Für den Moment eines ewigen Hundeschwanzspitzenwedelns | #kursnord

Kennst Du das Land zwischen Sand und Sand? Es heißt Skagen, vielleicht.Kennst Du das Land zwischen Watt und Sand? Es heißt Rømø, sicher …

…okay, okay, das mit dem Dichten lässte lieber bleiben, Herr Irgendlink. Dafür gibts Spezialisten. Meisterinnen der schönen Wortform, die in der Lage sind, Wortketten in akustisch und rhythmisch gefälliger Weise zu arrangieren. Dir, Herr Irgendlink, ist es eher gegeben, skurrile Zusammenhänge oder Gegenpole zu arrangieren und dadurch ein eigenwilliges Texterlebnis in Blogform zu hacken. Worte, die sich wie eine frisch ausgehobene Schlangengrube züngelnd giftelnd dennoch wunderschön zu einem Text fügen etwa der oft schnurgeraden Straße Nummer 11 entgegenzustellen, die sich vom Norden Dänemarks bei Hanstholm und Hirtshals etwa dreihundert Kilometer nach Süden in die Stadt Tønder, nahe der deutschen Grenze zieht. Immer ein paar Kilometer vom Meer entfernt. Durchaus langweilig. Sie kann dem Erlebnis der Strecke auf dem Radweg direkt an der Küste an Schönheit in keinerlei Weise das Wasser reichen. Zwischen Thisted und Ribe läuft sie aber faszinierend schnurgerade etliche Kilometer weit und folgt den sanften Wellen des natürlich gewachsenen Bodens. Ob unter dem Gras und den jungfrischen Getreidefeldern Sand oder Fels ist? Ich weiß es nicht.

Von Skagen bis zur Insel Rømø haben wir Jütland in zweitägiger Fahrt durchquert. Das Reiseende auf #kursnord naht rapid und es liegen nun noch gut zehn Stunden Fahrt vor uns bis nach Zweibrücken, um die wir uns nicht unbedingt reißen. Deutschland auf Autobahnen zu durchqueren ist ein Gemetzel. Aber so verdammt schnell.

Jenseits von Skagen, Dänemarks nördlichster Stadt endet die Straße irgendwann an einem Parkplatz mit Kiosk, WC und einer eigenartigen Busstation, an der Traktoren mit Personenanhängern in regelmäßigem Takt verkehren. Für zwanzig Kronen kann man die letzten paar Kilometer durch die Dünen in mäßigem Tempo bis zu der kleinen Sandzunge zurücklegen, auf der sich hin und wieder Robben tummeln, aber noch viel mehr Touristen. Beindruckend, wie die Wellen der Nordsee gegen die Wellen der Ostsee schlagen, vermutlich der Tide gedankt, so dass sich eine deutliche Grenze abzeichnet.

Eine Million Menschen jährlich besuchen diese, eine von Dänemarks populärsten Tourismusattraktionen. Ohne uns also nur noch 999.998, scherze ich mit Frau SoSo. Wir haben die Schuhe ausgezogen und laufen barfuß vorbei am Grab des Dichters und Malers Holger Drachmann. Das einsamste Grab Dänemarks zwischen alten Bunkern aus den Weltkriegen, die des sandigen Fundaments beraubt in Schieflage geraten sind.

Zwei drei Kilometer sind es bis zur Landzunge. Immer eine gute handvoll Touristen im Blick, die wie wir es sich nicht nehmen lassen, die letzten Meter zu Fuß zu gehen. Vor der Küste dümpeln gut zwanzig Containerschiffe, eine fantastische Skyline und wenn man weiter blickt in die Ferne, kann man weitere Schiffe erkennen, die sich grau in grau zwischen Meer und Horizont verlieren.

Eine Million Menschen jährlich und wir sind zwei davon. Täglich also etwa 3000, rechnet mein inneres Mathegenie und belässt es bei der Unschärfe. Nur wenige laufen barfuß, was mich wundert. Ein Hundchen schiebt sich ins Bild, die Nase dicht am Boden, unvorhersehbare Schlangenlinien laufend (da isses wieder, das verknüpfte Antipodenbild mit der geraden Straße 11, mach was draus, Herr Irgendlink. Oder auch nicht). Das Hundchen wedelt unentwegt mit dem Schwanz. Wir sitzen mit Blick auf einen Bunker und die Containerflotte. Ostseewellen klatschen in einem schmalen Betonschacht. Das Hundi, wir, die anderen Menschen, die es teils recht eilig haben, zur Landmarke zu wandern. Das Hundi nicht. Es trottet gemütlich dahin, Glück aus allen Poren verströmend. Gibt es etwas oder jemand glücklicheren an diesem Strand als dieses Hundi, frage ich mich. Bin ich genauso glücklich oder gar glücklicher? Frau SoSo? Die da – mit meinem imaginären Zeigefinger fächere ich über den langen Strand und zeige auf die anderen Touristen wie auf einer unsichtbaren Theaterbühne – die da vielleicht? Lässt sich Glück steigern? Gibt es ein maximales, minimales, mittelmäßiges Glück? Das Problem von uns Menschen ist, dass sich Glücksempfinden sowohl im Kopf, als auch im Körper abspielt, vermutlich wie bei jeder anderen Tierart auch, aber wir haben im Kopf stets verschiedene Gedankenschichten mitlaufen. Alltagssorgen, Wünsche, Ängste. Ein hartes über die Jahrzehnte erlerntes, zu lieben gelerntes Zeitkorsett, das unser Zusammenleben ermöglicht, tut sein Übriges. Das Hundchen zu beobachten beim einfach nur glücklich sein und nichts, nichts, aber auch garnichts zu denken ist Glück. Für den Moment eines ewigen Hundeschanzspitzenwedelns bin ich absolut glücklich. Coglücklich mit einem fremden Hund, der sich nun tollkühn anschickt, bis zum tief hängenden Bauch in die Wellen zu planschen.

Zurück zum Hirn, das mitten in meinem Kopf all das denkt, während es vom prallvollen Glücksteller einen Happen nimmt. Es denkt auch, was wohl in all den anderen vorgeht, die gerade hier angekommen sind und am Strand gen Norden flanieren. Manche haben es eilig, als wollten sie etwas abhaken. Getrieben von Alltagssorgen? Gebeutelt von Zeitnot? Hungrigen Bauchs auf die Belohnungswurst schielend im Kiosk beim Parkplatz? Das Leckeis, der Tand, all die Souveniers? An die Lieben daheim denkend, sich verpflichtet fühlend, ihnen eine Postkarte zu schicken – sicher gibt es einen speziellen Stempel in der Boutique, den man auf die frisch gekauften Karten drücken kann. So wie am Gotthard. Oder sind sie für einen Moment vollkommen leer und friedlich, so wie ich. Ein Moment nur in der beschränkten Lebensspanne, die wir haben, kann tatsächlich die Ewigkeit ersetzen, wenn es uns gelingt, nichts. Ja. Nichts. Sonst nichts.

Der nördlichste Punkt mit der züngelnden Sanddüne zwischen den Wellen. Einer der beiden Traktoren mit riesigem Anhänger steht gerade bereit zur Abfahrt und so steigen Frau SoSo und ich ein und kaufen uns den Rückweg durchs ewig rauschende Gras auf den Hügeln. Die Taschen voller Steine und Muscheln. Frau SoSo hat zudem eine geleerte schwedische Bierdose mit Sand und Muscheln gefüllt als Geschenk für einen, der es zu schätzen weiß.

Geschäftige Hektik am Parkplatz. Autos kommen und fahren. Menschen raus, Menschen rein. Man müsste das dirigieren. Welch ein Konzert, als eine Schulklasse an zwei Mülleimern mit schweren Blechdeckeln vorbeigeht und jedes Kind brav eine der Klappen hebt, das Eispapierchen oder Kaugummi hineingibt, sie wieder fallen lässt. Ich erlebe das Konzert in Stereo zwischen den Bottichen und hinten rumpelt die hölzerne Toilettentür, umschmeichelt vom Rauschen des Winds.

Schnurstracks nach Rømø, Übernachtung auf einem Zeltplatz bei Løkken (ich berichtete gestern in einem aus der Art geschlagenen Artikel, man möge mir verzeihen) und Zack, fast am südlichsten Punkt des Landes.

Rømø ist eine Perle. Der Strand im Westen ist viele hundert Meter breit. Mit dem Auto kann man über den platt gefahrenen Sand so weit ans Ufer fahren, wie man sich traut. Badesachen raus, Schirmchen, und rein ins gar nicht kalte, unendlich salzige Wasser. Toter Mann für einen ewigen Moment zwischen Hundeschwanzwedeln und dem malmenden Hin-und-Her der Gezeiten an der westlichen Wasserfront. Auf der Ostseite der Insel bietet sich ein ganz anderes Bild: Wattenmeer, das an saftige Viehweiden stößt. Harsche, etwa einen dreiviertel Meter hohe Bruchkante. Das Meer ist zurückgewichen, als wir in der Abenddämmerung von unserem Campinplatz im Süden der Insel (ich glaube, er heißt irgendwas mit Kommandant, es gibt Hütten und auch ein Hotel und er ist nicht billig), als wir auf der Bruchkante sitzen und übers schimmernde Watt blicken. Der Mond sollte bald aufgehen. Es ist 23:23 Uhr – per Internet berechnen wir den Rückweg. Zehn Stunden nochwas bis Zweibrücken für 939 Kilometer. Das sollte zu schaffen sein in zwei gemütlichen Reisetagen.

Welcome To Future Resort |#kursnord

30. Mai 2418.Gespenstisch! Absolut gespenstisch! In der Abenddämmerung rauschen wir auf der westlichen Küstenstraße südwärts, umschiffen nur mit viel Glück die ein oder andere Radarkontrolle, die, wenn sie auslöst, unweigerlich Bremsvorrichtungen auslöst, die Reifen zerstört, den Kraftwagen lahmlegt und die Türen mittels schnell härtendem Schaum versiegelt. Es gibt dann kein Entrinnen mehr bis die Polizei eintrifft und einen befreit. Und dann wirds nicht nur teuer, sondern auch unangenehm, vielleicht sogar lebensgefährlich. Man sagt, der Neutralisator, mit denen der Hartschaum aufgelöst wird, in das das Fahrzeug samt Passagieren und Gepäck eingschlossen sind, wirkt ätzend.

Noch vor vierhundert Jahren sei die Gegend eine beliebte Feriengegend für Menschen gewesen. Mit Fahrzeugen, die mit Elektro- oder gar Verbrennungsmotoren angetrieben wurden, tourten sie auf der Küstenstraße, ließen sich hie und da nieder in eigens für sie gebauten, zur Miete stehenden Hütten. Manche hatten ihr Haus dabei auf dem Fahrzeug, andere schleppten eine Art Kiste mit Fenster hinter dem Fahzeug, wieder andere kamen zu Fuß und hatten ein Zelt aus Kunststoff. Genau wie wir.

Wir steuern eine der geschützten Rastanlagen an, in denen die Luft gereinigt wird und somit für uns Humanoide noch genießbar ist. Die Welt gehört seit der Katastrophe eigentlich den Robotern. Sie müssen nicht atmen. Ihre Haut ist gegen das saure Klima geschützt. Sie können sogar ohne jegliche Kleidung und Schutzvorrichtung in das nahe Meer steigen, ohne gleich bei lebendigem Leib (haha) gekocht zu werden. Das Wasser hat diesen Sommer eine Rekordtemperatur von 78 Grad erreicht. Manchmal stellen wir uns vor, wie es sich wohl angefühlt haben mag, als die See, die hier in der Agglomeration Lokken-Blokhus auf breiter Front an den mit Feinplastik durchsetzen Sandstrand braust, wie es wohl gewesen sein muss, als hier Menschen ins Wasser stiegen, um bei wohligen sechzehn Grad ein bisschen zu schwimmen und später in der salzigen, aber gesunden Luft auf dem weichen Sand zu liegen.

Der Sand ist immer noch weich. Aber er ist auch heiß. Ohne Schutzanzug können wir ihn nicht betreten. Nur die Retroparks mit ihren Kraftfeldern erlauben es uns Menschen, so zu leben wie vor 400 Jahren.Dennoch herrlich, das fast kochende Wasser. Durch den hohen atmosphärischen Druck siedet es erst bei 140 Grad, statt wie damals um die Jahrtausendwende schon bei 100. Dort wo die Wellen ausrollen, hat sich eine Salzkruste gebildet. Der Himmel ist, seit man vor einigen Jahren die künstliche Sonne in die Umlaufbahn gebracht hat, wieder etwas strahlender. Die Blau-Simulation, (dass es so aussieht, wie vor vierhundert Jahren vielleicht), erreichen wir durch die unermüdliche Kraft unserer Chemtrail-Bots. Ich möchte nicht wissen, wie giftig die Substanz ist, die sie dem Stickstoffsäuregemisch beifügen, damit die Atmosphäre diesen feinen blauen Retrolook erhält.

Ein später Checkin. Es ist schon fast achtzig Uhr. Die Rezeption des Resorts ist schon geschlossen. Das Kraftfeld kann man nur mit Karte oder einem Code deaktivieren, um hineinzufahren und das Zelt aufzubauen. Bisher liefen unsere bei Retro-Adventures gebuchten Ferien bestens. Im ehemaligen Schweden, das einst von einem Meer namens Kategatt vom dänischen Subkontinent getrennt war, hat es uns am besten gefallen, war die Luft am blausten. Bis zur Hohen Küste haben wir es geschafft. Ein wunderbares Gebirge, dessen höchste Gipfel weit über tausend Meter hoch hinaufragen. Bis in die Ozonschicht. Einmal Ozonschicht und zurück hatten wir uns vor den Ferien geschworen. So weit wollten wir kommen. Einmal nur ohne technische Hilfsmittel wie die Menschen damals vor 400 Jahren atmen, die alberne Silikonmaske von den Backen reißen, tief Luft holen, Jauchzen. Ozon ist zwar nicht gerade die beste Form von Sauerstoff. Es brennt in der Lunge höllisch wie hochprozentiger norwegischer Schnaps. (Okay, ich gebe zu, unser Abstecher ins Alkoholparadies Norwegia, dem einzigen Land, in dem man Alkohol legal und frei käuflich erhält – zudem spottbillig – hätte nicht sein müssen. Aua. Wassen Kater. Die Ausnüchterung dauerte Wochen. Erst als der Test an der Grenze unter den Grenzwert gesunken war, durften wir das Land verlassen. Wie sagt man so schön: Norwegia, the most beautyful drug prison on earth. Haha).

Ich schweife ab. Nach Schwedens Hoher Küste und ‚Alkwegen‘ nun also ausrollen zurück in den Alltag, zurück auf den dänischen Subkontinent. Die Tour neigt sich langsam dem Ende. Unsere Credits sind fast aufgebraucht. Durch die Personenschleuse gelangen wir -es ist üblich, dass man vorm Einchecken durch eine Personenschleuse eintreten darf, um die Luft zu testen – auf den Platz und schauen uns um. Vorsaisonale Leere. Ein typischer Spaßplatz mit Grillarreal, Kinderspielplatz, Spielhölle, Angelautomaten, an denen allbuntes Zeug lockt, mit mechanischem Steampunk-Roboterarm kann man gegen ein paar Credits angeln. Sogar eine alte, von Ionenakkus getriebene elektrische Bimmelbahn hat man – wie aus dem Museum gestohlen – wieder flott gemacht. Man kann sich vorstellen, wie das Riesengelände im Sommer pulsiert, wenn Musikbands auf den Bühnen für Unterhaltung sorgen und die Kinder auf Hoverborads durch die Gegend flitzen.

Der gigantische Schwerkraftneutralisator! Phantastisch. Nie habe ich einen größeren Schwerkarftneutralisator erlebt. Hier bleiben wir, sage ich zu Frau SoSo. Den will ich ausprobieren. Doch sie warnt: denk dran, letztes Mal auf sonem Ding hast du dir tierisch den Knöchel verstaucht und als deine Altersmanipulation aufgeflogen ist, was haben dich die Sicherheitsrobots in die Mangel genommen. Ist doch nur für Kinder bis 35 Jahren.

Oha. Ich erinnere mich. Aber dennoch, einmal noch auf dem Schwerkraftneutralisator hüpfen, als wäre man wieder dreißig. Hach, dass ist mir das Risiko wert. Und es sind ohnehin kaum Leute hier.

Wir suchen uns einen Platz. Nummer C3C3C3. Haltet mich für sentimental trist, aber ich liebe nunmal Grautöne, weshalb ich bei Hexadezimalnummerierung stets schwach werde und nur anhand der Platznummer auswähle, egal, wo sich der Platz befindet.

Zurück zur Luftschleuse. Zurück zum Late-Check-In-Automaten. Wir tippen uns durchs holografische Display, machen alle Angaben: 2 Humanoide, einer unter 35 (das fällt überhaupt nicht auf, solange nicht beide IDs verlangt werden und ich sehe mit meinen 460 Jahren tatsächlich noch viel jünger aus). Ein Vehikel, ein Zelt. Das 3D-Modell des Platzes wird eingeblendet. Frau SoSo zoomt, um hineinzugehen und sich auf den gewünschten Platz zu stellen, so verlangt es die Roboterstimme. Bitte wählen sie ihren Platz, indem sie sich an Ort und Stelle begeben und mit beiden Füßen fünf Dekunden (scheiß dekadische Zeit, aber so ist nunmal die Norm) stehen bleiben. Das Ding will nicht. Immer wieder hüpft Frau SoSo auf und ab, bis die mechanische Stimme befiehlt Stopp, Fehler. Die Stimme klingt wie einer jener Daleks aus der Kultserie Doktor Who, deren 4000ste Folge ich kürzlich gesehen habe: Eliminieren, eliminieren! Und in meiner Phantasie richtet sich ein Dalek-Laser auf Frau SoSo, der sie in kürze vaporisiert.

Nichts geschieht. Das Scheißding ist einfach in einer Programmschleife hängen geblieben. Was nun. Schon wollen wir ins Vehikel steigen und weiterfahren. Die Retro-Kette hat sich den ganzen paarhundert Kilometer langen Küstenstreifen unter den Nagel gerissen und es gibt alle paar Kilometer ein Resort.

Da kommt behäbig ein Checkinbot um die Ecke. Faszinierend echt, sein Dreitagebart, und fragt in bestem Deutsch, ob er uns helfen könne.

Nach der Registrierung senkt sich das Kraftfeld und wir dürfen auf den Platz fahren. Herrlich, wie sie die Luft hingekriegt haben. So muss es wohl vor vierhundert Jahren gerochen und geschmeckt haben. Unweit des Schwerkraftneutralisators bauen wir unser Domizil auf. Die Zeltheringe flutschen ohne Widerstand in den Polymersandboden. Und nun, da ich dies schreibe, lockt das Brummen des Destabilisators, doch endlich hinüber zu gehen und mich ein paar Runden im Schwerkraftneutralisator zu verlustieren.

Darf ich diese letzte Grenze überschreiten?

Le Konsument c’est moi | #kursnord

Schweden von Süden nach Norden zu durchqueren kommt einem viel länger vor, als von Norden nach Süden. Für Sie getestet. Wenn es auch eine selbst gebastelte Mogelpackung ist, ich liebe den Vergleich mit der TARDIS, der Raumzeitmaschine des englischen Science-Fiction-Klassikers Doctor Who. Die TARDIS sieht von außen aus wie eine alte englische Notruftelefonzelle in den sechziger Jahren. Wenn man sie betritt, findet man einen beliebig großen Maschinenraum vor mit in die Systeme integriertem künstlichem Gehirn, das alles weiß und alles steuert und die Benutzer der TARDIS durch Raum und Zeit an jeden beliebigen Ort des Universums bringen kann.Obwohl die englische Kultserie Doctor Who schon seit den sechziger Jahren fast ununterbrochen in Abenteuer durch Raum und Zeit entführt, habe ich sie erst vor einem halben Jahr entdeckt. Und bin süchtig danach. Man sagt, Doctor Who habe in England in etwa den Kultcharakter und den Rang des deutschen Tatorts, auch wenn es sich um zwei gänzlich verschiedene Genres handelt.

Der Weg hinauf zur Hohen Küste ab Malmö kam mir viel länger vor, zeitlich wie räumlich, als die Strecke zurück via Örebro und Göteborg. Wieviele Kilometer? Vielleicht 800 bis 1000. Ich müsste ausmessen, aber es spielt auch keine Rolle. Von Örebro schafften wir die knapp 400 Kilometer bis Göteborg vorgestern in gemütlichen vier Stunden reine Fahrt. Dahingondelnd mit 70 bis 100 Kilometern pro Stunde. Kleiner Abstecher zu einem herrlichen Strandbad am Vänernsee nahe Lidköping. Flachland. Friesisch irgendwie. Weiden, getupft mit einsamen Gehöften. Hin und wieder nackter Fels abseits der Straße mitten in einem frisch keimenden Weizenfeld. Ärgernis für den Landwirt, willkommene Abwechslung für den tourenden Passanten im ansonsten großen, grünen, gelben, blauen, saftigen Homogen.

Bis dann irgendwann der Götafluss auftaucht, der sich etliche Kilometer jenseits von Göteborg über die Jahrtausende ein Bett gefressen hat – bis durch die Stadt bis ins Meer – durch den Fels der Endmoränen. Gen Göteborg wirds wieder bergig. Felsig. Schärenküste. Viele Inseln oder Inselchen oder winzige Felsen, auf denen Vögel nisten oder der Mensch Leuchtfeuer installiert hat zur sicher nicht einfachen Navigation im Kategatt. Wir haben uns eine Fähre von Göteborg nach Fredrikshaven in Dänemark ausgespäht. 16 Uhr. Gestern. Quartierten uns auf dem Camping im Sadtteil Askim südlich Göteborgs ein. Unweit von Fiskebäck. Bei Fiskebäck klingelt es irgendwie in meiner Erinnerung. War der Stadtteil nicht in den Schlagzeilen wegen irgendwas? Unruhen womöglich? Aber vielleicht war es auch nur eine Erwähnung in den vielen Schwedenkrimis, die ich las oder als Serie im TV schaute.

Der Wachmann in Askim wirkt jedenfalls ebenso beruhigend wie abschreckend in seiner Uniform. Spätabends lässt er auf Telefonanruf die Gäste ein, die die Rezeptionsöffnungszeiten verpasst haben, drückt ihnen Chipkarte und Lageplan in die Hand, erklärt die Regeln: nicht auf die Zeltplatzwiese fahren mit dem Auto, es stattdessen am Rand parken: So, seht ihr, zeigt er mit dem Finger auf die gemalten Autos im Plan, die in einer Reihe direkt neben dem Fahrweg geparkt sind. Ein Paar aus Kempten, das im Auto schläft und wir sind die einzigen Gäste auf der Zeltwiese.

Das nahe Meer hat Tide. Die Luft schmeckt nach Salz. Deutlich spürbar ist die Nordsee, die laut offizieller Route der North Sea Cycle Route (NSCR) erst auf der Linie Varberg (Schweden) – Grenå (Dänemark) endet. Wir befinden uns also im Zwischenland (ähm -meer) der beiden Meere, dem Skagerrak und dem Kategatt. Nach einem kleinen Spaziergang zwischen Hafen und einer hoch auf Felsen gelegenen Kirche in Göteborg fahren wir im Platzregen auf die Jutlandica, eine batteriebetriebene Fähre der Stenalinie. Dreieinhalb Stunden Fahrt bis Fredrikshaven. Dann nordwärts. Es sind nur etwa 40 Kilometer bis zu Dänemarks nördlichstem Punkt bei Skagen. Eigentlich fahren wir auf einer riesigen Wanderdüne, die über die Jahrhunderte, vom Westwind getrieben, immer weiter ostwärts wandert. Unweit unseres heutigen Lagerplatzes befindet sich ein Relikt der Dünenwanderung, ein versandeter Kirchturm, der schon seit bald einem Jahrhundert aufgegeben wurde und unheimlich einsam, weiß getüncht zwischen Kiefern und Halmen und Ginster dasteht und darauf wartet, ganz begraben zu werden. Das Kirchenschiff, liest Frau SoSo von einer Infotafel ab, habe man abgebaut und woanders wieder aufgestellt.

Stena. Der Name der Fährlinie taucht immer wieder auf. Und zwar nicht nur im Zusammenhang mit der Fähre. Auf einem Prospekt lese ich, dass das Legoland in Billund offenbar auch zum Konzern gehört. Ein Hotel in Fredrikshaven glaube ich auch. Konzernkrake. Ich weiß nicht, ob ich es gut heißen soll oder schlecht, oder einfach nur schulterzuckend beobachten soll und akzeptieren, dass es so ist. Die Verkonzernung der Welt als Zukunftsidee, in der die Staaten wie wir sie derzeit noch als Machtzentren kennen abgelöst werden durch Wirtschaftsbetriebe, denen die Menschen gehören, die für sie arbeiten und die Menschen, die ihre Produkte und Dienstleistungen konsumieren.

Dem Proletariat das Konsumariat entgegensetzen und die Kräfte der kleinen Leute stärken durch schlichten Zusammenschluss in … äh in was eigentlich? Das Proletariat erhielt seine Gewerkschaften, aber das Konsumariat, was könnte denn dem helfen, einen kräftemäßigen Gegenpol zu bilden gegen die Ausbeutung durch den Konzern? Ich glaube, das sind Gedanken, die ich mir auf der Fähre gemacht habe und für die ich keine Lösung fand. Wie auch. Konsumenten sind die am leichtesten spaltbare gesellschaftliche Masse überhaupt. Man kann sie prima entzweien und gegeneinander ausspielen, so dass sie sich in egoistische Kleinkriege verwickeln und dem allmächtigen Inhaber der Konumsmittel überhaupt nichts anhaben können. Perfekt.

Irgendwann beruhige ich mich damit, dass ich mich ja in einer vielleicht jahrhunderte währenden gesellschaftlichen Umbauphase befinde und dass ich als Einzelner ohnehin, denkend oder auch nicht, weder etwas bewirken kann, noch etwas falsch, noch etwas richtig machen kann. Doch auch das ist ein bisschen blauäugig, sich selbst Absolution erteilend, denn das Undenkbare ist es, wonach zu suchen ist. Die Idee und die Vision der gemeinsamen friedlichen Zukunft, die uns bisher noch nicht eingefallen ist … ich schweife ab und es führt zu weit.

Ich bin in Ferien. Ich will die Zeit genießen. Ich kaufe mich frei, so gut das möglich ist. Ich bin Konsument.

Ich Adam im Paradies piscinären Wunderdaseins | #kursnord

Schweizer Aufzug, acht Personen, 52 Meter, nur ein Knopf mit der Aufschrift ‚Upp‘, also aufwärts. Bei Neptun des Planetenpfads, der sich vom Zentrum Örebros Richtung Nordosten windet, erreichen wir die Stadt. Ohne unsere Zeltplatznachbarn in Uskavigården, die uns morgens in ein Schwätzchen verwickelten, wären wir womöglich nicht auf die Idee gekommen, zu dem blassen, pilzähnlichen alten Wasserturm zu fahren und uns die Stadt von oben anzuschauen. Ulfon und Ingeå und ihr Hund Nala luden mich morgens auf eine kurze Spritztour in den Wald nahe des Uskavisees ein. Dort gäbe es eine grüne Lagune in einem alten Kalksteinbruch, die man unbedingt gesehen haben muss. Die man als herkömmlicher Tourist nur schwer finden würde und so luden sie mich in ihren Allrad und wir brausten durch die Wälder, zweiggepeitschten Außenspiegels über Stock und Stein bis zu einem Parkplatz, wo einige Autos standen. Die Wagen der Kenner, die von dem kleinen See wissen, den man die letzten hundert Meter nur zu Fuß durch einen Hohlweg erreicht. Zwei Marinetaucher, ein Paar, das dort übernachtet hatte und wunderbares smaragdgrünes Wasser, klar bis fast zum sieben Meter tiefsten Punkt. Frau SoSo, die keine Lust hatte, das morgendliche Zeltpacken durch den Abstecher zu unterbrechen, übernimmt derweil das Zusammenpacken von Zeltlager und Küche. Ewig gedankt seis ihr. Aber die Sache war stimmig. Jeder in seinem Flow. Herr Irgendlinks auf smaragdgrüne Seen fixiertes Ich im Einklang mit Frau SoSos Frühmorgenflow. Als Lohn gibt es die Koordinaten des Sees inklusive einer eingebrannten Wegbeschreibung in Herrn Irgendlinks Hirnwindungen. Falls man mal wieder kommen würde (das werden wir bestimmt, hoffentlich) und die Aussicht auf ein kühles Bad in dem Kleinod.Ulfon und Ingeå kommen aus Lindesberg, nur etwa anderthalb Mil entfernt, also anderthalb schwedische Meilen, das sind 15 Kilometer von Uskavigården. Der schwedische Muttertag ist am heutigen Sonntag und den wollen sie mit den Kindern, die noch anreisen, auf dem Zeltplatz gediegen feiern. Dass sie beide in den schlimmsten Knästen Schwedens, also den Knästen mit den bösesten Verbrechern des Landes gearbeitet haben, erfahre ich und dass sie es zu schätzen wissen, wenn man ihnen, fremd, irgendwo auf der Welt Tipps zu schönen Flecken gibt und dass sie deshalb auch gerne Tipps geben. Und das brenne ich mir mal ins Hirn: immer schön Fremden sagen wo es schön ist.

Der Swampen ist ein ehemaliger Wasserturm, in dessen Bassin sich nun ein Restaurant befindet und auf dessen Rand hoch oben man auf einem Rundkurs die ganze Stadt und das Umland überblickt. An den Glasballustrade sind Infotafeln über die wichtigsten Gebäude der Stadt angebracht und über die Kilberge nordöstlich. Piktogramme zeigen die Umrisse der Sehenswürdigkeiten. Besonders spannend lockt eine Ölschieferhalde südlich. Der zig Kilometer entfernte künstliche, runde Hügel ist wie die Halden im Saarland ein Relikt aus alten Zeiten, als die Minen noch in Betrieb waren. Heute ist dort Kunst. Leider liegt er nicht auf dem Weg, der uns südwestlich Richtung Göteborg führen wird.

Nach dem kreisrunden virtuellen Stadtspaziergang begeben wir uns runter ins Echt. Wo wir 2015 ein von Kunstwerken gespicktes Städtchen erlebeten, der Biennale Open Art sei Dank, flanieren wir heuer durch ein ganz normales Samstags-Örebro. Erstaunlich, was so ein bisschen Straßenkunst oder auch nicht für einen Unterschied macht. Samstagsstadt voller Menschen. Zunächst fällt uns eine Gruppe unisono gekleideter Mädels auf, die eine Braut im Gepäck haben. Jungesellinenabschied, diagnostiziert Frau SoSo. Rings ums Schloss wandern wir, nehmen in einem Kiosk ein Softeis und vor der Tür sitzt ein Bettler, dem ich zwei Münzen in die verkrüppelte Hand drücke und dabei schießt mir mein Fehler in den Sinn: du hättest aufs Eis verzichten können und ihm die dreißig Kronen geben sollen. Nicht dass ich mich deswegen schäbig fühle, aber dennoch, ein Denkanstoß: Verzicht um des Wohls des Mitmenschen willen, der zerlumpt vor dir auf der Straße bettelt. Ich nehme den Gedanken mit ins Seelengepäck und lasse mir das dahinschmelzende Etwas dennoch schmecken.

Villu Jaanisoos schwarze Gummiente steht noch immer in einem Brunnen. Ein gut zwei Meter hohes Gummientchen (den swarte Gummiantan), das von der Open Art 2013 stehen geblieben ist. Ich liebe die Skulptur, die wulstig aus alten Autoreifen mittels hunderter Schrauben zusammengefügt wurde. Für mich eines der Wahrzeichen der Stadt. Im flachen Brunnen spielen Kinder. Tausend Augen folgen uns in einem Park, indem ganz bestimmt ein Drogenumschlagplatz ist. Etwas mulmig, immer wieder über die Schulter blickend, ob einem jemand folgt. Weiter zum Hintereingang des Schlosses. Dort wird das ganze Ausmaß alltäglichen Heiratens offenbar. Etliche Hochzeitsgästegruppen flanieren über die Brücken, fotografieren, verewigen multiple schönste Tage des Lebens. Fast wirkt es so, als sei das Schloss eine Art Heiratsmaschine: vorne gehen die Hochzeitsgäste rein und hinten kommen sie mitsamt frisch getrautem Brautpaar wieder heraus. Wie bei den in Schweden so beliebten Minigolfanlagen, in denen man die Bälle bei manchen Bahnen durch Häuschen oder Nachbildungen von Sehenswürdigkeiten spielen muss. Der rote Golfball, frisch vermählt mit dem blauen, möglichst mit wenigen Schägen ins finale Loch.

Bei genauerem Hinsehen sind nicht nur fertige Brautgesellschaften unterwegs, sondern auch diverse Jungesellenabschiede, bei denen die zu Trauenden peinliche Prüfungen ablegen müssen. Eine Braut etwa, die unter den Augen ihrer Freundinnen irgendwas, was sie in der Hand trägt versucht, einem bärbeißigen Kerl anzudrehen: ein Kondom? Der Typ lehnt ab und sie wirft das Etwas in den nächsten Mülleimer. Schlimmer trifft es einen armen Kerl, der baren Oberkörpers mit blonder Perücke und einem Wickingerhelm in Schwedenfarben von seinen Kumpels flankiert wird. Er wirkt recht apathisch, als sie die Brücke betreten. Die Kumpels tragen würdevoll schwarze T-Shirts mit der Aufschrift 11. Der arme Kerl ist vielleicht schon betrunken. Hoffentlich! Denn auf der Brücke packen ihn drei seiner Freunde und wuchten ihn übers Geländer hinein in den Fluss, der das Schloss umschließt.

Wenn ich Jungesellenabschied feiern würde (müsste), ich käme nicht auf so viele Freunde, denke ich. Ich bin wohl ziemlich entwurzelt. Eigentlich fällt mir nur ein einziger Freund ein, der mich beim Junggesellenabschied begleiten könnte. Und der würde mich nicht über eine Brücke in den Fluss werfen.

In Frankreich habe ich einmal in einem Dorf in Burgund einen Typen im Tauchanzug gesehen. Mit Schnorchel und Neopren und sooo langen Flossen, der die Autos der Vorbeifahrenden waschen musste. Seltsam diese Menschen.

Nein. Ich bin seltsam, wird mir bewusst. So richtig dazu gehört habe ich nie. Vielleicht habe ich deshalb so viel Energie dafür, daneben zu stehen und zu beobachten? Ich Voyeur, ich.

Wir quartieren uns auf dem Campingplatz Gustafsviken in Örebro ein. Genau wie 2015 auf dem Weg ans Nordkap, stellen wir unser Zelt auf den Hügel am Ende des Platzes unter Kiefern, schön schattig. It is hot, it is very hot. Nur zehn Kronen teurer als vor drei Jahren ist der riesige Campingplatz. Aber die gute Sitte, freien Eintritt ins nebenan liegende Spaßbad Lost City zu haben, wurde abgeschafft. Man erhält nur noch eine freie Eintrittskarte für das fünfzig Meter lange Schwimmbecken mit den bis zehn Meter hohen Sprungtürmen. Der Bereich zur verwunschen Stadt zwischen künstlichem Basalt und Palmen und Kletterfelsen, die von drei Riesenrutschbahnen gekrönt werden, ist mit einer Barriere verschlossen, deren Drehkreuze einen nur durchlassen, wenn man mit seinem elektronischen Armband die Berechtigung hat. Laut piepst die Anlage, als Frau SoSo testet, ob sie rein kommt.

Schwimmen also. Während nebenan das Spaßvolk in den hunterte Meter langen Röhren jauchzt.

Da der Bademeister jedoch neben seiner Kabine einen Bypass hat und vergessen hat, das rote Band aufzuhängen, schlüpfe ich kurz vor Ladenschluss hindurch. Ich Adam im Paradies piscinären Wunderdaseins, ich. Niemand bemerkt mich. Dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen und grübele darüber, dass es mit den neumodischen Trackern eigentlich gut möglich wäre, den Aufenthaltsort eines jeden Gastes zu ermitteln. Herr Irgend, gefallener Engel aller badespaßigen Verlockungen, befindet sich in Rutschbahn drei, kurz vor dem Teufelskreisel. Schaltet den Schredder ein! Gerade will ich mich warmrutschen auf einer der kleineren Bahnen ohne Gummireifen. Die Größeren betritt man nämlich mit riesigen Reifen, in die man sich abwärts schmiegt, da steht schon der Bademeister unten vor dem Becken – nicht wie ich befürchte, weil man Adam, moi même, der in den Apfel biss, getrackt hat, sondern weil das Bad schon schließt.

Auch die Umgebung des Platzes hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Neben unserem Zelt ist ein neuer Stadtteil gewachsen mit schönen Wohnhäusern, manche noch im Bau. Adieu grüne Wiese.

Die Wehmut des vergangenen ersten Mal, das sich nie nie nie wiederholen lässt, weil sich die Welt ändert, überkommt mich gerade. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal hierher komme. Der Weg ist weit und teuer und die Wiederkehr konfrontiert einen unweigerlich mit den oftmals verklärten Erinnerungen und etwas, das einmal so war und wiederkehrt kann nie wieder genauso empfunden werden wie beim ersten Mal.

Die Ölschieferhalde sechzig Kilometer entfernt, die werde ich mir vielleicht anschauen, wenn es ein nächstes Mal gibt.

Eine Stimulation der Schwedenkrimimordgemetzel-Synapsen | #kursnord

Ist das Blut in den beiden Abläufen der Dusche? Wie zwei Augen ins Nichts liegen die Mulden in den beiden äußeren Drittelspunkten der Männerdusche auf dem Campingplatz Uskavigården. Ich bin nicht willens, es genauer zu untersuchen und suche mir auf den Fließen einen erhöhten Punkt, möglichst nicht mit dem roten Zeug in Berührung kommen. Vorhänge trennen die Zellen. Das Strahlwasser ist nicht in der Lage, das Rot auszuwaschen. Vielleicht gehört es zum Inventar? Der Campingplatz ist so gut wie leer. Im vorderen Bereich sind vielleicht drei vier Wohnwagen belebt. Hier hinten auf der Zeltwiese direkt am See sind wir alleine.Vier Inselchen liegen im Wasser und direkt am Ufer noch ein Stein, hinter dem sich die winzigen Wellen für ein paar Quadratmeter zu einem oszillierenden Etwas formen. Wie bei den alten Plattenspielern, an denen man mittels Strichmarken am Plattenteller und Geschwindigkeitsregler die exakte Drehzahl einstellen konnte, um ein möglichst perfektes Klangergebnis zu erzielen.

Vier Birken. Eine abgebrochen, eine mit einer grausamen senkrechten Narbe wie von einem Blitzschlag. Ich muss an Falun denken 2015. Das Ferienhaus, in das wir uns eingemietet hatten mit feinem Stahlkamin. Das Gewitter über der hügeligen Seelandschaft. Dass es unwahrscheinlich ist, dass man vom Blitz getroffen wird. Dass es plötzlich ‚zack‘ machte und die Funken vom Stahlrohr in den Raum sprühten und nocheinmal zack und wir saßen – unversehrt, zum Glück, draußen auf der Treppe vorm Häuschen unter dem Vordach, als ob das etwas schützen würde. Die Gewissheit, dass der Blitz nicht noch einmal an der selben Stelle einschlagen würde …

Über die 84, die 50, die E16 und wieder die 50 haben wir uns gestern hier herunter geschafft. Vielleicht 350 Kilometer südwestwärts. Unendlich langsam. Unendlich behäbig tuckerte das Auto mit 60 bis 90 km/h über die breiten Straßen. Keine Eile, keine Drängler, ein zivilisierter Ministau außerhalb Faluns. Badeseen en masse. Das ist eine der schwedischen Besonderheiten: überall am Straßenrand zeigen Symbole ‚Badplatse‘ an, fein gemachte, gepflegte Badestellen mit Picknick-Bank, Umkleidekabine, Feuerstelle, Steg. In der Hochsaison hängt am Ende der Stege oft ein Thermometer, das die aktuelle Wassertemperatur anzeigt. Jetzt noch nicht. Die Badestelle, die wir für die Mittagspause ansteuern, ist gleichzeitig auch ein Naturcampingplatz der Gemeinde. An der Umkleidekabine hängt eine Symboltafel: Zelten kostet 50 Kronen, Wohnmobil oder Wohnwagen 100. Daneben eine hölzerne Kasse, in die man auf Treu und Glauben das Geld wirft. Es gibt einen Wasserhahn und eine Trockentoilette und viel Wiese und eben den Badeplatz. Stille inklusive.

Uskavigården war schon 2015 für etwa fünf Tage unser kleines Paradies. Wandernd und mit Leihrad vom Camping erkundeten wir die Gegend um Guldmedshyttan, unweit von Nora, ganz in der Nähe von Lindesberg, grob gesagt etwa 200 Kilometer westlich von Stockholm, nördlich von Berlin.

Ich scherze gerne mit den Kilometern und Ortslagen. Obschon es sicher dem Ortsunkundigen hilft, wenn man sich im Zwiebelschichtprinzip vom kleinsten Weiler hochhangelt zu immer größeren Städten und geografischen Lagen. Ein paarhundert Kilometer sind in Schweden ohnehin so gut wie nichts. Ganz im Norden, in Lappland, kann es einem passieren, dass man ein zwei Stunden fahren muss mit dem Auto, ehe die nächste Siedlung ‚mit Alles‘ auftaucht. Tankstelle inklusive. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in dieser vorsaisonalen Jahreszeit an den vom Winter geschundenen Straßen noch gebaut wird, man zehn, zwanzig, dreißig Kilometer über derben Schotter fahren muss und, mit dem deutschen Flachstraßen-Gen gesegnet, sich kaum traut, schneller als dreißig Kilometer zu fahren, voilà Tagesetappe.

Die Mitte der Tour ist gekrönt von Bummeligkeit, Dahintreiben, Nichtswollen. Ein sehr angenehmer Zustand, in dem sich Raum und Zeit auflöst, der Alltag sich völlig auflöst, es keine Behördendrangsale per Brief gibt und nur ein leises Hintergrundrauschen in Form von Emails erinnert einen hin und wieder an die staatsbürgerlichen Pflichten. Mitglied einer Gesellschaft zu sein. Ihren Gesetzen und Normen zu genügen. Massenhaft prasseln Newsletterbestätigungsnachfragen herein. Ich werde die Newsletter alle verlieren, weil ich außer Dienst bin.

Stattdessen: fast hätten wir nackt gebadet auf dem Badplatz am gestrigen Nachmittag. Ich glaube, das ist in Schweden auf Badplätzen zwar tabu, aber man könnte. Da niemand ist. Kurz vorm Wassergang kam jedoch eine Familie, und naja, vor den Kindern will man ja kein schlechtes Beispiel geben und Badehose schadet ja auch nicht.

Uskavigården ist ein Anglerparadies. Im Aufenthaltsraum des Servicehauses surren zwei Gefrierschränke, in die die Beute eingelagert werden kann. Es gibt eine Art Wohnzimmer mit schön vertäfelten Holzwänden, Sofa, Fernsehgerät, Bücherregal. Küche mit vier Elektroherden und Spülgelegenheiten. das ist standard in Schweden. Falls man einmal eine Mieswetterpassage erleben sollte, ist man dafür auch sehr dankbar. Besonders als Radler oder Wanderer. Der Sverigeleden, Schwedens nationales Fernradnetz führt direkt am Platz vorbei und auch der über hundert Kilometer lange Wanderweg Bergslagsleden.

Zurück zur Dusche: als ich morgens ins Waschhaus eintrete, ist es frisch geputzt. Alle Grashalme, die man vom frisch gemähten Zelplatz hereinschleppte sind weg und auch die roten Flecken um die Duschabläufe. Ich hatte recht mit meiner Vermutung: jemand hat seinen frischen Fang ausgewaschen und das ist ja im Prinzip auch ein kleines Sakrileg, also sowas zu tun und bei ahnungslosen Touristen die Schwedenkrimimordgemetzel-Synapsen zu stimulieren.