El Burgo Ranero

6:15 saukalte Albergue in El Burgo Ranero. Gestern war eigentlich eine lässige 22 km Etappe geplant. Immer noch dieses zermürbende weite Nichts aus braunen Feldern. Der Schnee schmilzt im Dauerregen. Seichte Plusgrade. Schon will ich die Mütze ins Gesicht ziehen, da laufen mir die beiden Rosen über den Weg. Pilgergequatsche. Aprendo Español mit der Andalusierin Rosa, die kaum ein Wort Englisch kann, es aber lernen will. So stoppeln wir kilometerweit Worte zusammen. Pietros zeigt sie auf den Weg, Stones, sag ich und deute auf einen Baum: Tree – Arbolo. Die Schreibweise ist uns egal, Silbe um Silbe ringen wir unseren fremden Sprachen ab. La lalluvia – rain über allem und some Blackbirds – pajaras negra auf den Feldern. Wenn wir gemeinsam ein spanisch-englisches Wörterbuch schreiben würden, würde es sicher die Qualität des ungarisch-englischen Phrasenbuchs in Monty Pythons ‚Sinn des Lebens‘ haben.
In Sahagun entern wir eine Bar, genauer die Cafeteria ROBLES. Schräg gegenüber der Kirche. Man kann sie eigentlich nicht verpassen, da es die erste ist, die der ausgehungerte Pilger aus Terradillo kommend erreicht.
Man sollte sie aber meiden! Denn der Barkeeper, der aussieht wie ein Fremdenlegionär, zockt grundsätzlich alle Touristen ab, auf die er als Stammkunden ja verzichten kann.
Betritt nie das Robles in Sahagun!
Unsere Rechnung weißt eine Flasche Wein für 25 € aus. Man könnte sagen, okay, ihr hättet ja vorher nach dem Preis fragen können. Das macht man aber nicht in einem Land, in dem der Wein das Standardgetränk ist und normalerweise zwischen 2 und schon wucherhaften 10 € zu haben ist. Weil ich weiß, dass man sich durch den simplen Akt des Bezahlens Frieden verschaffen kann, schlage ich vor, es zu tun und weiter zu laufen. Aber am Tresen murrt noch ein älteres Paar aus Bilbao über eine ungewöhnlich hohe Summe. Und der Wirt hat die Rechnung ohne die feurige Rosa gemacht, die die Guardia Civil ruft. Um andere Touristen zu schützen und dem Abzocker zu zeigen, dass wir nicht alles hinnehmen. Die Polizisten sind in fünf Minuten da und das Palaver geht los. Rosa schreibt den Anzeigetext, Name des Weins, der Bar, des Wirts usw. Bezahlen müssen wir dennoch. Aber ich glaube, es hat uns allen den verregneten Sonntag erhellt. Mir eine Story beschert, Rosas Ehre gerettet, den Polizisten den langweiligen Sonntagsdienst versüßt – der Bankraub des kleinen Mannes.

Die Herberge in Bercianos ist engegen den Angaben in diversen PilgerInnenführerInnen geschlossen. So dass die beiden Rosen und ich gegen 17 Uhr ziemlich dumm im Regen stehen.
Noch 7,8 km bis Burgo. Fast zwei Stunden. Und um sechs wirds dunkel. Wenn Frauen offenbar eines hassen, dann in der Dunkelheit im Regen in Burgo Ranero anzukommen. Weshalb die beiden zarten Rosen einen abartigen Stechschritt einlegen, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, der ich wegen Unterzuckerung erst einmal eine zweiminütige Pause mache (nicht dass der Eindruck entsteht, sie seien wortlos gegangen. Natürlich sagten wir Tschüss). Aber ab da war jedEr sich selbst der/die Nächste. Wir schaffens in gut einer Stunde, militäriisch gedrillt singend: San tia go ist ein fei ner Mann – ich die ne ihm so guut ich kann.
Gegen 18 Uhr in Burgo, Chaeuk hat das Feuer im Kaminofen angezündet. Abends sitzen wir dicht gedrängt davor. Mit m Boot Hospitalero Sergio aus San Sebastian, Martina und der klatschnasse Gitarrero Patick aus Tschechien . Der dicke schnarchende Spanier ist auch da. Er hat ein Einzelzimmer. Nützt aber nix, da die Zimmer nach oben offen sind unter dem unisolierten Scheunendach.

The Schnarchtweets

Ich denke über das Twitterformat nach. Darstellung einer Reise in Form von hunderten von Textbausteinen. Das Experiment wärs wert. Ob das Format womöglich egal ist? Und die einzigen Voraussetzungen sind, dass man sich schreiberisch ausdrücken kann, struktiriert arbeitet und etwas zu erzählen hat?

Vorhin hätte ich folgendes getwittert:

„Eben auf Klo. Aus dem Zimmer vom dicken Neupilger abscheuliches Geröchel. Gut dass er in Einzelhaft.“
Gestern Nacht:
„Der alte Berber schnarcht wie ein Truppenübungsplatz.“
Vor einigen Tagen:
„Nora:’Oh my Goodness! She is (engl. schnarchen) like a Ghost‘ (über Martina)“
Und:
„Elender Blogschmierfink! Verpetzt uns alle beim Schmarchen :-)“
Sowie:
„Die (Schnarch)Reise nach Jerusalem: immer wenn das Schnarchen aufhört, müssen wir die Betten wechseln. Wir können also liegembleiben bis zum St. Nimmerleinstag“
Oder:
„VerJamesBondung des Schnarchens: ‚Lizenz zum Schnarchen'“

Ausbreitversuch der Seele

Für den Betonwissenschaftler ist der Ausbreitversuch ein gutes Mittel, um die Güte von Frischbeton zu testen. Man benötigt dafür eine genormte Menge frisch gemischten Betons, der auf ein Rüttelbrett gestoßen wird wie etwa ein Pudding, den man aus der Form kippt. Dann wird das Brett, auf dem der nasse Beton zu liegen kommt, in einer ebenfalls genormten Weise gerüttelt. Verteilt sich der Beton zu stark, ist er zu nass, bleibt er in seiner Form, ist er zu trocken. Der Betonwissenschaftler erhält mit dieser Methode ein gutes Werkzeug, um Schäden am Betonbauteil, etwa einem Brückenpfeiler zu vermeiden.
Der Ausbreitversuch für Beton lässt sich eins zu eins auf die menschliche Psyche übertragen.
Ich glaube, dass jeder Teil des Jakobswegs für den Pilger einen ganz bestimmten Sinn hat und dass die Streckenführung eine ausgeklügelte, ja genormte Methode ist, den Bußfertigen seinem Ziel der Erkenntnis näher zu bringen. Kein Reiseveranstalter würde eine Outdoor-Wanderstrecke tagelang durch die Mesieta führen, die dem zahlenden, abenteuerlustigen Kunden nichts als Langeweile und Verdruss bietet.
Wir Pilger sind aber keine Abenteuertouristen und unsere Reise führt auch nicht unbedingt durch die echte Welt. Somit ist der Weg nur eine ausgeklügelte Hilfskonstruktion, um die Konsistenz unserer Seelen zu testen. Wir sind wie Frischbeton auf einer Rüttelplatte.
„Pensar“ leite ich das Wort für ‚denken‘ vom französischen ‚penser‘ ab und treffe offenbar voll ins Schwarze, denn Rose lacht und gibt mir zu verstehen, ja genau deswegen sei sie auf dem Weg. Mit Händen und Füßen und Satzfetzen verständigen klappt gut. So laufen wir in Terradillo ein. Das Dorf liegt scheinbar mitten im Nichts. In der Pilgerherberge, die es schon seit über 20 Jahren gibt, hängt ein Luftbild, das im Frühling gemacht ist. Es zeigt eine ganz andere Atmosphäre, als wir sie erleben. Ein riesiger grauer Hund, der mir bis untrr den Rucksack reicht, begleitet uns bis zur Herberge. Er ist etwas aufdringlich und nimmt alles ins Maul, was nur geht; meine Hand zum Beispiel, die Trinkflasche eines wuchtigen spanischen Neupilgers, der erst gestern zu uns gestoßen ist, Rosas Wanderstöcke. Als wir den Hof der Herberge betreten, fliehen alle Katzen auf den höchsten Baum.
Die Herberge besteht aus mehreren Häusern, einem Restaurant, einem winzigen Lebensmittelladen und dem dem beheizten (!) Herbergsgebäude. Sieben Euro, Fünferzimmer, keine Etagenbetten, sauber.
Nach solchen Tagen, an denen sich die Seelen der Pilger über der Mesieta ausgebreitet haben, Erholung pur.
Ich habe nun aufgehört, die Tage zu zählen, die es dauert, bis wir in eine abwechslungsreichere Gegend kommen. Auch habe ich auf der letzten Etappe vergessen, das Moschelbachtal zu installieren zu eigenartig war die Nebeletappe. Sie hat jegliche Art Gegend weggezaubert. Eigentlich bräuchte ich überhaupt keine Gegenden. Ich könnte frohen Mutes durchs Nichts laufen. Geliebte Sofasophia hat mich mal gefragt, wie ich mich wohl verändere auf dieser Reise und als was oder wer ich zurückkehre.
Ich verändere mich nicht. Ich werde nur stärker.