Digitale Expeditionen

Die Vorreisezeit bei solch digitalen Expeditionen, wie muss man sich die vorstellen?

Wir befinden uns in Woche Minus 3. Der Countdown oben links im Blog sagt, es sind noch 18 Tage bis zum Tourstart. Dann werde ich mit voll bepacktem Radel, Zelt und Campingküche aufbrechen zu einer Reise, die ich vor genau zwanzig Jahren schon einmal gemacht habe. Von Mainz bis nach Alta in Norwegen und weiter bis zum Nordkap.

Dieses Mal breche ich in Zweibrücken auf, radele durchs Saarland  die Blies hinauf, die Nahe runter anderthalb Tage bis nach Mainz. Ab dort folge ich der alten Strecke, die ich in dieser Google-Map skizziert habe. Ich versuche, die alten Bildstandorte zu finden und zu fotografieren wie 1995. Nur eben digital mit dem Smartphone.

Ein ähnliches Experiment habe ich übrigens schon einmal gemacht. In den Jahren 2000 und 2010 habe ich Frankreich durchradelt und zwischen Zweibrücken und Andorra die gleichen Bildstandorte aufgesucht. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

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Zweibrücken-Andorra 2010 war die erste Passage in diesem Blog, die mit dem iPhone von unterwegs gemanaged wurde. Ein echtes Abenteuer mit damals sehr spartanischer WordPress App. Per Mail und SMS sendete ich die Bloginhalte an die Homebase, in der die liebe SoSo am Projekt mithalf. Ich erinnere mich an diese denkwürdige halbe Stunde auf der Allierbrücke in Le Nouveau Monde, in der ich ein Bildchen mailte. Dieses Glück, als es endlich klappte.

Links zu den beiden Reisen innerhalb dieses Blogs

Die Etappen 2000 bei Everytrail (Rekonstruktion auf Basis der handschriftlichen Notizen)

  • Tag 1 -> Zweibrücken bis Lutzelbourg
  • Tag 2 -> Lutzelbourg bis Bayon (Mosel)
  • Tag 3 -> Bayon bis Montigny (Wildzeltplatz)
  • Tag 4 -> Montigny bis Dijon
  • Tag 5 -> Dijon bis Autun
  • Tag 6 -> Autun bis Motte aux Chennes bei Marcigny
  • Tag 7 -> Motte aux Chennes bis Villerest
  • Tag 8 -> Villerest bis Feurs (ein absolut verregneter Tag)
  • Tag 9 -> Feurs bis Prats de Mars bei Vorey
  • Tag 10 -> Vorey bis Chapeauroux
  • Tag 11 -> Chapeauroux bis Le Pont de Montvert
  • Tag 12 -> Le Pont de Montvert bis in die Tarn-Schlucht
  • Tag 13 -> Tarn-Schlucht via Millau … (Wildzeltplatz)
  • Tag 14 -> Tarn bis Roquecourbe
  • Tag 15 und 16 ->Roquecourbe Canal du Midi bis Ax les Thermes
  • Tag 17 -> Ax les Thermes bis Seo ‘d Urgell

Feilen am Publishing System

Ich hatte schon erwähnt, dass ich die kommende Reise gerne zweigleisig publizieren möchte. Zum Einen wie gewohnt per Blog in einer Art Tagesrhythmus, also wie tägliche kleine Zeitungsberichte. Zum Anderen auf Twitter in 140 Zeichen lange Aphorismen zerlegt mehrmals täglich. Ich weiß nicht, ob das zeitlich machbar ist, schließlich hat man es als radelnder Reisender auch mit ganz anderen Rhythmen zu tun, als mit Schreib- und Denkrhythmen. Das Leben auf der Straße, kunstschaffend, ist wie ein inneres Konzert. Eine Art literarisches, schöpferisches Kammerorchester … wer dirigiert?

Auch der physische Rhythmus ist wichtig unterwegs. Man wird müde, hungrig, muss sich was kochen, Lagerplatz suchen, der Gedankenrhythmus, so er sich denn einstellt, ist stetigen Störungen unterworfen. Aber diese anderen, scheinbar störenden Rhythmen befeuern ihn auch. Der Input aus der Umgebung. Begegnungen mit Menschen. Situationen. Die Umwelt. Gefühle. Das Wetter. Gegenwind. Allesamt Unkalkulierbarkeiten, die als – ich will nicht sagen Stör – Geräusche mitspielen im Orchester der Livereise.

Twitter nun. Wie muss ich mir das vorstellen als Laie? Es ist ein sogenanntes Microbloggingsystem. Die Blogeinträge sind maximal 140 Zeichen lang.

Klingt kompliziert, gell? War es auch anfangs. Ich habe fast drei Jahre gebraucht, bis ich letzten September endlich mit meinem Twitteraccount warm geworden bin. Ich hatte einfach nicht kapiert, wie einfach es ist. Im Grunde ist es eine Art kollektive Gedankenablademaschine, ein Kommunikationsmedium und zudem kann es eine Schreibstilschule sein. Wer nur 140 Zeichen hat, um einen philosophischen Gedanken, eine Herzensangelegenheit oder einen Scherz zum Ausdruck zu bringen, lernt schnell, welche Worte wirklich wichtig sind (wenn dieser Satz ein Tweet wäre, sähe er anders aus).

Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur testen, wie ich Tweets aus dem Twitteraccount auf dem Smartphone in einen Blogeintrag einfügen kann. Also mit Kasten außenrum, Zeitstempel usw. Scheint per Mailexportfunktion und Copy und Paste zu gehen. Über das innere Kammerkonzert der feinen Künste schreibe ich dann in einem späteren Beitrag.

Irgendlink (@irgendlink)
Ein Dienstag im Montagskostüm. Das erste Ungeschick schon hinter mir. Ich bin gewarnt. Bloß keine Kettensäge heute.

Bloggen, digitale Bildhauerei

Im Vorfeld der Radreise ans Nordkap das Blog neu zu strukturieren kommt mir vor wie Bildhauerei. Pixelmeißeln. HTML-Schnitzen. Auf Lebenswertvoll.ch hat die liebste SoSo ein Crowdfunding angelegt, das ich heute mit ein paar Inhalten ausgestattet habe. Es muss noch ein bisschen daran gefeilt werden. Wie auch hier am Irgendlink-Blog.

Ich möchte bei der kommenden Livereise #AnsKap auch eine Kurzübersicht in Form einer Kategorie anbieten, die es ermöglicht, wöchentlich in aller Knappheit das Voranschreiten der Reise zu beobachten (danke, Angelika für den Hinweis). Wer das volle Programm will, schaut entweder täglich hier vorbei, oder wählt die Rubrik #AnsKap. #AnsKap ist auch der offizielle Hashtag bei Twitter und Facebook für mein Reiseprojekt.

Für die Wochenberichte werde ich eine Rubrik AnsKapWeekly einrichten. Und wer so verrückt ist, dem Artist in Motion permanent auf den Fersen zu bleiben, schaut bei Twitter vorbei.

Zur Finanzierung insbesondere des Rückwegs bin ich wohl auf ein bisschen Unterstützung angewiesen. Die Reisekasse verzeichnet 1500 Euro für drei Monate unterwegs. Könnte klappen, rechnet das Kunstbübchen in mir. Der Rückweg ist unfinanziert (vielleicht hilft ja der Ruf: ich bin ein Künstler, holt mich hier raus :-) ).

Zum Glück ist mir die Sache mit den iDogma-Postkarten, siehe Artikel zuvor, wieder in den Sinn gekommen. Das wird ein kleines Kunstprojekt im Kunstreiseprojekt. Ich verschicke ab Smartphone mit einer App selbst gestaltete Künstlerkarten – weltweit. Jeder, der eine bestellt, ist Teil des Gesamtkunstwerks. Eine Art Brotkrümelspur aus Botschaften entsteht so. in meiner Phantasie spiele ich mit dem Gedanken, dass in einer Zukunft irgendwann ein Kuratorium für eine Ausstellung über diese, unsere Digitale Frühgeschichte, die Besitzerinnen und Besitzer dieser Postkarten, also Euch oder Eure Erben anschreibt, um alle Karten in einer Gesamtschau zu zeigen. Na, wäre das was?

Eine kniffelige Meißelei am heutigen Tag war zweifellos die Schnitzarbeit an dem Paypal-Knopf auf der rechten Seite, mit dem Ihr die Karten bestellen könnt. Ich hoffe, ihr kommt damit zurecht. Lasst es mich wissen falls nicht. Dann finden wir einen anderen Weg, wie Ihr an die Postkarten kommt.

Nun steht noch die here Trainingsaufgabe an. Sowohl Schreiben, als auch Radfahren möchte ich trainieren. Ehrlichgesagt raucht mir der Kopf von all den Zu-Bedenkens und ich bin heilfroh, wenn ich endlich losradeln kann und meine Kräfte wieder kanalisieren kann.

 

iDogma Postkarten – Eine postalische Brotkrümelspur zum Nordkap

Ein digitales Monument, das sich wie Lava durch die Risse der tektonischen Platten des frühen Internet drückte, feiert heute seinen vierhundertsten Geburtstag in einer Sonderausstellung im Museum für Digitale Frühgeschichte – (Lind Kernig, Kunsthistoriker, 21. Mai 2415)

Nichts hat mein künstlerisches Schaffen so sehr verändert, wie das Smartphone mit seinen kompakten Möglichkeiten. Auf engstem Raum des handtellergroßen Minicomputers kann ich nicht nur schreiben, fotografieren und direkt im Internet veröffentlichen, sondern auch wichtige künstlerische Arbeitsschritte mit Hilfe der mannigfaltigen Apps durchführen. Eigentlich muss man sich als digitaler Künstler nicht die Hände schmutzig machen mit Farbe und Pinsel, man kann alle Arbeitsschritte im Smartphone erledigen und das Kunstwerk in Datenform zu einem Ausbelichtungsdienst schicken, der es direkt an den Kunden schickt. Sogar ein kleines Buch habe ich schon einmal während einer langen Ausstellungsaufsicht, in der kaum Gäste in die Ausstellung kamen auf dem Smartphone gestaltet, es an ein Portal geschickt und ein paar Tage später kam das Büchlein “iDogma One” per Post. Druckfrisch, gebunden.

2011 hatte ich eine Serie gestartet mit Postkarten die aus dem digitalen Stehgreif geboren waren. Fotos und Texte mit einer App kombiniert und per Mobilfunknetz gesendet kamen als Künstlerpostkarte unikat zu einigen wenigen Freunden und Bekannten. Der Reiz etwas tun zu können löst unweigerlich die Kräfte aus, es auch tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Die beiden ersten Postkarten gingen zum Test an mich selbst. Ich wollte mich von der Qualität überzeugen und ob das, was ich da auf dem Telefon zurecht fummelte auch mit dem, was ich mir in “Echt” vorstellte kongruent ist. Die Karte kam per Royal Mail ein paar Tage später zu mir nach Hause.

iDogma Postkarte 1.1
iDogma Postkarte 1.1
iDogma Postkarte 1.1 Rückseite
iDogma Postkarte 1.1 Rückseite

Leider ist das Projekt ein bisschen eingeschlafen. Ich bin einfach keine Rampensau, die solch ein Projekt bis in alle Welt durchboxt und daraus eine Künstlermasche macht. Dennoch hat die Idee ihren Reiz (zumindest bei mir) nicht verloren.

Zur bevorstehenden Reise ans Nordkap mache ich einen neuen Anlauf.  Aus den täglich frisch aufgenommenen Kunstfotos gestalte ich individuelle Postkarten, garniert mit Tweets, Aphorismen. Per App werden sie an den Postkartendienst Touchnote übermittelt und per echter Post versandt. So entsteht neben der fotografischen Reise mit der konzeptuellen Straßenfotografie auch eine unikate Postkartenserie. Alle Entstehungs- und Versendungsorte werden notiert. Die Empfängerinnen und Empfänger erhalten ein Kunstwerk, das ins Gesamtkonzept eingebunden ist.

Mit dem Kauf einer iDogma Karte #AnsKap unterstützt Ihr zudem das Projekt.

Rechts in der Seitenleiste könnt Ihr eine Karte bestellen. Ab dem 15. Juni versende ich sie von unterwegs.

PS: Bloß schön die Postkarten aufheben, damit das Museum für Digitale Frühgeschichte auch etwas auszustellen hat, heute in vierhundert Jahren :-)

Euer Irgendlink

 

 

Memoiren

Kürzlich hatte ich eine Mail im Postfach mit dem schlichten Betreff “Memoiren”. Absender war mein Freund und Künstlerkollege Sven Schalenberg. Im Anhang zwei Dokumente und ein Jpeg-Bild, die sein Leben darstellen (danke Sven, für das Vertrauen). Skizzenhaft, nicht ausformuliert, hastig geschrieben mit etlichen Zeitsprüngen, themenbedingten Reisen durch das eigene Leben. Die Dokumente von zwanzig dreißig Seiten stellten das Leben einmal als Künstler, einmal als Privatmann dar. Das Bild – Schalenberg ist ein großartiger Maler – zeigte das Leben auf grafisch-malerische Weise mit Prognose, wie es womöglich weitergeht. Definitiv ein guter Entwurf für Memoiren, so dass ich dachte, warum bist du nicht berühmt genug, dass sich ein Filmteam deiner annimmt, oder ein Biograf. Wie es sich für große Künstler geziemt.

Auf seiner Webseite erfährt man in der Vita über den Künstler auch dass 1988 MS bei ihm diagnostiziert wurde. Sowohl in den Memoiren, als auch für diese frühe Reaktion, “inmitten des gelebten Lebens” schon daran zu werkeln, spielt die Erkrankung eine große Rolle.

Wir denken eigentlich viel zu selten an das eigene Ableben. Marcel Duchamp hatte einst gesagt: “Es sind immer die Anderen, die sterben“. Der eigene bevorstehende Tod wird einem immer nur dann ins Bewusstsein gerückt, wenn man auf eine Beerdigung geht, oder selbst einen gesundheitlichen Schicksalsschlag erleidet. Dabei kann es fast jederzeit und überall passieren. Zack und weg und was dann, mit den angesponnenen Lebensfäden? Ich weiß nicht, ob es bei uns Künstlern und Schreibern “unvollendeter” vorgeht, als etwa in einem Beamten- oder Fabrikarbeiter- oder Hausfrauenleben. Vielleicht ist Leben und das eigene Werk stets unvollendet? Auch wenn man nur motivationslos den ganzen Tag vor dem Fernseher liegt? Ich weiß nicht. Man dürfte nicht über die Innenwelten anderer spekulieren. Wer weiß, vielleicht schlummert im scheinbaren Nichtsnutz ein wunderbarer Philosoph, der insgeheim, Sitcoms konsumierend an der Weltformel arbeitet?

Bei kaum einer Berufsgruppe wird das sogenannte Lebenswerk so bildlich und deutlich dargestellt wie bei uns Künstlern (weil es nun mal bildlich zu Tage tritt). Kann ich das so sagen, ohne dass es überheblich wirkt gegen etwa die Vereinsvorsitzende eines Vereins zur Völkerverständigung, gegen den Modellbauer, der ein Leben lang an einer riesigen Modellbahn arbeitet?

Mein Nachbar, habe ich mir sagen lassen, schreibt auch gerade an seinen Memoiren. Von hunderten Seiten ist die Rede. Er ist 86 Jahre alt, körperlich und geistig ungewöhnlich fit. Es ist unwahrscheinlich, dass Freund Schalenberg, ja selbst ich, einmal so alt werden. Wir alle sind angezählt, aber im Gegensatz zum Boxkampf hört das Zählen nicht auf, weiß man nicht, wie weit bei jedem gezählt wird.

Auch ich denke seit 2009 (da war es mal echt knapp mit dem Weiterleben) über so eine Art Memoiren nach. Vielleicht ist das ein menschliches Bedürfnis, noch einmal zu erzählen, das und das war mir wichtig. Vielleicht ist es auch nur künstlerische Eitelkeit? Oder der Versuch, auf diese Weise dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Ob wohl dieses Blog taugt Memoiren zu sein, war zunächst die naive Frage. Seit 2001 entstehen hier mehr oder weniger persönliche, selbstdokumentierende Texte und Bilder. Sie balancieren hart am Rande der Wahrheit, obschon Monsieur Irgendlink stets fest und steif behauptet hat, dass er und ich, nicht in einen Topf zu tun seien. Dass er der Schauspieler ist auf der Blogbühne, der wie in einem Schattentheater das spielt, was ihm die Regie aufgibt.

Ein großer Unterschied zu Memoiren dürfte wohl sein, dass viele Texte in (m)einem Blog direkt aus der Gegenwart heraus entstehen. In den Livereisen sind sie meines Erachtens sogar so direkt, dass sie fast exakt den gegenwärtigen Status, die gegenwärtige Befindlichkeit des Erzählenden wieder geben. Wie schrieb ich einst: “eine Operation am offenen Herzen der Literatur. Kaum gedacht und erlebt und schon gebloggt”, ich nähere mich in meinen Blogtexten der Gegenwart auf ein nahezu unüberbietbares Maß, dass – wenn wir Menschen wären, die Gegenwart und ich – wir gegenseitig den Atem auf unseren Wangen spüren könnten.

Vielleicht muss im Zeitalter des Weblogs und der sogenannten Sozialen Medien auch einfach die Geschichte der Memoiren neu geschrieben werden? Die Erinnerung wird ersetzt durch ein direktes Mitdiktat des gelebten Lebens und du hast einzig das Problem zu lösen, bei diesem Mitschnitt so ehrlich wie möglich zu sein, denn auch das ist ein Unterschied zu den herkömmlichen Memoiren: Ein Blogger, der im blühenden Leben steht und weiß, dass man ihm bei seinem selbstdokumentierenden Tun über die Schulter schauen kann, schreibt anders, als ein Mensch, der im stillen Kämmerlein in der Nähe des eigenen Todes seine Erinnerungen auf Papier rettet.

Ich werde in diesem Blog nun eine Rubrik “Memoiren” einrichten. Nur für den Fall, dass sich Vergangenes in den Mahlstrom meines Erzählens einschleicht. Memorierenswertes.

Tröpfchenberegnung der feinen Künste

1995. Ungestüm. Voller Ideen. Das Konzept Kunststraße geisterte seit etwa einem Jahr in Herrn Irgendlinks Kopf.

Im Nachhinein sehe ich es irgendwie landwirtschaftlich. Wie ein Same wuchs eine Idee, die unbedingt größer werden wollte. In meinem verrückten Künstlerkopf. Ein abstrakter Acker, der, wenn man ihn darstellen wollte ein ganz normales Menschenhirn ist. Fruchtbarer Boden aus Grauen Zellen und Synapsen, der ohne Unterlass das Geschehen um mich herum aufsog; wie Wasser und Dünger, die den Samen nährten und groß werden ließen.

Eigentlich ist es mit dem eigenen Hirn, dem Denken, dem Bewusstsein, dem Fühlen, dem sich selbst Entwickeln tatsächlich ein bisschen wie mit einem Gemüsegarten. Die angebauten Früchte sind Ideen, Information gewordene  Kulturpflanzen. Je nach Geschmack kann man diesen Garten in seinem Inneren gestalten. Manches gedeiht gut. Anderem fehlt vielleicht Licht, Wasser, Nährstoffe. Bis zu einem gewissen Grad kann man selbst bestimmen, was in diesem Garten wächst.

Aber es schleichen sich womöglich auch Beikräuter ein, die man nicht in diesem Garten sehen will. Die Unabdingbarkeiten des Lebens werden herübergeweht und fassen in der eigenen Kultur Fuß. Wie man damit umgeht, dass z. B. der Nachbar Gewächse über die Grenze wachsen lässt, hängt davon ab, wie stark der Gestaltungswille im eigenen Ideengarten ist.

Die Kunstidee war jung. Verreisen und alle zehn Kilometer ein Foto der bereisten Strecke machen und an der monotonen, scheinbar zufälligen Serie von Straßenbildern andere, sehenswertere Bilder wachsen lassen. Es braucht nicht viel, um ein solides Kunstkonzept zu säen. Die langwierige Pflege ist das Problem.

Schon ein Jahr zuvor, 1994, hatte ich die Kunststraßenidee erstmals ausprobiert. Ich wollte von meinem damaligen Wohnort Oppenheim, am Rhein südlich von Mainz nach Berlin an die Akademie der Künste radeln, alle zehn Kilometer ein Straßenfoto schießen, Gegenstände im Straßengraben sammeln, daraus Collagen machen, Zeichnungen, Geschriebenes. Dieses unterwegs gesammelte Material sollte in eine Mappe einfließen, die, auf der Straße zusammengestellt, meine Bewerbung an der Kunstakademie werden sollte.

Die Reise scheiterte nach ein paar Tagen hinter dem Vogelsberg in Mittelhessen am schlechten Wetter und auch an den künstlerischen Rahmenbedingungen. Ich konnte weder gut fotografieren, noch zeichnen, noch schreiben. Ich hatte nur das Saatgut für mein Konzept, wusste aber nicht, wie ich die Werkzeuge und die Düngemittel einzusetzen hatte. Natürlich klappte auch die Bewerbung an der Akademie nicht.

Zum Glück konnte ich ein paar Samen überwintern, so dass 1995 mit dem Kapschnitt eine erste Fotoausstellung realisiert werden konnte. Im Dezember wurde sie in der frisch gegründeten Galerie Walpodenstraße meines Freundes und Reisegefährten QQlka ausgestellt.

Bis ins nächste Jahrtausend (gell, das klingt schön theatralisch) bauten wir gemeinsam und oft auch ich alleine einige dieser Kunststraßen. Als raumgreifende Fotoinstallationen wurden sie in Mainz, Wiesbaden, Fürth und im legendären Club W71 in Weikersheim gezeigt. Krönend war sicher die Einladung ins Rahmenprogramm der Intercycle Cologne, die mir einen riesigen Doppelstand zur Präsentation meiner Kunststraßen zur Verfügung stellte. Zwar nicht die Art Cologne, wo es eigentlich hingehört hätte, aber immerhin.

Ab 2001 wurde es, nach einer Ausstellung im Kultursommer Rheinland-Pfalz zu anstrengend, die Rauminstallationen zu bauen – in einem Parkhaus in meiner Geburtsstadt Zweibrücken baute ich letztmals eine etwa vierzig Meter lange Kunststraßenkonstruktion. Solche Kunst zu verkaufen war einfach unmöglich fernab der Tröpfchenberegnungsanlage des Kunstmarkts.

Vielleicht habe ich meinen geistigen Garten ein bisschen verwildern lassen. Aber ich blieb der Idee Kunststraße treu. Saatgut hatte ich ja genug. Von Jahr zu Jahr fotografierte ich mich in 10 Kilometerabständen durch Europa. Rund um die Schweiz. Auf Treidelpfaden durch Frankreich bis nach Andorra. Längst hatte die Google’sche Streetview das Konzept eingeholt. Das GPS wurde kurz nach einer ersten Frankreichdurchquerung im Jahr 2000 für Normalbürger freigegeben. Die digitale Fotografie knackte irgendwann um 2003 oder 2005 die Qualitätsstufe der Analogfotografie. Smartphones kamen gegen 2010 ins Rennen. Weblogs als günstige Alternative zur Veröffentlichung und zur virtuellen Darstellung von Gedanken, Bildern und Texten. Fast von Anfang an war ich dabei. Erste Texte und Bilder postete ich im klassischen HTML Format seit 2001. Das Blog als Kunstform wuchs nun in meinem Garten. 2010 versuchte ich erstmals, eine Kunststraße zum Mitreisen für eine kleine Schar von Anhängern meines Blogs täglich live zu übermitteln. Auf den Spuren der Reise von Zweibrücken nach Andorra, die ich zehn Jahre zuvor noch analog und ohne Publikum gemacht hatte, übermittelte ich Bilder und Texte per Mail und mit einer ziemlich schlechten App in dieses Blog. Im Winter folgte der Jakobsweg, der Camino Frances. Das erste literaturlastige Kunststraßending. Auf einem iPhone 3GS entstand das mittlerweile überarbeitete und auch gedruckte Buch Schon wieder ein Jakobsweg.

Erst 2012 waren sowohl Software, als auch mein Garten und ich gut genug gewachsen, dass mit Ums Meer auf dem knapp 7000 km langen Nordseeradweg ein vollständig digitales Blog-Kunstwerk realisiert werden konnte. Scherzhaft sage ich, dass ich mich auf dieser viermonatigen Reise zu einer Kunstmaschine entwickelt habe.

Das Loch nach dieser Reise war tiefer, als die Löcher, die sonst nach Reisen entstehen. Ich war arbeits-, perspektiv- und mittellos. Versuchte ein Jahr lang im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber zu alt, zu wenig spezialisiert und für das, was ich konnte, Reisen, dabei denken und dies zu vermitteln, gab es ja keinen Markt. Mein Kunstgarten gedieh zwar prächtig, aber kaum jemand interessierte sich für die Früchte.

Jeder normale Mensch hätte wohl die Klitsche verkauft oder einfach eingestampft. Was aber tun mit all den feinen Pflänzchen?

Glücklicher Weise hatte ich mich nicht zu sehr an Geld und Sicherheit gewöhnt, so dass ich wie durch ein Wunder 2013 ohne zu verhungern überlebte. Im Sommer baute ich sogar eine neue Kunststraße nach Österreich. Ziel war das Memory Of Mankind in den Salzwelten in Hallstatt. Dort hat der Keramiker Martin Kunze ein faszinierendes Langzeitarchiv angelegt, das tief in den alten Salzstollen des Bergwerks auf langlebigsten Keramiken entsteht. Die Reise wurde dort auf etlichen 20/20 cm großen Fließen archiviert. Mit gerade einmal 90 € in der Tasche schlug ich mich zehn Tage lang durch Süddeutschland und Österreich. Natürlich alle 10 Kilometer ein Foto und mannigfaltige Kunst und ein sehr persönlicher Reisebericht (nachzulesen hier in diesem Blog unter Projekte, oder eben in Minischrift im Memory Of Mankind).

Plötzlich spielte Geld kaum noch eine Rolle. Im heimischen Ateliergarten gedieh ein echter kleiner Selbstversorgergarten. Mit wenigen Kunstverkäufen und Webdienstleistungen hielt ich mich über Wasser.

2014 folgte eine weitere Pilgerreise. Zu Fuß mit meiner Liebe, der großartigen Sofasophia. Wir durchwanderten die Schweiz von Nord nach Süd, überquerten den Gotthard bis ins Tessin. Natürlich mit einem Sack voller Kunstsaatgut. Beide livebloggten wir (siehe Gotthard unter Projekte in der Linkleiste oben).

SoSo hat mit Zur Quelle hin ein eBook daraus gemacht. Auch mein Gotthardbericht wird demächst als eBook erscheinen.

Weiterhin ohne Geld durchs Leben. Ende 2014 war die Lage katastrophal. Aber wie es so ist im Leben: Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Schon lange liege ich Freund QQlka in den Ohren, wir radeln nochmal rauf zum Nordkap. Wie damals ’95. Zwanzig Jahre revival auf den eigenen Spuren. QQlka sagte nein. Sein Leben hat eine andere Richtung genommen.

Wie sollte ich die ca. dreimonatige Reise ohne Geld machen? Crowdfunding? Dazu bin ich nicht Rampensau genug. Wohin mit dem Saatgut so ganz ohne monetären Dünger? Das Lichtlein kam im Winter und leuchtete und leuchtete. Viele kleine Lichtlein, die noch erwähnt werden sollen. Es ist ja genug Zeit, die Geschichte an dieser Stelle auszubreiten. Viele alte Reisegefährten und -gefährtinnen, die virtuell dabei waren auf der Nordseerunde haben mir Unterstützung zugesagt. Wenn es nur ein warmes Wort ist, ein netter Kommentar, ich weiß, dass Ihr dabei seid und mir den Rücken stärkt.

Ein paar “Irgendwas mit Computer” Aufträge haben ein Reisebudget von etwa 1500 € zusammengebracht. Das reicht für zum Nordkap, denke ich. Über den Rückweg mache ich mir Gedanken, wenn ich dort oben stehe in der Mitternachtssonne vor dieser menschenumschwirrten Kugel an der Brandung des Nordmeers.

Dieser Artikel wurde auf dem Smartphone getippt. Fingerübung für das was da kommen mag.

Seid Ihr dabei, wenn es ab 15. Juni wieder heißt: Täglich frisch auf irgendlink.de?

Artist in Motion

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