Dienstreise in die imaginäre Armut | #ibcoco #flussnoten

Plötzlich mitten in Rheinhessen. Ein kleiner Parkplatz. Schautafeln, eine Hütte, ringsum Weinberge, abgeerntete Felder, garstige Kahle. Ich hatte mich verirrt, war irgendwo falsch abgebogen vom Selzradweg, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau wusste, wohin er führen würde, woher er kam. Die Selz ist ein kleiner Seitenfluss des Rheins. Der Mittelpunkt Rheinhessens liegt in der Nähe des Dörfchens Gabsheim. Man hat einen weiten Blick über das kahle Land. Rheinhessen ist das größte Weinanbaugebiet Deutschlands, lernte ich auf einer der Schautafeln. Sofort begann mein Künstlerhirn zu rattern und ich stellte mir vor, das kleine Ländchen in Rheinland-Pfalz einmal vom Mittelpunkt aus in immer größer werdenden Kreisen zu erkunden. Es gibt in Rheinhessen nur vier Dörfer, in denen kein Wein produziert wird, lernte ich beim Studium der Schautafeln.

Eigentlich war ich auf Dienstreise. Sonntags und montags verbrachte ich bei Freund Sven, um ihm bei seinen Webseiten zu helfen. Dass der Radweg fast direkt an seinem Atelier vorbeiführt, ein Glücksfall. In Rheinland-Pfalz kann man Fahrrad und Zug prima kombinieren, so dass ich auf dem Hinweg das Fahrrad gleich mit ins Abteil gepackt hatte. Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich treiben. Der Termin war erledigt. Unformatierte Zeit ohne Ende lag vor mir. Ich folgte einfach den Radwegschildern in Richtung Süden, durchquerte das Städtchen Alzey, erfreute mich an der Strecke, bis ich am südlichen Ende Rheinhessens in Orbis schließlich die Quelle des gut sechzig Kilometer langen Rheinseitenflusses erreichte.

Heiß. Sonne. Durst. Einkaufen. Ein Café in Kirchheimbolanden. Die Stadt, deren Wahrzeichen ein Eber ist, liegt am Fuße des Donnersbergs, des höchsten Bergs der Pfalz. Über zahlreiche Aufs und Abs folgte ich der Ostflanke bis zur nächsten Bahnstation in Münchweiler an der Alsenz, nahm einen Feierabendzug. Die Strecke bis ganz nach Hause wäre an einem Tag im Bummelrhythmus auch kaum zu schaffen gewesen.

Wieder einmal kamen mir meine Pläne in den Sinn, mich endlich um die Heimat zu kümmern, es einmal gut sein zu lassen mit den langen Reisen. Kaum zu glauben, dass ich vor ziemlich genau einem Jahr live bloggend zum Nordkap radelte und die Tour im Frühling in die entgegengesetzte Richtung nach Gibraltar ist schon fast vergessen. Auch die unterbrochenen Flussnoten sind nur noch Schemen. Dennoch: die Selz ist ein veritabler Nebenfluss des Rheins. Im Grunde radele ich also im Flusssystem des Rheins. Ich bin hierzulande immer am Rhein, wenn ich den ‚erweiterten Flussbegriff nach Irgendlink‘ als Maßstab nehme (überall wo Wasser in den Rhein fließt, ist auch Rhein). Ist meine kleine Tagesradtour im Prinzip auch dem Buch Flussnoten zuzurechnen? Friedlich kurbelnd spielte ich mit dem Gedanken, orientierungslos daheim im Kreis zu fahren.

Bahnhof Homburg, der Regionalzug spuckt mich nebst Fahrrad aus und ich ächze in der Abendsonne die letzten zehn Kilometer zurück zum einsamen Gehöft. In der Homburger Innenstadt fleddert ein bärtiger Kerl alle liegen gelassenen Kekspackungen und Fastfoodtüten nach Essen und stopft hungrig alles, was noch essbar ist in den Mund. Die Mülleimer durchwühlt er nach Pfandflaschen. Wie der Scheinwerfer eines Leuchtturms strahlt sein Blick über einen weiten Platz. H&M, Bank, Glasfronten, Herumlungernde. Ich krame ein paar Münzen aus dem Geldbeutel und drücke sie ihm in die Hand. Wortlos schaut er mich an.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren, Herr Irgendlink? In einer deutschen Kleinstadt fremd den öffentlichen Raum nach Verwertbarem durchsuchend? Ungepflegt, niegeduscht, verwirrt, alles verloren? Vielleicht.

Aber bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein runter.

Bilder, Bilder Bilder von der #flussnoten Wanderung | #ibcoco

Dieser Artikel verlinkt auf acht Bildergalerien im Flussnotenblog (Links siehe weiter unten im Text).

Frau SoSo hat in den letzten Tagen ihr Bildarchiv durchforstet und unsere Wanderung den Rhein hinab in acht Abschnitten auf dem Flussnotenblog gezeigt. Von der Quelle des Vorderrheins führte die Wanderung drei Wochen über Stock und Stein bis zum Bodensee.

Für neu Eingestiegene: Das Blog Flussnoten.de ist ein Buch in Blogform. Es wird derzeit live geschrieben. Der Wanderabschnitt in den folgenden Galerien war der erste Teil. Den zweiten Teil des Buchs über den Rhein setzte ich per Rad ab Bodensee bis ca. Karlsruhe fort.

Wir haben das Blog so eingerichtet, dass man es auch in chronologischer Folge lesen kann – wie ein richtiges Buch. Ein Lektorat, gab es bisher noch nicht. Auch einige unveröffentlichte Texte warten noch auf Freischaltung. Wir planen das Buch nach Ankunft in Rotterdam zu redigieren und als eBook zu veröffentlichen.

Ab 12., 13. oder 14. September werde ich das Buch über den ‚Rhein, die Menschheit und den ganzen Rest‘ live zu Ende schreiben und per Fahrrad die Strecke Karlsruhe-Rotterdam erkunden.

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 1. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 2. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 3. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 4. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 5. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 6. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 7. Teil)

#Flussnoten: Die Bilder (SoSo – 8. Teil)

 

Daheim | #flussnoten #ibcoco

Was ereignete sich in der vergangenen, vorerst letzten Flussnotenwoche?

Fast nichts.

Termine unterbrechen die Reise rheinabwärts. Sonntag, Montag und Dienstag radelte ich vom Breisgau entlang des Rheins, der Lauter, Queich und Schwarzbach zurück in die Pfalz.

Zwei Tage Ruhe, danach der Versuch, einen Alltag zu etablieren, was noch nicht so ganz gelungen ist.

Fortgesetzt wird das Buch, das live am Rhein über den Rhein und die Menschen geschrieben wird voraussichtlich am 14. September. Noch etwa sechshundert Kilometer muss ich radeln, bis ich bei Rotterdam die Nordsee erreiche. 

Vierte Woche #flussnoten – per Rad vom Bodensee in den Breisgau | #ibcoco

Wochenrückblick Flussnoten: Vierte Woche. Zweiter Akt.

Per Fahrrad setzte ich die Reise alleine fort. Bodensee, Untersee, Hochrhein, Aare mit Wasserschloss (Zusammenfluss von Limmat und Reuss in die Aare) , Kaiseraugst, Basel und Oberrhein bis Breisach. Frau SoSo brachte mich nebst Radel montags (am Schweizer Nationalfeiertag, dem ersten August) per Auto nach Fußach, wo wir zweieinhalb Tage zuvor unsere Wanderschaft beendet hatten.

Der Rhein taucht nahe Bregenz ab in den Bodensee. Sein kaltes Wasser mischt sich auf etwa 80 Kilometern bis Konstanz mit dem warmen Seewasser. Als Seerhein überbrückt er einige Kilometer, durchfließt den Untersee bei Radolfzell und tritt ab Stein am Rhein mit dem Hochrhein wieder als Fluss in Erscheinung.

Zweieinhalb Tage folgte ich dem touristisch perfekt erschlossenen Bodenseeradweg bis Radolfzell und weiter zur Aaremündung, machte einen Abstecher nebst Pausentag bei Frau SoSo, die in der Nähe des sogenannten Wasserschlosses lebt. Im Wasserschloss schließen sich drei große Schweizer Flüsse zusammen, Limmat, Reuss und Aare. Gemeinsam fließen sie etwa zwanzig Kilometer weit, bis sie bei Felsenau in den Rhein münden.

Höhepunkte der Woche sind der Rheinfall bei Schaffhausen, eine kurze Schifffahrt nach Eglisau, die alte Römerstadt Augusta Raurica (heute Kaiseraugst), Basel und Breisach. Zu lesen auf Flussnoten, wo ich regelmäßig bloggte.

Ich durchradelte ein nahezu vollständig von Menschen vereinnahmtes und kultiviertes Seegebiet und Flusstal. Einzelne Naturschutzgebiete muten an wie eine Art hilflose Wiedergutmachung, wenn man die Autobahn direkt daneben betrachtet, den Einflugschneisenverkehr zum Airport Zürich, Maisfelder, geschundene Nutzwiesen.

In aller Demut und mit der Frage Warum?, komme ich zu der unbeholfenen Antwort, dass das so muss.

Die Welt als Ganzes betrachtet wäre ein Prozess, der einfach abläuft mit aller Zerstörung, Nutzbarmachung, Wertschöpfung, Wiederaufbau, De- und Renaturierung. Wir Menschen sind Teil dieses Prozesses. Wir laufen ab, durchlaufen über die Jahrhunderte Wenn-Dann-Scheifen, bis wir irgendwann vergehen und als Bedingung im Gesamtprozess der Genesis aufhören als Kraft zu wirken. Mit allem Guten und allem Bösen, das wir einbringen.

Andere Kräfte werden Überhand gewinnen, andere Spezies, vielleicht Ameisen, Fische, oder gar etwas heute noch nicht Denkbares, Roboter, künstliche Intelligenz?

Bei den Römerbauten in Kaiseraugst kann man auf solche Ideen kommen. Begraben unter Metern von Rheinsediment liegt die einst blühende Stadt aus dem ersten Jahrhundert. Außer ein paar Fundamenten und Scherben und Steinmeißeleien ist kaum etwas übrig von der alten Hochkultur. Schrift und Sprache sind noch da, die Zahlen und auch die damalige Lebensart können von Archäologen rekonstruiert werden. In einem Flussnoteneintrag fragte ich mich, ob wir tatsächlich so viel weiter gekommen sind in unserer Entwicklung seit damals. Klar könnte man sich auf die technischen Entwicklungen berufen, Flugzeuge, Raumfahrt, Autobahnen, Kernkraft, Radwege, den Fluss gebändigt zu haben, Grenzen versetzt, Grenzen gezogen, globalisiert. Wir leben durchschnittlich zwanzig, dreißig, vierzig Jahre länger, stemmen uns dem Tod entgegen. Aber letztlich, waren nicht auch die Römer schon globalisiert, war ihre Lebenserwartung nicht auch schon erheblich länger als die der Steinzeitmenschen?

Im Grunde tun wir seit Jahrtausenden doch immer nur eines: uns in stetigem Miteinander und Gegeneinander langsam weiterentwickeln. Das Grundgefüge des Wie-wir-Menschen-leben hat sich kaum geändert.

Ein muskulöser Kerl, ich sah ihn im Augenwinkel mit nacktem Oberkörper an einer Trimmdich-Strecke nahe Basel von Stange zu Stange hangeln. Wie so ein Rocky Balboa. Demonstrativ mächtig. Daneben die zierliche Freundin, ihn anstarrend, was für ein Schnappschuss am Rande meines Weges. Der Muskelmann als Sinnbild für Menschheit, die affengleich im Rad der Jahrhunderte von Technologiestufe zu Technologiestufe schwitzt und in sich doch nur ein Rädchen im großen Evolutionsgetriebe ist.

Wie eine Erinnerung an das Ende stand plötzlich ein fast fünfzig Meter langer Plastikdinosaurier in einem Park vor Basel. Längst ausgestorben, von Menschen mühsam rekonstruiert. ein Seismosaurus, datiert auf die späte Jurazeit.

Das Anthropozän wurde kürzlich propagiert, das Menschzeitalter. Es klingt mir selbstherrlich, denn es bedeutet, dass wir Menschen ähnliche Auswirkungen auf den Weltenprozess haben wie etwa die Eiszeiten.

In den Flussnoten ging es für mich alleine schreibend weiter. Das live geschriebene Buch wächst und wächst. Ganz langsam. Blogeintrag um Blogeintrag. Genau wie der Fluss Tropfen um Tropfen wächst. Die Schreibarbeit auf dem Handy ist harte Arbeit. Stets bin ich am Denken, verarbeite die Eindrücke des Tages, abstrahiere, forme das Buch bewusst und zu einem guten Teil auch unbewusst; und wenn ich den größeren Komplex betrachte, mein Blogkonglomerat, das mittlerweile aus drei Blogs besteht, die ich regelmäßig füttere, so bin ich ein bisschen stolz. Noch letztes Jahr glaubte ich nicht daran, dass es funktioniert, mehr als ein Blog ernsthaft mit Inhalt zu bestücken. Dass nun dieses Blog auf irgendlink.de zu einer Art Metablog für flussnoten.de geworden ist und ich spielerisch auch noch das erdversteck.de als Sprachrohr des fiktiven Künstlers Heiko Moorlander mehrmals wöchentlich befülle, ist im Grunde auch eine Art Evolution. Meine kleine private Künstler- und Schriftstellerevolution sozusagen.

Drei Wochen Rheinwandern und ein bisschen reisemüde – oder auch nicht | #flussnoten #ibcoco

Daheim. Endlich wieder daheim in der Schweiz. Der Rucksack ist voller schmutziger Wäsche und leer von Lebensmitteln. Das letzte Wasser nur einen halben Kilometer vor Frau SoSos Wohnung, ein Genuss, wie die Plastikflasche leerläuft, Schluck um Schluck, wohl wissend um den Dorfbrunnen direkt vorm Haus, die Wasserhähne in der Wohnung, das Badezimmer, die Badewanne, wo alles fließt, wenn man es will. Von einer ressourcenbeschränkten Welt des Unterwegsseins trennt uns nur noch die Haustür. Aufschließen. Rein. Fallenlassen. Nicht so wie man es in den letzten Tagen gewohnt war, sich unter eine Brücke zu retten vor Sonne oder vor Regen, sondern auf ein echtes, weiches, sauberes Sofa fallen, alle Viere von sich strecken, die Decke anstarren und sogleich den Wunsch zu verspüren, die Decke wäre Sternenhimmel, Naturgewalt, Wolken, die sekündlich ihr Aussehen ändern und der Phantasie einen Spielplatz bieten. Oder wenigstens der graue Beton einer jener vielen Rheinbrücken, wie sie ab etwa Liechtenstein im Abstand weniger Kilometer den breit gewordenen, kanalisierten Fluss überspannen.

Die dritte Reisewoche führte uns durch ein von Menschen kultiviertes Land mit zunehmender Bebauung, Straßen, Bahnlinien, Autobahnen, Grenzübergängen. Wir denaturieren wieder, sagte Frau SoSo.

Etwa 160 bis 200 Kilometer sind wir in den 21 Tagen über Stock und Stein gewandert.

Nachdem wir wild in den Hochalpen die Wanderung begonnen haben und den Planeten ein bisschen so erlebten, wie er aussehen würde ohne uns Menschen, wie er sich anfühlen, anriechen, anhören und anschmecken würde, wenn wir Menschen nicht wären, dreht die Uhr der Reise alles wieder auf Anfang. So wie wir das Land verlassen haben, finden wir es auch wieder vor.

In der Zwischenzeit, so konnten wir in den Sozialen Medien, meist auf Twitter, mitlesen, ereignete sich Weltbewegendes. Vom Massaker in Nizza über den Putschversuch in der Türkei, die US-Wahl-Schmutzschlacht und die Amokläufe in Bayern waren wir stets dabei. Einer der ungeschrieben Blogeinträge des Flussnotenblogs trägt den Titel „Putschversuch am Gebirgsbach“. Er handelt von unserer alltäglichen Welt als Menschenvolk und wie wir virtuell und per Kurznachrichten über fast alles und überall auf dem Planeten informiert werden. Polarisiert, manipuliert, dahingeworfen in einem wilden Meinungsmeer.

Was geht es uns an? Uns persönlich, die wir hier draußen wandern? Die Antwort, die ich mir selbst gebe, wenn ich mitkriege, dass da einer mit Machete eine Ubahn aufmischt, dort ein Spinner mit dem LKW durch eine Strandpromenade rast und fast hundert unschuldige Menschen tötet, am Bosporus ein paartausend Andersmeinende versuchen, das unbequeme Staatssystem mit Gewalt zu ändern, die Antwort rangiert zwischen den beiden Extremen Nichts und Alles.

Du kannst dich in dieser Welt nicht entziehen. Du gehörst als Mensch unweigerlich und immer dazu, wenn du unter Menschen lebst. Alles gehört dazu. Alles gehört zusammen. Die armen Schweine, die hie und da in einem Stall am Alpenrhein gemästet werden, damit wir etwas zu fressen haben, gehören genauso zum System Menschengesellschaft, wie der Enzian, der einsam auf über zweitausend Metern am Pazzolastock wächst und per Gesetz unter Naturschutz gestellt wurde.

Wenn mir auf dieser Reise eines live vor Augen geführt wurde, was ich über die Menschen, über uns Menschen wissen muss, dann, dass wir alles bis ins Letzte vereinnahmen, es uns zu eigen machen, es mit Regeln schützen oder zerstören, sei es nur, dass man weit unten am Rhein, dort wo das Land lebbar und nutzbar geworden ist, ein Gewerbegebiet in die Kiesbänke baut und als Entschuldigung an die Natur andernorts ein Biotop für die enteigneten Frösche gräbt. Wie ein Indianerreservat. Das schlechte Gewissen, das wir, wenn wir unsere Eingriffe in die Natur anschauen hin und wieder entwickeln, bringt auch ein bisschen den Willen zur Sühne mit. Vielleicht ist es aber auch nur ein Funke Erkenntnis, dass es uns selbst an den Kragen geht, wenn wir so weiter machen.

Der Rhein war mal eine richtige Kloake. Ein ungenießbares, dreckiges Stück Gülle, das dem Meer entgegen trieb und das kaum noch Leben zuließ. Die Erkenntnis, dass wir auf das Wasser in Form von Uferfiltrat angewiesen sind, führte in den 1980er Jahren zu gemeinsamen Anstrengungen der acht Rheinanrainerstaaten, die Wasserqualität per Gesetz zu verbessern. Kläranlagen, Fischtreppen, Grenzwerte. Ein Minister, der im Tauchanzug den Fluss bei Mainz durchschwamm. Gutso.

Wir sind da, sagte Frau SoSo vorgestern und wies mit dem Kinn den Damm hinauf, weg von dem breiten Kiesweg, dem wir in glühender Hitze gefolgt waren zwei drei vier fünf Kilometer weit. Da hinter dem Damm ist der Bodensee, sagte sie mit Blick auf das GPS im Smartphone. So ächzten wir den vielleicht fünf Meter hohen Damm hinauf, kindlich naiv darauf bedacht, die Flora in dem befestigten Menschenwerk nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Bunte Blumen, Gräser, die voller Samen und halb vertrocknet ihre Ähren neigten, bloß keine Schnecke  zertreten, bloß keine Ameisenstraße zerwühlen. In gewisser Weise sind wir achtsam, wohl wissend, das jeder unserer Schritte, von uns nicht wahrgenommene Kollateralschäden in der Natur hinterlässt. Fast wie der Buddhist, von dem man sich erzählt, er bete jeden Abend für alles, was er in der Natur zerstört hat, jeden Käfer, jede Schnecke, jeden Grashalm, den er durch pure Existenz und des eigenen Vorankommens willen versehenlich aus dem Leben reißt.

Wir sind da. Der Rhein mündet in einem drei vier Kilometer langen, künstlichen Bett, das von Dämmen umgeben ist bei Fußach in den Bodensee. Sein eiskaltes Wasser taucht sofort ab, strömt unterseeisch weiter nach Norden, mischt sich auf vielleicht achtzig Kilometern mit dem warmen Seewasser, bis er als Seerhein in Konstanz weiterfließt.

Wir lassen uns unter einer Weide fallen, neben uns zwei Angler, mit denen wir uns anfreunden. Sie fangen einen winzigen Barsch, schuppen ihn, nehmen ihn aus. Das Fischlein zuckt auch noch im geschuppten und ausgenommenen Zustand. Barsche darf man bei jeder Größe aus dem See angeln, sagen sie. Es gibt genug davon. Zu viele. Der Barsch gehört eigentlich gar nicht hierher, so will es die Natur. Wir Menschen haben den Zierfisch einst hier ausgesetzt. Nun plagt er.

Die Weiden regnen. Die Welt schwitzt. Libellen fliegen und Zeppeline und auf dem See liegen hunderte Motorboote vor Anker. Menschen baden, kühlen sich. Sie haben sich selbst hier ausgesetzt und nun sind sie eine Plage.

Wir wissen es nur nicht.

 

Flussnoten – Wandern am Rhein, zweite Woche | #flussnoten #ibcoco

Wenn Ihr mich fragt, wo warst du heute vor einer Woche, ich müsste passen. Tage, Stunden und Minuten spielen keine Rolle mehr. Der Alltag hat sich völlig aufgelöst und ist einem wandernden Dahintreiben am Rhein gewichen. Auch die Alltagszipperlein, die einen hin und wieder plagen, Verspannungen, Kopfweh, brennende Augen, sind wie weggeblasen. ‚Die heilsame Kraft der Reise‘, titelte Mitbloggerin und Mitwanderin Sofasophia gestern in unserem gemeinsamen Blog Flussnoten. Wie der Rhein, ist es gewachsen Eintrag um Eintrag, Seite um Seite. Stark geworden ist es. Ein richtiges Buch in Blogform.Wir sitzen gerade am Rheinstrand fast schon in Liechtenstein. Hinter uns ragen zig Meter hohe Felsen, um uns abgestorbene Bäume, Efeu, Beerensträucher, Gras, Sand und Kies, eine Feuerstelle. Unser Trinkwasser haben wir aus dem Rhein geschöpft und abgekocht. Es ist sandig. Seit Chur, der Kantonshauptstadt von Graubünden, wollen wir es nicht mehr einfach so trinken, obwohl man das wahrscheinlich gefahrlos tun kann.

Die Woche war unheimlich anstrengend. Ab Ilanz brachte die Rheinschlucht auf schmalen, teils gefährlichen Wanderpfaden ein einziges Auf und Ab mit sich, so dass wir wohl mehr Meter kraxeln mussten, als am allerersten Reisetag. Allerdings in Raten. Hier mal 200 Meter aufwärts, dort wieder runter zum Fluss, zum Einkaufen hoch ins nächste Dorf usw. In der Schlucht gibt es keine Läden, aber Bahnhöfe, die die Rhätische Bahn bedient.

Ilanz am letzten Sonntag. Erste größere Siedlung, eine Stadt sogar.

Richtig geschäftig wird das Rheintal aber erst ab dem Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau. Das Tal ist nun breiter. Es gibt Felder. Einzelne Gehöfte. Monströse schwarze Silos. Kieswerke. Stromleitungen. Die Autobahn summt, übertönt gar den gebändigten Fluss, der immer gerader wird, Begradigungen sei Dank. Spätestens ab Chur hat der Mensch die totale Kontrolle über Fluss und Tal übernommen. Stauwehre. Noch mehr Kieswerke, Industrie und Handwerksgebiete, Motorradhändler, Baufirmen, Dienstleister, ein Biotop bei Zizers, das per Menschengesetz eigens gebaut werden musste, um die Fläche zu entschädigen, die ein Gewerbegebiet nahe Landquart vereinnahmt.

Heute war der erste Tag, an dem wir nur am Fluss wanderten. Er heißt hier Alpenrhein bis zu seiner Mündung in den Bodensee. Schnurgerade gings auf dem Rheindamm flott voran. Rheinüberquerung 18 bei Landquart und 19 bei Bad Ragaz. Das Flussbett ist vielleicht dreißig, fünfzig Meter breit. Vorbei an Heidiland und der Heidigemeinde Maienfeld wanderten wir und landeten unerhalb Fläch in einem wunderbaren Naturgebiet. Ein Fest für Vogelkundler. Rechtsrheinisch steigen Felswände senkrecht auf. Hier hört man keine Autobahn, nur Vögel, Insekten und den Fluss.

Schätzungsweise hundert Kilometer, vielleicht hundertzwanzig oder noch mehr sind wir schon gewandert. Noch eine Woche bleibt uns für die etwa sechzig Kilometer bis zum Bodensee.

Artist in Motion