oder Vänneren?)sjön.

Dort führt der Smålandsleden hin. Unser Radweg. Und am See führt ein anderer Radweg nördlich.

Ich bin nicht mehr überzeugt von der Idee, tu‘ immer das, was dein Radwegschild dir sagt. Einerseits ist es sehr bequem, einfach den Schildern zu folgen und nicht an jeder Kreuzung die Karte oder das GPS herauskramen zu müssen, andererseits: wir fahren im Zick-Zack und das Streckenprofil ist geradezu barbarisch. Kurze nur wenige hundert Meter lange Steigungen im ersten oder zweiten Gang und dann genauso mit vierzig Sachen wieder abwärts. Als hätte man einen Alpenpass in Stücke geschnitten und ihn breitwürfig hier in Schweden verteilt.

Man findet keinen Rhythmus. Die Oberschenkel tun weh. Wollen nicht richtig warm werden. Dazu dieses ewige Katz‘ und Maus-Spiel mit den Nacktschneckenwolken. Regenkluft an, Regenkluft aus.

Just bei einem besonders starken Schutt können wir uns in einer Kirche unterstellen. Im Pfortenraum auf einer Holzbank. Drinnen Chorprobe, sopranesk baritonisch süß, das Herz erweichend, so dass ich auf eine der beiden graublauen Säulen des Portals starrend denke, hei, dieser eine Moment, hier, jetzt, warm, trocken, süße Musik, da draussen kalt eklig menschenunfreundlich, der ist doch die ganze Schinderei wert, oder?

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