Hidden Art, Item # 4

So. Nun ist es so weit. Ich verstecke eines von fünf ersten Hidden Art Objekten. Versteckte Kunst.

„Heyho, brother“ ist ein Schwarz-Weiß-Handabzug des guten alten D-Mark-Tausenders. Alle die dies lesen sind eingeladen, das Kunstwerk zu bergen, es als Geschenk zu behalten oder mir nach Belieben eine Summe zu zahlen.

Das Kunstwerk könnte einmal sehr wertvoll werden, denn der Künstler ist stets bestrebt, seinen Marktwert zu steigern.

Hinweise, wo das Kunstwerk versteckt ist, findet man auf der Kunststraße Zweibrücken-Landau bei Kilometer 73.

Das Kunstwerk befindet sich wasserdicht gerollt in einem Calcium-Tabletten-Röhrchen. Finder wird zum Kunstsammler. Bitte schicke mir eine E-Mail an info@europenner.de (oder logge hier im Kommentarfeld), wenn Du das Werk gefunden hast.

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To job or not to job?

Nichts Besonderes. Bin ein wenig müde, weil es gestern mal wieder spät wurde. Die üblichen Tätigkeiten: Datenbank des Arbeitsamts gefleddert und einen interessant klingenden Job gesichtet. Auf einer Handynummer angerufen, Parameter erklären lassen. Das Damokles Schwert gesliceter Zeit baumelt Tag und Nacht und es gibt fünf Euro pro Stunde. Rechtfertigungsversuche von Seiten der Arbeitgeberin. Als ich neun Euro als Verhandlungsbasis vorschlage, zeigt sie sich nicht kompromissbereit. Kurzangebunden beendete sie das Gespräch, ich könne ja mal vorbei kommen. In meinem Schädel gaukelte ein mathematischer Prozess: fünf mal 10 ist 50 und 400 durch fünf ist 80 – fünfzig Euro pro Tag, 80 Stunden pro Monat.

Vielleicht sollte ich Ja sagen. Der Job ist aus bloggolerischer Sicht ziemlich interessant. Addiere den bloggolerischen Nutzen zum rein materiellen und du erhältst äh öh hmm?
Erstmal ein neues Kapitel für die Straße nach Gibraltar schreiben. Morgens ist gut denken.

Straße nach Gibraltar 002

Ein langer Weg beginnt mit einem gehörigen Kater

anfang (Bild, Link entfernt 2016-11-26) – karte – galerie (km 14,21)

Noch ein Blick zurück. Dann kurbelte ich den kurzen Anstieg bis zum höchsten Punkt über Zweibrücken, das einsame Gehöft immer kleiner werdend, um sodann hinuterzubraußen in die Stadt. Vorbei am Birnbaum, zarte Frühlingsblüten, vorbei an der Fachhochschule, kreuz und quer durchs Kleinstadtgewirre. Es ging hart an. Mein Schädel pulste. Unweigerlich den gestrigen Abend revue passieren lassend. S. hatte lasziv mit ihrem neuen Lover auf dem Tisch getanzt. Was zunächst amüsant wirkte, endete in einer halsbrecherischen Katastrophe. Beim Sturz fasste sie mich am Kragen und riss mich vom Barhocker. Im tiefen Fall ist einem der Nächste gerade gut genug. Sie kam mit ein paar Schrammen davon, der Lover lief blutend ins Klo, ich rappelte mich auf und ging.

Unter diesen Umständen und mit diesen letzten Erinnerungen schien es mir beinahe eine logische Konsquenz, dass ich das alles für eine Weile hinter mir lasse. Es würde sonst immer und immer und immer so weitergehen. Wie hirnlose Hamster wetzen wir im Laufrad.

Das gute Gefühl, endlich unterwegs zu sein, dimmte meine Nervosität. Die, beinahe mantrischen Umdrehungen der Pedale taten ihr übriges. Alle 10 Kilometer stoppte ich, klappte die Fronttasche auf, kramte den Fotoapparat heraus und schoss ein Bild in Richtung Gibraltar. Schließlich war ich nicht nur zum Spaß aufgebrochen, sondern ich wollte diese Reise künstlerisch dokumentieren. In mein Notizbuch hatte ich Spalten gemalt und somit eine Art Tabelle erzeugt, in die ich Kilometer und Bildnummer notierte, sowie Besonderheiten.

Wenn ich nun, Jahre später, das Notizbuch aufschlage, finde ich auf den 88,58 Reisekilometern des ersten Tages so atemberaubende Notizen wie: „es beginnt zu nieseln“ (km 29,7) oder: „La Petite Pierre: Regen lässt nach“ (km 60,99), sowie viele geografische Notizen. An welcher Kreuzung wurde welches Bild aufgenommen? Wo ist eine Brücke über den Bach? Ich glaube, im Laufe der Rekonstruktion dieser Reise, wird mir das noch sehr von Nützen sein.

Die Bewohner von Bergen haben es, im Gegensatz zu den Bewohnern der Täler mit dem Starten ziemlich leicht: der Weg fliegt ihnen entgegen, auch wenn sie verkatert sind. Ruckzuck überquerte ich die französische Grenze auf einer knapp 5 Meter breiten, geteerten Straße, bewegte mich, so lange es ging, im Tal des Schwalbachs, welcher in Lothringen entspringt und in dem Klosterstädchen Hornbach in den gleichnamigen Hornbach mündet. Eine gutmütige Gegend, die dem Langstreckenradler nicht allzu viel abverlangt. In einem Dorf namens Enchenberg kam der erste steile Anstieg. Kleinster Gang. Mein Schweiß roch übel. Eine Folge der durchzechten Nacht. Aber das ist gut. Ich werde es hinter mir lassen. „Daran kannst auch du, winziger, unbedeutender Hügel, der du dich mir in den Weg stellst nichts ändern.“ Im Gegensatz zu anderen Reisen, bei denen ich mitunter schon am ersten Tag aufgegeben hatte, hatte ich bei dieser ein gutes Gefühl. Es gab nichts, was mich zurückblicken ließ. Ich durchquerte La Petite Pierre, ein Touristendörfchen, das seinem Nemen getreu hoch oben auf einem kleinen Felsen liegt. Pittoresk. Viele Restaurants. Sonntagstrubel. Kleine Kirche. Fahrende Händler, die, gerade als ich eintraf, ihre Souvenirs zusammen packten. Hinüber nach Phalsbourg und von dort war es nur noch ein Katzensprung bis zum Canal de La Marne au Rhin, dem Rhein Marne Kanal. Er ist touristisch voll erschlossen. Ein prima Radweg führt auf dem alten Treidelpfad Richtung Westen. Man kann diesem Kanal von Straßbourg bis Saverne folgen, eine wirklich empfehlenswerte Fahrradstrecke.

Ein Campingplatz kam in Sicht, gerade rechtzeitig, denn es dämmerte. Vom Radweg führte ein Pfad hinüber. Vor der Rezeption brannte Licht. Ich war erschöpft, hungrig und nass, also meldete ich mich für diese Nacht an.

Straße nach Gibraltar 001

Sonntag, 16. April 2000 – Vom Packen

karte – galerie
Jener Tag, an dem ich nach Gibraltar aufbrach wird mir ewig im Gedächtnis bleiben. Ich habe an diesem Tag den größten Fehler gemacht, den ein Reisender nur machen kann. Ich war unkonzentriert, faul und schludrig. Ich erinnere mich, wie mein Herz pochte, schon gleich nach dem Aufwachen, ganz aufgeregt, ich mich sofort aus dem Bett erhob, die Rolläden hoch zog und in eine fahle Sonne blickte. Die Nacht war kurz, aber ich hatte gut geschlafen. Am Vorabend hatte meine Freundin S. ihren 30ten Geburtstag gefeiert. Man tanzte ausgelassen und trank. Jetzt schmerzte mein Kopf. Das Bett war zerwühlt, aber ich war allein. Ich nahm einen Kaffee, zog mich an, schaute aus dem Fenster. Im Osten lag Dunst auf den Äckern. Zart bohrten sich Getreide-Schößlinge durchs Braun. „Es könnte ein guter Tag werden“, murmelte ich. Der Boden meines Schlafzimmers war über und über mit Reiseutensilien belagert. In der Woche zuvor hatte ich es für eine gute Idee erachtet, sämtliche Gegenstände, die man als Fahrradreisender braucht, mitten ins Zimmer auf den Boden zu werfen. Dort hätte man, so meine Theorie, einen prima Überblick und könnte zu jeder Zeit genau kontrollieren, was noch fehlt. Das Zelt lag neben einer Plane in friedlicher Einheit mit solch winzigen Wichtigkeiten wie Taschenmesser und Reisepass. Ich stopfte die Fahrradpacktaschen: drei Unterhosen, drei Paar Socken, Kocher, Schlafsack, ein zwei T-Shirts und noch so Einiges. Zunächst war ich bestrebt, eine gewisse Pack-Ordnung einzuhalten und die Dinge, die ich öfter benötigen würde, nach Oben zu packen und die Dinge, die nur für den Notfall im Gepäck waren oder aus purer Sentimentalität, sollten ganz nach Unten. Knut Hamsuns „Hunger“ steckte ich, zusammen mit Erich Fromms „Haben oder Sein“ in eine Plastiktüte, überlegte, ob sie wichtig oder unwichtig seien. Auf Reisen ist nichts schlimmer als Einsamkeit. Die Einsamkeit verursacht Heimweh. Heimweh ist ein vager Zustand der Sentimentailtät, in dem man nicht mehr ganz Herr seiner Sinne ist. Gegen Heimweh hilft am Besten das Abschweifen in eine fremde Welt, fern jeglicher Äußerlichkeiten. Bücher, so schien es mir, sind hierfür eine gute Methode. Ich stopfte die Lektüre in die linke Packtasche, ganz nach Unten. Darauf Pullover, Regenhose und Sandalen. Dann kam der Schlafsack und ganz Oben quetschte ich den Spiritus-Kocher und sonstige Kochutensilien. Der Packsack beulte sich aus und mir kamen Bedenken. Ich nahm einen Schluck Kaffee, rieb mir das Kinn, murmelte, „nee, nee, so geht das nicht.“ Alles wieder raus. Dann stopfte ich erneut. Mein Kopfweh wurde stärker. Ich nahm eine Schmerztablette, tanzte wie wild durch den Raum, und kam zu dem Schluss: „Eine richtige Packordnung kommt erst unterwegs. Noch befindest du dich in der theoretischen Phase. Was tust du? Denkst dir deine kleine Welt zurecht, dies und jenes habe so und so zu sein, und wenn der Fall A eintritt, musst du mit den Gegenständen B und C gewappnet sein, damit du nicht in die Situation D gerätst, denn D, das wäre doch das Schlimmste, was dir passieren kann.“ Derart verkatert und unruhig radebrach ich, sprach mit mir selbst und stopfte schließlich sämtliche Gegenstände wahllos in die Packtaschen. Meine Unruhe verstärkte sich, als ich ein fast leeres Schlafzimmer vor mir hatte. Es gab nur noch die Fahrradpacktaschen, knapp 150 Liter komprimiertes Tramperdasein. Mein Wohn-, Schlaf-, und Esszimmer für die nächsten paar Wochen. Ich pflückte die große Spanienkarte von der Wand, in welcher ich mit Reißnägeln schon seit Wochen meine Tour absteckte. Sorgfältig faltete ich sie und schob sie zu den Frankreichkarten in eine Plastiktüte. Die Michelin Nummer 58, welche Lothringen und sogar noch das Stückchen Deutschland bis über Zweibrücken hinaus abbildete, legte ich in die Fronttasche. Stets gut erreichbar. Dazu das noch niegelnagelneue, leere Reisetagebuch und einen Stift. Jack Kerouacs „Unterwegs“, kam, gleich einer Bibel, zusammen mit dem Fotoapparat und zehn Schwarz-Weiß, sowie 6 DIA-Filmen ebenso in die Fronttasche. Die Fronttasche ist der Marktplatz des Radreisenden. In Ihr trifft sich die Welt. Die Gegenstände, die sich in ihr befinden, sind die aller-aller-aller-Unentbehrlichsten, die es in der mobilen Lebensumgebung des Reisenden gibt.

Endlich fiel die Tür hinter mir zu. Im Treppenhaus begegnete ich meinen Eltern. Sie waren mindestens genau so aufgeregt wie ich. Ihr Blick zeigte Sorge, angereichert mit jenem würzigen Schuss Aufregung, den wohl jeder von uns spürt, wenn ein Anderer eine große Reise tut. Man fiebert mit wie bei einem Bauvirhaben in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ich glaube, insgeheim wechselten meine Eltern in diesem Moment ein Stückweit den Blickwinkel. Die nächsten Tage und Wochen würde ich für sie zum Protagonisten einer fernen Geschichte mutieren, ein zwar naher, aber mit jedem Tag ferner werdender Mitmensch. Und im Gegenzug würde die Welt auf meinen Karten für mich mit jedem Kilometer, den ich in Richtung Gibraltar zurücklege realer und realer werden.

Die Gedanken und Gefühle im Moment des Abschieds sind schwer zu beschreiben. Bei der Begegnung im Treppenhaus war ich bemüht, meine Alkoholfahne zu verbergen, mich als starker, cooler Starter einer Reise zu zeigen. Mein Vater nahm Packtaschen. Vermutlich spürte er wie meine Hände zitterten.. Mein Mutter trug die Fronttasche mit der Bibel und den wichtigen Dingen. Vor dem Haus drückte ich ihnen den Fotoapparat in die Hand für ein letztes Foto. Oder vielmehr für ein Erstes.