T.s Jakobsweg II – Chateauvillain-Vezelay

Eben klingelt das Telefon: Kollege T. Ich nehme ab und melde mich. Keine Antwort. Stattdessen Vogelgezwitscher und seltsame röchelnde Geräusche. Er wird doch nicht … „Haaaalooo“ schreie ich, lauter, lauter immer lauter. Denke an das, was er gestern gesagt hat: „Falls man nichts mehr von mir hört, weißt du, wo du suchen musst, in Chateauvillain.“ Ich lege auf, rufe zurück. T. geht ran. Puuuh.

Er klang erschöpft und fasste den Tag in kurze Worte: 140 Kilometer sei er geradelt und habe sich kurz vor Vezelay entscheiden müssen, ob er eine Straße einschlägt, die 14 km anzeigt oder eine, an der geschrieben steht, 20 km bis Vezelay. Die Zwanziger-Variante zeigte auch ein LKW-Symbol. Das mag zweierlei heißen: entweder handelt es sich dabei um eine Fernstraße, eine Art Umgehung, oder sie hat weniger Steigung. Als Radler mit 125 km unter vollem Gepäck auf dem Buckel wird man vernünftiger Weise den kurzen Weg wählen. Böse Falle. Die Straße führte steil bergab, glücklicher Weise bis zu einer kleinen Bar, in der T. einen Pastis nahm, zur Stärkung für den steilen Anstieg. Dabei hätte er doch an diesem Tag gelernt haben müssen: „Die Bourgogner sind Meister des Stadtmarketings,“ sagte er, „Alle Wege ins Zentrum führen bergab. Und alle Wege aus der Stadt hinaus führen wieder bergauf. Ich sah Radler, die vor Jahren hier hängen geblieben sind, heirateten, Kinder zeugten, nun einen kleinen Laden betreiben. Warum? Weil sie zu schwach waren, die Stadt zu verlassen. Endlich vertsehe ich deinen guten alten Spruch, lieber Irgend, Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal. Ich kann dem nur hinzufügen: Menschen, die den Berg verlassen, gründen eine Familie im Tal.“ T. schwärmte von der wunderbaren Gegend, den uralten Dörfchen, die wie die Fallen der Ameisenbären trichterförmig darauf warten, unschuldige Radler zu verschlingen.

Nun gastiert T. auf dem Campingplatz in Vezelay. etwa 30 Gäste, davon zehn Deutsche, berichtet er, sowie: fünf Liter Wasser trinken pro Tag, eitel Sonnenschein, Zuversicht, aber auch das Bahndilemma. Dass es aber auch partout keine Regionalverbindungen gibt in diesem Land. Kaum vorstellbar. Auch im Internet ist diesbezüglich keine vernünftige Beschreibung zu finden; es scheint zwar, dass man in Frankreich mal 50 km in diese oder jene Richtung per Bummelzug voran kommt. Aber hey, als echter Langstreckenradler, der mal eben 140 km runterreißt, lohnt sich das ja gar nicht, wegen lumpiger 50 km in den Zug einzusteigen. T.s Berichten zu folge sind die Bahnhöfe auch nicht barrierefrei. Um von Gleis zu Gleis zu kommen, muss man manchmal einen Spießrutenlauf über Brücken und andere Hindernisse hinlegen.

Da lobe ich mir doch die viel geschmähte Deutsche Bahn – und wäre glatt bei einem neuen Thema; dem vor einigen Tagen angekündigten Artikel über den Zick-Zack-Jungen. Bahnsteigslalom sollte er heißen.

Vielleicht schreibe ich den nachher noch.

3 Gedanken zu „T.s Jakobsweg II – Chateauvillain-Vezelay“

  1. Hey T., die tolle T. fiebert mit :-)
    Liebe tolle T., konnte da auf die Schnelle auch nicht durchblicken. Frankreich bleibt ein trauriges Land für Regionalreisende, die der Sprache kaum mächtig sind. Immerhin gibts Verbindungen Nevers nach Limoges, aber ob die auch Cyclisten mitnehmen?

  2. Dörfer, die Radfahrer verschlingen. Schwarze Löcher, die zum Heiraten nötigen und einen Alltag bereithalten, dem man nur mit Mühe entkommt. Eine Idee für eine Geschichte.

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