Schon wieder „Schon wieder ein Jakobsweg“

Die Leseprobe für das 2010 live gebloggte Jakobsweg-Buch ist soeben fürs Lektorat fertig geworden. Das Titelbild, das ich für ein Ebook benötige, wird wohl die Version Sieben aus einer Reihe verschiedener Motive werden. Die erste Version zeigte noch die Kathedrale in Santiago. Aber für ein Buch, das nicht christlich motiviert ist, finde ich das ein bisschen dick aufgetragen. Auch vom ursprünglichen Arbeitstitel „Nach der Schuld ist vor der Schuld“, habe ich mich verabschiedet.

Buchcover Schon wieder ein Jakobsweg
Buchcover „Schon wieder ein Jakobsweg“ – Liveblog von Jürgen Rinck (Irgendlink)

Urban Artwalk Burgdorf

Yet Another Vorstellungsgespräch. Dieses Mal nicht im Bürotrakt einer Shoppingmall, sondern in einem typischen Berner Bauernhaus. Ein Ding, das nur aus Dach zu bestehen scheint, durchweg aus Holz gebaut. Wuchtig liegt es am hochwasserführenden Mühlbach des Flüsschens Emme in einem Gewerbegebiet. Deutlich spürt man, wie die Stadt das Land überwuchert. Ich lasse mich durch die Sträßchen treiben, fühle mich entwurzelt, nicht dazugehörig. Die Schweiz kommt mir vor wie eine Puppenküche. Sauber, aufgeräumt, wohlgefügt, alles wie im Traum, zudem sind die Menschen nett. Der Typ kranker Spinner oder protziger Proll oder hysterischer Aufmerksamkeitssucher oder psychopathischer Was-auch-immer, läuft einem hier nur selten über den Weg. Geld spritzt aus allen Ritzen. Auf der Straße kleben, selbst vor Bahnhöfen kaum Kaugummis. Es liegt kein Müll herum. Auf Autobahnen hält man sich an die Geschwindigkeitsregeln. Kaum einer drängelt oder lichthupt.
So laufe ich fotografierend durch das Idyll. Aber es will nicht stimmen. Plötzlich fühle ich mich alleine. Oder fremd? Ja, fremd ist besser. Vor einer Kirche, einem neumodischen Betonding, trifft mich auf einer Parkbank sitzend die Wucht der Fremde. Die Schleier der Realität flattern im Frühlingswind, mich fröstelt, das Tausend-Meilen-von-Daheim Gefühl beschleicht mich. Wie im Alptraum sind von jetzt auf gleich alle meine Liebsten gegangen und muttersellenalleine hocke ich, Jahrzehnte in die Zukunft katapultiert, noch immer denkend, mich windend, nach dem Großen suchend, das man nicht aussprechen und nicht finden kann, auf einem in Ewigkeit rotierenden Planeten. Wenn ich eine Funtionsschleife in einem Computerprogramm wäre, hätte ich mich längst aufgehängt, würde sinnlos auf meine eingespielten Routinen rückkoppeln. Was bleibt, ist die Hoffnung auf den Befehl „clear“.
Das reinigt die Sinne. Ich versuche ein offenes WLAN zu finden. Vergeblich. Die Neuapostolen haben ein gutes Passwort. Dabei würde es genügen, am Pfarrhaus zu klopfen und zu fragen. Wie früher Obdach und Brot, würde man heute Netz und Strom erhalten, spinne ich. Die leere Welt meiner Phantasie hinter den Schleiern meiner mutmaßlichen Zukunft, ist wieder unsichtbar. Mächtig erschreckt hat mich die Kälte, die bodenständige Manifestation von Sinnlosigkeit, so als sei Sinnlosigkeit das ultimativste aller Fundamente. Pfahlgründung der Seele auf dem morastigen Boden der Sinnsuche.
Ein kühler Ostwind lullt mich ein. Ich fühle mich wieder wie der Reisende, wie der Umrunder der Nordsee, der ich im letzten Jahr war. So unglaublich es klingen mag, während der vier Monate alleine auf dem 7000 Kilometer langen Radweg um die Nordsee, habe ich mich keine Sekunde alleine gefühlt. Obschon man chronisch fremd das Land durchquert, ist man als livereisender Blogger doch stets daheim. My Home is My Blog, steht groß geschrieben über meinem virtuellen Kamin. Das Feuer der Neugier lodert darin.
Von allen Gegenden, die ich durchquerte, sind mir die menschenleeren am Liebsten.
Gemütsschwächelnd fotografiere ich nach Herzenslust und ohne Konzept das kleine Burgdorf. Das Auge kreist dabei im Spannungsbogen zwischen blauem Himmel und den abflauenden Fluten der durchweg kanalisierten Rinnsale und dem von Menschenhand geschaffenen grauen Band, das niemals endet.

Urban Artwalk Burgdorf
Für diese Woche gibt es nur noch drei Dinge zu tun:
Das Jakobswegbuch wird gründlich lektoriert. Die große Zweibrücker Col Art Ausstellung (www.prismakunst.de) wird vorbereitet, und ich möchte mit dem Fahrrad zum Rhein runter radeln, an den Punkt, an dem die Aare mündet.

In einem Supermarkt

Ein wunderbarer Tag zum am Sinn des Lebens zweifeln. Entweder, man wendet sich dem Konsum zu, oder … oooder … sonst gibt es nichts mehr. Dauerregen. Ein Einkaufszentrum in Bremgarten. Ein urban Artwalk, also ein künstlerischer Spaziergang durch das kleine Städtchen in einem halbinselartigen Knie in einer Schlaufe der Reuss will nicht so recht in Schwung kommen. Das iPhone auszupacken, um verregnete Fotos zu machen, ist stets ein Balanceakt. Ich fotografiere ein Hundchen, angebunden neben einem Regenschirm vor dem Einkaufszentrum. Das könnte Sosos neuer Arbeitsort werden. Ein Büro im x-ten Stock. Sie stellt sich gerade vor. Ich warte. Im Erdgeschoss sind alle möglichen Läden. Neben Coop Lebensmitteln und einem Exlibris Bücherladen auch Schuhe, Telefone, Kleider, Kosmetik. Die Regenschirme stehen ganz vorne beim Eingang. Der Schuhladen verkauft die wohl hässlichsten und größten Frauenschuhe, die ich je gesehen habe. Auf einer Bank, gegenüber einem Schmuckstand, schreibe ich diese Zeilen. Komme mir deplatziert vor und desolat. Ich gehöre nicht dazu. Das
macht es um so schwerer, im Sein Sinn zu sehen. In einem Anfall von Paranoia kommt mir zudem der Gedanke, wir existieren alle nur, weil wir konsumieren, weil wir von A nach B wollen, weil wir Telefone verkaufen oder Schmuck. Mit dem Kerl, der eine Präsentationsspinne voller Geldbeutel von A rechts hinter mir nach B jenseits des Schmuckladens fährt, würde ich jetzt gerne tauschen. Wenn man etwas von A nach B bringt, hat man kaum Zeit, über den Sinn nachzudenken. Ein einsamer Kunde im Mobilfunkladen auf 10 Uhr. Er und der Verkäufer stecken die Köpfe zusammen, wie zwei Buben auf einem Schulhof, die sich über Mädchen unterhalten. Mittagspausenstimmung. Die Schmuckverkäuferin, kaum vier Meter vor mir, ringt seit drei Minuten, eine Halskette an eine feine Dame zu verkaufen. Immer wieder reibt sich die Dame das Kinn und schüttelt den Kopf, „ich weiß nicht, ich weiß nicht“. Ein junges Paar schiebt einen übervollen Einkaufswagen, in dessen Unterteil ein Spielzeugauto eingebaut ist, in dem ihr Sohn „Ruääääm-bruuuuummm“ prustend das Steuer hin und her reißt. Ganz perplex ist das Kind, als der Papa plötzlich kehrt macht, und das Auto rückwärts fährt. Mit einem Bimbam kündigen Lautsprecher irgendwas Billiges an, oder dass ein Geldbeutel gefunden wurde, ein Regenschirm, ein Hund und ein Kind. Sehnsüchtig hoffe ich, dass der Spruch fällt, den Petra neulich ein paar Artikel zuvor ins Kommentarfeld getippt hatte: „Der kleine November möchte bitte aus dem Mai abgeholt werden“. (Wer Ah sagt, muss auch Wäh sagen).
Eine halbe Stunde flaniere ich durch die Stadt. Wie deplatziert wirkt die drei Meter hohe Wasserpyramide in einem Brunnen. Ein kahlgeschorener Rocker kauft Zigaretten am Kiosk und scherzt, fünf Minuten später, den selben Weg habend wie ich, mit einem Metzger. Ein Laden für Gießkannen befindet sich direkt gegenüber der Metzgerei. Die haben Mut, tse, Gießkannen. Ich fotografiere eine uralte Wetterstation mit vergoldeten Armaturen in einem reichlich verzierten Minihäuschen bei der Reussbrücke. Das Hygrometer zeigt 100% Luftfeuchte. An der Bushaltestelle überlege ich, den Fahrer des Linienbusses nach Baden mit einem Lächeln zu erinnern, dass es ziemlich dreist ist, bei dem Wetter einen Bus zu steuern, auf dem Baden steht. Ich muss dabei an den Busfahrer auf der Sickinger Höhe denken, das ist zwei Jahre her, der nach Feierabend in seinem Display über der Windschutzscheibe eingeblendet hatte, Nix wie hem (pfälzisch für jetzt aber nichts wie nach Hause). Am Schaufenster des Shoppingcenters klebt das Motiv einer Plakatkampagne, die ein Ferkel zeigt und einen Bauern, mit der Aufschrift, HmHmHm Soundso, ein Biobauer aus Muhen. Ha, Muhen, das ist klasse, das ist zum Wiehern.

Später durchqueren die Soso und ich die Altstadt, die ein bisschen erinnert an ein Mini-Bern oder ein Mini-Baden. Das Hotel Sonne – auch die haben Mut, lächele ich. Das Wehr im Fluss bei der alten, überdachten Holzbrücke ist etwas ganz Besonderes. Eine gut sechizg Meter lange Zunge mitten im Fluss, vertieft, in die sich die Fluten stürzen.

Reuss bei Bremgarten
Reuss bei Bremgarten

The Dutch Orange Hair Rape

So kurz vor dem Vorstellungsgespräch will sie sich noch die Haare färben lassen. Von mir! Alle meine Warnungen, was, wenn was schief geht, was, wenn es zu lange dauert, schlägt sie in den Wind und rührt die nach Ammoniak stinkende Brühe an, drückt mir Latex-Handschuhe in die Hand und sagt, mach!
Das ist Orange, sage ich, willst du orangene Haare?
Das wird schon schwarz, guck, auf der Packung steht schwarz.
Was, wenn nicht? Willst Du dem potentiellen Arbeitgeber dann erklären, ein bedrohlich wirkender Mann mit niederländischem Akzent habe dich überfallen und mit Nachdruck gesagt huie daag, ich mach dir jetzt orangene Haare, korrekt fiets.
Ich starte den Färbevorgang und wir spinnen gemeinsam an einem Selbsthilfeportal für Menschen, die von Holländern überfallen werden und denen die Haare zwangsorange gefärbt werden. Aufstieg und Fall eines Webportals.
Zwischendurch ein Exkurs in die mutmaßlichen Lerninhalte der Frisörsausbildung: Da haben wir aber einen gaanz schönen Wirbel, Frau Sophia, näsele ich. Das ist zweites Lehrjahr. Da lernt man den Wirbeltrick, der den zu Frisierenden suggerieren soll, man wisse alles über ihr Haar. Im ersten Lehrjahr lernt man, über das Wetter zu reden, und im Dritten ist „Dorftratsch – sexuelle Phantasien unter dem Haarbusch“ dran.

Mein alter Freund K. fällt mir ein. Er ist echter Frisör. Er erzählte mir, wie er stundenlang im Türrahmen das Scheren geübt hatte, flinke Hand, Luftgitarre der Barbiertums, quasi. Liebe Frisöre, bitte seid mir nicht böse über diesen verhonepipelnden Fachartikel. Ich weiß, was für ein harter Beruf das ist. Und ich liebe euren Slogan, was Frisöre können, können nur Frisöre.

Nun trocknet die Farbe, während ich den Artikel schnell in das Blog hacke.

Ich finde, Orange steht ihr.