Tag 38 – die Strecke

Irgendlink hat sich für die Vorwärts-Strategie entschieden und sich, das Wetter war besser als gedacht, auf den Weiterweg nach Norden gemacht. Aufwärts im wörtlichen Sinne. Ich zitiere: „Sehr steil, sonnig, eisiger Nordwind. Nette Gegend.“

Auf dem Campingplatz Gallowhill bei Kinross baut er sich nun das Zelt auf. Eine neue warme Kuscheldecke konnte er sich unterwegs zwar keine kaufen, doch sein Schlafsack ist ja inzwischen wieder ganz trocken und außerdem ist trockene Kälte weit weniger unangenehm als nasse. So hoffen wir, dass es trocken bleibt.

>>> Edinburgh – Kinross: zum ungefähren Kartenausschnitt der heutigen Route: bitte hier klicken! Heute ausnahmsweise die Autovariante, da es keinen Fußweg über die Brücke gibt, die Irgendlink aber geradelt ist (siehe auch nachfolgender Link).

>>> Den Ausschnitt auf OpenStreetMap for Bikes: bitte hier betrachten!

Haggis

Herrliches Cockburnspath House. Ownerin Kim serviert mir abends Lasagne, Merlot, Kürbissuppe, ein vorzügliches Essen, und bittet mich, ihr meine Schmutzwäsche zu geben. Über Nacht könne sie trocknen. Ich frage nicht, was das alles kosten wird. Genieße den Moment. Als sie morgens 35 Pfund haben will, die sie mir als Preis fürs Bed & Breakfast genannt hat, kann ich es kaum glauben. Sie ist der Anti-Fletcher! Oder besser. Fletcher auf seinem schlammigen Hof bei Great Ayton ist der Anti-Kim. Wir einigen uns auf 40 Pfund wegen des Essens und ich beschließe insgeheim, die Adresse in diesem Blog wärmstens weiter zu empfehlen: Ihr könnt das Haus in Cockburnspath nicht verfehlen. Von der Cycleroute kommend liegt es eine halbe Meile südwestlich an der Countryroad, die als Bypass neben der A1 an Cockburnspath vorbei führt. Ein Schild steht vor einer Koniferenhecke. Das Interieur ist zwar sehr Ikea-lastig, aber fein. Erstaunt hat mich, dass Kim die Tischdekoration im verglasten Wintergarten, in dem sich der Essbereich befindet, den Tageszeiten anpasst. Stand abends eine schlichte leere Dekorvase auf dem Tisch, passend zum Weinglas, fand ich morgens Tulpen in einem weiten Gefäß vor. Der Salon mit Sofas und Flachbildschirm eigens für die Gäste tut sein übriges. Und die Klospülung ist kontinental einfach zu bedienen.

Die Radroute, 76 oder 75, ich kann mich nicht mehr erinnern und ohne Brille sieht für mich eine 76 sowieso aus wie eine 75, führt ein gut Stück an der A1 entlang auf separatem Radweg, um ab East Linton auf die gewohnt idyllischen Countryroads zu wechseln. In East Linton kommt die Sonne raus, und mit dem Hailes Castle, welches eine Ruine ist auf idyllischer Wiese an Bach, besichtige ich erstmals eine schottische Burg (siehe letzter Artikel). Im Prinzip ähnlich wie Pfälzer Burgen, nur dass der rote Fels fehlt. Außenrum Ginster. Zwei alte Damen sitzen quatschend auf einer Bank. Das So-hab-ich-es-mir-vorgestellt-radeln hat begonnen. Auf den knapp 70 Kilometern bis Edinburgh wird mir mit einem Schlag klar, wie unheimlich hart die letzten Tage waren. Wettertechnisch. Der Hochnebel die Tage zuvor hat unheimlich aufs Gemüt gedrückt. In ständiger Regenerwartung durchquerst du das Land. Ich stelle fest, dass das Wetter selbst nur in seltenen Fällen ein Problem ist. Es ist die eigene Vorstellung, die zum Problem wird. Die Idee, es könnte bald schlimmer werden. Das kann man getrost auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Für einige Meilen denke ich darüber nach, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, sich mit geschönten Statistiken die Staatsverschuldung und die Arbeitslosenzahlen schön zu reden. Psychologische Glanzleistung. Wenn mir die Wettervorhersage auf dem iPhone immer Sonne vorgaukeln würde, würde ich mit ganz anderen Voraussetzungen in die nächsten Tage gehen. Wenn sie aber, was Tatsache ist, Regen und Nachttemperaturen um null Grad voraus sagt, denke ich mich innerlich in jeden Outdoor-Laden an der Strecke und ärgere mich noch immer, dass ich in Robin Hood’s Bay nicht eine der wollenen Decken gekauft habe, die es im Haus des Küstenwächters für 12 Pfund zu kaufen gab.

Ab Haddington – Bilder im vorherigen Artikel – führt der Radweg über einige Meilen auf einer alten Bahntrasse, die sich vor Edinburgh verliert und erst kurz vor der Stadt wieder als Radweg ausgezeichnet ist.

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Auf dem Weg nach Edinburgh: Lagune.

Durch einen dreihundert Meter langen Tunnel, eigens für Radler, gelange ich in die schottische Hauptstadt. Das Bern des Nordens. Wegen der Hügel und dem Gefühl, ich stehe direkt in der Länggasse, taufe ich die Stadt spontan so. Auch das Gequirle von Menschen und die vielen Touristen erinnern an die Schweizer Bundeshauptstadt. Die Aare kann nicht weit sein.

Es ist fast 18 Uhr Ortszeit. Ich beschließe, hier zu bleiben. Frage Passanten nach dem B&B-Strich, mogele mich vorbei an der Altstadt ins Gebiet hinter dem Bahnhof. Das sei momentan nicht sehr schön, sagte Kim vom Cockburnspath House, weil sie dort Tramlinien anlegen und die Straßen aufgerissen sind. Ein Typ, den ich vor dem Gebäude der schottischen Nationalbank anhaue, erklärt mir den Weg zum nächsten Youth Hostel: zur Ampel, „turn left, go to the end of the lane, turn right and watch for the „Haggis“ at the right hand side“.

Haggis, dritter Stock, 25 Pfund für ein Vierbett-Zimmer, in dem ich alleine bin. Wifi kostet 3 Pfund. Ich checke ein, schleppe Gepäck und Rad nach oben. Es schläft sich besser, wenn man weiß, dass das Rad nicht auf der Straße steht. Youth Hostel-Atmosphäre. Gespräche in der Gemeinschaftsküche. Viele Sprachen, viele Nationen. Das Gewusel macht mich ein bisschen nervös. So muss sich ein Hirtenhund fühlen, wenn die Herde zu weit auseinander grast. Im Leseraum kann ich das Rad platzieren. Dort liegt auf dem Tisch ein Ordner mit Ausdrucken aus Weblogs von Travelern, die das Haggis lobend erwähnen. Die Dusche wird am meisten zitiert. Sie sei ein wahres Wunderwerk der Technik, das ganz viele Einstellmöglichkeiten habe, das Wasser sei immer warm und man verbringe dort mindestens die Hälfte seines Herbergsaufenthalts. Lobhudelei vom Feinsten nur für eine Düse, aus der schnödes Wasser spritzt? Ich bin gespannt. Muss an die Hightech-Dusche auf dem Jakobsweg denken, weiß nicht mehr, wie die Herberge hieß, es war schon ziemlich nah bei Santiago, und die dortigen Duschen hatten Radio integriert und man konnte darin sitzen und es gab Massagedüsen. So auch im Haggis? Ich finde eine stinknormale Dusche vor, die drei Temperaturstufen und drei Wassersparstufen vorhält sowie einen Regler an der Düse, mit dem man die Verteilung des Wassers einstellt. Blitzsauber. Betten auch sauber. Küche sauber. Freundliche Hosts. 24 Stunden ist jemand an der Rezeption. Aber die Dusche, entschuldigung … ein Alleinstellungsmerkmal ist das nicht. Da möchte ich doch schon eher die vielen schönen Gemälde an den Wänden des ovalen Treppenhauses anmerken.

Ich überlege nun, ob ich hier bleibe, oder für 2 Pfund pro Gepäckstück meine Sachen bis 14 Uhr aufbewahren lasse, oder direkt mit vollem Gepäck noch einen Schlenker durch die Stadt mache. Der angekündigte Regen mit Wahrscheinlichkeiten bis 70 % ist bisher nicht aufgetaucht.

(sanft redigiert, Bilder eingefügt und gepostet von Sofasophia)

Tag 37 – Bilder

Hailes Castle, die Tafel

Hailes Castle, höchstpersönlich.

In Haddington habe ich in Mikes Fahrradladen Werkzeug gekauft.

Ebenfalls dort, vor einem Spielzeugladen …

Auch in Schottland gibt es vor Park-Radwegen die engen Fahrradsperren, durch die man das Radel quetschen muss.

Bahnüberführung kurz vor Edinburgh

Fortsetzung auf pixartix_dAS bilderblog

Tag 37 – die Strecke

Im Haggis Youth Hostel in Edinburgh hat sich Irgendlink in ein noch leeres Viererzimmer eingemietet. Begeistert erzählt er vom ersten richtig schönen Sonnentag seit Frankreich und dass ihm die Stadt Edinburgh sehr gut gefalle. Das Bern des Nordens, so nannte er Edinburgh sogar. Wow, was für eine Hommage an meine Lieblingsstadt! :-)

>>> Cockburnspath – Edinburgh: zum heutigen Kartenausschnitt: bitte hier klicken!

Eine Compostela für die NordseeumradlerInnen

Am Ende seiner Jakobsweg-Reise (siehe Blogroll) bekam Irgendlink im Dezember 2010 in Santiago de Compostela die berühmte Compostela.

Eben habe ich auf der Nordseeroute-Website, NSCR, dies hier entdeckt: Eine Liste mit den Namen all jener Menschen, die die Nordsee teilweise oder ganz umradelt haben. Nicht ganz so viele, wie jährlich nach Compostela pilgern, aber doch einige. Und vermutlich noch nicht mal alle.