Rund um die Nordsee 2012

In der Kategorie Ums Meer 2012 wird es ab Mitte April 2012 einen neuen Live-Blog-Bericht – ja, wie nenn‘ ich das Kind denn am besten? – geben. Ich will von Zweibrücken nach Boulogne (das ist Zweibrückens Partnerstadt) radeln und von dort weiter rund um die Nordsee. Ziel ist, die gelebte Gegenwart unterwegs auf Europas Straßen so unterhaltsam, hautnah und ehrlich wie möglich darzustellen (siehe hierzu den Liveblogbericht Jakobsweg 2.0 aus dem Jahr 2010)). Es gibt für dieses chimärenhafte Genre zwischen Kunst und Literatur keine Vorlage. Weder ist es klassischer Reisejournalismus, noch Roman, noch Fotodokumentation, weder vereinfacht philosophische Welterforschung, noch Reiseliteratur, weder Doku TV noch was auch immer. Die Worte iDogma und Appspressionismus ins Spiel zu bringen, klingt hochgestochen. Obschon daran kein Weg vorbei führt.

Reise ist Kunst

Ich komme – hoffentlich – wieder in eine Phase des kreativen Arbeitens. Will sagen, ich kann mich wieder mehr dem Blog widmen, nachdem endlich die Vorbereitungen für die Kunstmesse in Mainz ab 16. März und für das Ums Meer Projekt vom Tisch sind. Schon Samstag, als die ersten Pakete mit Bilderrahmen, Bildern, Postkarten, Visitenkarten, eben allem, was das moderne Kunstbübchen so braucht, ins Haus trudeln, wird mir bewusst, wie aufwändig die letzten Wochen waren. Selten bin ich vor zwei Uhr ins Bett gekommen. SoSo hat mich glücklicher Weise massiv unterstützt und ein waschechtes Sponsoring/Spenden/Pressepaket erstellt mit Kontaktlisten und wohlgeformten Texten. Ihre Arbeit trägt schon Früchte, hat sie doch gleich zwei Zeitungsartikel bei den beiden führenden Tageszeitungen der Stadt ausgelöst, die letzte Woche erschienen sind.

Der „Presserummel“ macht mich leider unruhig und das ist geradezu schizophren: munter leutselig in diesem Blog drauflos zu zwitschern, wenn aber die Printmedien berichten, sich so seltsam entblößt vorzukommen. Insbesondere, wenn auch die Blogadresse genannt wird. Vielleicht ist es mein Argwohn, diejenigen, die heutzutage noch Zeitung lesen, könnten das Blog-Gerede womöglich nicht verstehen, falsch verstehen, sich ein Bild von einem eigenartigen Menschen machen? Verflixt, ich bin eigenartig!

Journalist und Künstlerkollege K. war vor zwei Wochen zu Gast für ein Interview. Dabei erzählte er mir von einem Berliner Künstler, der aus Pirmasens stammt und der sich strikt weigert, in der hießigen Presse aufzutauchen, weil er nicht möchte, dass seine Verwandtschaft durch den Bericht womöglich ein falsches Bild von ihm kriegt.

Mir geht es eigentlich genauso. Nur, dass es einfach nicht möglich ist, im Internet groß herumzuposaunen, „ich radele live ums Meer und hänge es an die große Glocke“, und dabei gleichzeitig anonym zu bleiben. Dilemma.

Heute frühmorgens auf dem Weg zum Brotjob, lichten sich die letzten Nebel (das meine ich sinnbildlich), Schleier vor verschwommen abstrakter Zukunft,  und ich greife eine alte Idee wieder auf, die ich zusammen mit meinem Freund QQlka vor einigen Monaten erdacht habe: die Tonaufnahmefunktion auf dem iPhone besser zu nutzen und bei der bevorstehenden Livereise verstärkt auf Sprachbeiträge zu setzen und auf Videos. Wie es funktionieren kann, die große Datenmenge, die dabei entsteht, ins Netz zu bringen, weiß ich allerdings nicht. Aber ich bin ja Pionier.

Während der monotonen Tackerstunden, in denen ich einige Möbel reparierte, kamen immer wieder Gedanken, die ich sofort notierte. So ähnlich funktioniert ja auch die Livereise: der Artist in Motion durchquert die bunte Welt und versucht, die Atmosphäre so gut wie möglich in Text und Bild festzuhalten. Am Abend oder in ruhigen Minuten am Wegrand beginnt die minimalistische, journalistische Arbeit und in kurzen Statements wird das Tagesgeschehen hier in diesem Blog veröffentlicht.

Ganz wie auf dem Jakobsweg. Nur, dass alles anders wird. Gegen Feierabend kommt mir die kühne Idee, das Projekt derart an die große Glocke zu hängen, dass wir die Presse rund ums Meer informieren. Kleinstädte wie Zweibrücken mit eigenen Tageszeitungen, gibt es bestimmt zwanzig dreißig Stück an der Nordsee. Dazu Radiosender, Fernsehen, pi, pa und po. Ob das so spaßig wird? Ständig interviewt werden ist Knechtschaft.

Als ich vorhin meinem alten Freund Don Hirtho zum Geburtstag gratuliere, erzählt er mir von einem längst vergessenen Kunstprojekt, bei dem ich ihm offenbar von meiner ersten Zweibrücken-Andorra-Radtour jeden Tag eine Ansichtskarte geschickt habe. Hatte ich völlig vergessen. Ich hatte schon immer einen Hang zu seriell-abstrakten, selbstgebastelten Reisekonstrukten mit künstlerisch-intelektuellem Touch 🙂

 

Testlauf für Ums Meer – Textteil

Die erste Technik-Test-Radtour unter ungefähr realen Bedingungen: Ziel war, herauszufinden, wie die Kunststraße 2.0 gebaut werden könnte. Im Einsatz zwei iPhones (eins zum Track aufzeichnen, eins fürs Fotografieren), der Nabendynamo und der Zwischenakku zum Stromsammeln. Etwa 50 km Radfahren. Irgendwie hat alles geklappt wie geplant und trotzdem lief einiges schief. iPhone Nr. 2 hat den Track nicht aufgezeichnet, weil Monsieur Irgendlink zu doof war, die Software zu bedienen. Das Nicht-Aufzeichnen des Tracks hätte ich mir mitten in der Tour eigentlich schon denken können, da der Akku nicht nennenswert abgebaut hatte. Mit dem Photo-iPhone habe ich alle 2,5 km ein Hipstamatic-Foto gemacht, wobei ich die Software-Einstellungen der Hipstamatic App alle 10 km verändert habe, um den richtigen „Film“ und die richtige „Linse“ herauszufinden. Die Bilder zeigen die komplette 2,5 km-Serie von 0 bis 47,5 km, wobei die 16er-Gruppen aus je vier Vierergruppen zusammengesetzt sind, von oben links nach unten rechts als Viererbild eins bis vier. Die Viererbilder enthalten wiederum die Bilder 0, 2.5, 5, und 7.5 km. Soweit so kompliziert. Auch hier hat Monsieur etwas geschusselt, weil er bei der Filter-Umstellung nicht so recht aufgepasst hat, die immer vor dem nächsten Zehner-Bild zu tun. Auf der zweiten 16er-Kombi sind noch einige Schnappschüsse einkompiliert, damit das Blatt voll wird.
Ich denke, ich werde das sture Konzept mit den 10-km Bildern zwar durchführen, aber der werten Blog-Gemeinde die Direktuploads von unterwegs, die ich vor Ort übers Handynetz per Software „WordPress“ hochgeladen habe, sein lassen. Das verstopft nur unnötig das Blog.
Für die Nordseeumrundung hoffe ich, dass ich schon nach wenigen Tagen derart gut in der Reise „drin“ bin (fest im Sattel quasi), dass der Textteil des Blogs wieder zum Tragen kommt, so wie er es auf dem Jakobsweg ja auch getan hat. Ich bin ein bisschen aus der Übung, in Vielerlei Hinsicht, merke ich.

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Eine Grundrenovierung inmitten des Lebens

Frühjahrsputz. Und abendliches Grillen. Künstler P. fegt den Außenbereich auf der Südseite des einsamen Gehöfts, schürt Feuer, legt das Grillgut auf. Die lieben Freunde und Freundinnen! Während ich selbstgestochenen Löwenzahn putze, Eier koche, multitaskend einen griechischen Salat baue und eine 40 cm Pfanne mit vegetarischem Grillgut bestücke, wird mir klar, wie reich ich bin. Alleine wegen meiner lieben Freunde. Kein Pfennig in der Tasche und trotzdem so reich.
Wir müssen sowohl geben, als auch annehmen können, schießt es mir in den Sinn, sowohl loslassen, als auch im rechten Moment zupacken. Binsenweisheiten, aber guuut
Nun setzen SoSo und ich unsere beiden zerlegten Leben neu zusammen. Sie wird nächste Woche im Aargau in der Schweiz wieder Fuß fassen, „mit alles“ – Wohnung, Arbeit, pi, pa und po. Und ich starte voraussichtlich Mittwoch auf die 6000 km Reise ums Meer. Der Nordseeküstenradweg. Ganz schön mulmig. So „Nie“, wie ich 2010 Achthundert Kilometer wandernd zurück gelegt habe, habe ich auch 6000 km radelnd geschafft. Verdammt „Nie“. Am schwierigsten fällt mir, mir vorzustellen, mich für satte drei Monate aus meinem friedlich eingependelten Alltag zu entfernen. Spätabends wird mir das Problem endlich bewusst: das Leben ist nicht nur eine Kombination verschiedener Gewohnheiten, es ist eingebunden in das Gewohnheitsgewebe der lieben Mitmenschen und wenn ich meine Gewohnheiten für drei Monate so dramatisch ändere, dass ich faktisch nicht mehr existiere ( weil ich ja unterwegs bin), hat das auch Auswirkungen auf die Gewohnheitsgefüge meiner Liebsten.
Symbolisch könnte ich wohl von einer Totalrenovierung mitten im Leben sprechen.
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Ums Meer Projektstart Mittwoch 28. März

Kurz vor dem Aufbruch auf die dreimonatige Nordsee-Umrundung per Radel. Im Atelier und der Wohnung liegen überall Gegenstände, Zelt, Schlafsack, Werkzeug, Ladekabel, eine Kiste mit komprimierten Lebensmitteln, nur das Allernötigste.
Nun müssen noch die GPX-Files ins GPS oder im Kopf die halsbrecherische Entscheidung getroffen werden, ohne GPS loszufahren. Und ohne Karten. So wie Früher. Immer erst unterwegs nach dem Weg schauen, sich treiben lassen. Darauf wird es auch letztlich hinaus laufen.
Obschon auf meinem Schreibtisch ein Zettel liegt, auf den ich die ersten Etappenziele bis Boulogne sur Mer gekritzelt habe: Saarlouis, Esch sur Alzette ins Gaalgebirg auf 400 Metern Höhe – was wohl der höchste Punkt der Reise sein wird bis Schottland, irgendwann – Sedan, Hirson, Arras und Boulogne. Tja, Liebling, so wird meine Woche.
Vielleicht.
Nichts ist klar. Alles ist offen. Die grobe Skizze, die in der Projektbeschreibung eingefügt ist mit der Europakarte, ist abfotografiert von einem 20 Euro-Schein, die Kontur, die den Nordseeküstenradweg zeigt, ist einkopiert in die Bilddatei.
Gestern waren SoSo und ich bei dem befreundeten Künstlerpaar B. Es gab die beste Lasagne der Sickinger Höhe. Fast schon eine Henkersmahlzeit. Ich bin ungewöhnlich nervös dieser Tage. So nervös wie noch nie vor einer Reise. Wohl, weil sie so sehr an die große Glocke gehängt ist, mit dem Presse und Info-Backend, das SoSo aufgebaut hat. Ihre Arbeit trägt unglaubliche Früchte. Die Zeitungen berichten, zunächst nur regional in Zweibrücken. Noch habe ich ja nichts geleistet, noch ist die gesamte Runde ein Hirngespinst, Fiktion, die kurz vorm Wahrwerden steht. Aber durch die Zeitung ist der örtliche Fernsehsender aufmerksam geworden und bittet zum Studiobesuch, wenns klappt noch morgen. Auch ein Radiotermin steht noch an. Puuuh. Das Leben könnte so beschaulich sein, wenn ich wie gewohnt im Stillen reisen würde.
Um der Livereise-Sache willen scheint es mir dringend nötig, die Kreise ein bisschen größer zu ziehen. Somit ist es gut so wie es ist mit dem vielen Tamtam.
Künstlerin B., die die gestrige Henkers-Lasagne kredenzt hatte, regt einen bizarren Gedanken an: „Du solltest etwas mitnehmen auf die Reise und es jemandem überbringen.“-„Hä?“, zucke ich ratlos die Schulter, „Wassn mitnehmen und wem bringen?“ – „Das weiß ich auch nicht“, antwortet sie, „aber du solltest das machen, und das, was dir der Jemand gibt, dem du das Mitgenommene übergibst, das bringst du dann zu mir.“ Die Situation ist geradezu Paulo-Coelho-esque, der Tischwein war schwer und stimuliert meine Phantasie: Werde ich also etwas mitnehmen auf die Reise, von dem ich nicht weiß, was es ist, nur, dass es wertvoll ist, und das ich es jemandem überbringen werde, den ich weder kenne, noch eine Ahnung habe, wann und wo ich ihm begegne. Und er, oder sie, wird sich zu erkennen geben. Puuh. das fängt ja gut an.