Lerwick

Wie erholsam das Radreisen ist, merke ich erst jetzt, nach einer unbequemen Nacht an Bord der Shetlandfaehre MU Hjaltland.

Mann, Mann, Mann, bin ich muede!

In Kirkwall klappen sie nach 17 Uhr die Gehwege hoch (die Pubs haben dann fuer ein paar Stunden zu, oeffnen aber spaeter wieder). Die Bibliothek, in der ich den Nachmittag verbracht habe, schliesst um 19 Uhr, weshalb ich zum Terminal der Northlink Faehre radele, 2 km weit. Aber dort gibt es nur verschlossene Tueren und eine LED-Tafel, die sagt, dass das Terminal erst um 21 Uhr oeffnet. Da es regnet und der Wind unguenstig steht, faellt zureuckradeln in die Stadt flach. Ich stelle mich bei einem Gebaeude unter, das aussieht, wie eine Feuerwehrgarage. Nur dass es leer ist. Kahler Windfang. Hundert Meter weiter ballern vier fuenf Kerle mit SOLCHEN Wummen. Ein Schiessstand. Ein Windkraftwerk rattert monoton. Mir ist so kalt, dass ich alle Kleider anziehe, die ich habe: zwei lange Unterhosen und die Radlerhose, fuenf Oberkleider, Handschuhe, Muetze, Schal. Knapp am Gefrierpunkt, garniert mit Nordwind. Vor dem, was aussieht, wie ein Feuerwehrgeraetehaus, laufe ich auf und ab, 15 Doppelschritte bis zur nordwestlichen Hausecke, umdrehn, 15 Doppelschritte bis zur suedoestlichen. Windgeschuetzt. Immer, wenn ich am Fahrrad vorbei komme, das ungefaehr in der Mitte meiner Tierkaefigstrecke steht, luge ich auf die Uhr des Tacho. Minutenweise kriecht die Zeit. Seit zwei Uhr nachmittags ist meine Radeltour im Stillstand. Ein bisschen komme ich mir vor, wie der Amerikaner auf dem Zeltplatz Wheems sich vielleicht von innen anfuehlt: ein Kopf voller Ereignisse blickt zurueck auf ein erlebnisreiches Leben und es gibt nichts zu tun als let the time pass by. Der melancholische Beatles Song “Fixing Hole Where The Rain Gets In Stops My Mind From Wondering” kommt mir in den Sinn. Ab 21 Uhr Ortszeit warte ich im Terminal. Sieht aus wie ein ueberdimensioniertes Wartezimmer in einem Krankenhaus.

Auf der Faehre haette ich koennen eine Einzelkabine fuer 90 £ buchen, eine Vierer fuer 30 oder das Massenlager ohne Aufpreis. Tollkuehn. Ich waehle das Massenlager. Kaum Passagiere an Bord. Schon gleich nach dem Start liegen die meisten Leute flach in den Sitzbaenken der geschlossenen Cafeterria. Im Ruheraum, wo zeilenweise Sitzreihen mit Flugzeugaehnlichen Stitzen aufgereiht sind, schlafen nur etwa 10 Gaeste. Der Geheimtipp Kino, den mir die Frau beim CheckIn gegeben hat, ist klasse. Nur drei Menschen verteilen sich in dem abgedunkelten Raum. Nachts laeuft kein Film. Ich lege mich zwischen zwei Sitzreihen auf den Teppichboden, schlafe mehr schlecht als recht, aber immerhin, ein paar Stunden sind drin und meine Fronttasche voller Wertsachen ist sicher eingekeilt zwischen mir und der Stitzhalterung. Wer sie nehmen will, muss erst mich wegwaelzen.

Gegen ach, acht Uhr morgens landet die Faehre in Lerwick. Voellig uebermuedet irre ich durch die Stadt. Kaum noch Geld, trinke eine heisse Schokolade, Pizza vom Baecker. Die Gehwege werden erst um 9 Uhr runter geklappt. In der Touristeninfo mache ich ein Zimmer klar. Das Wetter ist mies. Ich muss damit rechnen, voellig durchnaesst in Sumburgh einzutreffen. Da will ich nicht auch noch wild zelten. Zumal ein nass eingepacktes Zelt das Gewicht meines Reisegepaecks unnoetig erhoehen wuerde.

Wie erholsam das Radreisen doch ist im Vergleich zu der hektischen Fortbewegung im Flieger, Auto, Schiff. Ich habe die Kontrolle ueber meine Geschwindigkeit verloren.

In Lerwick treffe ich einen alten Mann, der mit einem Klapprad, das einen Akkuantrieb hat, reist. Auf dem Gepaecktraeger hat er einen Koffer voller Ersatzakkus. Die seien nicht schwer, weil es ja Lithiumionenakkus sind. Sein Reisegepaeck traegt er auf dem Ruecken. Er kommt aus Edinburgh und tourt mit dem winzigen Rad, das er praktischerweise einfach zusammenklappen kann und mit dem Bus oder der Bahn transportieren kann. Gleich ausserhalb Lerwicks sei ein schoener Brough, ein runder Steinturm, den er sich nun ansieht, ob ich mitkomme? Ich bin in einem geradezu lethargischen Zustand, ueberlege, direkt das Zelt aufzubauen und ein bisschen zu schlafen. Nun warte ich im Rechenzentrum der Bibliothek auf besseres Wetter. Geld sollte ich noch auftreiben und etwas zu essen fuer die 25 Meilen bis in den Sueden der Hauptinsel. Das Hotel liegt ganz nahe beim Flugplatz.

Tag 51 – Bilder und die Strecke

Die heutige Strecke? Gar nicht so einfach, denn die hört irgendwo im Meer auf. Eine Viertelstunde Meer ab Kirkwall, um genau zu sein. Zwischen den Orkneys und den Shetlands irgendwo. Um 23:45 Ortszeit, also in einer knappen halben Stunde, wird Irgendlink sich auf der Fähre einen Nachtplatz suchen und morgen früh hoffentlich nicht vor Lerwick erwachen. Gute Reise!

>>> Wheems Organic Farm – Kirkwall – Lerwick: zum Kartenausschnitt: bitte hier klicken!

Seht euch auch noch weitere Bilder von Irgendlink auf pixartix_dAS bilderblog an. Viel Spaß dort!

Das Büro heute morgen (siehe 1-Liveschreiben-Artikel) > Draufklick für groß!

Schiffswrack am Scapa Flow Damm, wie gestern, doch nun mit einer anderen App fotografiert und bei anderem Licht

Diese Bank hat Karen Aim, eine neuseeländische Künstlerin, gestaltet.

Infotafel zum Totempfahl, den ihr auf pixartix_dAS bilderblog findet …

Ein Anker bei St. Mary. Ein weiteres BIld davon findet sich ebenfalls auf pixartix_dAS bilderblog

Warnschilder an der Hauptstraße …

… die kilometerweit schnurgeradeaus führt. Hier das Km 2950-Bild der fortlaufenden Kunststraßenserie.

Wheems

Warum habe ich bloß das Gefühl, endlich angekommen zu sein? Dort wo ich hin wollte? Dort wo mich das Schicksal hingetrieben hat? Oder einfach nur zufällig am rechten Ort gelandet? Im Nachhinein ist immer gut Schicksal-hat-es-so-gewollt reden. Warum musste mir der Fährmann in JOG auch den grünen Zettel von der Wheemsfarm geben? Farmer Mike war erstaunt, dass sie bei der Fähre überhaupt seine Flyer verteilten, wollte explizit das Blatt sehen. Wie es dort hin gekommen ist? Ob es das einzige war? Nur für mich bestimmt?

Wheems ist wie Daheim. Das einsame Gehöft in Zweibrücken. Es gibt eine Open Air Küche, eine kleine Bibliothek mit abgelegten Büchern, Spielzeugkisten, abgewetzte Tennisschläger. Ein kleines Windrad erzeugt Strom. Die sanitären Einrichtungen sind spartanisch, aber sauber. Die Stille und der Hofcharakter sind es, die mich so sehr an daheim denken lassen. Hühner gackern, Gras, Ufer. Ich bleibe zwei Nächte. Per Bus 15 Meilen bis Kirkwall.

Den Tag in der Hafenstadt benötige ich, um die Shetlandfähre auszukundschaften und vor allem, um meinen Flug nach Bergen klarzumachen. Nachdem mein Ansinnen, Freund Journalist F. könne das vom heimischen PC aus für mich tun, damit ich nicht an einem fremden PC die Kredikartennummer eingeben muss, gescheitert ist, beauftrage ich ein Reisebüro mit der Buchung. Der Mann im Scapa Travel bringt mir erst einmal bei, dass “next Saturday” in England der übernächste Samstag ist und dass der nächste, kommende Samstag “this Saturday” ist. Er klärt per Mail, ob das Radel im Flieger mitkommt. Solange kann ich Kirkwall erkunden, lümmele in einem Café herum, und in der Bücherei – an beiden Orten Free Wifi. Herjeh, moderne Welt. Trinkbrunnen der Informationsgesellschaft.

Gegen 15 Uhr habe ich das Flugticket für 122 Pfund plus 17 Pfund Reisebürogebühr, was angemessen ist – hätte ich selbst versucht das Radel zu checken, wären wahrscheinlich auch so viele Telefonkosten aufgelaufen. Die Fluglinie transportiert pro Flug nur zwei Fahrräder, sagt mir der Reisebüroangestellte. “Have a good Gap”, wünscht er.

Zurück nach St. Margarets Hope mit dem Bus. Halbe Stunde Fußweg bis Wheems. Zum Ausruhen sitze ich auf einem Stuhl in der Sonne vor der Freilandküche und stelle mir vor, ich würde daheim unter meinem Nussbaum sitzen. Ein seltsamer Kerl, sehr wortkarg steht ein paar Meter entfernt und tut nichts. Absolut nichts. Er redet auch nicht, außer einem “Hi-there”. Ich frage mich, ob er der Spinner ist oder ich. Oder wir beide. Ich meine, sieh uns doch mal an: der eine steht nur rum wie ein Fels, die Hände in den Taschen und starrt, während der andere mit einer handtellergroßen Maschine herumhantiert, und um alles in der Welt irgendetwas technisches Zeugs in einer Steckdose einstöpselt. Ich glaube, le Spinner, c’est definitivement moi!

Immer “was am tun”, immer in Motion, permanent connected to outer web. Was ist das für eine seltsame Reise, die ich da veranstalte. Urlaub geht anders. Relaxen? Hum? ja, eigentlich relaxe ich und habe einen Heidenspaß an dem, was geschieht. Die drei Stunden in Kirkwall, in denen ich auf den Flug hoffe, sind dennoch kennzeichnend für meine Getriebenheit: was würde ich denn machen, wenn ich den Flug am Samstag nicht kriege, wenn er ausgebucht ist, wenn das Radel nicht mitkann? Mit einem Schlag wäre ich zum Stillstand verdammt, fünf Tage ruhen auf begrenztem Raum. Die Orkneys hätte ich ruckzuck abgeradelt und Shetland wäre auch schnell erledigt.

Später begegne ich einem zündelnden Kerl am Strand. Er organisiert ein Feuerchen für die Schulkinder, die den lieben langen Tag Müll gesammelt haben, der vom Meer angespült wurde. Der Müll wird zu den Shetland-Inseln geschifft, wo er in einer Verbrennungsanlage zu Energie verarbeitet wird. tse. Ob die auf meiner Fähre auch Müllcontainer mitnehmen?

Das brillante Sonnenlicht und die atemberaubende Vielfarbigkeit des Meeres sind … ach, ich finde dafür keine Worte. Frühmorgens scheint schon wieder Sonne. Fast windstill. Der seltsame Kerl lümmelt schon wieder vor der Freilandküche. Woher er kommt, frage ich. USA. Er sei ein retired Soldier der US Army, ein Rentner, er toure durch Europa, habe das Geburtshaus seines Großvaters in Namur in Belgien besucht – von dort ist die Familie vor hundert Jahren ausgewandert, als der Opa gerade mal fünf war. Wisconsin, da habe er seine Wurzeln. Ruckzucke Skizze der Lebensgeschichte – wir Reisenden haben dafür eine gewisse Professionalität entwickelt – im September hatte er einen Stroke, einen Schlaganfall, konnte weder gehen, noch reden, und es sei ein Wunder, dass er nun hier sitze und das alles sehen dürfe. Mit der Hand streicht er über den östlichen Horizont, wo sich die Sonne hebt und das Meer im ewigen Blau wogt.

Wie viele Tage bleiben wohl dir noch, denke ich dermaßen wachgerüttelt. Ein Stroke kann heutzutage ja jeden ereilen. Ich muss an Frau P. denken, die mir vor der Reise, Ende März, eindringlich Mut gemacht hat, als sie sagte, “machen Sie das, solange Sie es noch können, reisen Sie”, und, hey, das ist doch genau mein Credo, seit vor ein paar Jahren die körperlichen Wehwehchen zunahmen. Jeder kleine Schlag in die Magengrube des einst so unsterblich wirkenden Körpers war ein kleiner Hinweis für mich: du musst handeln auf Teufel komm raus, du darfst jetzt in der Mitte des Lebens auf keinen Fall in eine Art sinnlosen Sicherheitsmodus an die Rente und Altersversorgtheit-denken-Kacke verfallen, du musst handeln. Dinge, die getan werden können, können nur getan werden, wenn man sie tut, dichte ich lapidar leichtfüßig.

Die Uhr die tickt, die Zeit sie rinnt, Tickitick tickitick tickitick tick tick.

Wie wir beiden seltsamen Spinner eine ganze Weile in den sonnigen Morgen schwätzen, verliere ich plötzlich jede auch nur geringste Lebenssorge; ehrfürchtig betend vorm Altar des gelebten Moments, den wir errichten.

Stunden später radele ich auf Kirkwall zu auf einer schnurgeraden, nicht sehr schönen A Achthundertnochwas. Mäßiger Verkehr. Im Fahrradgeschäft Cycle Orkney frage ich nach einem Pedalenschlüssel, damit ich die Dinger in Sumburgh am Flugplatz abmontieren kann. Der Ladenbesitzer schenkt mir einen schmalen 15er und wir sind uns einig, dass beide Pedale durch Drehen nach Vorne abmontiert werden müssen.

Nun sitze ich in dem Café gegenüber der Clydesdalebank. Wieder dieses Dilemma, dass man den Ort, an dem man ist, selbst gar nicht kennt und nur das Außenrum wahrnimmt zwecks Orientierung. Barhocker am Fenster, Blick auf die Bank, Free Wifi, Heizung direkt vor den Füßen. Ein Typ am Nebentisch sagt, ich erinnere ihn an seinen Freund Joseph Hewes, der kaum 25 Meilen nördlich auf der Insel Rousay lebt, und der auch ein leidenschaftlicher Radler sei. Und Künstler. Nicht das erste Mal, dass ich einen Doppelgänger habe. Wenn ich auf Rousay vorbei schaue, solle ich einfach nach ihm fragen. Tse.

Nun werde ich den Ort wechseln, in die Library weiter ziehen, wo ich schon gestern die Vorzüge des freien Internets an einem Desktoprechner nutzen konnte.

Tag 50 – Rund um die Wheems Organic Farm

Auch auf pixartix_dAS bilderblog
 hat es viele tolle Bilder von Irgendlinks Reise! Viel Spaß dort! :-)

Hinkelstein unterhalb des Campingplatzes (ein Draufklick macht die Bilder groß!)

Verwitterter Holzklotz

Blick zum Friedhof, unterhalb von Wheems

Friedhof mit unerwartet vielen Gräbern. Hunderte

Ein Spaziergang ans Meer, etwa einen Kilometer östlich der Farm …

Felsstruktur an diesem Strand …

Ebbe ebendort …

Steinsäule dort in der Nähe

 

Tag 50 – Bilder von unterwegs

Ich weise darauf hin, dass es auf pixartix_dAS bilderblog
 viele weitere Kunstwerke von Irgendlinks Reise zu sehen gibt! Ein Besuch dort lohnt sich :-)

Am Hafen von Kirkwall. Containerdetail. Großmachen durch Aufs-Bild-klicken!

Hafen Kirkwall

Schiffswrack am Scapa Flow Deich

Der Scapa Flow Damm wurde im 2. Weltkrieg als Schutz gegen eindringende U-Boote über vier kleine Inseln gebaut.

Denkmal in St. Margarets Hope


Liveschreiben # 3

3-Liveschreiben

Das Büro
Das Büro des Europenners ist gleichzeitig Schlaf- und Kochplatz, ein Zelt, das dem Wind trotzt. Zwischen Toastbrot, Kaffeetasse und Messer kommt das iPhone zu liegen. Mit der Bluetoothtastatur werden die Texte eingegeben. Der Zusatzakku pumpt beim Frühstück das Fon voll Strom und er wird nach dem Start am Fahrraddynamo wieder aufgeladen.

Wenn es arg kalt ist, beschlagen früh morgens erst einmal Brille und Touchscreen. Das Fon ist auf der Reise “Ums Meer” permanent in einer wasserabweisenden “Otterbox”. Vermutlich hätte es den harten Einsatz bei Regen, Hagel, Schnee und Sturm nicht überlebt.

Über das Liveschreiben # 1 und 4

1-Liveschreiben

Wusstest Du eigentlich, dass du dich mitten in einem literarischen Experiment befindest? Dass die Seiten, die du gerade liest, roh und druckfrisch sind, ja, dass sogar das, worüber in diesem Buch berichtet wird, gerade erst erlebt wird? Dass es, außer der Idee für die Reise, die nur das Skelett ist, an dem das Fleisch wächst, aus dem die Geschichte besteht, keinerlei Plan gibt. Und selbst das ist veränderbar. Wird er weiterhin den Radweg Nummer eins nehmen, wie es die Idee “Ums Meer” vorsieht, oder weicht er aus in die Berge? Wird der Protagonist – ähm, ich, dein Autor und Geschichtenerleber – seinen Flug buchen können, die Fähre erreichen? Die Geschichte, die du gerade verfolgst, ist das Ergebnis einer mindestens zweijährigen Forschungsarbeit, in der ich mich pö a pö quasi selbst ausgebildet habe, die Operation am offenen Herzen der Literatur durchzuführen.

Mit Zweibrücken-Andorra im Frühling 2010 hat alles begonnen. Damals fand das erste live geschriebene Buch statt. Fand statt? Darf ich das so schreiben? Gewiss. Etliche andere Experimente folgten. Mit dem Jakobsweg – ein Kommentator taufte das Buch aus dem Winter 2010 “Nach der Schuld ist vor der Schuld” – gelang erstmals ein durchgängiges, literarisches Werk etwas holprig, aber die angedachte Form schon deutlich zu erkennen.

Vielleicht kann man es vergleichen mit den ersten Versuchen mit Herzverpflanzungen? Was war das damals für eine Aufregung, als die Meldung um die Welt ging, in Südafrika hat ein Herzchirurg ein Herz verpflanzt. Die ersten Patienten wurden nicht alt, aber die Technik hat sich seither verbessert.

Liveschreiben ist nicht anders. Es wird seinen Weg gehen, ich, dein Autor, werde nicht der einzige sein, der das macht. Weitere werden kommen, werden sich verschiedener Themen annehmen. Vielleicht wird das Liveschreiben sogar die Kinderschuhe der Reiseliteratur verlassen und es werden ganz neue, erstaunliche Wege eingeschlagen, im übertragenen Sinn? Der menschlichen Phantasie bleibt dabei alles offen.

In diesem Buch, dessen Zeilen noch druckfrisch sind, konnten wir einiges verfeinern, was etwa in “Nach der Schuld ist vor der Schuld” noch klemmte: ja, WIR, ist doch “Ums Meer” das Werk mehrerer Autoren und Autorinnen. Sofasophia in der Homebase – ich kann nur immer wieder darauf hinweisen – trägt mindestens 50% zur Operation am offenen Herzen der Literatur bei. Aber auch die unbekannte Komponente, du da draußen, schaltet sich verstärkt ein und trägt mit hilfreichen Kommentaren und Hintergrundinformationen zum Gesamtwerk dieses live geschriebenen Buches bei. Es ist sicher vermessen, mich als alternden, hastigen Weißkittelprofessor darzustellen, der das Skalpell auf ganz eigene Weise ansetzt und den kleinen Finger während des Schneidens abspreizt – Schwester, Tupfer bitte – aber hey, nun, da ich dies schreibe, drei Uhr nachts, eiskalt, mein Atem schlägt auf dem Touchscreen des iPhones nieder, Nachtvögel stoßen Laute aus und die See rollt ruhig in der Bucht unter Wheems, nun ist mir gerade nach ein bisschen Liveschreibphilosophie.

Vielleicht schreibe ich ein How-to, ich Dr. Frankenstein der modernen Blogliteratur? Mir wird in diesem Moment klar, dass ich die Experimente zuvor, insbesondere das Jakobswegbuch, so stehen lassen muss, wie sie einst live geschrieben wurden. Den ersten Herzpatienten holt schließlich auch niemand mehr zurück.

Tipp: wenn du diesen Artikel als Durststreckenartikel verwenden möchtest, musst du den Ortsanker Wheems heraus nehmen und alle zeitlichen Belege entfernen. Wenn du ihn aber morgen, an Tag 51 der Reise, veröffentlichst, kann er so bleiben wie er ist. Ob Professor Barnard damals sich auch Notizen gemacht hat, um seine OP-Technik zu verbessern?

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4-Liveschreiben

Schnappschusstechnik.
Die Schnappschusstechnik ähnelt der Twittertechnik. In kurzen Textfragmenten gibt Dr. h.c. Liveschreiber unmittelbar während des Erlebens Eindrücke wieder. Hierzu nutzt er den Touchscreen als Eingabemethode. Bis die externe Tastatur connected ist, wären die Eindrücke längst verblasst.

Die Schnappschussmethode habe ich noch nie ausprobiert. Zu sehr haftet ihr der Twittermakel an. Zu sehr hege ich den Dünkel, Literatur darf nicht flüchtig sein und zu sehr graut mir davor, im Abstand von wenigen Viertelstunden ein Blog vollzuspammen, das gerade von seinen längeren, velosophischen Texten lebt.

Ein typischer Liveschreibartikel würde wie folgt aussehen:

First Blog
Wheems Camping acht Uhr früh. Wasserleitung tutet wie Nebelhörner.

Next Blog
Denke über eine neue Liveschreibtechnik nach, die so ähnlich funktioniert wie Twitter. Schnappschüsse des Erlebten, aufs Elementare reduziert.

Next Blog
Was die Orkneys vom Festland unterscheidet? Die atemberaubende Stille. Fast schon möchte man meinen, der viele Wind muss so sein, sonst kämen die Menschen in der Ruhe um.

Next Blog
Mach doch ne Serie über die Techniken des Liveschreibens, wo du schon mal mit dem Operation am offenen Herzen der Literatur Artikel angefangen hast. Eine Anleitung zum Buch direkt von unterwegs schreiben. Welcher Autor, welche Autorin träumt nicht davon?

Next Blog
Die Schnappschusstechnik kann eigentlich gar nicht funktionieren. Ihr fehlt der Zusammenhalt. Oder hattest du etwa gedacht, nur weil du das bist und weil du so unique schreibst, kriegen die da draußen ein Verständnis für das, was du zerhackst und neu zusammensetzest?

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Der Hahn kräht. Fühlt sich an wie daheim.

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Hoffnung! Vielleicht ist es ja die Magnifikanz der Reise, die Faszination, dem bewegten Künstler über die Schulter zu schauen, die das Rückgrat bilden für die Schnappschussfolge?

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Alles ist erlaubt!

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Du, der/die du dies liest, bist dir im Klaren, dass dieser Text nie und nimmer ein Schnappschusstext ist, geschrieben in zeitlich weit auseinander liegenden Momenten und livegebloggt: Es ist ein Text, der nur so tut, als sei er ein Schnappschusstext.

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Vielleicht eine Anleitung? Jetzt fangen auch schon die Wasserleitungen der Nachbarhäuser an zu tuten. Vielleicht sind das doch Nebelhörner?

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Versteh einer die Orkneys. Mike von Wheems erzählt mir gestern, die Insel habe sich rasant verändert, sie sei schnell geworden. In der Tat hat man eine Art Touristen-Pump-System installiert: Von JOG, Gills Bay und Thurso pumpen die Frühfähren Tagestouristen auf die Insel. An deren Fährhäfen in St. Margarets Hope, Stromness und Burwick stehen Busse bereit, um sie im Land zu verteilen. Selbst vom 200 km entfernten Inverness aus werden Touristen per Bus Richtung Orkney gepumpt.

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Das Telefon klingelt. Geliebte SoSo entführt mich sanft in die Heimat. Schon erstaunlich, wo so ein menschlicher Geist sich gleichzeitig befinden kann, wie er Zeit und Raum zu durchschreiten vermag.

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Du solltest die Schnappschusstechnik mal in “echt” ausprobieren.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Von Thurso nach Wheems

16. Mai 1912. Ein ungewöhnlich warmer Tag. Windstill liegt Gills Bay. Die Spätfähre nach St. Margarets Hope legt an diesem Abend ohne Private John W. Banks ab. Nachdem der junge Rekrut im Regiment der Gordon Highlanders sich ein Herz gefasst hatte und seiner angebeteten Anne Munro einen Heiratsantrag gemacht hat und sie ihm ein klares Ja gegeben hat, feiert er mit seinen Freunden im Schwarzen Krug. Er soll nicht ahnen, dass die politischen Nachrichten dieser Tage, die von den meisten Menschen nur für ein Säbelrasseln ihrer adligen Staatsoberhäupter gehalten werden, schon bald einen Weltkrieg auslösen werden, den er nicht überlebt.

Thurso erinnert mich an Pajala, Lappland, eine der letzten Städte Schwedens im Dreiländereck zu Finnland und Norwegen. Kahle Zweckwohnbauten säumen den Stadtrand. Tankstellen, Gewerbeflächen, Firmengelände. Statt krüppligem Wald, wie Pajala, ist Thurso umringt von Weiden.

Trotzdem bin ich froh um das Zimmer im Waterside. Nordwinde haben die Gegend voll im Griff. Einen Zeltplatz zu finden, der genug Windschutz bildet, wäre pures Glück. Das Zimmer riecht ein bisschen schimmelig und das Fenster hat eine einen Zentimeter breite Ritze. Nicht sehr warm trotz voll aufgedrehter Heizung. Raus aus Thurso führt der Radweg 1 über den Thurso River, östlich der Stadft auf schnurgeraden Countryroads druchs Hügelland.

Bei Castletown wird die Gegend endlich wieder interessant. Gigantische Meeresbucht. Sandstrand. Auf Inchs und Neils Tipp hin, radele ich über Brough hinaus zum Dunnet Head. Dem allernördlichsten Punkt auf dem schottischen Festland. 3 Meilen gegen den Wind durch eine unbeschreiblich schöne Ginsterwüste. Ich weiß nicht, ob ich den Weg gemacht hätte, wenn der Wind in die umgekehrte Richtung geweht hätte. Zu sehr hätte mich das Sackgassengefühl beängstigt, ich müsste ja dann zurück gegen den Wind. Stunde hin, zehn Minuten zurück, Liebling, so war mein Tag. Auf der Landzunge gibt es massenhaft gute Wildzeltplätze, auch einen sehr gut gegen den Wind geschützten Platz finde ich in einer Sandgrube, wo ich mich für zehn Minuten unterstelle (neben der senkrechten etwa drei Meter hohen Abbruchkante – der Wind weht den Regen horizontal über mich hinweg). Der Head selbst ist nicht so spektakulär. Just, als ich eintreffe, jagen zwei Tiefflieger über den Leuchtturm. Schmerz! Testosterongefüllte Natodeppen. Der Leuchtturm, naja. Kurzum: der Weg dahin ist wie bei so vielem, besser, als das Ziel.

Zurück mit 40 Sachen und über einen Ort mit dem Namen Barock auf den N1, der parallel zur nicht sehr stark befahrenen A836 führt. In der Nähe eines Kriegerdenkmals überholt mich ein schwer bepackter Radler aus Oxford. Er will nach John o’ Groats und dann gleich wieder zurück auf der beliebten Strecke zwischen dem Nordosten und Südwesten der Britischen Insel. Tse. In dem Moment kann ich gar nicht verstehen, warum er in JOG gleich umkehrt und am heutigen Tag schon wieder zurückradelt. Bei dem Sturm. Beim Kriegerdenkmal mache ich im Windschutz der Mauer, mit der es eingezäunt ist, Pause. Die Sonne wärmt. Ich kann sogar meinen Helm auf den Boden legen, ohne dass er weggepustet wird. Lese die Namen, die Daten, auf vier Seiten des Steins sind etliche Regimenter notiert und etwa zweihundert Namen von Menschen, die nicht mehr leben. Die vermutlich nie die Chance hatten, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig gehalten hatten. Ich konnte Krieg nie verstehen. Die drastische Zwangslage, in einem Regiment zu dienen, einkaserniert mit Männern gleichen Alters, mit denen man im normalen Leben im Pub allerhöchstens mal ein Bier trinken würde und über das Wetter schwätzen. Monatelang der Willkür höherer Käfte ausgeliefert, unkomptenter Vorgesetzter, fanatischer An-Irgendwas-Glauber und Dafür-Kämpfer und andere in die Scheiße Reinzieher.

Froh, nie gedient zu haben, versuche ich mich in das Leben der jungen Privates Unt. Lieutenants hinein zu denken. Aristokratie, Kaiser, Königin, 1912 war das Leben und das Denken und das Empfinden der Menschen völlig anders. Ich habe einmal gehört, dass man 1914 auf allen Seiten voller Begeisterung in den Weltkrieg gezogen ist. Ob das stimmt? Ob die Leute heutzutage auch noch so begeistert in den Krieg ziehen? Hat es sich angefühlt, wie wenn man in einem Fanbus voller Ultras zu einem Fußballspiel fährt?

Kurz vor JOG treffe ich zwei Radler ohne Gepäck. Sie sind von Landsend gekommen, paar Wochen geradelt, hatten durchwegs Sauwetter, so wie ich – weg mit dem Mythos Westküste hatte Gutwetter. In Thurso haben sie ihr Gepäck im Hotel gelassen, radeln die letzten Meilen nur, um es abzuhaken.

Plötzlich da. Kein bewegender Moment. Busparkplatz, Fährhafen, Coffeeshop, Touribuden. Fast alles zu. Der Campingplatz ist schön, aber es gibt kaum windgeschützte Plätze. JOG ist enttäuschen. Die kleine Orkneyfähre schaukelt im Hafen und auf einem Hügel darüber steht ein Wegweiser: Landsend achthundertsoundsoviel Meilen, Nordpol soundsoviel und ein Platzhalterschild mit “Your Town” ist angebracht, auf dem man seine Stadt mit Lettern schreiben kann. Das Schild ist eingezäunt, eine winzige Bude daneben, in der ein Mann friert. Wenn man sich unter dem Schild mit eigenem Ort fotografieren lassen möchte, kostet das etliche Pfund. Die beiden Engländer, mit denen ich in JOG eingelaufen bin, machen ein Foto von mir vor der Absperrung. Griesgrämig starrt uns der Fotograf aus der Bude an. Fast wie ein Tier im Zoo.

Um Punkt 15:30 baut er das Schild ab, schließt die Bude, nimmt die Absperrung weg. Tse. Später, bei näherem Betrachten der Bude, entdecke ich allerlei Fotos, die in Schaukästen außen dran hängen. Kriege Mitleid mit dem Fotografen. Offenbar handelt es sich um eine uralte Idee, fast schon serielle Kunst, wieviele tausend Fotos wohl auf die Art an dem Ort entstanden sind? Eine großartige Sammlung muss das sein: Radler, Wanderer, Gruppen, Familien und ewig gleich sind die Schilder Richtuing Landsend und Nordpol und stets anders die Orte, aus denen die Fotografierten kommen. Manjarin fällt mir ein Nähe Foncebadon auf dem Jakobsweg. Dort oben in den Bergen steht auch eine ganze Menge Schilder – ich glaube, im Jakobswegbuch habe ich sogar ein Foto davon gezeigt. Dort könnte man das JOG Konzept 1:1 umsetzen.

Mit der Fähre verlasse ich um 17 Uhr das Schottische Festland.

Puuh, war der Artikel anstrengend, seit 3:13 MEZ nachts schuften. Nun kräht der Hahn. Es dämmert.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Tag 50 – Pause

In Kirkwall, wohin Irgendlink heute per Mitfahrgelegenheit und Bus gefahren ist, hat er für morgen Nacht das Fähreticket nach Lerwick und für Samstagmittag das Flugticket Sumburgh-Bergen gekauft.

Sightseeing. Pause. Schönes Wetter genießen. Schön kalt sei es auf den Orkneys, meinte er am Telefon.

Anschließend ist er zurück auf den gestrigen Zeltplatz gefahren und gewandert. Direkt ans Meer.

Tag 49 – Orkney Islands

In Burwick auf den Orkneys: die Rückkehrer vom Tagesausflug steigen ein.
> Draufklick für groß!

Im ersten Stock eines verlassenen Hauses in Burwick am Hafen steht eine Badewanne.

Schnell wechselt das Wetter. Eine Viertelstunde später warte ich im Straßengraben, geschützt von ein paar Grasbüscheln, einen Schneeregenschauer ab.

Erstes Streckenfoto auf den Orkneys.

Nach heftigem Regenschauer auf dem Zeltplatz der Organic Farm Wheems. Blick nach Westen.

Weitere Kunstwerke von Irgendlinks Reise finden sich auf pixartix_dAS bilderblog