Tröpfchenberegnung der feinen Künste

1995. Ungestüm. Voller Ideen. Das Konzept Kunststraße geisterte seit etwa einem Jahr in Herrn Irgendlinks Kopf.

Im Nachhinein sehe ich es irgendwie landwirtschaftlich. Wie ein Same wuchs eine Idee, die unbedingt größer werden wollte. In meinem verrückten Künstlerkopf. Ein abstrakter Acker, der, wenn man ihn darstellen wollte ein ganz normales Menschenhirn ist. Fruchtbarer Boden aus Grauen Zellen und Synapsen, der ohne Unterlass das Geschehen um mich herum aufsog; wie Wasser und Dünger, die den Samen nährten und groß werden ließen.

Eigentlich ist es mit dem eigenen Hirn, dem Denken, dem Bewusstsein, dem Fühlen, dem sich selbst Entwickeln tatsächlich ein bisschen wie mit einem Gemüsegarten. Die angebauten Früchte sind Ideen, Information gewordene  Kulturpflanzen. Je nach Geschmack kann man diesen Garten in seinem Inneren gestalten. Manches gedeiht gut. Anderem fehlt vielleicht Licht, Wasser, Nährstoffe. Bis zu einem gewissen Grad kann man selbst bestimmen, was in diesem Garten wächst.

Aber es schleichen sich womöglich auch Beikräuter ein, die man nicht in diesem Garten sehen will. Die Unabdingbarkeiten des Lebens werden herübergeweht und fassen in der eigenen Kultur Fuß. Wie man damit umgeht, dass z. B. der Nachbar Gewächse über die Grenze wachsen lässt, hängt davon ab, wie stark der Gestaltungswille im eigenen Ideengarten ist.

Die Kunstidee war jung. Verreisen und alle zehn Kilometer ein Foto der bereisten Strecke machen und an der monotonen, scheinbar zufälligen Serie von Straßenbildern andere, sehenswertere Bilder wachsen lassen. Es braucht nicht viel, um ein solides Kunstkonzept zu säen. Die langwierige Pflege ist das Problem.

Schon ein Jahr zuvor, 1994, hatte ich die Kunststraßenidee erstmals ausprobiert. Ich wollte von meinem damaligen Wohnort Oppenheim, am Rhein südlich von Mainz nach Berlin an die Akademie der Künste radeln, alle zehn Kilometer ein Straßenfoto schießen, Gegenstände im Straßengraben sammeln, daraus Collagen machen, Zeichnungen, Geschriebenes. Dieses unterwegs gesammelte Material sollte in eine Mappe einfließen, die, auf der Straße zusammengestellt, meine Bewerbung an der Kunstakademie werden sollte.

Die Reise scheiterte nach ein paar Tagen hinter dem Vogelsberg in Mittelhessen am schlechten Wetter und auch an den künstlerischen Rahmenbedingungen. Ich konnte weder gut fotografieren, noch zeichnen, noch schreiben. Ich hatte nur das Saatgut für mein Konzept, wusste aber nicht, wie ich die Werkzeuge und die Düngemittel einzusetzen hatte. Natürlich klappte auch die Bewerbung an der Akademie nicht.

Zum Glück konnte ich ein paar Samen überwintern, so dass 1995 mit dem Kapschnitt eine erste Fotoausstellung realisiert werden konnte. Im Dezember wurde sie in der frisch gegründeten Galerie Walpodenstraße meines Freundes und Reisegefährten QQlka ausgestellt.

Bis ins nächste Jahrtausend (gell, das klingt schön theatralisch) bauten wir gemeinsam und oft auch ich alleine einige dieser Kunststraßen. Als raumgreifende Fotoinstallationen wurden sie in Mainz, Wiesbaden, Fürth und im legendären Club W71 in Weikersheim gezeigt. Krönend war sicher die Einladung ins Rahmenprogramm der Intercycle Cologne, die mir einen riesigen Doppelstand zur Präsentation meiner Kunststraßen zur Verfügung stellte. Zwar nicht die Art Cologne, wo es eigentlich hingehört hätte, aber immerhin.

Ab 2001 wurde es, nach einer Ausstellung im Kultursommer Rheinland-Pfalz zu anstrengend, die Rauminstallationen zu bauen – in einem Parkhaus in meiner Geburtsstadt Zweibrücken baute ich letztmals eine etwa vierzig Meter lange Kunststraßenkonstruktion. Solche Kunst zu verkaufen war einfach unmöglich fernab der Tröpfchenberegnungsanlage des Kunstmarkts.

Vielleicht habe ich meinen geistigen Garten ein bisschen verwildern lassen. Aber ich blieb der Idee Kunststraße treu. Saatgut hatte ich ja genug. Von Jahr zu Jahr fotografierte ich mich in 10 Kilometerabständen durch Europa. Rund um die Schweiz. Auf Treidelpfaden durch Frankreich bis nach Andorra. Längst hatte die Google’sche Streetview das Konzept eingeholt. Das GPS wurde kurz nach einer ersten Frankreichdurchquerung im Jahr 2000 für Normalbürger freigegeben. Die digitale Fotografie knackte irgendwann um 2003 oder 2005 die Qualitätsstufe der Analogfotografie. Smartphones kamen gegen 2010 ins Rennen. Weblogs als günstige Alternative zur Veröffentlichung und zur virtuellen Darstellung von Gedanken, Bildern und Texten. Fast von Anfang an war ich dabei. Erste Texte und Bilder postete ich im klassischen HTML Format seit 2001. Das Blog als Kunstform wuchs nun in meinem Garten. 2010 versuchte ich erstmals, eine Kunststraße zum Mitreisen für eine kleine Schar von Anhängern meines Blogs täglich live zu übermitteln. Auf den Spuren der Reise von Zweibrücken nach Andorra, die ich zehn Jahre zuvor noch analog und ohne Publikum gemacht hatte, übermittelte ich Bilder und Texte per Mail und mit einer ziemlich schlechten App in dieses Blog. Im Winter folgte der Jakobsweg, der Camino Frances. Das erste literaturlastige Kunststraßending. Auf einem iPhone 3GS entstand das mittlerweile überarbeitete und auch gedruckte Buch Schon wieder ein Jakobsweg.

Erst 2012 waren sowohl Software, als auch mein Garten und ich gut genug gewachsen, dass mit Ums Meer auf dem knapp 7000 km langen Nordseeradweg ein vollständig digitales Blog-Kunstwerk realisiert werden konnte. Scherzhaft sage ich, dass ich mich auf dieser viermonatigen Reise zu einer Kunstmaschine entwickelt habe.

Das Loch nach dieser Reise war tiefer, als die Löcher, die sonst nach Reisen entstehen. Ich war arbeits-, perspektiv- und mittellos. Versuchte ein Jahr lang im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber zu alt, zu wenig spezialisiert und für das, was ich konnte, Reisen, dabei denken und dies zu vermitteln, gab es ja keinen Markt. Mein Kunstgarten gedieh zwar prächtig, aber kaum jemand interessierte sich für die Früchte.

Jeder normale Mensch hätte wohl die Klitsche verkauft oder einfach eingestampft. Was aber tun mit all den feinen Pflänzchen?

Glücklicher Weise hatte ich mich nicht zu sehr an Geld und Sicherheit gewöhnt, so dass ich wie durch ein Wunder 2013 ohne zu verhungern überlebte. Im Sommer baute ich sogar eine neue Kunststraße nach Österreich. Ziel war das Memory Of Mankind in den Salzwelten in Hallstatt. Dort hat der Keramiker Martin Kunze ein faszinierendes Langzeitarchiv angelegt, das tief in den alten Salzstollen des Bergwerks auf langlebigsten Keramiken entsteht. Die Reise wurde dort auf etlichen 20/20 cm großen Fließen archiviert. Mit gerade einmal 90 € in der Tasche schlug ich mich zehn Tage lang durch Süddeutschland und Österreich. Natürlich alle 10 Kilometer ein Foto und mannigfaltige Kunst und ein sehr persönlicher Reisebericht (nachzulesen hier in diesem Blog unter Projekte, oder eben in Minischrift im Memory Of Mankind).

Plötzlich spielte Geld kaum noch eine Rolle. Im heimischen Ateliergarten gedieh ein echter kleiner Selbstversorgergarten. Mit wenigen Kunstverkäufen und Webdienstleistungen hielt ich mich über Wasser.

2014 folgte eine weitere Pilgerreise. Zu Fuß mit meiner Liebe, der großartigen Sofasophia. Wir durchwanderten die Schweiz von Nord nach Süd, überquerten den Gotthard bis ins Tessin. Natürlich mit einem Sack voller Kunstsaatgut. Beide livebloggten wir (siehe Gotthard unter Projekte in der Linkleiste oben).

SoSo hat mit Zur Quelle hin ein eBook daraus gemacht. Auch mein Gotthardbericht wird demächst als eBook erscheinen.

Weiterhin ohne Geld durchs Leben. Ende 2014 war die Lage katastrophal. Aber wie es so ist im Leben: Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Schon lange liege ich Freund QQlka in den Ohren, wir radeln nochmal rauf zum Nordkap. Wie damals ’95. Zwanzig Jahre revival auf den eigenen Spuren. QQlka sagte nein. Sein Leben hat eine andere Richtung genommen.

Wie sollte ich die ca. dreimonatige Reise ohne Geld machen? Crowdfunding? Dazu bin ich nicht Rampensau genug. Wohin mit dem Saatgut so ganz ohne monetären Dünger? Das Lichtlein kam im Winter und leuchtete und leuchtete. Viele kleine Lichtlein, die noch erwähnt werden sollen. Es ist ja genug Zeit, die Geschichte an dieser Stelle auszubreiten. Viele alte Reisegefährten und -gefährtinnen, die virtuell dabei waren auf der Nordseerunde haben mir Unterstützung zugesagt. Wenn es nur ein warmes Wort ist, ein netter Kommentar, ich weiß, dass Ihr dabei seid und mir den Rücken stärkt.

Ein paar „Irgendwas mit Computer“ Aufträge haben ein Reisebudget von etwa 1500 € zusammengebracht. Das reicht für zum Nordkap, denke ich. Über den Rückweg mache ich mir Gedanken, wenn ich dort oben stehe in der Mitternachtssonne vor dieser menschenumschwirrten Kugel an der Brandung des Nordmeers.

Dieser Artikel wurde auf dem Smartphone getippt. Fingerübung für das was da kommen mag.

Seid Ihr dabei, wenn es ab 15. Juni wieder heißt: Täglich frisch auf irgendlink.de?

Nicht auszudenken, wenn der, der das Stromkabel anfasst einmal Bundeskanzler wird.

Im Südpfalzzug sitzen drei Jungs im Abteil gegenüber. Unfreiwillig werde ich Zeuge ihrer Fachsimpelei um Strom, Handys, Elektrotechnik.

Das Kabel kann man problemlos anfassen, sagt einer, es bitzelt ein bisschen, klar, ist ja Strom drauf. Wieviel Volt denn, fragt ein anderer. Och, so 220 Volt. Ganz normaler Strom halt. Sie starren ihn an wie einen weisen Helden.

Im Verlauf des Gesprächs identifiziere ich den Stromkabelanfassmann als den Wortführer und ich meine zu erkennen, dass die beiden anderen zu ihm aufblicken. Mit fester Stimme beantwortet er alle ihre Fragen, wirkt dabei so sicher, dass er ganz klar seine Führungsrolle im Abteil einnimmt.

Ich erinnere mich an Begebenheiten, in denen ich in solchen Gruppen saß und es wurde debattiert und Wahrheiten wurden formuliert und Wissen wurde fest wie Metall zu wohlgeformten Lehren gedengelt. Es waren immer die Lauten und Selbstsicheren, die die Wahrheit schufen. In Steckdosen kann man getrost den Finger reinstecken, das bitzelt nur ein bisschen.

Es ändert sich wohl nie, dass die Lauten, gegen die Besonnenen siegen, wenn es darum geht, im Strom der Ungewissheit so etwas ähnliches wie Wahrheit zu gestalten.

Versunken in eigene Gedanken, drifte ich ab in die große weite Welt der Meinungsmachung und der Wer-bestimmt-wohin-die-Reise-gehts. Auch in die Politik. Ich scheue mich vor dem Gedanken, dass etwa die Lauten auch in der großen, weiten Menschenpolitik sich gegen die Besonnen durchsetzen und ihre Art der Wahrheit gestalten, die so ganz und gar nichts mit dem tatsächlich Wahren zu tun hat.

Vorbei fliegt der Pfälzer Wald. Das Schwarzbachtal. Ah, dann kann ich ja dich fragen, höre ich einen der drei Jungs. Beinahe ehrfüchtig klingt das. Im Spiegel des Fensters sehe ich ihn aufblicken zum Stromspezialisten: Wieviel Ampere sind 5000 Milliampere? Der Spezialist überlegt kurz: 500. Ha, dann hat sich der Soundso geirrt, der meinte nämlich, es wären nur fünf. Das kam mir auch ein bisschen wenig vor.

Ich bin kurz davor, in das Gespräch einzugreifen und eine Predigt über das Wörtchen Milli, auch bekannt aus solch famosen Filmen wie „Millimeter der Entscheidung“ und „Millibar der Erkenntnis“, zu halten. Auch der Hinweis, gib doch bei Google einfach „wieviel ist 5000 mA in A“ ein, liegt mir auf den Lippen, doch die Jungs haben das Thema Milliampere längst abgehakt und sind in ein Gespräch über Smartphones eingebogen. Wie teuer, woher man sie am Besten bezieht, mit einem Exkurs in die Verbraucherrechte, Gewährleistung und Werksgarantie und solche Worte fallen, so dass mir die Ohren dröhnen. Später brilliert der Stromspezialist noch mit der Wahrheit, dass man im iPhone den Akku nicht wechseln kann, weil man es A: nicht aufmachen kann und weil B: der Akku fest verklebt ist.

Beim Aussteigen aus dem Zug habe ich das schale Gefühl, die Welt einem schlimmen Schicksal überlassen zu haben.

Ans Kap – eine Livereise mit Fahrrad, Blog und Twitter.

Aus der Serie Kapschnitt 1995

Von Zweibrücken über Mainz nach Alta und bis zum Nordkap wird meine nächste live gebloggte Kunststraße führen. Hierbei begebe ich mich auf eine Spurensuche sowohl in der eigenen Entwicklung als Künstler, Blogger und Webliterat, als auch in der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung des Kontinents, in/auf dem ich lebe.

Ich arbeite zurzeit an einer Karte zur Rekonstruktion der Kapschnitt-Reise aus dem Jahr 1995. Sie ist offiziell die erste Kunststraße, die ich gebaut habe. Auf den gut 3600 Kilometern durch Deutschland, Schweden, Finnland und Norwegen habe ich alle 10 Kilometer gestoppt und ein Streckenfoto der bereisten Straße aufgenommen (fast wie die heutigen Google-Streetviews, nur eben im schwarz-weiß Vintage-Stil).

Hier kann man die Karte sehen (https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zglBcpTICeSo.kPEpLshlMq28). Sie befindet sich noch in Arbeit. Die Streckenrekonstruktion erfolgt auf Basis von Notizen, die ich in einem Reisetagebuch gemacht habe. Alle Bildstandorte sind darin verzeichnet. Es gab 1995 noch kein GPS.

Am 15. Juni werde ich mich auf meine eigenen Spuren begeben und die alten Bildstandorte suchen. Was vor zwanzig Jahren als Konzeptkunstidee geboren wurde (genannt Kunststraße), hat sich weiter entwickelt zu einem interdisziplinären Kunst- und Literatur-Genremix, der sich beinahe in Echtzeit in Blogform darstellen lässt. Sowohl die technische Entwicklung (GPS, Mobilfunk, Internet), als auch der geografische, politische und verkehrstechnische Reifeprozess in einer rasant sich wie von Zauberhand selbst digitalisierenden Welt werden in dem Liveblogexperiment reflektiert.

Diesseits und jenseits der digitalen Revolution könnte der Arbeitstitel dieser Geschichte sein. Neben der rein physischen Reise durch Deutschland und Skandinavien tritt der Künstler auch eine Reise durch die jüngste Geschichte an, politisch, geografisch und technisch sind wohl nie so viele bahnbrechende Ereignisse auf engstem Raum eingetreten wie in diesem Jahrzwanzigst. Von “Windows 95″ bis Ubuntu “Snappy”, von papierenen Landkarten bis zum GPS, von Null bis Facebook, Twitter und noch ein Stückchen weiter hinein in die Cloud. Die Reise führt vom Europa der Grenzen und vielen Währungen in ein vereinigtes Etwas von 28 Staaten.

Manche Bloglesende erinnern sich bestimmt an die Fahrradreise „Ums Meer„, die im Jahr 2012 vier Monate lang live auf irgendlink.de mitzulesen war. In täglichen Berichten und Bildern konnte man, fast in Echtzeit, das Geschehen der Reise verfolgen, ganz ohne dabei nass oder vom Wind verweht zu werden ( :-) ). So ähnlich wird „Ans Kap“ auch werden. Ich habe einige neue Ideen und Aspekte, die ich mit einbringen möchte. Das Wichtigste dürfte wohl der Versuch sein, die Reise auch auf Twitter mit Kürzestmeldungen abzubilden. Ob das funktioniert? Ihr werdet es sehen, ich wohl auch. Hier geht es zum Irgendlink’schen Twitteraccount (https://twitter.com/irgendlink).

Wie wohl der verbeulte Blechspiegel in Bergby aussieht, in dem sich die Kirche spiegelt?

Aus der Serie Kapschnitt 1995

Ob wohl der windschiefe Holzschuppen noch steht, in dem Reisegefährte und Galerist QQlka und ich vor einem Gewitter Schutz suchten?

Schutz suchen in einer Scheune Kapschnitt 1995
Schutz suchen in einer Scheune Kapschnitt 1995

Ob die Straße in Schonen fertig ist, an deren Umleitungsbaken wir eine Rast einlegten?

QQlka in Schweden Kapschnitt 1995
QQlka in Schweden Kapschnitt 1995

Und fast schon einen Tweet wert: Ob der um zwanzig Jahre gereifte Künstlergeist dem um zwanzig Jahre gealterten Künstlerkörper noch seinen Willen aufzuzwingen vermag? Schaut mal rein, drüben bei Twitter. Hier nochmal der Link: Irgendlink’schen Twitteraccount

Irgendlink im Schreibtraining

Die Grippe, oder vielleicht ist es auch eine Impfnebenwirkung des letzten Dienstag verabreichten Tetanols, lässt endlich nach; nach fast einer Woche Gliederschmerzen, Fieber, Rumliegen, nichts denken, nichts tun, nichts wollen. Von allem, „was man halt so tut“ ist eine weiße Wand anstarren noch das Angenehmste. Dazu dieser „äußere“ Sturm, Niklas, der über das ganze Land gezogen ist und etliches verwüstet hat … irgendwie kommt mir mein Leben manchmal vor wie ein Roman. Diese eigenartigen Parallelen zwischen dem persönlichen Erleben in einem drin und dem, was um einen so vorgeht. Besser könnte man sich das gar nicht ausdenken, so als Schreiber. Aber ich fühle mich echt. Ich bilde mir das nicht alles nur ein. Ich bin ich. Ganz sicher.

Natürlich habe ich in den Krankstunden der letzten Tage nicht nur nichts getan, nicht nur einfach so eine weiße Wand angestarrt. Sondern sogar etliches geschrieben, getippt, auf Twitter in die Welt hinaus gejagt. Der Kurznachrichtendienst mit den 140 Zeichen ist mir ein liebes Spielzeug geworden.

Man kann darüber sagen, was man will, wenn man sich damit beschäftigt und die Sache einen packt, kann man – zumindest als Künstler und Schreiber – viel Spaß daran haben und sogar auch noch etwas ganz Besonderes lernen: Kürze. Die Eingabemaske für einen Tweet zeigt dir genau, wieviele Zeichen du schon verwendet hast. Bei 140 ist Schluss, inklusive aller Links und Namen und den soganannten Hashtags, den Schlagworten, die mit einer Raute # eingeleitet werden.

Wenn man eine Aussage machen will, die länger als 140 Zeichen ist, muss man sie entweder in zwei Tweets aufteilen oder sich selbst eine Antwort unter dem Tweet schreiben. Dann wird der Rest des Textes in 140-Zeichen-Portionen angehängt, oder man muss mehr oder weniger elegant kürzen.

Natürlich ist elegant kürzen meine oberste Priorität. Elegant kürzen heißt nicht etwa, die Worte einfach abzukürzen oder sie zusammenzuschreiben oder sonstwie Verstümmelungsmaßnahmen vorzunehmen, sondern man muss den Tweet in seiner Konsistenz so verändern, dass er in echten Worten genauso rüberkommt, wie sein überlanges Original.

Kurz. Twitter  kann, neben viel Spaß und menschlicher Kommunikation, dem Schreibenden auch eine Stil-Schule sein.

Wenn ich die Muse habe, werde ich diesen Blogartikel später noch mit Twitterkriterien umformulieren … ja, wenn ich es genau bedenke, sollte ich dieses, im Maschinengewehrtakt dahin getippte Textwerk tatsächlich noch einmal filtern, Füllworte und Redundanzen entfernen, unnötigen Schmuck über Bord werfen usw.

Aber im Grunde, das ist widerum die andere Seite der Schreibmedaille muss auch der direkt getippte Rohtext, zumindest bei uns live schreibenden Autoren, gelten dürfen. Mit all seinen Irrungen und Vertippern. Denn das Blog als direktes Veröffentlichungsmedium, ein Klick und weg, gehört genauso zur Pallette, wie der hochgezüchtete, komprimierte, perfekte Tweet.

Jaja, der Herr Irgendlink ist auch wieder am Schreiben üben, was im Prinzip ganz ähnlich funktioniert wie das Fitnesstraining auf dem Fahrrad. Ohne Training keine Fitness.

Auch habe ich mir den alten Kapschnitt-Text von 1995 vorgeknöpft. Das Tourtagebuch, in dem ich das Kunstprojekt von einst notiert habe. Auf vielleicht 80 DIN A 5 Seiten habe ich sämtliche Standorte der Fotos notiert, die Freund QQlka und ich auf der sechswöchigen Reise zum Nordkap gemacht haben, sowie ein knappes Reisetagebuch, das intensiven Einblick in die eigene Befindlichkeit gibt.

Ich will ehrlich sein: das Lesen der alten Texte – ich mache das zum ersten Mal im Leben, dass ich eigene Tagebucheinträge lese – fällt mir einerseits beklommen peinlich schwer, andererseits, so übel sind die Notizen auch nicht. Wenn ich nicht Ich wäre, sondern ein Fremder, hätte ich womöglich richtig Spaß, das zu lesen. Der Inhalt des Reiseberichts macht mir jedoch große Sorgen. Es klingt so, als hätten wir doch nicht nur Sonne und Sommer gehabt unterwegs und als wäre die Reise ganz und gar nicht so reibungslos verlaufen, wie ich sie mir in der Erinnerung schönrede.

Ein paar Fragen tauchen denn auch unweigerlich auf.

Kann ich das, was wir damals, jung und fit zu zweit nicht schafften, nun, zwanzig Jahre später, alleine schaffen?

Warum haben wir diese Reise damals eigentlich gemacht?

Warum sollte ich sie heute machen?

Welche Alternativen gibt es?

Bin ich körperlich und seelisch überhaupt in der Lage, zum Beispiel zwei bis drei Wochen Dauerregen des Schreckens durchzustehen?

Insbesondere ein Eintrag vom Ende der Reise, wohl der Tag, an dem wir den Abbruch beschlossen, gibt mir zu denken. Dauerregen und Kälte in der Finnmark. Weit und breit kein Haus, kein Vordach, nichts, um sich unterzustellen. 24 Stunden lang stellten wir uns bei einem Vogelbeobachtungsturm unter und warteten auf Wetterbesserung. Das war mehr ein symbolischer Unterstand, als ein Wind- und Regenschutz. Etwas von Menschen gemachtes mitten in der Wildnis, das seine anheimelnde Wirkung in Form von gehobelten, verschraubten, imprägnierten Holzbohlen entfaltete. QQlka donnerte einmal aus Wut sein Fahrrad gegen eine hölzerne Mülltonne auf einem Rastplatz und ich weiß nicht, was ich alles aus Wut getan habe. Ich weiß nur noch, dass die Mission in mir – alle 10 km ein Foto der bereisten Strecke zu machen – massiv bröckelte und plötzlich vieles, woran man sich festgebissen hatte, unwichtig wurde. Ich bezeichnete das als „plötzlichen Lustverlust“. Einen Zustand, in dem sich traumblasenhaft allmögliche Lebensalternativen aufbauen und man sich sofort eines der Traumblasenleben herbei wünscht, anstatt das, was man gerade lebt (im Regen durch die Einöde Richtung Nordkap zu radeln), weiterzuführen.