Man hat mich dafür bezahlt

Spätabends. Ich bin müde. Wollte noch bloggen. Das Hirn diktiert: Schreib auf wie du auf dem Rückweg von der Galerie über die Felder geächzt bist, den unheimlich staubigen Kiesweg gemeistert hast, ja ja, das ist nicht einfach bei sechs Prozent Steigung durch unbefestigtes Gelände zu kurbeln. Erinnerst du dich? Paar Tage zuvor, selbe Strecke, nachts, du musstest absteigen, weil der Hinterreifen wegrutschte. Ne ne, an der Kraft und Ausdauer lag es nicht, du schwammst im Staub, straucheltest, stiegst ab, schobst hinauf in die Nacht, hinauf zum Sendemast, wo am Straßenrand das Auto eines Liebespaars parkte. Angekommen auf dem Teerweg alles kein Problem: weiter weiter heim heim.

Und heute? Jesss! Geschafft. Abenddämmerung. Nicht abgestiegen! Held! Brav durch den Kies gewühlt hast du dich wie so ein Silk-Mountain-Race-Veteran. Dort wo das Liebespaar war, parkten heute etliche Autos und Wohnmobile und wie um dich zu beobachten hatten die Leute, denen sie gehörten Tische und Bänke aufgebaut. Dinierten, rauchten, tranken, schwätzten. Wie eine Tribüne wirkte das Ensemble und als sie dich kommen sahen, feuerten sie dich an, hop hop hop und als du endlich Teer unter den Reifen hattest, direkt vor ihren Picknicktischen, jubelten sie und du sagtest: Tiptop! Man hat mich für diesen Auftritt bezahlt.

Von Soundso-Fischchen, Nachlässen und kompletten Menschenleben

Schwarzweißbild einer Abrissbaustelle am dörflichen Straßenrand. Dominant steht im Vordergrund links der Bildmitte noch eine zweiläufige Hauseingangstreppe, während dahinter schon neue Fundamente gelegt werden. Ein Baukran ist rechts im düsteren Bild zu sehen.

„Mit jedem Tod werde ich ein Mensch mehr“, kam mir heute Morgen in den Sinn. Nein, niemand ist gestorben im Verwandten oder Bekanntenkreis.

Ich ersticke in Zutuns. Das Atelier befindet sich im Umbau und Renovation. Ich komme endlich dazu, den zwar wenigen, aber insgeheim gehaltvollen Nachlass von Journalist F. zu sichten, den ich vor seinem Tod aus der zu räumenden Journalistenbude gerettet hatte. Damals, als noch Hoffnung bestand, er vorübergehend ins Pflegeheim kam, stets hoffte, wieder auf die Beine zu kommen, körperlich wie materiell und er eines Tages in eine Betreutes-Wohnen- Einrichtung umziehen könnte, wo er sich mit der geretteten Habe hätte gemütlich einrichten können. Es kam anders und nun ist es schon über zwei Jahre her, dass wir seine Asche bei einem Baumwunder namens Braut und Bräutigam unweit einer Kapelle im Saarland verstreuten. Eigentlich war das mit der Asche ein bisschen anders geplant, aber das ist eine andere Geschichte.

Mit jedem Tod landen Dinge in den Leben der Nächsten. Ganze Nachlässe, sentimentale Erinnerungen, hier ein Foto, da eine Schatulle, manchmal Reichtum, oft Pflichten – nein, ich habe die Dinge nicht vom Journalisten geerbt, ich bin nur derjenige, der sie verwahrt. Seine Erbin wollte kaum etwas. Selbst die Familienfotos, fein gerahmt, liegen noch in einer Kiste im Atelier.

Und die Kunstsammlung; die hat es in sich. Nicht dass die Kunstwerke extrem hohe Werte erzielen würden, aber doch, unter den Bilder finden sich einige bekannte Namen und viele Kolleginnen und Kollegen, die ich kenne, die Journalist F. im Laufe seines Journalistendaseins interviewte, deren Ausstellungen er besprach, die ihm hie und da etwas schenkten, denen er hie und da etwas abkaufte, das ihm gefiel. Es befinden sich sogar Irgendlinksche Werke in der Sammlung, die auch ihren Preis erzielen können. Vor allem aber ist die Kunstsammlung sehr schön, geschmackvoll, macht sich gut an Wänden in feinen weißen Wohnungen, wenn man denn eine hat. Die Künstlerbude selbst hängt leider A selbst schon voller Kunst und B sind die Wände nicht weiß genug, nicht groß genug, zu viele Spinnen allüberall, die ihre Notdurft auf den Rahmen hinterlassen.

„Hüte Dich vor dem Soundso-Fischchen“, sagte jüngst Galerist B. Das Soundso-Fischchen ist etwas größer als das Silberfischchen; er zeigte mit den Fingern und ich stellte mir vor, dass es etwa einen halben Zentimeter lang ist, schlank und dass es, wie der Galerist warnte, Papier frisst. Eine Unsumme Euro habe es einst in der Galerie verschlungen; er nannte Namen der KünstlerInnen, die vom Soundso-Fischchen gefressen wurden, „achja und der Spinnenschiss? Den kriegste einfach weggewischt“, sagte er. Das Soundso-Fischchen heißt eigentlich anders, aber ich habe den Namen vergessen. Und es spielt hier, auf dem von Spinnen und Bilchen umschwärmten einsamen Gehöft im Scheunenatelier zum Glück auch keine Rolle. Fotos frisst es nicht und auch keine komischen Objekte und keine Fahrradketten und ich habe auch noch nie ein Soundso-Fischchen gesehen. Ich stelle es mir schlank und silbrig vor und wenn man die Brille aufsetzt, um besser zu sehen, zappeln an dem kümmelkornförmigen Körper unzählige Beine und es besteht aus viel Maul, das es aufreißt, um Papier zu fressen.

Die Kunstwerke von Journalist F., viele aus Papier, sind tadellos erhalten. Ich entstaubte sie und vielleicht machen wir endlich einmal eine Ausstellung in der Galerie. Die Sammlung F.! Und es gibt eine Lesung aus seinem Buch und seinen Blogtexten, so wie es zu seinen Lebzeiten schon überlegt war.

Achje, die Zeit, wie sie uns immer ein Schnippchen schlägt, uns auf falschen Füßen erwischt, unsere Lebenszeitplanung durchkreuzt; auch ich bin betroffen.

Gestern bei einer Radeltour mit einem wortkargen aserbaidschanischen Künstler der Galerie (ich bin durch Zufall sein Buddy geworden, der ihm hilft für seine Residency in der Galerie Fuß zu fassen; andere Geschichte) kamen mir all die Toten der letzten zehn Jahre in den Sinn. Ich mache das manchmal, surfe gedanklich auf den Gräbern, die, einst frisch ausgehoben, nun überwachsen, die vergangenen Leben der Vorangegangenen  behüten. Ja, vielleicht könnten wir mal zum Journalsitenbaum radeln, dachte ich und dann: Wann hat das eigentlich angefangen mit dem andauernden Sterben im Verwandten- und Freundeskreis? Zehn Jahre her, ja, ich erinnere mich; plötzlich ging jedes Jahr einer der männlichen Verwandten, zack, zack, zack und dazwischen gleichaltrige oder gar jüngere Freundinnen und Freunde, Twitterbekanntschaften, die einem lieb geworden waren, Social Media-Buddys, Künstlerkollegen und -kolleginnen und Freunde und Freundinnen von Freunden und Freundinnen und und und und insbesondere mit den nahestehenden Gestorbenen oder noch Sterbenden werde ich jedesmal ein Mensch mehr, so dachte mein Hirn, kurbelnd im Bliestal … ja ja, ist es nicht so, mit jedem toten Nahen übernimmst du ein Teil seiner Lebensbürde, seines Wandelns in der Welt, Dinge und Pflichten gehen in deinen Besitz über. Eine kaputte Kettensäge vom Onkel, viele kaputte Geräte des Vaters, auch viele noch ganze Geräte natürlich; aber mehr noch, vielleicht geht das ja nur mir so, die Lebensträume der Vergangenen leben oft auch zu einem gewissen Teil in mir weiter und damit komme ich zum großen Problem: Es wird irgendwann einen finalen Overload geben, in dem ich, also wenn nicht ich es bin, der stirbt, von allen alles verinnerlicht haben werde und mich mühsam durchs Leben schleppe, versuchend, die Dinge zu richten.

Vielleicht kommt daher der rigorose Gedanke, falls mir mal etwas zustößt: Mietet einen Abfallcontainer, schmeißt alles rein, löscht die Festplatten, verscharrt mich so billig wie möglich und genießt euer Leben.

Strategie des Nichtdarandenkens

Bearbeitet und publiziert am 21. Oktober 2025

Eigentlich liegen alle „Aufgaben“ klar auf dem Tisch. Oder sollte ich sie die „Diesunddas“ nennen. Kleine Zurückbleibsel aus dem großen Lebensplan, die im Kampf mit der knappen Zeit hintan stehen mussten.

Ich erwache gegen drei. Das Bett ist zerwühlt. Nassgeschwitzt. Eine gruselige Szene aus einem Film geht mir nach. Stehe auf, trinke ein Glas Milch. Klappe den Rechner auf. Seit zwei Tagen, seit ich wieder im „Büro“ bin, arbeite ich unter anderem an technischen Dingen auf dem Irgendlink-Blog. Was auch mit Intervention in der Tiefe des Servers einher geht. Studiere Bedienungsanleitungen für Software, habe zahlreiche Tabs offen. Das Hirn spielt zum Glück halbwegs mit, hatte es doch vor der dreiwöchigen Radreise gen Norden den Dienst fast eingestellt. Kaum in der Lage, mich auf etwas zu konzentrieren. Schwarzer Bildschirm. Linux-Prompt. Login und Rootrechte, Serverupdate und nebenbei schaue ich, wieviel Platz noch auf dem Miniding ist, auf dem all meine Blogs gehostet sind: so gut wie voll. Schuld ist das Plugin Backwpup, das vor Monaten ein Update zunächst zur Unbenutzbarkeit erfahren hatte, dann zurück gerudert und nun ist es WYSIWIG-tauglich ganz gut zu bedienen, aber eben, es macht von Haus aus nun automatische Backups, egal, ob man möchte oder nicht. Es speichert sie auf dem engen Server. Ich müsste sie regelmäßig herunterladen, damit der Speicherplatz nicht voll läuft.

Unterwegs der Radreise gen Norden hatte ich schon einen Freund deswegen beraten. Hatte das Plugin als Ursache für seinen Webspace-Überlauf diagnostiziert, weshalb ich wegen des knappen Platzes hier bei mir auch nicht groß suchen muss; die zahlreichen Backwpups auf etlichen auf dem Server liegenden WordPress-Installationen rümpeln die Platte voll.

Durchforste die Seiten und lösche die Backups und richte Backwpup auf mindestens vier Installationen neu ein. So vergeht die Zeit. Ich habe Spaß und bin zufrieden, schaue zwischendurch auf die Livemap der Transcontinental. Beneide die Radelnden. Und auch nicht. Meins wäre es nicht, zu rennen, obschon ich auf der Sommerreise, meiner Irgendwohin-Tour, Geschmack am lang und weit Radeln gefunden habe. Sagen wir so: Ich kann es wenigstens verstehen, dass Leute in Santiago de Compostella starten und 5000 Kilometer weit ans Schwarze Meer radeln und nur alle zwei Tage für ein paar Stunden schlafen. Auch die Bergkletterei verstehe ich und das ab und zue miese Wetter zu erdulden, den Schmerz, die Nacht und die Angst, dass was kaputt geht oder man stürzt oder per Navigationsfehler in einer Sackgasse landet. Das alles kann ich verstehen und ich durchlebe es ja auch auf meinen Touren in anderer, mir angepasster Form.

Bis fünf schufte ich am Server und diagnostiziere, da gibt es noch etliche unsichtbare Baustellen, die ich erledigen sollte: andere Software installieren hier, ein externes Backupsystem aufsetzen da,  noch mehr Sicherheit und die Blogsoftware bei den etwa zehn Blogs mal ordentlich durchforsten und aufräumen. Sowohl in den Datenbanken als auch in den Dateisystemen sind etliche Datenreste überflüssig, die durch das Installieren und nicht ganz saubere Deinstallieren von Plugins und Themes geblieben sind.

Mein eigentliches Vorhaben, weshalb ich mich vor zwei Tagen in die Sache reinkniete, ist die Entwicklung eines Themes oder einer Datenbank, mit der ich mein Blog – am besten den Shop – in ein Werksverzeichnis verwandeln kann (womit wir beim Großen und Ganzen angelangt wären, dem Zustreben aufs Lebensende). Mein Poormans-Ansatz ist, mittels individueller Felder und Blocktheme-Editor ein Werksverzeichnis-Theme zu erstellen, in dem ich die wichtigsten Daten für Kunstwerke erfassen kann. Auch im Hinblick auf andere Künstlerinnen und Künstler, allen voran Schalenberg, ist das wichtig und von Interesse. Und überhaupt hat mich der Kollege Schalenberg ja erst auf die Idee gebracht, an einem Werksverzeichnis zu arbeiten. Er und Herbig sind unter meinen FreundInnen die beiden Kollegen, die sich meiner Meinung nach am besten selbst dokumentieren.

Nachts regnet es. Gegen fünf wieder im Bett. Das Prasseln aufs Dach beruhigt. Ich denke rückwärts: Was muss ich vor den Ferien – immerhin schon nächste Woche – mit Frau SoSo noch alles erledigen? Zum Glück wenig. Eigentlich nur noch packen. Meine Sachen liegen ja noch von der Irgendwohin-Tour herum. Das Radel, das ich gerne renoviert hätte lasse ich wie es ist. Drei- vierhundert Kilometer wird es schon noch packen und wer weiß, ob es eine gute Idee ist, vor den sandigen holländischen Dünen schon einen neuen Kettensatz aufzuziehen?

Rückwärts denke ich auch vom kommenden Raus aufs Land: Wieviele Schlafplätze brauche ich und wo bringe ich die Leute unter? Ich müsste mindestens die Kammer des Schreckens fit machen und wer weiß, vielleicht sollte ich das ja auch nur rudimentär und notdürftig. Denke ich immer in großen Spuren: Diese Wand sollte weiß, der Boden geleinölt, das Bett schön eingerichtet usw. Warum nicht einfach nur aufräumen, ja ja und darauf läuft es hinaus.

Ein Schlafplatz fehlt mir. Ich hatte überlegt, den Holzanhänger, den ich während der Pandemie eigentlich in eine Traktorgalerie hätte verwandeln wollen, in ein Mini-Tiny-House zu verwandeln. Ein Nur-Schlafplatz- Minihäuschen, aber dafür fehlt mir die Zeit.

Ach Zeit Zeit Zeit! Ich denke immer nur, ich käme nicht voran, weil ich nach dem Tun oder gar noch während des Tuns (wenn ich den Radler in mir sehe) schon verdränge, was ich alles tue. Die letzten Tage nichts geschafft? Quatsch. Ich hab den Holzstapel vorm Haus dezimiert, im Garten etliche Aufräumarbeiten gemacht, den Grillplatz aufgeräumt, Kommunizierte mit Menschen – etwa war ich einen halben Tag lang mit dem Radel unterwegs nach Saarbrücken, was ziemlich gut tat und die ganz und gar unsichtbaren Arbeiten am Server gehen gänzlich unter in meiner Bilanz. Ich darf mir nichts vormachen: Insgeheim bin ich unheimlich fleißig und komme voran.

Wenn nur der Kopf nicht immer so vollgerümpelt wäre. Wenn ich nur nicht immer denken würde, du kommst doch überhaupt nicht voran.

Im Halbschlaf lege ich mir eine Strategie des Nichtdarandenkens zurecht, des mich vergessens und einfachen Weitermachens, ganz wie beim Radfahren. Einfach tun tun tun, strampeln strampeln strampeln, bloß nicht auf den Tacho starren, bloß nicht mit dem Wind hadern, bloß nicht die Uhr, bloß nicht den Blick suchend zur Passhöhe richten. So gehts voran. Langsam. Angenehm und wenn man sich umschaut und ruht irgendwann, stellt man fest, man ist da.

Zehn Uhr ists als ich wieder aufwache (aus unruhigen Träumen) – ich weiß nicht, was das ist, daheim schlafe ich schlechter als im Zelt, daheim sorgt mich mehr. Daheim fühlt sich der Körper alt und verlebt an, was er ja auch ist – wie sagte ich bei Herbig auf der Finnissage in Saarbrücken: „Ich fahre deshalb so gerne Rad, weil ich mich nur auf dem Sattel rundum wohl fühle“, und wie schrieb jemand anderes im Fediversum: „Radfahren ist mein natürlicher Aggregatszustand“.

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten

Beitragsentwurf vom ersten Juni 2025, bearbeitet 21. Oktober 2025

„Die Welt krankt an alten weißen Männern, die im Stehen pinkeln …“, postuliere ich, „… und die ihr Geschirr nicht selbst spülen müssen und nie ein Klo geputzt haben.“ – „Nein nein, das ist abgeschmackt“, mildere ich mein Urteil, „nenn‘ sie nicht alte weiße Männer, denn das ist genau das, was sie wollen. Dann können sie schön in ihre Opferrolle schlüpfen, während sie röhrenden Auspuffs mit wehendem grauem Haar in ihren Cabrios in den Sonnenuntergang brausen. ‚Typen‘ reicht vollkommen. Ignorante Autoritaristen. Und ja, es sind fast immer Männer.“

Meine Hände im warmen Wasser der Spülschüssel. Licht in der Küche schummert. Das Becken ist voller Geschirr. Wasser schäumt. Zwischen Schüsselchen, Tellern, Besteck und ein paar Konservengläsern schwimmt eine Bürste und ein Schruppschwamm. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst spülen soll. Greife ein Messer, dann einen Kaffeelöffel, dann die hölzerne Kelle, an der die Nudelreste vertrocknet sind, scheitere an der Kelle, lege sie zum Einweichen zurück, nehme eine kleine gläserne Schüssel, in der eingetrocknetes Mehl sich noch nicht lösen will, scheitere auch damit, greife ein paar weitere Gegenstände vom Spülstapel, der seit Tagen steht, lege sie ins Wasser und erkenne.

Genau so sieht mein Hirn aus. Voller Gedanken, die alle gleichzeitig als Ketten von Seins und Tuns laufen. Im Hintergrund ein geheimisvoller cerebraler Peitschenschwinger, der die Herde antreibt, los, voran, macht schon, ohne zu erkennen, das ein jedes dieser zarten Gedankentierchen, die den Karren ziehen, seinen Raum braucht, seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, um aus dem Chaos erlöst zu werden, um zu Ende gedacht zu werden.

Ich kann mich nicht konzentrieren. Beginne einen Blogartikel zu denken über alte weiße Männer, die ihr Klo nie selbst putzten, stelle mir diese Männer vor wie frisch Gewählte, die ihr Hitlerbärtchen frei auf der Stirn tragen, schmunzele, da kommt mir die unverputzte Wand im Keller der Frau Mama in den Sinn, „Mann, Mann, Mann, da müsstste doch auch mal dran arbeiten!“ Stelle mir vor, wie ich das Spezialgemisch an isolierendem Schlämmputz anmische, zuvor mich in Schutzkleidung, Brille, Staubmaske etc. gehüllt habe, die Mischung genau abwiege … herrjeh, dieser Gedankengang verliert sich auch wie so viele, ohne dass der dazu nötige Körper je in Betrieb genommen würde. Ein Reisekunstprojekt im Sommer drängt sich nach vorne, will geplant, gedacht und auf Möglichkeit geprüft werden. Auch dieser Gedankengang reißt ab. Zu groß. Ebenso wie verwaltungstechnisches Zeug, das mich ohnehin anekelt zu denken und zu tun. Dann schon lieber Geschirr spülen.

Zeit Zeit Zeit. Alles kostet Zeit. Kostet, schreibs in Anführungszeichen „KOSTET“, so weit ist es schon, dass du rechnest, Mann.

Wozu wozu wozu? Lass fließen. Hab Geduld. Nur so kannst du dem Chaos in deiner cerebralen Spülschüssel Herr werden. Wie auch in der echten.

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten. Geschweige denn den Tisch abräumen. Arrogante Kreditkartenzücker, die sich mit anderen arroganten Kreditkartenzückern auf Restauranttoiletten treffen, um sich stehend an Urinalen zu vergleichen: die Güte ihrer Anzüge. Armbanduhren blitzen. Scharf klingt ein Autoschlüssel in der Jackentasche, womöglich. Oberflächliche Gespräche zwischen Waschtisch und Toilette. Und dann zurück zum Tisch, wo das Frauchen wartet oder die Geschäftspartner, die Geliebte, ein Kreditgeber oder ein paar arme angestellte Hansels, die man mal beeindrucken wollte.

Mittlerweile ist das Spülwasser nur noch lauwarm. Ich werde es wechseln müssen. Es taugt bestenfalls noch als Vorspülwasser. Nehme in den eingetrockneten Töpfen je ein bisschen des Wassers, und entledige mich des Geschirrs, das ich als sauber gelten lasse rüber auf das Abtropfgestell. Bevor ich weiter mache, muss der Boiler erst aufheizen, kann ich ein bisschen abtrocknen und Platz schaffen auf dem Gestell, kann das lauwarme Spülwasser in den schwer zu bewältigenden, eingetrockneten Töpfen wirken, kann ich eigentlich auch unterbrechen und das finale Rettungsspülen auf ein Andermal vertagen.

Wie so ein Parallelgedanke über eine zu verputzende Wand, der Hand in Hand läuft mit einem Gedanken zu sommerlichem Reisekunstplan und anderen wichtigen Gedanken.

Mein Hirn ist eine Spülschüssel, in der das Wasser schmutzt und kühlt und es funktioniert deshalb nicht mehr richtig und ich muss alles rausräumen und neu einrichten und das geht am besten beim Radfahren, beim Ausüben einer linearen Tätigkeit, in der Eins aufs Andere folgt, Kilometer um Kilometer, Kreuzung um Kreuzung, Bergetappe um Bergetappe.

Dies ist der Beginn meiner Radeltherapie. Paar Tage her, dass ich die Spülschüssel leerräumte, ein paar Töpfe nur noch stehen ließ, das Radel sattelte und längere Tagestouren machte. Die erste, ringst um Pirmasens, war hektisch, Vatertag wars, die Welt ohnehin grundaggressiv, alkohlgetränkte Bollerwagenarmada, die aber mitten im Pfälzer Wald sich verlor oder gar nicht existierte. Je pfälzer der Wald, desto freundlicher die Menschen, postulierte ich.

Kehrte abends heim mit 140 Kilometern in den Beinen, erschöpft glücklich. Diagnostizierte da erst mein Spülschüssel-Hirn-Syndrom, beschloss, weiter zu machen und über allem gaukelte das Mies der Welt, die falschen am Ruder, aber daran kann ich ja nichts ändern. Betonköpfe, die rückwärtsgewandt eine fossile Ära hochleben lassen und alles Neue abwürgen. Typen, nenn sie Typen, die im Stehen pinkeln und sich des feinen Urinsprühs nicht bewusst sind, der die schneeweißen Hochglanzfliesen ihres Badezimmers benetzt und der sich zu einer klebrigen Kruste schichten würde. Typen, die nie Geschirr spülen mussten, weil sie arme Teufel dafür bezahlen, den Schmutz zu beseitigen. Das Geschirr. Die Urinsteine …

 

Lebenszeichen – Akte Irgendlink

Herrje, ein Lebenszeichen: Ich bin noch am Ball und denke über das Bloggen nach.

Momentan ist viel Arbeit angesagt im und ums heimische Atelier. Garten, Brennholz. Aufräumen. Wände verputzen, Türen einbauen. Johannisbeeren beim Wachsen zuschauen. Die Welt in Ordnung bringen.

Das Nichtverzweifeln ob der Großweltlage kostet auch Kraft.

Positives: Eine Künstleredition der Galerie Beck habe ich vorgestern signiert. Mann Mann Mann, drei Stunden lang den eigenen Namen schreiben und mit der Nummerierung der 45 mal 25(?) Einzelblätter nicht verhaspeln – ich hatte ernsthaft überlegt, mir den Künstlernamen Bo zuzulegen, damit es ein bisschen schneller geht mit Signieren. Und beidhändig schreiben lernen wie die Fernsehkommisarin Marie Brand.

Eine Retrospektive meiner 30-jährigen Kunstarbeit gibts nächstes Jahr im März. Arbeitstitel „Akte Irgendlink“.

Ans Kap werde ich wohl auch dieses Jahr nicht reisen können.

Blogartikel folgen wenn das Wetter wieder schlechter wird oder ich doch noch den Hintern in den Fahrradsattel schwingen kann.

Nachtrag: Ich wusste, dass da mal was war mit „Bo“, lange ist’s her: Nenn mich Bob für 8,50 die Nacht