Halbzeit

Die heutige Etappe auf Guuglmäp: hier klicken …

Die heutige Etappe auf fernwege.de: hier klicken …

Frómista – „Siebenbettzimmer – ähm Katzenklo …“, schrieb Irgendlink heute per SMS.
Und um neun Uhr wurden auch schon die Lichter gelöscht. So was aber auch …

by Sofasophia

Traumpfade

Albergue Municipal in Frómista. Die Mitte der Reise und die Mitte des Buchs. Mit einem Lächeln muss ich an Monty Pythons ‚Mitte des Films‘ (Sinn des Lebens?) denken.
Irgendwie lässt mich das Aki-Nora-Mysterium nicht los und ich laufe die ersten sechs Kilometer viel zu schnell, weil ich ihre Pilgergruppe einholen will. Erstmals aus dem eigenen Takt. Fast ist es wie früher in der Schule, als man alles mögliche Widersinnige getan hat, nur um irgendwie zur coolen Clicque zu gehören. Tatsächlich bilden sich morgens beim Frühstück zwei Gruppen. Ich sag noch zu Alice: „Guck, die da drüben sind die coolen Kiffertypen, die sich hinter der Turnhalle zum Rauchen treffen und wir sind die braven Streber, die immer schön ihre Hausaufgaben machen.“ Desillusioniert nehme ich meine Hornbrille von der Nase. Paar Stunden später treffe ich Nora, Aki, den Bologneser Hochleistungspilger Paolo und die zwei Spanierinnen in einer Bar in Itero wieder. Am Tisch kein Platz mehr frei. Trolle ich mich an den Strebertresen. Aufwärmen. Durch den Nordwestwind bin ich fast erfroren. Der Mundschenk murmelt etwas von ocho und Allemagna und zeigt mit der Daumen nach unten und macht Brrr, um mir zu sagen, dass es daheim noch viel kälter ist, als hier. Ich Glücklicher. Hier hat es gerade mal Minus drei Grad und die Sonne scheint. Als die fünf die Bar verlassen, klopft mir Nora ermunternd auf die Schulter. Hinter Itero finde ich meine eigene Geschwindigkeit wieder. Genug Zeit, über diese seltsamen Menschen nachzudenken. Und mal wieder darüber, dass all unsere Bilder, die wir uns auf dem Weg erdenken, erschreiben und ertratschen, also die Bilder von unseren Mitpilgern, doch nur ein 800 km langes Kulissenschieben ist. Jeder für sich. Nichts und niemand ist echt. Nichts hat Bestand. Der Jakobsweg ist eine riesige Ansammlung von Variablen. Und auch was ich hier festschreibe, solltet Ihr, die Ihr das lest niemals als Ratgeber für die Reise benutzen. Geht hinaus und macht Euch euer eigenes Bild. Und genießt diesen Augenblick, den ich hier schreibe als das was er ist: ein winziges Element seiner Zeit. Um die ganze Wahrheit über Nora und Aki herauszufinden, müsste ich sie nur fragen. Die Wahrheit läuft gerade mal 200 m vor mir in der garstigen kastilischen Einöde.
Wäre ich diese Strecke vor 20 Jahren gelaufen, würde ich jetzt sicher im Irrenhaus sitzen. Ich kann mit großen weiten Flächen ohne Baum und Strauch überhaupt nicht umgehen. Es macht mich geradezu panisch. Einzig die Immunisierung, die ich durch meine vielen Reisen erfahren habe, ermöglicht mir, heute diese Strecke zu laufen. Und die Gewissheit, dass ich ein Molekül im großen Pilgerstrom bin.
Kurz hinter Itero ziehe ich meine Mütze in die Augen, so dass ich nur noch zwei Meter Weg vor mir sehe. Kein Horizont, keine fernen Dörfer oder garstige Bergkuppen oder die Fünfergruppe da vorne. Nur noch der Weg, gefrorene Pfützen, faustgroße Kiesel. Im Kopf installiere ich kurzerhand das malerische Appeltal in der Nordpfalz, wo ich aufgewachsen bin. Seine sanften Hügel, die kleinen Felder, Bachauen am Fuße des Donnersbergs. So laufe ich in Gedanken von der Appelquelle in Marienthal den feinen Wanderweg vorbei am Rußmühler Hof über Gerbach, Sankt Alban (auch Delwe genannt) nach Gaugrehweiler. Mütze hochschieben, gucken, immer noch kahl, Mütze wieder runter, Kläranlage des Abwasserverbands, Oberhausen, gedanklicher Abstecher zum Grab meiner Oma, Mütze hoch, immer noch leere Weite, Mütze runter, Niederhausen, Tiefenthal. Als Orientierung auf diesem meinem Traumpfad dienen mir einzig die Fußspuren meiner Mitpilger, die sich im tauenden Weg abdrücken. Akis und Noras Wespentaillenprofil sind unverkennbar. Kilometerweit laufe ich einzig mit einem quadratmetergroßen Wegstück voller brauner Kiesel vor Augen. Ein km hinter Boadilla trifft der Camino auf den Canal de Castilla. Ein tiefgrünes Gewässer, das durch den Wind aufgewellt wird. Bis Frómista etwa drei vier Kilometer, wo der etwa acht Meter breite Bewässerungskanal über vier Stufen in die Tiefe stürzt. Etwa sechs Meter tiefer verläuft das Gewässer ab Fromista weiter bis Valladolid.

Nun sitze ich hier in der eiskalten Herberge. Der winzige Radiator ist nicht in der Lage, das 12qm Zimmer aufzuheizen. Wir sind zu sechst: Martina, Aki, Nora, Misaki (ich hab riesen Probleme, mir fernöstliche Namen zu merken) und Neuzugang Nicholas, der seit drei Monaten von Paris aus unterwegs ist.

Morgen werde ich das Alsenztal in meinem Kopf installieren. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht in der Bischhoff-Brauerei in Winnweiler hängen bleibe.

Etwa zwei Stunden durch die Einöde zwischen Castrojeriz und Itero de la Vega

Die Spinner die ich rief

Gerade schließen Alice und ich uns kurz über das Aki und Nora Mysterium. Die beiden stellen sich allen in der Herberge vor als Mutter und (japanischer) Sohn. Nora weigert sich vehement, deutsch zu reden. Einmal verplappert sie sich allerdings und antwortet Alice auf Frankfurter Dialekt. So setzen wir mühsam die Puzzlestücke zusammen. Sie reden über uns – machen sich in unserem Beisein lustig, dass wir etwa mit dem Bus fahren und dass wir Hightechpilger sind. Es ist diese Art Minderwertigkeitskomplex, aus der man gerne ein Gefühl der Überheblichkeit entwickelt, weil man sich sicher ist, man selbst gehe den einzig wahren Weg. Ich weiß wovon ich rede. Als junger Europenner habe ich ähnlich gedacht und gefühlt, obschon ich stets bereit war, meine Meinung zu revidieren, sie der Geschichte meines menschlichen Gegenübers anzupassen.

Fipptehler lasse ich jetzt frühmorgens mal drin im Text. Hast Luego a Formista.

Mein Weg so weiß

Pilgerherberge San Esteban in Castrojeriz. Zum ersten Mal seit Los Arcos wieder mit einer nennenswerten Anzahl von PilgerInnen in einer Herberge. Peter aus Deutschland, der den Weg schon zum 12. Mal läuft. Auf dem Rückweg nach Hause. 2 Spanierinnen, ein italienischer Hochleistungspilger, der in zehn Stunden von Burgos hierher gelaufen ist. Die zierliche Japanerin Misaka, die seit Le Puy läuft. Bloggerin Alice (Alice läuft den Camino). Umd natürlich meine schräge Puristenpilgerfamilie aus Rabe. Wie so oft muss ich mein Geplapper von gestern revidieren. Slovenin Martina erweißt sich als sehr patente Laufgenossin. Immer wieder begegnen wir einander in der Hochebene zwischen Rabe und Hontanas. Das ist für unser beider Psyche ziemlich wichtig. Zu wissen, dass man nicht alleine ist auf dem ewigen, meist geraden, verschneiten Weg. Mit den beiden anderen soll es bis zum Nachmittag dauern, dass ich sie wiedersehe und dass wir erste Worte wechseln. Gestern Abend konnte ich erste Geheimnisse erfahren, weil sie sich leise auf englisch unterhalten im dunklen Herbergszimmer. Er heißt Aki und er war mal ein halbes Jahr auf Wanderschaft, lausche ich mit. Den Rucksack hat er nie ausgepackt während dieser Zeit. Ihren Namen erfahre ich erst morgens, als ich das Gästebuch der Herberge lese: Nora. Ein bisschen erinnert mich diese Lauschszene an den Roman ‚Mein Herz so weiß‘ von Garcia Marquez (? oder ähnlich); in dem Buch gibt es eine einfühsame Belauschungszene in einem Hotel in Havanna. Was man durch Mithören alles über die Menschen erfährt. Nora gibt und gibt keine Ruhe; im fünf Minutentakt, immer wenn man fast eingeschlafen ist, erzählt sie mit Aki, den sie übrigens auch immer wieder weckt. Er kommt mir vor wie eine menschliche Klagemauer. Tagsüber folge ich den Spuren ihrer abgewetzten Schuhe durch den Schnee. Auch hier lese ich allmmögliches Zeug. Noch mindestens zwei weitere PilgerInnen vor uns. Alice und Masuki? Nora geht immer links von Aki.
Ab Hontanas führt der Camino abwärts. Es fängt am zu schneien, später Regen. Jemand hat seine Schuhe eulenspiegelesk über eine Stromleitung geworfen. auf der Rückseite der Verkehrsschilder sind Sprüche gemalt, die einem Mut machen, weiter zu laufen.
Die Herberge San Esteban wird zur Zeit von dem Mallorciner Christobal gemanagt. Er befindet sich mit seinen vier Hunden auf Rückpilgerschaft nach Llerida. In Santiago gab es einen Zeitungsbericht über ihn.

Ich bin diesertage etwas konfus und komme mit dem weiten Land nicht so gut zurecht. Es ist fast so, als ginge die Art der Pilgerschaft Hand in Hand mit der Art der Landschaft. Aus der Geborgenheit der navarrischen, bewaldeten Täler nun ausgeliefert in der winterkahlen Messieta. Vor dem Internetcafé in Castrojeriz hängt ein Schild‘ ‚Santiago 437 km‘. Morgens passiere ich eine ‚Area 469‘. In der garstigen Ebene kommt man gut voran.

Abwärts nach Hontanas
Ortseingang Castrojeriz
Am Abend ein Streifen Sonne in Castrojeriz. 5 Grad

Tag 12 und Tag 13 – die Etappen

Hier findet ihr die Routenlinks der letzten beiden Tage:

A-B: Von Villafranca Montes de Oca  nach Rabé de las Calzadas, davon bis Burgos per Bus

B-C: Von Rabé de las Calzadas nach Castrojeriz

aus einer SMS um 14:03:
„… nun bei den Ruinen von San Anton … noch 4km weiter …“

aus einer SMS  um 16:15:
„Castorjeriz. Sind wieder Pilger im Weg. Zu zehnt ca. in der Herberge. Die seltsamen Deutschen tauen langsam auf …“

————————————-

lieb grüßt Sofasophia