Arca

Ein schöner aber trüber Tag. Immer wieder Nieselregen. Die Art Wetterlage, wie sie in meiner Vorstellung herrschte, bevor ich losgelaufen bin..Das Stück Camino von Salceda nach Arca führt meist an der N 547 entlang. An diesem Sonntag ohne LKW noch erträglich.
Der Hauswart der Privatalbergue, in der die Familie absteigt, tippt das WIFI Passwort persönlich ins iPhone. Übernachtungskosten 10€ und Hund Sardi darf auch rein. Mit im ca. 30-Bett-Zimmer ist Jesus. Der ehemals kräftige Schnellwanderer mit den Kniestrümpfen trägt einen Vierwochenbart und ist allerbester Laune. Wie wir alle eigentlich.
Falls es einen Jakobswegdramaturgen gibt, hat er allerbeste Arbeit geleistet. Der Weg läuft sich wie ein Stück von Dürrenmatt. In einer Bar in Salceda bei km 25,5 läuft klasse Musik, Bob Dylan, Kokain und so weiter. Alle Wände sind mit Sprüchen bemalt. Chaeuk schreibt unsere Namen in koreanisch an die Decke. Es gibt Pilgerschnickschnack zu kaufen, Jakobsmuscheln, Schmuck etc. Tischfußballspiel und die quirlig fröhliche Wirtin, die jedem von uns eine Anstecknadel schenkt. Wenn das so weiter geht – gestern hat man jedem von uns in einem Supermarkt ein dreiviertel Kilo Musaka geschenkt – werden wir vor den Stadttoren unter dem Gewicht der Geschenke zusammen brechen.

Nähe Calzada, km 31,1. An diesem trüben Tag rettet die HDR-App auf dem iPhone die Photos vorm Versumpfen.
Kaum ein Schild, Pfosten oder Baum, auf dem noch niemand sich verewigt hat. Auch die nackten Stämme der Eukalyptusbäume, die ihre Rinde offenbar von selbst verlieren, sind manchmal beschriftet.
Ein LKW für die Peregrina, die Pilgerin von Welt in Santa Irene.
Der Camino streift Arca nördlich. Auf der Suche nach der Happy Family machen Roser und ich einen kilometerweiten Umweg. Erst der singende Pilgerdraht, SMS bringt uns zur Albergue Porte de Santiago im Ortszentrum.

K. 29,5

Eine Bar direkt am Weg. Vorhin hat es geregnet. Weshalb alle Peregrinos und Peregrinas in ihre Regenkleider gekrochen sind. Ein umgewohntes Bild. Man erkennt sich an den Farben schon von Weitem. Die Regenkluft hat in der Regel andere Farben. Wieviele Tage haben wir sie nocht gebraucht? Roser, die sonst rot trägt, erkenne ich im blauen Poncho erst, als sie direkt vor mir steht.
Eine Weile laufe ich mit der Deutschspanierin Frauke, die ich in O Cebreiro erstmals traf. Ihr Vater hat sich zu ihr gesellt. Mit Vätern den Camino zu laufen ist eine ähnliche Herausforderung, wie mit Hund.
Die Bar ist kühl. In drr Ecke heizt ein Kanonenofen nasses Holz. Es riecht nach Qualm. Im Zuge meiner Resozialisierumg und wegen des gestrigen Pulpo-Erlebnisses ordere ich ein vegetarisches Bogadillo, ein halbes belegtes Baguette mit Zwiebeln, Karotten, Tomaten, Salat und Paprika.
An der Wand hängt ein 6000teiliges Puzzle, das Spielkarten zeigt. Unheimlich kompliziert wegen der vielen Details. Der Patron sagt, er und seine Frau haben es innerhalb von drei Monaten Rato für Rato an den Abenden zusammengepuzzlet.
Im Flachfernseher läuft eine Dokumentation über den kleinen Problemhund Nacho, fieß kläffender Chihuahua, 4,5 Jahre alt. Das vierbeinige Familienoberhaupt terrorisiert die ganze Familie. Die Mutter ist den Tränen nah. Papa ist lethargisch resigniert und der fümfzehnjährige Sohn riskiert seine Finger, das kläffende Alphatier unter dem Bett hervor zu holen.
Auch in Spanien scheinen Hundesendungen von Interesse zu sein.
Der Camino neigt sich erschreckend dem Ende. Wie ein leckeres Abendessen versuche ich mir die Reste aufzusparen so lange es geht.

Reste essen

Tag 30
Palas de Rei – Arzúa: hier klicken

Tage 31 und 32
Das Finale auf Guuglmäp: hier klicken

Nächster Fixpunkt:
Mittwoch, 22.12.10, Santiago de Compostela: Flug Iberia 5637,
flugplanmäßige Abreise: 10:30 Santiago de Compostela-Flughafen
flugplanmäßige Ankunft: 12:50 Zürich-Flughafen

Und bis dahin? – Reste essen! ;-)

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by Sofasophia

apt-get install horrorvorstellung

Diese modernen Gerüchte. Den Medien sei Dank ist es ja so einfach, eigenartiges Wissen unters Volk zu schmuggeln. Die Medien sind nämlich verzweifelte Buhler um die Gunst der Unterhaltungswilligen. Dass dies und ein Übersetzungsfehler mir das gestrige Mittagessen verdirbt, zeigt, wie gutgläubig ich doch bin, ich Pseudorationalist, ich.
Kürzlich gerate ich mit Thomas aneinander wegen dieser Sache mit der Lichtnahrung, über die neuerdings öfters berichtet wird. Er erzählt der Happy Family auf Englisch davon und das Ganze wird von Roser und Rodrigo ins Spanische übersetzt. Als ich einwende, dass man dem, was im Fernsehen kommt, nicht ungeprüft glauben darf, weil die Redakteure im Kampf um die Kunden über In-Themen berichten und diese in Pro Contra Diskussionsform so geschickt verpacken, dass eine Sache gleichzeitig wahr und unwahr ist, ernte ich nur Unverständnis. Der Kunde kann sich seine Wahrheit aussuchen, schlägt sich gerne auf die spektakulärere Seite der Information. Im Internet erledigen wir dann den Rest in Form von Blogbeiträgen mit dem Tenor: „Im Fernsehen hab ich gesehen, dass …“ und „Ein Freund von einem Freund von einem Freund kennt da jemand, der …“
Zweifach übersetzt und bruchstückhaft binnen zwei Minuten wieder gegeben weiß die Happy Family nun, dass es Menschen gibt, die weder essen noch trinken und so zynisch es klingt: Afrika ist gerettet.
Nach 4 Stunden laufe ich in einer Pulperia in Melida ein, wo mich die Family schon freudig erwartet. Eine Pulperia ist ein Tintenfischrestaurant. Und diese Pulperia ist DAS Tintenfischrestaurant schlechthin in dem quirligen Städtchen, sagt Carlos. So bestelle ich natürlich Tintenfisch, den ich zu Hause nur als gefrostete, frittierte Ringe kenne. Der Teller enthält offenbar ein ganzes, in Scheiben geschnittenes Tier, lila-schwarze Haut, Saugnäpfe an den zerstückelten Beinchen, festes, elfenbeinfarbenes Fleich. Die Stücke spieße ich mit dem Zahnstocher auf. Dazu gibts Brot und Weißwein. Um wie Vieles besser als die Schockfrostkost! Bis … Naja, Thomas übersetzt das, was Roser ihm vorhin auf Englisch erzählt hat, dass das Tier bei lebendigem Leib erstmal eine halbe Stunde geklopft wird, bevor man es kleinschneidet und kocht. Damit das Fleisch schön weich wird. Apt-get install horrorvorstellung. Ich sehe den Koch vor mir, ungeprüfte Wahrheit, wie er das arme Wesen bei den acht Beinchen packt und es wieder und wieder auf den Tisch haut. So naiv bin ich, dass es mir den Appetit verdirbt, ich mich verzweifelt dem Brot zu wende. Auch Rosers Intervention, dass das falsch übersetzt ist, dass das Tier natürlich längst tot ist, nutzt da nix mehr. Für mich ist es lebendig, klatsch, klatsch, klatsch und der Koch grinst und schwitzt und wischt sich mit der linken Hand über die Stirn. Thomas setzt noch einen drauf, ich solle mich nicht so anstellen, schließlich sei alles, was wir Menschen essen, einmal lebendig gewesen, auch das Brot.
Wie es gelitten haben muss, halb verdurstet im Hochsommer von einer Diesel getriebenen Maschine bei lebendigem Leib gedroschen worden, nicht genug, das noch immer lebende, derart gehäutete Korn von schweren Steinen gemahlen und im Backofen …
Spaß bei Seite. Keiner von uns ist gefeit gegen das Glauben. Die Informationswelt, so scheint es, macht das Glauben einfacher denn je. Sie ermöglicht aber auch das Wissen.
So gebe ich die Empfehlung, die ich in Bezug auf dieses Blog schon öfter ausgesprochen habe, es als subjekive, in sich bewegliche Information zu sehen, die keinerlei Anspruch erhebt, Wahrheit zu sein.
Kürzlich wurde mir bewusst, dass jedes Foto, das hier gezeigt wird nur einen Ausschnitt von 50 bis 90 Grad aus meiner Umgebung zeigt. Ist die Landschaft noch so schön. Hinter dem Fotografen könnte eine Müllkippe sein, eine Autobahn, ein Schlachthaus. Auch das geschriebene Bild ist nur eine, von einem Fremden gemachte Stimmung, die du prüfen musst, bevor du sie annimmst.

Panoramen Etappe Palas de Rei – Arzua

Gegen Zwölf lichtet sich der Nebel. Herliche Etappe, knapp 30 km lang. Die Albergue in Ribadiso wäre wunderbar gewesen (nicht wegen des untigen Bilds, sondern weil sie in einem einsamen Gehöft situiert ist).. Leider gab es dort weder Restaurant noch Lebensmittelladen und die Happy Family smste aus Arzua, so dass ich die drei km dorthin noch dran hängte.

Melide
Pedrido
Pilgergraffity in Ribadiso (reicht nicht ganz für ein Panoramabild).