Wildes Denken und Nachtfahrten

Edit: Dieser Blogbeitrag wurde anlässlich des Metalabor 11 in Villmar geschrieben. Der Text dient als Grundlage für ein experimentelles „Dunkelvideo“.

Vier Gramm wiegt der Zucker, sage ich, so sagt es die Waage, die nicht besonders genau ist. Was steht denn drauf auf dem Zucker, fragt sie. Öhm. Nichts oder Saint Louis. Die Packung ist so ein typisches, kleines Papierröhrchen wie man es portionsweise in Cafés in Rewe- oder Edekamärkten mitnehmen kann. Mit ihren brillianten Augen beäugt sie das Päckchen, steht nichts drauf. Hat kein Gewicht.

Vertrauen wir der Waage, die beim Auflegen eines einzelnen Salzstängleins immer noch Null anzeigt? Die beim Auflegen einer Packung Nudeln, auf der 500 Gramm geschrieben steht 560 anzeigt?

Wischiwaschitage. Längst wollte ich die Radreise ans Ende der Nacht aus den Archiven hervor gekramt haben und einen Film geschnitten haben. Aber immer, wenn ich einen Anlauf nehme, das Ton- und Video- und Bildmaterial zu sichten, überwältigt mich die Fülle, übermannt mich eine silberne Müdigkeit, verlässt mich der Mut, ermatte ich, könnte ich eine Reise in die Nacht, also nicht etwa eine Reise in die Nacht mit dem Fahrrad, sondern eher eine Reise in den Schlaf auf dem hauseigenen Sofa oder woanders wo sichs gut liegen und träumen lässt. Ein sicherer Ort, um sich aufzulösen und das strenge Konstrukt der Taggedanken, die einem stets logisch und unabwendbar notwendig erscheinen, abzustreifen. Im Schlaf kann ich dem Hirn genehmigen, dass es alles Gedachte in Einzelteile zerlegt. Die Teilchen chaotisch ausbreitet. Die Freuden des Traums hochleben lässt. Denke wild und unbewusst.

Alles was ich über die Nacht weiß, habe ich im Traum gelernt.

Die Videos sind auf mehrere Verzeichnisse auf verschiedenen Datenträgern verteilt, was es nicht einfach macht, sie zu sortieren. Der Kern der Mission lautete: Durchradele die Nacht. Der erste Versuch liegt ein paar Jahre zurück. Nordwärts auf dem Glan-Bliesradweg. Gut ausgebaute Bahntrasse. In Kirn ein später Einkauf kurz vor Einbrauch der Dunkelheit. Zu dem Zeitpunkt habe ich fast 100 Kilometer in den Beinen. Der ursprüngliche Plan, zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu radeln, scheiterte am Mut, den Hunsrück zu erklimmen und am Einbrechen der Dunkelheit. Nach dem Einkauf trete ich den Rückwrg an. Per Fahrrad in die Nacht. Das war mein erster Kontakt mit der Nacht. Auf der ehemaligen Bahntrasse kaum Verkehr. Trotz Ortskenntnis irre ich umher. Stark eingeschränkter Sehsinn im schmalen Lichtkegel des Dynamolichts. Die Radwegehinweisschilder hängen oberhalb des Lichtkegels. Aus dem Wald spiegeln die Augen der Wildtiere, wenn sie der Lichtkegel trifft. Stille und Geräusche, die man tags nicht hört, weil der Verkehr sie überlärmt und solche, die man tags nicht hört, weil sie nur nachts passieren. Fahrradkette surrt und etwas knackt. Täusche ich mich, oder bin ich tatsächlich mehr Ohr als sonst?

Wie man eine Banane schält bei vollkommener Finsternis, wie es sich anhört, wenn man die Schale abzieht, wie sich das haptisch … äh anfühlt … ach, die Banane überhaupt erst einmal zu finden im Reisegepäck. Hatte ich sie mit Expander auf dem Heckträger festgeklemmt? Ist sie in dieser Packtasche? Oder in der anderen? Hätte ich bloß vor Einbruch der Dunkelheit … Mittlerweile sind einige Monate oder gar ein Jahr vergangen seit der ersten Nachtfahrt und ich sollte wissen, dass es gut ist, vor Einbruch der Dunkelheit zu wissen, wo die Kopflampe im Gepäck ist, denn sobald das Radel steht, versiegt das Licht des Dynamos, steht man, bis eben noch von der Ohnehin-nur-Funzel geblendet da und hat nur noch Ohr und Tastsinn und die Nase allenfalls.

Bananen sind elementarer Bestandteil der schnellen Radreisenahrung zwischendurch. Wenn die Schenkel schmerzen und es an Isotonen mangelt, esse ich sie. Oder kurz vor Anstiegen. Die hier am Rhein-Rhône-Kanal zum Glück nicht zu erwarten sind. Ab und zu gehts ein paar Meter eine Schleuse hinauf. Jenseits von Straßburg führt der Radweg schnurgerade Richtung Basel. Die unheimlichen Sportgelände südlich der Großstadt mit ihren Fußballabendgebolzen und das Skateboardklappern eines hell erleuchteten Skategeländes liegen hinter mir. Für wenige Kilometer bin ich guten Mutes, bis ans Ende der Nacht radeln zu können. Doch es ist noch nicht einmal zwölf Uhr. Hintern und Beine schmerzen. Banane finden, Lampe finden, weiter radeln, anhalten, ermüden, wenn ich einschlafe im Sattel, jaja, das geht tatsächlich, stürze ich in den Kanal, der nur einen Meter neben dem Radweg verläuft. Bei einem Picknickplatz baue ich das Zelt auf. Eine Stange bricht. Ich kann das reparieren. Ich schlafe löchrig, aber ich schlafe.

Hat je ein Mensch das Ende der Nacht erreicht? Und wenn ja, gelangte er zu einer Erkenntnis?

Monate später im unendlich heißen Hochsommer 2026. Die Uhr zeigt 19:37 am übelsten Bahnhof jemals, Pirmasens-Nord. Ich habe den Umstieg verpasst. Ein Blick in die Bahnapp zeigt, dass es ohnehin ein Wunder war, die 25 Kilometer ab Zweibrücken mit dem Zug zu fahren. Alles rot von ausfallenden Verbindungen, bis auf diese eine, die mich 19:37 nach PS-Nord brachte. Also gehts ab hier los über die Südpfalz-Radwege nach Hinterweidenthal, wo ich eigentlich hätte aussteigen wollen, wenn der Anschluss geklappt hätte. Ich schaffe die 15 Kilometer in 40 Minuten. Schwinge mich auf den Radweg nach Süden, erwische einen spät offenen Pennymarkt in Dahn, kaufe einen Bund Bananen, Cola, Konserve und ein Bier, falls ich doch irgendwo übernachten sollte und ein Feierabendbier haben möchte. Die Strecke durchs Elsass in die Schweiz kenne ich in- und auswendig. Am Radel sind alle Akkus geladen. Das Licht brennt. Die Nacht senkt sich. Dieses Mal könnte es klappen. Die unsägliche Hitze tagsüber von fast 40 Grad, zwingt einen förmlich, in die Nacht auszuweichen. Etwa 300 Kiometer liegen vor mir. Also schon einmal genug Strecke. Selbst wenn ich sehr schnell bin und keine Pause mache, werde ich die 300 Kiometer in den nächsten Stunden nicht aufbrauchen können. Gegen vier oder fünf Uhr ist der Spuk vorbei, werde ich es geschafft haben. Nächster Stopp Lembach. Ich radele auf der Straße. Das einzige Auto, das mich überholt, fährt langsam an mir vorbei. Scheibe geht runter und eine Frauenstimme sagt Piste Cyclable. Ansonsten herrscht zu dieser späten Stunde absolute Stille, einzig gebrochen von Froschquaken hie und da und Grillenzirpen und natürlich Ketten surren und Stoßatem-Atemgeräusche, doch das nehme ich nicht wahr. In Lembach fülle ich die Trinkflaschen an einem der drei Trinkwasserbrunnen, wie auch in Soufleweihersheim bei einem Wasserhahn am Kanalhafen kurz vor Straßburg. Bin zuversichtlich, dass wenn ich den Meilenstein Straßburg durchqueren kann, ich es dieses Mal bis ans Ende der Nacht schaffen kann. Die Aussicht auf Hitze, die mich am nächsten Tag garantiert aus den Socken hauen wird, ist unheimlich motivierend, wach zu bleiben. Straßburg zu durchradeln ist einfach. Es gibt jedoch dieses eine Stückchen Radweg nur etwa 300 Meter lang, sehr schmal, das durch eine besonders unheimliche Gegend führt. Wenn ich in Straßburg nachts Radreisende ausrauben wollte, würde ich das dort tun. Ihnen den Weg versperren, sie zum Anhalten bringen, ihnen das Messer in die Nase stecken und ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie Geld und Handy abgeben sollen. Ich überlege, was ich tun würde, sollte das tatsächlich passieren. Die Kreditkarte habe ich vorsorglich schon aus dem Geldbeutel genommen. Das Handy würde ich vielleicht in hohem Bogen in den Kanal direkt neben dem Radweg schleudern. Schwer zu sagen, was man tun würde, wenn man ein Opinel in der Nase stecken hat.

Wie schon öfter, geht es gut. Nie war ich so spät wie in dieser Nacht an dieser Stelle. Niemand lauert mir auf. Ich fotografiere die Lichter. Hinterm Hauptbahnhof zeigt der Tacho 100 Kilometer. Es ist kurz nach ein Uhr. Raus aus der Stadt dauert es noch eine knappe Stunde bis zu guten Lagerplätzen.

Alles was ich über die Nacht weiß, vergaß ich südlich von Straßburg.

Ein Geräusch. Ein Tier. Im Schummerlicht huscht ein struppiges Nutria über den Radweg und lässt sich in den Kanal plumpsen. Picknickplatz Erstein zehn Kilometer. Guter Lagerplatz. Ich widerstehe. Nächster Halt Marckolsheim, etwa 40 Kilometer. Ich rechne, zwei Uhr plus 40 Kilometer gleich vier Uhr. In Marckolsheim hat ein gutmütiger Mensch, der in einem alten Kanalschleusenhäuschen wohnt, eine kleine Bank aufgebaut, einen Tisch, einen Sonnenschirm, einen Mülleimer und vor allem einen riesigen Thermoballon mit eisgekühltem Wasser. Mein nächstes Wasserloch also. Die Müdigkeit hält sich in Grenzen. Die Nacht ist so heiß, dass ich ohne Frösteln im T-Shirt radeln kann.

Ich habe die Strecke bei früheren Fahrten tagsüber gefilmt, fotografiert, hab sie besungen, bewundert und verflucht. In jener heißen Nacht lief ein Diktiergerät mit, notierte ich Bilder auf Band, die ich wegen der Dunkelheit nicht auf Video oder Foto bannen konnte. Mehr noch, ich ließ das Hirn mäandern, teils fühlte sich das ein bisschen an wie Traum, die klaren Strukturen der Tagdenke zersetzten sich im Dunkel am Rand des Kanals. Wie träumen bei vollem Bewusstsein. Lucid. Einzelne Elemente liegen wie unsortierte Puzzleteile nebeneinander. Vielleicht ist es mit dem Denken nachts ja so wie mit Puzzle: Obschon die Grundmenge an Gedachtem exakt gleich ist wie beim fertig zusammen gebauten Puzzlebild, sieht es ganz anders aus und nur derjenige, der es schafft, das Unbewusste zu erlauben, kann es auch genießen. Denke wild und absichtslos.

Da ist ein möglicher Lagerplatz nördlich von Neuf-Brisach, der mir gefährlich werden könnte. Unweigerlich steuere ich darauf zu. Wann wird es endlich hell? Jetzt bloß nicht schwach werden. Da links schon Morgendämmerung? Kies knistert unter den Reifen. Nutrias hie und da. Frösche. Wind in den Platanenalleen und das holprige Voranstottern auf runzelndem Teer, der von ihren Wurzeln angehoben wird. Es ist zu warm, um müde zu sein. Blick auf die Uhr verliert sich im Dunkel jenseits des Lichtkegels. Als ob je ein Blick auf die Uhr den Lauf der Sonne beschleunigt hätte. Ich lausche. Ist das Morgenverkehrslärm? Östlich vom Kanal verläuft eine Landstraße. Wann fahren die Franzosen zur Arbeit? Fünf, sechs Uhr? Wenn das Zurarbeitleute sind, dann gibt es auch irgendwo eine frühaufe Bäckerei. If Zurarbeitfahrleute, then aufe Bäckerei; else Boulangerie fermeé. In einem Dorf verlasse ich den Kanal und tatsächlich, da hat schon eine Bäckerei auf. Rein, ein Kaffee, ein Éclaire und etwas Deftiges. Draußen neben dem Radel beobachte ich die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit hier stoppen. Manche nehmen sich Zeit zum Plausch bei Kaffee. Die meisten kaufen nur kurz ein und fahren weiter. Einer lässt den Motor laufen. Uralte Karre, kann also nicht wegen der Klimaanlage sein. Ich könnte das Auto stehlen.

Welch fulminantes Ende für eine Radreise ans Ende der Nacht.

Der Kempf’sche Waldbrand und die Irgendlink’schen Reliquien eines Europenners

Ich habe den unendlich bequemen alten Ledersessel, den ich von Journalist F. geerbt hatte, im Atelier an der Frontwand aufgestellt. Hin und wieder, wenn eine Pause nötig ist, setze ich mich hinein, ruhe und lausche der Musik, die auf der antiken Stereoanlage dudelt. Alles hier drin ist käuflich, dachte ich. Alles muss raus … nein, falsch, raus muss hier gar nichts, aber alles ist Produkt. Alles kriegt eine Nummer und einen Preis und es wird im Shop gelistet werden. Tausende eigene und fremde Kunstwerke sind in dem etwa 100 Quadratmeter großen Raum versammelt, der einmal ein Rinderstall war. Nun fällt das merklich herbstlich werdende Licht des noch immer wuchtigen Sommers durch die Südfenster und akzentuiert mal hie, mal da ein Kunstwerk. Die Flasche „Waldbrand 2014“ der Brüder Kempf (auf der Seite bissel runterscrollen) steht auf einem der Lautsprecher. Als subkultureller Künstler ist man nicht einfach Produzent und Umsetzer eigener Ideen, sondern automatisch auch Kunstsammler. Schätze liegen hier rum. Die Kempfs waren ihrer Zeit voraus, denke ich, recherchiere im Netz und werde fündig – die Installation im Link ist allerdings von 2018.

Die Idee der Installation „Waldbrand“ basiert zuerst auf einem eher witzigen Wortspiel, das die Doppeldeutigkeit des Begriffes Brand zunutze macht.

Warum steht auf meiner Flasche 2014? Sie war Teil einer Performance, die am 6. 12. 2014 stattfand, steht hinten drauf. In meinen Besitz gelangte sie durch Schenkung, glaube ich. Ich hatte beim Galeristen etwas gut und er zahlte in Kunst. So war das glaube ich.

Eine Ecke im Atelier ist Journalist F. gewidmet. Nachdem ich seine Kunstsammlung vor der Vernichtung gerettet hatte und die Erbin sie nicht wollte, hatte ich sie in Kisten eingelagert. Den „Fliegenden Holländer“, ein Ölschinken, habe ich mal probeweise gehängt. Aber er ist zu wuchtig. Übers Gästebett hängen will ich ihn allerdings auch nicht. Das bringt womöglich Unglück, weil der Holländer auch über Journalist F.s Pflegebett hing. Ich bin manchmal etwas komisch mit den Gedanken.

Früh dran bin ich mit dem Cleansweepen des Ateliers. Noch über einen Monat Zeit bis zum Tag der offenen Tür. Ich habe aber auch viel vor. Die Räumaktion ist Teil meines „Rückbaus“. Mich selbst rückbauen. Mein Künstlerleben auf elegante Weise sortieren. Altes revue passieren lassen, meinen Frieden machen. Ich weiß nicht. Es fühlt sich gut an. Auch das vermehrte Bloggen der letzten Tage ist gut und wichtig und Teil des Aufräumens.

Da sitzt ein zufriedener Mensch auf dem alten Ledersessel und schaut in sein Leben und der Blick streift das Leben vieler Kolleginnen und Kollegen, denen er einmal begegnete.

Der erste Blick ins Atelier ist ungemein wichtig. Wenn du zur Tür rein kommst, muss da etwas Ungewöhnliches den Besucher, die Besucherin abholen, ihn oder sie hineinsaugen und Lust machen, zu stöbern. Ich versuche es mit der Postkarteninstallation, die in einem Duschvorhang aus Klarsichtfolie präsentiert wird. So kann man Vorder- und Rückseite beschauen, wenn man möchte. Hänge die Installation an der rostigen Eisenschiene auf, die einst den Greifarm für den Mist führte, der von den Rindern abgesondert wurde. Wieviele Tonnen Kuhdung wohl in den 16 Jahren, in denen der Hof als Bauernhof diente, in meinem Atelier angefallen sind? Könnte man damit einen Haufen so hoch wie der Potzberg bauen? Wieviele Rinder wurden hier großgezogen, geschlachtet, verwurstet und gegessen. Der Raum trieft vor Blut. Und wie ich über den Misthaufen nachdenke, fällt mir die örtliche Mülldeponie ein. Ein riesiges Areal, gleich hier um die Ecke, das in einem idyllischen Tal gelegen ist. Nein war, denn in den zwanzig Jahren, in denen ich nun schon in der Gegend wohne, wurde das Tal zugeschüttet und mehr noch, es entstand ein kleiner Berg. Es ist eine Asbestmülldeponie. Unter anderem. LKW aus aller Welt fuhren hier vor.

Zurück ins Atelier. Also die Postkarteninstallation kann so nicht bleiben, sind wir uns da einig?, sinniere ich murmelnd. Egal wie ich sie hänge. Die der Sonnen zugewandte Seite spiegelt zu arg und die abgewandte Seite ist schwer anzuschauen wegen der Gegenlichtsituation. Der Duschvorhang muss eher da hinten zum Postkartentischchen, denke ich und den Holländer hänge ich vielleicht über die Tür?

Inspiriert durch die Kempfs mit ihrem Waldbrand lege ich meine Reifenstücke, die Reliquien eines Europenners als Installation auf den Boden. Mitten in den Raum. Es sind noch etwa dreißig Exemplare der kleingeschnittenen, auf Holztafeln geschraubten, abgefahrenen Hinterreifen der Reisen rund um die Nordsee (2012) und zum Nordkap (2015) vorhanden. Einst waren sie Dankes-Kunstwerke für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Liveblogprojekte.

Dass meine Kunst ephemer ist, also stattfindet und spurlos verschwindet, weil es künstlerisch dokumentierte Reisen sind, stimmt gar nicht, wird mir bewusst. Spuren sind immer und überall und man muss sie nur lesen. Jaja, ich glaube, mein Atelier ist ein Buch geworden und hey, wenn wir schon übers Verschwinden nachgrübeln – ich hocke Kinn reibend noch immer im Ledersessel – da wo die Postkarten jetzt hängen, hänge ich das alte Reiseradel auf. Mehr noch, es wird ein Kunstwerk. Jemand der oder die schlau ist, kann es kaufen und später, wenn ich tot bin bei einem Kunstauktionshaus versteigern. Wenn schon Elvis‘ Unterhose Millioen bringt, wie ist das dann erst mit einem Reiseradel, das zum Nordkap und nach Gibraltar und rund um die Nordsee gesteuert wurde und als mobiles Blogbüro diente? Ich komme ins Schwärmen, jaja, das mache ich wahr: Ich stopfe die Radeltaschen mit Papier aus und hänge das Ding an die Mistschiene so wie es in echt, in Reise-Situ aussieht, das ist erst schon mal ein wunderbarer Hingucker, dem das Gegenlicht nicht schadet. Mit Alles! Ungeputzt und mit Dreck und mein Hirn surrt plötzlich, schließlich bin ich Konzepter: Teil des Produkts ist dessen Auslieferung. Wenn jemand das Radel kauft, kriegt er oder sie eine Liveblog-Tour gratis dazu. Ich werde mir zehn Tage Zeit nehmen und mit dem Radel zum Empfänger, zur Empfängerin radeln, darüber bloggen, filmen und Ton aufzeichnen ganz wie früher in Echtzeit und wenn ich am Ziel bin, fahre ich per Zug nur mit dem was ich am Leib trage wieder Heim. Radel und Gepäck und alle Daten bleiben beim Kunstsammler, bei der Kunstsammlerin. Schon preise ich aus: 2000 Euro? Nee, zu billig, wenn da noch zehn Tage Liveblogarbeit daran hängen. Da ist ja die Summe der Tagessätze schon mehr wert. Ganz zu schweigen von den Spesen … 5000, oder besser 4999, das klingt mehr nach Schnäppchen? Ach komm, ich machs fünfstellig und reduziere den Preis dauerhaft im Blog. Ich Fuchs, ich gewiefter kleiner Kunstfuchs, ich,

Okay, ich höre nun mal auf mit dem Blogartikel. Ich finde, er müsste überarbeitet werden. Normalerweise würde er als „privat“ im Blog landen, aber ich übe mich ein bisschen, in die ungenierte gute alte Liveschreibe zurück zu finden.

Das Atelier ist am 19. und 20. September 2026 geöffnet. Kommt alle! https://www.offene-ateliers-bbkrlp.de/alle-ateliers-2026 (Suchwort irgendlink).

Eine Orgie des Reisens auf kleinem Fleck

Bildcollage mit 6 mal 9 in einem Raster gesetzten Fotos von Waldwegen, stets in Richtung Wegeverlauf. Die Bilder haben eine leichte Sepiatönung und zeigen frühlinghaften Wald mit noch lichtem Blattwerk

Morgens knöpfe ich mir das Videomaterial vor, das ich die letzten zwei Tage beigeschafft habe. Der Videorechner surrt. Kdenlive at its best. Ich fühle mich nach einem halben Jahr Üben endlich wohl mit der Software und die Rechnerhardware tut ihr Übriges. Gedankt sei es Journalist F., der mir den Rechner vererbte!

Vier Stunden hatte die ganze Orgie des „Reisens auf kleinem Fleck“ gedauert, stelle ich fest, als ich das ungeschnittene Filmmaterial auf eine Videospur lege.

Die Machart war schlicht: Radele vom Anfangspunkt des Blieslabs, so nenne ich mein Labyrinth abgekürzt, zum Endpunkt und filme die Strecke. Dazwischen gab es noch etwa zehn fünfzehn Stopps, live vor Ort, an denen ich ein paar Dinge erzählte, denn wer schaut sich schon 42 Kilometer Zickzackkurs in der Saarpfalz kommentarlos an.

Verteilt auf zwei Tage, den 30. April und den 1. Mai 2024 ist nun das Blieslab24 als Remake des Blieslabs 2006 im Kasten. Geplant ist ein Schnitt mit viel Rapidfire, Zeitraffer, für die Streckenfilme, aufgelockert durch die Künstlerkommentare. Ich rechne mit etwa 30 bis 60 Minuten Film, wenn ich die Strecke mit sechsfacher Geschwindigkeit rendere. Natürlich gibt es auch den Künstlerschnitt, also das volle, fast ungeschnittene Programm, aber das mute ich niemandem zu. Ich halte es vor. Geplant ist ein Deaddrop in der Außenmauer der Galerie Beck, welche Ziel des Labyrinthwegs 2006 war und 2024 ist.

Nachmittags ruft der Cousin an. Ich bin zu zwei Dritteln durch mit dem Labyrinthschnitt. Etwas stimmt mit seiner Kettensäge nicht und ob ich helfen könne. Er ist drunten im Wald, ganz in der Nähe, eine umgestürzte Eiche vom Weg zu räumen, also sag ich klar, komm vorbei und so gibts ein Schwarzehändeintermezzo mit Kettensägenreinigung, irgendeine Schraube lösen und wieder befestigen, den Ölfluss in Ordnung bringen, ein bisschen plaudern, dann weiter bis zur Erschöpfung Video schnitten, was mich ziemlich verspannt. Gegen Dunkelheit denke ich, solltest noch was mit Körper. Spazieren alleine ist allerdings öde, aber dem Rasenmäher hinterher laufen und im Gleichtakt des eigenen Atemrhythmus existieren, könnte schön sein. Gesagt, getan, so stapfe ich eine Akkuladung durch den Obstgarten der Frau Mama, stets die Blüten im Blick, denn Bruder Insekt, Schwester Vöglein will ja auch leben.

Der Abend vergeht mit Sekundärarbeiten, die durchaus Aufgabe für eine KI wäre. Ich knöpfe mir, erstmals seit 2006, die Blieslab-Originalbilder vor, sichte sie auf Tauglichkeit für meinen Remake im Film, skaliere die Meter mal Meter großen Originale auf 16 zu 9 Formate für den Film. Wird schon noch ein kleiner Spaß, bis alles fertig ist und die Galerie ahnt ja auch noch nichts von meinem Remake-Vorhaben, aber egal, wir Künstler laufen ja ohnehin mit ökonomischen Scheuklappen durch die Gegend.

Titelbild Blatt vier der zehnteiligen Blieslab-Bilderserie aus dem Jahr 2006. Mein Liebling.

Gedankenfetzen und Fundzettel

Gedankenfetzen, gerettet ins mobile, elektronische Notizbuch auf dem Telefon.

  • In einer liegenden Zeitung kann eigentlich nichts stehen (Bauesoterik)
  • Zwergmalschändung vs. Denkmalschändung
  • Generation Mud – Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Generation (feat. Heiko Moorlander, dessen Biografie Life is Roaaaaar hoffentlich bald geschrieben wird)
  • Wir sind ein gutes Team (QQlka und ich). Wozu der eine zu faul ist, treibt ihn der andere an.

Von der Bibliotheque im eigenen Hirn in die Asphaltbibliotheque

Buchcover Brandstifter Asphaltbibliotheque 2013
Brandstifter Asphaltbibliotheque 2013 (Ventil Verlag)

Das Kunstzwergfestival geht in den dritten Tag. Sehr familiär mit guten KünstlerInnengesprächen – eigentlich ist es ein Netzwerkfestival. Eine Kontaktbörse für KünstlerInnen, Künste, Kunstinteressierte. Da liegt, neben selten Gehörtem und kaum gesehenem wohl das große Potential. Jedes Jahr zum Kunstzwergfestival drücke ich Kollege Brandstifter einen Stapel Fundzettel in die Hand für seine Asphaltbibliotheque, die er seit Mitte der 1990er Jahre betreibt. Eine akribische Sammlung skurriler Fundzettel weltweit. Neben der eigentlichen – tatsächlich wissenschaftlich – bibliothekarischen Arbeit, in der das wohl wertvollste Nonsense- Archiv der Erde entsteht, nutzt Brandstifter die Zettelbotschaften, um etwa Lieder daraus zu machen (siehe zwei Beiträge zuvor), Poster und natürlich Bücher.

Mit den diesjährigen Zetteln zog er sich an eine der Bierbänke im Garten zurück und fing an, mit Kleber herumzuhantieren. Nach kurzer Zeit hatte er ein kleines Büchlein zusammengeklebt, das kopiert wird und geheftet, gefaltet auf Format A5 et voila, fertig ist die Kunst. Rasant. Ich mag solche Vollstreckermentalität. Von der Idee zum fertigen Kunstprodukt sollte nicht allzuviel Zeit verstreichen, sonst werden die Rohstoffe sauer.

Wie es heißen soll, das Büchlein, fragte er.

Was meint die werte Webgemeinde, wie soll ein Produkt heißen, das aus Fundzetteln besteht, die in Deutschland, Frankreich, der Schweiz über ein Jahr lang gesammelt wurden und auf einem einsamen Gehöft vorarchiviert wurden?

 

Bilder für die Ewigkeit – Strecke der Kunststraße ins MOM Archiv Hallstatt

Die Reise ins Archiv des Memory Of Mankind Projekts in Hallstatt kriegt ein Gesicht. Wie gehabt, setze ich das Kunststraßenkonzept ein, das ich seit 1994 auf fast allen Radelreisen anwende, um dem live gebloggten virtuellen Kunstprojekt eine Struktur zu geben. Alle zehn Kilometer schieße ich ein Foto der bereisten Strecke, berichte über den Reiseverlauf, kreiere während der Reise die Kunstwerke, die, getreu dem iDogma, vom Smartphone direkt zum „Endverbraucher“ kommen. Ein Einblick in die Arbeitsweise des Kunststraßenbaus findet Ihr auf der Portfolioseite für die letztjährige Kunststraße „UmsMeer„, bei der ich vier Monate unterwegs war. Die Geschichte des Kunststraßenbaus von den analogen Anfängen bis zur mobil-virtuellen Gegenwart wird auf der Kunststraßenseite erzählt.

Noch ist das kommende Projekt mit dem Arbeitstitel „Bilder für die Ewigkeit“ im Planungsstadium. Der Zeitrahmen und die unten abgebildete Strecke sind noch nicht zu hundert Prozent „festgeklopft“ (im Grunde arbeiten wir Konzeptkünstler ähnlich wie Bildhauer, nähern uns in verschlungenen Denkschleifen dem Endprodukt).

Im Fall werden ca. hundertzwanzig Keramikfließen erstellt, die im Salzstock in Hallstatt über tausende Jahre sicher lagern. Die einzigen Duplikate gehen in einer Ausstellung auf Wanderschaft und können käuflich erworben werden. Martin Kunze vom MOM unterstützt das Projekt mit seiner Keramikwerkstatt.

Eigentlich ist das Memory Of Mankind Archiv nur sechshundertfünfzig Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Die geplante Strecke versucht, den Flüssen zu folgen – ein Stück die Saar hinauf, bei Saareunion am Rhein-Marne Kanal entlang in die Europametropole Straßbourg. Hinauf zur Brigachquelle im Schwarzwald, runter zur Donau – man wird es aus dem Erdkundeunterricht noch kennen: Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg – In Donaueschingen durchs Lechtal – irgendwie rüber nach München. Salzburg, Salzachradweg, und dann am Tennengebirge entlang nach Hallstatt.

Da es sich bei Memory Of Mankind um ein für die Archäologen der Zukunft höchst interessantes Archiv handeln dürfte, möchte ich der avangardistisch künstlerischen Bilder- und Textserie auch einen wissenschaftlich wertvollen Touch geben, indem ich die Kulturwege (z.B. die französischen Kanäle) und Verkehrsverbindungen unserer Zeit fokussiere.


Größere Kartenansicht