Mal bist du der Don und mal der Sancho – von Hofstetten nach Kleinostheim #UmsLand/Bayern

Das Leben ist wie eine Cervantes-Geschichte, mal bist du der Don Quichote, mal bist du der Sancho Pansa.

In Hofstetten steht mir plötzlich ein anderer Radler gegenüber – in meiner Erinnerung sagt er gebieterisch ‚Halt, Bursche!‘ Er kommt mir aus dem Gegenlicht entgegen, trägt Lanze, Schild und Schwert, was aber hanebüchen übertrieben ist. Dennoch. Die Sonne steht kaum noch ein paar Fatbike-Reifen breit über dem Horizont. Die Silhouette des Mannes mit dem riesigen Fahrrad nebst Anhänger hat etwas Gebieterisches. Er hat eine Frage und ich die Antwort. Bzw. ich habe die Antwort nicht, aber eine Ahnung, wo wir sie finden …

Weißt du wo der Campingplatz ist? Nein, aber ich ahne es, so ähnlich. Wir müssen jedenfalls ins Dorf, dort hin, wo er her kam, so viel ist sicher. Mein GPS lügt nicht.

Das Radel von J., so heißt mein neuer Freund, ist ein so genanntes Fatbike. Armdicke Bereifung, butterweich gefedert. Akku und Anhänger und eigentlich gar nicht mal so viel mehr Gepäck dabei wie ich oder andere Reiseradler, sondern nur anders verteilt auf Hänger, Satteltaschen und Gepäckrolle. Wie wir so gemeinsam in den Sonnenuntergang gen Campingplatz rollen nur ein paarhundert Meter durchs Dorf, sehen wir aus wie ein moderner Don Quichote und Sancho Pansa, denke ich. Er mit dem großen Ross und dem Anhänger ist der Don und ich mit meinem kleinen Radel-Eselchen bin der Sancho.

Der Campingplatz in Hofstetten ist ein gemütlicher kleiner Platz, ruhig, nette Menschen, nettes Team, was nicht immer der Fall ist, so werde ich noch feststellen (und eigentlich kennt man es ja, man hat ja schon alles an Campingplätzen erlebt, was es gibt auf dem Planeten, während all der Reisen). Artgerechte Haltung von Fernreisenden.

Über J., der sich auch als Künstler entpuppt wäre sicher ein eigenes Kapitel zu schreiben. Weit gereist wie ich, in die Jahre gekommen wie ich, immer noch unterwegs wie ich und das ist auch gut so, so trinken wir in der Abendsonne, auf einem Mäuerchen hockend, bzw. daran lehnend unser Feierabendbierchen. Mal bist du der Tresen, mal bist du der Stuhl.

Morgens gehts für uns in entgegengesetzte Richtungen weiter. J. hatte mir schon vom Kahltal-Spessart-Radweg (KSR) vorgeschwärmt. Genau meine Richtung. Die Ruhe im Wald, die tollen Wege, das Schweben auf den dicken Reifen des Radels, das kaum vernehmbare Surren des Elektromotors … zwölf Kilometer bis Lohr auf dem Main-Radweg und ab dort ist schon der KSR ausgeschildert. 72 Kilometer bis Kahl. 72 Kilometer vom Main zum Main, ohne dabei am Main zu radeln.

Die Route folgt verschiedenen Bächen durch liebliche Tallandschaften via Partenstein und ab dort wirds nach und nach immer zackiger. Unterschätze den Spessart nicht! Das sagte ich mir schon morgens, noch in der milden Obhut des Flachlands. Die Bamberger Mühle ist mein Ziel. Auf dem GPS sieht es so aus, als sei man dort, in Kleinkahl endlich oben und rollt dann nur noch abwärts. Stimmt auch.

Ich verabrede mich mit Twitterfreundin @Bahnhofsoma, die per Faltrad und Zug anreisen wird. Die gesamte Strecke, ich will es mal die Nordostpassage des Mainradwegs nennen, windet sich um die stur durch die Täler führende Spessart-Bahn. Man könnte also jederzeit in den Zug steigen und ein bisschen abkürzen. Mache ich natürlich nicht. Die Beine wollen es. Der Körper will es. Der Kopf will auch.

Im ‚Gap‘ zwischen Auf und Ab, welches bei Kilometer 35 bis 40 ab Lohr liegt, erreiche ich die beiden Kahlquellen. Ich muss stets schmunzeln, wenn ich von den beiden ‚Soundso‘ rede, denke ich doch an einen guten alten Monty Python-Sketch. Der mit dem schielenden Expeditionsleiter, der die ‚beiden‘ Kilimandscharos bezwingen will.

Frau @Bahnhofsoma wartet mit Käsebroten zur Höhe des Gebirgs bei den beiden Kahlquellen. Gemeinsam radeln wir abwärts im Kahltal. Eiskalt da oben. Mehrfach muss ich Jacke an, Jacke aus, lange Hose drüber ziehen, lange Hose wieder ausziehen und die Handschuhe könnte ich eigentlich auch gebrauchen, so bitter zieht es an den Händen, wenn die Sonne hinter den lang gezogenen Wolken verschwindet und man nur noch den Gegenwind zu spüren kriegt.

Gut fünfzig Kilometer radeln wir so gemeinsam, quatschen, tauschen uns aus, machen Spaßfotos unterwegs. Lümmeln auf Parkbänken und modernen Waldsofas, die überall am Radweg stehen.

Tut gut mal wieder unter Menschen zu sein. Die Abendsonne wirft unsere Schatten voraus und verflixt, wir sehen ja aus wie Don Quichote und Sancho Pansa, ich mit dem 28 Zöller Reiserad und sie mit dem Brompton. Diesmal bin ich der Don und sie die Sancho, denke ich. Schmunzelnd. Mal bist du der Don und mal der Sancho Pansa. So ist das im Leben, rekapituliere ich.

Abschiedseis in einer Eisdiele in Kahl. Ich erwische gerade noch so die letzte Fähre über den Main nach Seligenstadt, folge dem Mainradweg ostwärts. Mein Plan, auf den Wiesen irgendwo wild zu zelten scheitert daran, dass es kaum Wiesen gibt. Nur Getreidefelder, Obstplantagen und Landschaftsschutzgebiet.

Erst in Kleinostheim der nächste Campingplatz, den ich eher widerwillig ansteuere. Blick in die Karte: Er liegt direkt an der Autobahn. Dennoch besser als weiter Wildzeltplatzsuch spießrutenlaufen.

Dieser Campingplatz im Vergleich zum Campingplatz zuvor ist wie Massentierhaltung versus artgerechte Tierhaltung, sinniere ich abends im Gesäusel der Autobahn. Ich weiß, das trifft es nicht und verharmlost wahrscheinlich. Dennoch meine ich, ein Grundmuster menschlichen Handelns und ’so tickt unsere Spezies nunmal‘ zu erkennen.

Eine Handvoll Radreisende sind zusammen auf einer kleinen Wiese, umgeben von den vorsaisonal noch leeren Arealen für Wohnmobile und Wohnwagen. Das Autobahngemurmel vereinzelt uns. Statt munter ins Geplauder zu kommen um das alltägliche Woher und Wohin, winkt man sich verschämt zu und verschwindet im eigenen Zelt. Als ob das die Geräusche abhalten könnte.

Ein Crashkurs in Sachen Wallfahrt – von Heldburg nach Urspringen – #UmsLand/Bayern

Seit Tagen im Gegenwind, dünkt es mich. Das Zelt hatte ich mit Blick auf die Heldburg an einem Waldrand recht günstig im Windschatten aufgestellt. Frisch geerntete Nutzwiese. Zwei drei Hochsitze ringsum. Das macht mich stets ein bisschen nervös, fühle mich sozusagen placebobeäugt und rechne damit, dass mich nachts ein Jäger weckt oder ein Schuss oder ein Vieh. Obschon das bisher nie der Fall war. In jener Nacht höre ich nur das rhythmische Geklappere eines Wellblechdachs auf einem der Hochsitze. Ansonsten still. Guter Schlaf.

Morgens bin ich meist recht früh dran, sagen wir zwischen sechs und acht Uhr, fertig gepackt im Sattel und je nachdem, ob ich noch Notizen mache, dauert es auch mal etwas länger.

Nachvatertagsverschlafenes Städtchen Heldburg. Ich frage mich Richtung Könishofen durch, irre ein bisschen umher, bis mir eine Frau mit Hund, der mich während der Plauderei konsequent verbellt, den entscheidenden Hinweis gibt: Über Gellertshausen vorbei an einem Stausee bis nach Alsleben und zack. Gesagt getan. Einkauf im kleinen Dorfladen in Gellertshausen. Vier Männer hocken davor an einem Kaffeetischchen, fragen, woher, wohin, das Übliche und geben mir kleine Anekdoten zum Besten. Nämlich dass Gellertshausen in diesem Zipfel Thürgingens in Bayern die einzige Gemeinde ist, die keine Grenze zur Zonengrenze hatte und dass man in diesem Zipfel zu sagen pflegte, ringsum Westen, nur im Norden, da ist Osten.

Gen Alsfeld die Saalequelle. Genauer, die Quelle der Fränkischen Saale. Genauer, eine der beiden Quellen der Fränkischen Saale. Die andere ist ein paar Kilometer weiter nördlich. Gefasster Brunnen, aus dem das Wasser sich aus dem Boden zu drücken scheint, über einen Überlauf hinab plätschert und schon gleich ein kleines Bächlein bildet.

Wetter macht mir zu schaffen, sowie auch die inkonsequente Radwegesitution. Ich hätte gerne einen schönen Fernradweg, der mich zuverlässig voran bringt. Stattdessen hangele ich mich von Dorf zu Dorf. Ab und zu sind Großrichtungen ausgeschildert in dreißig Kilometer entfernte Orte. Mellrichstadt ist so einer. Da muss ich hin. Ist aber nicht immer auf den Schildern. Ich rate voran. Das Wetter wird übel. Gerade so schaffe ich es, vor einem Regenschauer, mich unters Vordach einer Leichenhalle zu retten. Herbstadt. Jackpot. Steckdose. Ich lade das Handy und schreibe einen Blogartikel. Kein Netz. Wind weht Regen herein. Nicht sehr gemütlich. In einer Regenpause radele ich weiter und zwei Dörfer später erwischt mich fast ein Wolkenbruch. Gerade so schaffe ich es unter ein Dach. Ratet. Das der Leichenhalle. Keine Steckdose, aber dafür Internet. Blogartikel hochladen, Regenschauer aussitzen, vierzehn Uhr, laut Wetterapp ist das Gröbste vorbei. Unterwegs hatte ich mehrfach zwei Wanderinnen überholt. Was wohl aus ihnen geworden ist, frage ich mich. Langsam und schutzlos bei dem Sauwetter.

Die App hatte mich angelogen. Kaum habe ich den Schutz der Leichenhalle verlassen, plätschert es ein finales Mal los. Nicht so schlimm, aber doch genug, um ordentlich nass zu werden. Verflixt.

Im nächsten Dorf treffe ich die beiden Wanderinnen wieder. Respekt. Die sind schnell, bzw. ich hab ja auch stundenlang getrödelt. Zwei Frauen, die auf Wallfahrt waren. Die Simmelshäuser Wallfahrt, meine ich mich zu erinnern, sagten sie. Sie spendieren mir eine Zigarette. Ein Mann, der zu einer Geburtstagsfeier möchte direkt gegenüber des Hüttchens, in das wir uns verzogen haben, gesellt sich zu uns. Peter, Bass-Sänger, leidenschaftlicher Wallfahrer, und so erhalte ich einen Crashkurs in Sachen Wallfahrt. Ich muss sagen, das klingt ganz faszinierend, was die drei mir erzählen. Peter geht noch schnell rüber zu seinem geburtstierenden Schwager und holt uns ein Bier und wie von Gotteshand reißt der Himmel auf, die Sonne trocknet und wärmt uns. Bier und Zigaretten. Das Über-die-Stränge-Schlagen des kleinen Mannes sozusagen.

Treu bleibt nur der Wind von vorne. Und Mellrichstadt, wo ich endlich wieder Lebensmittel kaufen kann und vergeblich versuche, bei einem Intersportladen eine lange Unterhose zu kaufen. Es gibt nur neumodernes Laufkundenzeugs, also Laufhosen für teuer Geld mit Schnickschnack und aus widerlichem Stoff, nichts, was man sich nachts im Schlafsack an die Beine tun würde.  Es soll kalt werden, sagt die Wetterapp, sechs Grad nachts. Versuchter Hosenkauf. Aber als Anklagepunkt vorm großen Reisegericht. Den angepeilten Campingplatz in Bischofheim in der Rhön schaffe ich nicht gegen den Wind. 17 Kilometer entfernt gebe ich mich geschlagen, zelte wild auf einer Wiese hinter einem Sägewerk.

Es ward kalt die Nacht. Verdammt kalt.

Unterwegs in Bayrisch Jütland – von Heinersdorf nach Heldburg #UmsLand/Bayern

Gestern. Vatertag. Auffahrt. Ein eher entspannter Tag. Nicht zu viele Höhenmeter. Von meiner Wildzeltwiese nahe Heinersdorf breche ich gegen neun Uhr auf, just als erste Grüppchen auf den Wegen sich versammeln, voranzuckeln mit Bollerwagen voller Kaltgetränke. Ich schaffe es gerade noch so, einer Gruppe junger Männer zu entfliehen. Aus früheren Vatertagserlebnissen weiß ich, dass es oft etwas kompliziert ist, einen solchen Knoten feuchtfröhlicher, singender, oft angetrunkener Menschen zu durchqueren. Meist wird man freundlich begröhlt und angefeuert, aber eben … Spaß geht anders und letztlich feiern sie sich ja doch nur selbst, auch wenn sie dich anfeuern.

Gen Coburg auf verschiedenen regionalen Radwegen. Die Zeit der großen Ferntrassen wie etwa Grünes Dach und Bodensee-Königssee sind vorbei. Hier gibt es nur noch klein-klein und regional. Läuft dennoch. In Mitwitz ein Fest. Das Gartenfest. Eintritt 12 Euro. Weit beworben auf Plakaten. Schon früh steuern Kolonnen von Autos und Motorrädern die Festwiese an.

Ein Spaziergänger flucht über den Wind. Gutso. Dann bilde ich mir das also nicht ein. Der Wind ist außergewöhnlich. Er nervt. Er kommt fast immer von vorne oder seitlich. Er kühlt mich aus. Er saust in den Ohren. Seit Tagen mit ein paar kurzen Flauten ab und an.

In Coburg staune ich über die üppige Architektur. Hohe Villendichte. Hohe Skulpturendichte, belebter Schlossplatz. Gesicht eines Mohrs im Profil im ‚guten alten‘  Kolonialstil auf den Kanaldeckeln. Da gab es vor einiger Zeit eine Diskussion, dieses kolonialistische Motiv abzuschaffen, erzählt mir ein junger Mann. Coburger Bratwurst kauend sitzen wir nebeneinander auf einer Bank auf dem Schlossplatz. Die winzige Wurstbude qualmt, als wäre ein Großbrand darin ausgebrochen. Ein Kombi fährt vor und liefert Kistenweise Brötchen und Wurst. Lange Schlange vor der Bude. Seit der junge Mann und ich unsere Wurst kauften (ohne Schlange zu stehen), sind stetig Leute nachgetröpfelt, kauften, bissen rein, aßen und nun ist der Andrang so groß, dass sich eine zehn Leute lange Schlange gebildet hat. Analog zum Wurstweckdesign, will ich mal sagen. Denn die Wurst ist ein etwa 20 cm langes gerades, verschmortes Ding, das rechts und links aus einem Kinderfaust großen Knollen Backwerk heraussteht. Ein Wunder der Statik, ich meine, dass die beiden Kragarme der Wurst nicht unter der eigenen Last abbrechen. Ich frage mich, wie viele Meter Wurst wohl an dem Tag aus der Bude kommen.

Raus aus Coburg durch nervige Radwegbaustellle immer wieder verirrt auf dem Rodach-Itzgrund-Radweg. Ein Wiesen- und Felderradweg, stelle ich fest durch hügeliges Land mehr oder weniger entlang einer Bahnlinie. Schön und nicht schön zugleich. Schön ist die Stille. Nicht schön die Kargheit, der wenige Input, die kaum vorhandenen Ruhebänkchen. Ein bisschen erinnert mich die Szene an Dänemark, wohl wegen der mächtigen Wolken und des Windes.

Hinter Bad Rodach ist doch tatsächlich schon ein Radweg nach Bad Königshofen ausgeschildert. 34 Kilometer. Ich muss wieder ein Stück durch Thüringen und dort, mittendrin, ich hatte ja Thüringen gelöscht in meiner Handy-App, stehe ich plötzlich ohne konkreten Hinweis auf Bad Königshofen da. Die Schilder kennen nur noch Orte im Landkreis Hildburgshausen. Dieses Kleinklein der Lokalradwegplanungsgenies, die nicht über den Tellerrand des eigenen Landkreises hinausdenken … ach je. Ich frage mich also durch, Datengeiz sei Dank. Ich könnte ja theoretisch die 200 MB große Thüringenkarte herunterladen. Dann würde aber womöglich mein Volumen nicht reichen bis zum Ende der Bayernrunde.

Fragen ist ja auch gut. Ein Mann erklärt mir den Weg, nicht den gewünschten, aber einen andern, nämlich dem Radweg nach Heldburg zu folgen und dann Richtung Königshofen. Ist sicher weiter, aber das Tälchen runter nach Heldburg ist so lieblich.

Schon recht spät fahre ich ohnehin nur noch ein paar Kilometer und finde eine schöne Wiese hinter einem umzäunten, ziemlich verbarrikadierten Gelände unterhalb Völkershausens. Blick auf die Heldburg. Super eben und frisch gemäht.

Die Prognosen einiger Twitternder über die Radwegesituation an Vatertagen bewahrheitet sich zum Glück nicht. Weder gibt es Glasbruch, noch werde ich von besoffenen Autofahrern gefährdet. Die Gröhlquote hielt sich auch in Grenzen. Die einzige Kuriosität ist ein Bollerwagen mitten auf der Straße, total vereinsamt. Eine Szene wie aus einem Western. Erst als ich daran vorbei rolle, sehe ich zwei rotköpfige Kerle auf der Wiese hinter dem Straßengraben liegen.

Von Jorditz nach Heinersdorf über den Rennsteig – #UmsLand/Bayern

Gut möglich, dass ich es auch dieses Mal nicht schaffe, die Runde um Bayern zu beenden. Ich bin total erschöpft. Nun müsste nur noch ein technisches Problem auftauchen oder eine massive Wetterverschlechterung und ich könnte mir vorstellen, beim nächsten Bahnhof abzubrechen. Es gibt zwei Arten des Scheiterns, wird mir heute Morgen klar. Das produktive Scheitern, wenn man sich danach wieder aufrappelt, den Staub aus den Klamotten klopft und weiter arbeitet an der Sache, bei der das Leben ins Ruckeln kam. Sowie das endgültige Scheitern, dann, wenn man alles hinschmeisst, den Rücken kehrt, abschließt.

Ich ahne, dass ich Bayern nie zu Ende umrunden werde, wenn ich es dieses Mal, vier Jahre nach der Reise auf dem ersten Abschnitt, nicht schaffe. Ich würde vermutlich nicht noch einmal hier herauf in den nördlichsten Zipfel ackern per Zug und Fahrrad. Zu fern die Sache, zu abgehackt, totgewürgt, so denke ich gestern Abend leichtfertig achja, wieder einmal scheitern, warum nicht, machste halt andermal weiter. Blauäugig das bis dahin noch nicht bestimmte endgültige Scheitern vor Augen.

Wieder habe ich mehr als 2000 Höhenmeter in den Beinen. Achtzig Kilometer geradelt seit Jorditz an der Saale. Bleiben Sie doch hier, sagte die Campingplatzbesitzerin, wir haben ein Fest am Vatertag, Geselligkeit, Jubel, Musik. Vierzig Jahre Holzhütte gibt es zu feiern und eben Vatertag. Zweifellos, ich sehe aus wie ein Tourist, bin es ja auch irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Ich verkneife mir, zu sagen, ich arbeite hier, alles, was Sie ab jetzt sagen wird verbloggt.

Der Zeltplatz, rings um einen kleinen Weiher gebaut ist, einer der wenigen Plätze direkt an meiner Route. Zunächst hatte ich überlegt, noch weiter zu fahren, etwa 15 Kilometer Saale abwärts bis nach Blankenstein, wo es auch einen neuen Zeltplatz gäbe, verrieten mir meine beiden Radelkolleginnen, mit denen ich eine Weile gemeinsam radelte.

Was für ein Glück, dass ich das nicht tat. Der Saaleradweg ist alles andere als ein typischer Flussradweg. Bei einem Aussichtspunkt nahe Potiga bringt es ein wettergegerbter Tourenradler ironisch auf den Punkt: Flussradwege sind einfach deshalb so beliebt, weil es immer schööön flach verläuft. NICHT!

Ein elendes Auf und Ab, aber tolle Strecke, gute Beschilderung, liebliches Ländchen. Bei der Aussichtsplattform, die wie eine Kanzel weit übers Saaletal ragt, ruhe ich ein wenig. Ein radelndes Paar aus der Schweiz trudelt ein, eine Truppe aus etwa 15 jungen Menschen auf einer Art Schulausflug, vermute ich, die beiden Tourenradler, von denen der eine so ironisch übers Flussradwegen tönte. Sie wollen das Grüne Dach erradeln und in Tschechien ein wenig durch die Sumava, kennen die Strecke offenbar schon – ich verstehe in diesem lädierten, von bissigen Anstiegen seit Tagen geplagten Zustand nicht, wieso man das ein zweites mal macht! Wie masochistisch kann man denn sein.

Okay, Grünes Dach, Stille, kaum Menschen, das hat was. Wenn ich einmal alt und müde geworden bin, könnte ich mir vorstellen, beim Aussichtspunkt nahe Potiga zu sitzen, Radelnden aufzulauern, und ihre Geschichten aufzuschreiben. Velostationäres Radfahren sozusagen. Unterhalb des Aussichtspunkts sollte übrigens einmal ein Staudamm entstehen, was aber wegen Krieges scheiterte.

Bis Blankenstein radele ich an der Saale. NICHT! In einem Supermarkt namens Discord kaufe ich ein für die nächsten zwei Tage und schon stehe ich vor den großen Rs, die mal ins Pflaster eingelassen, meist aber auf Holztafeln den Rennsteig Wanderweg kennzeichnen. Und auch den Radweg, der sich in Teilen mit dem Wanderweg verwindet. Gleich zu Beginn ein Hinweisschild, sechs Prozent Steigung auf 3,2 Kilometern. Geht noch, denke ich und hoffe, oben verläufts dann flach.

Trugschluss. Es sind dieses Aufs und Abs, die einen als Radler so zermürben, gar nicht so steil, aber alle zehn Minuten wieder einen kleinen Vierprozenter hochächzen, vermiest das Radelerlebnis. Zudem garstig kalter Gegenwind. Vierzig Kilometer weit über Waldwege und Landstraßen auf etwa sechs, siebenhundert Metern Höhe. Auch nicht besonders spektakulär. Ich verstehe die zig Wanderer und Wanderinnen nicht, die mir entgegen kommen. Ist der Wanderweg hoffentlich jenseits der mit dem Radweg gebündelten Abschnitte schön? Die Strecke auf dem Rennsteig verläuft meist außerbayerisch in Thüringen.

Bei einem Dorf, dessen Name ich nicht recherchieren kann, weil ich zwischendurch versehentlich den Thüringenteil in meiner App gelöscht habe, gibt es ein Moosdorf mitten im Wald. Viele kleine Wichtelhäuschen auf ein paarhundert Quadratmetern verstreut. Eine alte Tradition, die irgendwann vor vielen Jahren die Schulkinder begonnen haben, erzählt mir ein alter Mann mit trägem Hund. Mittlerweile kommen die Menschen sogar mit Bussen her, um das Moosdorf zu sehen. Und das Rennsteighaus, das im Ort als Museum errichtet wurde.

Rüber nach Lehesten vorbei an einem Aussichtsturm, zu dem ich zum Glück nicht hochächzen muss, weil er laut Hinweistafel geschlossen ist. Alles Schiefer in dieser Gegend. Die Mauern, die Hausfassaden, die Dächer. Glänzendes Schwarz wo auch immer Menschen sich ansiedelten. Gleich hinter Lehesten eine hohe Abraumhalde auf dem Weg zum Freilichtmuseum des ehemaligen Schieferbergbaus. Dort: Hotel, Gästehaus, viele Maschinen, Spalthalle, in der das Endprodukt behauen wurde. Ein Musterdörfchen aus winzigen Modellhäuschen, erbaut durch die Lehenster Dachdecker, und ein gigantisches Loch, das durch den Abbau entstand und in dem sich nun ein idyllischer See gebildet hat.

Vierzig Kilometer Thüringen auf dem Weg rund um Bayern neigen sich bei Klein Tettau dem Ende. Kuriose Grenzgeschichte gibt es zu dem Ort. Viele Infotafeln, ich werds später genauer recherchieren. Der Tettauer Zipfel war bis in die 1970er Jahre ein Kuriosum der Grenzgebung. Drei Häuser standen in der Todeszone des Eisernen Vorhangs, gehörten offiziell zur DDR, waren aber bewohnt und dem Westen zugehörig, bis sie nach einem Gebietskauf oder Tausch offiziell zur BRD kamen.

Solche Grenzabsurditäten erlebte ich auch bei der Umrundung von Rheinland-Pfalz. Jene Gaststätte, durch die angeblich mitten im Gastraum die Grenze verlief zwischen Deutschland und Belgien.

Ich verstehe es manchmal nicht, wie sich Menschen so kleinkariert an Grenzen abarbeiten, nein, ich verstehe es doch, schließlich bin ich Mensch, ticke wie ein Mensch und habe Grenzziehungen mit der Muttermilch aufgesaugt, wie jeder Mensch. Aburd finde ich es? Trifft es das?

Der Tettauer Zipfel ist auf den Radwegen mittels Pflastersteinlinien markiert. Endlich abwärts rollend, den Rennsteig hinter mir lassend, überquere ich die Grenze zwischen Thüringen und Bayern mehrfach. Fast wie beim Blinde Kuh-Spiel weiß ich am Ende nicht, wo ich bin.

Nun schon wieder im Tal nahe Heinersdorf schreibe ich diese Zeilen. Tropenhaus gabs unterwegs zu sehen, nach 18 Uhr schon zu. Die Wärme hätte ich gestern gut brauchen können. In Heinersdorf erfrage ich Wasser bei einer jungen Frau in ihrem Vorgarten. Darfs sonst noch was sein? Kasten Bier, denke ich, nein, nichts, sage ich. Jenseits des Dorfs eine Wiese am Radweg neben einem Gehöft, ich fragte die Besitzerin um Erlaubnis, was es mit dem Wildzelten etwas entspannter macht. Obschon hier wohl niemand etwas sagen würde.

Und nun? Gescheitert oder nicht, Herr Irgendlink?  Schaun wir mal. Weiter gehts. Der Tag ist jung. Es regnet nicht. Radel und Köprer sind fit und gebloggt wäre hiermit auch schon. Tag zehn der Reise kann kommen. Bitte keine Anstiege! (Featuring träum weiter, du naiver Trottel).

Eine Art Ruhetag in der heimeligen Wiege des Sattels – von Hohenberg/Eger nach Joditz/Saale #UmsLand/Bayern

Zwei Tage mit halber Kraft. Der vorgestrige mit echter halber Kraf, der gestrige mit bewusst eingesetzter halber Kraft. Wobei mich der Gedanke reizt: vom Einsetzen nicht vorhandener Kräfte, was zwar ein bisschen hanebüchen scheinen mag, dennoch, ich stelle es mir ein bisschen vor wie Judo. Der Ogoschi des feinen Radreisens sozusagen. Es gibt ja keine Nichtkräfte, sondern nur Kräfte, die sich gegen einen richten oder die mit einem sind oder die an einem vorbei Kraft ausüben oder die irgendwo da draußen sind und keiner nimmt sie wahr und dennoch sind sie da und wirken. Vermutlich die Mehrheit aller Kräfte, sowohl physisch, als auch psychisch …

… als Reiseradler habe ich es mit Bergen, Wind, sowie etwas abstrakter mit Regen und allegemeinem Unwohl- oder Wohlsein zu tun, wobei die genannten Kräfte, wie man am Beispiel Wohl- oder Unwohlsein sieht aus ihren Gegenteilen bestehen. Bergauf gleicht aus bergab. Gegenwind gleicht aus Rückenwind. Hinter allem Unwohlsein wartet stets das Wohlsein.

Idealerweise, schreit mein innerer Buddhist, würden die Kräfte sich gegeneinander aufheben und man wäre nie losgefahren, sondern brav in seinem heimischen Kontinuum verharrt. Okay, auch das ist hanebüchen. Es ist vielleicht ein Träumchen vom Seelenheil oder vom Heilsein, in dem alles zum Stillstand gekommen ist, man selbst wie die Welt, eine Rückkehr zu einem mutmaßlichen Beginn allen Seins. Und was weiß denn ich von buddhistischer Lehre, plappere stattdessen solches Zeug vor mich hin.

Früher Morgen Frösche quaken im Auenweiher, der mittem im Campingplatz von Joditz liegt. Ein vielleicht hundert Meter durchmessendes Wässerchen mit einer Insel, auf das man mittels einen Floßes gelangen kann, welches per Seilzug bedient wird. Kinder und Jugendliche haben ihren Heidenspaß dabei, das Floß, das wie eine bewegliche Inselfestung zwischen den Ufern schwimmt zu benutzen. Gestern abend saßen zwei Mädchen stundenlang darauf, kichernd, plaudernd. Danach eine junge Familie, wobei die beiden vier bis sechsjährigen Sprößlinge jede Mühe hatten, das träge Ding zu bewegen. Das Floß lässt nur zwei Richungen zu, da es an einem Seil durch Ösen geführt wird. Ein tolles Kraftbild, denke ich. Es geht entweder vor oder zurück. Das Ufer die Geburt, die Insel der Tod, hanebücht mein Hirn. Egal, nettes Bild. Man schuftet sich rüber und kann auch wieder zurück. Das ist im Leben natürlich nicht möglich. Vermutlich.

Meine Begegnung an der Salzach kommt mir in den Sinn, mit dem Mann, der ein Pferd war und der von sich sagte, ich war einmal Buddhist. Ich war! Woher wusste er, dass er einst ein Pferd war? Wieso weiß ich nicht, dass ich einmal etwas anderes war, eine Schnecke, ein Huhn oder eine Katze? Wieso sprach er von sich als Buddhist in der Vergangenheitsform?

Man kann wohl vom Buddhismus abfallen wie von jeder anderen Religion.

Die vorgestrige Strecke bis Hohenberg also mit halber oder noch weniger Kraft, weil der Körper nach sieben Tagen auf dem Fahrrad eben total erschöpft und ausgelaugt ist. Die gestrige von Hohenberg über Hof nach Joditz mit bewusst nur halber Kraft, um so eine Art Ruhetag in der heimeligen Wiege des Sattels zu simulieren. Die Anstiege auf den letzten Kilometern des nördlichen  Grünes Dach Radwegs (GDR) sind nicht mehr ganz so streng wie die dreihundert Kilometer davor. Man radelt durch eine oder mehrere jener Wie-Landschaften, die man sich zuvor im Leben anderswo erschuftet hat.

Hier sieht es aus wie auf dem Selztalradweg. Donnersberg voraus, denke ich. Später eine Art Moor, wie jüngst in Arrach. Ewiger Nadelwald wie Schwarzwald und viel Schweden ist dabei. In Nentschau endet der GDR. Ein sehr treffender, stiller End- bzw. Anfangspunkt. Weiter gehts auf dem Vogtlandradweg und der Radroute Hof 10, zunächst in die falsche Richtung. Erst beim Grenzöffnungsdenkmal hinter Nentschau merke ich, dass ich nach Sachsen oder Thüringen unterwegs bin. Hatte ich erwähnt, dass ich mich auf jeder Radtour etwa zehn Prozent der bereisten Strecke verirre?

Vogtland und Hof 10 verdient den Status Radweg eigentlich nicht. Zu viele Kilometer nahe Vierschau verlaufen auf einer zwar ruhigen, aber bissigen und schnell befahrenen Landstraße. Es macht einfach keinen Spaß, sich ständig nach Mitmenschen umzuschauen, die mal eben schnell ans Handy gehen bei hundert Sachen.

Eine Feuerwehr unterwegs. Ich frage nach Wasser. Feuerwehr hat immer Wasser für Radlers. Ab Hof auf dem Saaleradweg. Ich hatte ihn nicht mehr im Sinn. Es ist zu lange her, dass ich die Radroute plante. Wenn ich früher dran gewesen wäre, hätte ich einen Abstecher nach Schwarzenbach ins Comic-Museum machen können. Nur neun Kilometer in die andere Richtung. Man hätte mir die Tür vor der Nase zugemacht.

Also auf durch Hof, entlang nerviger Feierabendverkehrsstraße, zwar auf separatem Radweg direkt am Fluß. Nach der Stille des Grünen Dachs tut jedes Geräusch weh, das nicht natürlich ist. Das Grüne Dach, so könnte man sagen, sensibilisiert für Stille, rekalibriert den aus den Fugen geratenen, pervertiert in Hektik Lebenden. Eine Kraft? Vermutlich ja.

Also schnell durch Hof durch. Einkäufe hatte ich klugerweise schon in Nentschau in einer kleinen Bäckerei erledigt, inklusive Milch aus dem Automaten.

Hinter Hof zwei Radwegumleitungen. Über Holperpfade. Mit ultrasteilen Steigungen und abartigen Gefällstrecken. Durch Wald auf Kieswegen. Wie um dem Grünes-Dach-Radelnden den kalten Entzug zu verhindern.

Unterwegs treffe ich erstmals wieder auf andere Radelnde. Zwei Frauen aus Leipzig auf dem Weg Saale abwärts. Die mir den Campingplatz verraten. Joditz im Auland, wo man darauf schwört, dass Paris, Venedig und wie sie alle heißen so weit weg sind und es hier doch auch schön ist.
Stimmt.