Ein Mann ohne Fahrrad? Welch schreckliche Vorstellung.

Die Rückkehr nach exzessiven Lifereisen ist kein Zuckerschlecken. Ungebremster Aufprall im Alltag mit all seinen Querelen und den zurückgelassenen offenen Baustellen.

Eben noch radelte ich in Andalusien und schaffte es via Gibraltar und Tarifa bis zum Flughafen Jerez de la Frontera, wo mich ein Flieger verschluckte mitsamt Radel und dem Reisegepäck, zisch nach Madrid und spätabends dann in Zürich und nach ein paar Tagen in der Schweiz per Bahn zurück in die Pfalz. Puuuh. Eiskalte Künstlerbude. Kein Wasser zwar, das war wegen der Frostperiode noch abgestellt, aber hey, ein kuscheliges Bett, immerhin, das erste gemütliche Bett seit Ende Februar. Mit Eigengeruch.

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Am zweitletzten Reisetag brach der Webserver zusammen und alle Inhalte die in den letzten zwei Monaten auf dem Projektblog europenner.de geschrieben wurden, waren weg. Sowie etliche andere Webseiten aus dem Irgendlink-Cluster und noch ein paar Freundes- und Verwandtenseiten.

Ich nahms entspannt. Schließlich war das ja unter anderem auch ein Thema der Reise: der Niedergang, das Enden, der Tod, das alles schwang ja mit in den letzten Wochen. Ich bin gemeinsam mit dem Tod durch halb Europa geradelt.

Und nun bin ich zurück. Vollgetankt mit spanischer Gelassenheit. Das Radel, die Ausrüstung und ich, alles hatte sich aufgelöst (so sehr, dass ich in der beinahe menschenleeren Abflughalle in Jerez für einen Moment geliebäugelt hatte, ohne Gepäck heimzukehren, das Radel jemandem zu schenken, bzw., das, was noch davon übrig ist). Allein, ein Mann ohne Fahrrad? Schreckliche Vorstellung.

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Ein guter Freund hat mir die Freundschaft gekündigt. Eigentlich einer meiner besten. Diese Kälte. Ich hatte ihn mal wieder auf das ‚Problem‘ angesprochen. Gleich am ersten Tag nach der Rückkehr. Telefonate, Anrufbeantworter, SMS, die er wahrscheinlich ignorierte, bis ich ihm eine SMS schrieb, auf die er nur mit ja oder nein antworten sollte: ob er mir den Schlüssel für das Auto geben könne, das er seit einem Jahr vor meinem Atelier stehen hat. Er schrieb ja und ich besuchte ihn, um den Schlüssel abzuholen, und um zu reden. Eiskalter Empfang. Schlüssel. Da. Nimm. Wie so ein Hund.

Was denn noch?

Wann er es denn abhole.

Herumdrucksen.

Also sagte ich, dass es Miete kosten würde, ab jetzt. Mehr Kälte und ein sehr knapper Abschied. Spätnachts kam eine SMS mit zwei Jahren Frust und Anschuldigungen und es sei ja genug Platz bei mir.

Wozu Miete? Fast schon ein guter Titel für eines der vielen nichtgemalten Paul Klee Bilder. Kurzum, mein Freund war stinksauer, enttäuscht, wähnte sich im Recht.

Ich mich auch.

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Der Server ist unreparierbar. Wir brauchen einen neuen, sagte mein Cousin, der Admin. Er ist derjenige, der davon Ahnung hat. Er hat die Backups und im Prinzip ist alles ganz einfach, aber eben auch Arbeit und Zeit ist nie da in diesen Alltagen.

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Warum ist unterwegs – radelnd und sich siebzig achtzig Kilometer am Tag voranschaffend auf den Straßen Europas – so viel Zeit und so wenig Sorgen, aber daheim im echten Leben kocht alles heiß, treffen die Fronten aufeinander, fährt man am Limit, treibt in permanentem Schadensbegrenzungsmodus? So muss sich mein Freund mit dem Auto fühlen. Ewiger Schadensbegrenzungsmodus.

Ich als Künstlerleichtfuß kriege ja nur die Spitze des Eisbergs mit. Ich hab ja gut reden. Geradezu spielerisch analysiere ich die Situation und sage mir, hey, das lief doch alles prima, ich war weg, habe meine letzte wichtige große Reise gemacht und die letzten Puzzlestücke für mein schreiberisch-künstlerisches Gesamtkonzept eingesammelt und dabei festgestellt, dass die Sache mit dem Tod, dem Niedergang, dem Verlust doch ganz natürlich ist, hey, ich habe Frieden gefunden …

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Runter in die Stadt. Das war letzte Woche. Meine Bank ist weg. Verflixt. Ich wollte doch nur Kontoauszüge ziehen, aber der Automatenraum ist zu und an der Tür hängt ein Zettel, dass sie nun am anderen Ende der Fußgängerzone ist. Beim Busbahnhof. Übles Pflaster und wie es das Schicksal will, lümmelt vor dem nigelnagelneuen Glaspalast mit der automatischen Schiebetür eine Bande irgendwelcher komischer Jungs mit unisono knallroten Baseballmützen, die Los Angeles-Bande des kleinen Mannes sozusagen, Ghettoblaster, Gangstermusik, grimmige Gesichter. Würden Sie in diesem Schalterraum Geld abheben? Arglos hinausspazieren, ihren Atem spüren? Die Stadt ist trist.

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Der Galerist um die Ecke. Noch so eine Baustelle. Seit über einem Jahr liegen Bilder bei ihm, die er in Kommission verkaufen wollte. Das ist sinnlos. Wenn Bilder ein Jahr beim Galeristen liegen und nicht verkauft werden, wird er es auch in zwei Jahren nicht schaffen und nicht in drei und auch nicht in vier. Es ist genau wie mit einem Auto, das jemand vor der Ateliertür geparkt hat. Es ist nicht im Interesse des Galeristen, Bilder zu verkaufen, ähm, ist es doch, aber es gibt diese Art Galeristen, die die Künstler als Rohstoffquelle sehen und, solange es sie nichts kostet, die Rohstoffe horten. Ich holte also die Bilder ab, damit ich sie im eigenen Atelier aufhängen kann, wo sie zwar vermutlich auch nicht verkauft werden, aber eben, es ist wie mit Autos … ich rede wirr? … im Prinzip ist es egal, ob ein fremdes Auto auf deinem Grundstück steht, oder deine Bilder im Archiv einer Galerie vergammeln.

Ich habe Freundschaft geschlossen mit der Vergänglichkeit. Das macht stark. Ich erzählte dem Galeristen von der Reise und deutete an, dass ich rein künstlerisch eine Episode abgeschlossen habe. Die Galerie hat sich mächtig verändert. Aus einem Ausstellungsraum sind drei geworden. Statt Ausstellungen im drei-Monatsrhythmus gibt es nun alle vier Wochen eine Ausstellung. Das erhöhe den Entscheidungsdruck beim Kunden, höre ich. Entscheidungsdruck. Gutwort.

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Nun hier. Spätabends. Das Irgendlinkblog hat der Cousin grob restauriert. Es fehlt noch die Kommentartabelle. Deshalb wird es nicht funktionieren, hier einen Kommentar zu schreiben, aber wir arbeiten an dem Problem und ich kann das wohl selbst zurechtfummeln.

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Obschon ich keine Lust habe.

Ich habe erkannt in den letzten Monaten.

Unterwegs auf Europas Straßen habe ich vielleicht das Ganze gesehen. Mein eigenes kleines Übel wie das Übel der Welt. Den programmierten Niedergang. Wie alles wächst und vergeht. Wie es zum Vergehen hergestellt, geboren, erzeugt wird. Waren wie Ideen. Alles. Auch ich. Und dazwischen Möglichkeiten. Was ich kann, was ich nicht kann, was mir liegt, was mir nicht liegt.

Und ich sah die Welt. So viele Menschen. Elende. Reiche. Böse. Gutmütige. Normale. Spinner. Mich. Meine vielen lieben Freunde. Den Tod. Die Vergangenheit. Das bisschen Zukunft, was mir noch bleibt. All das sah ich. Hab alles durchlitten. Alles genossen. Weiß wo ich stehe. Weiß wo die anderen stehen. Vielleicht Du, Du und Du, aber vielleicht bilde ich mir das auch  nur ein in meiner kleinen Künstlermorgenblütenselbstherrlichkeit? Ich ahne den Prozess, den wir durchlaufen.

Ich bin höchst zufrieden.

www.europenner.de – ein literarisch künstlerisches Reiseprojekt #Gibrantiago

Seit gut einer Woche radele ich Richtung Gibraltar.  Unter dem Hashtag #Gibrantiago wird die Reise auf Twitter (aktiv), Facebook, Google+ und Tumblr (jeweils unmoderiert) präsentiert.

Weiter geht’s im neuen Blog

Schaltzentrale ist mein Blog www.europenner.de, wo es täglich Reisetexte gibt.

Aktuell warte ich, nach acht teils sehr wüsten, bitterkalten Radeltagen und 585 Kilometern westlich um die Vogesen im Schweizer Aargau auf den Frühling.

Am kommenden Donnerstag geht es weiter, entlang des Jura-Südfuß‘ über Biel-Bienne, Yverdon, Lausanne nach Genf, der Rhone folgend ans Mittelmeer.

Warum Europenner?

Europenner ist meine allererste registrierte Webseite. Scherzend sage ich gerne, ich musste diesen unvorteilhaften Namen registrieren, weil alle anderen Namen schon registriert waren.

Europenner sollte mal ein Roman werden. Aber es blieb bisher bei diesem einzigen Wort. Somit könnte man sagen, Europenner ist ein Einwortroman.

Mit den beiden Reisen ‚Ums Meer‚ und ‚Ans Kap‚ bildet ‚Gibrantiago‚ eine künstlerisch literarische Reisetrilogie in Blogform, geschrieben in Echtzeit und in ständigem Dialog mit den Bloglesenden.

 

Ans Kap geht, Gibrantiago kommt

Kürzlich habe ich das eBook ‚Ans Kap‘ über die Radreise ans Nordkap letzten Sommer fertiggestellt.
Vermutlich habe ich niemanden der lieben Sponsorinnen und Sponsoren vergessen zu informieren. Den Link zu einer Sponsor-Edition habe ich Euch gemailt. Sie enthält neben dem Buchtext auch Bildern und Tweets. Die Links zum Download kamen per Mail. Sollte ich jemanden vergessen haben, oder die Mail kam nicht an, lasst es mich wissen. Ich schicke Euch die Downloadlinks.
Das Buch gibt es auch bei Xinxii zum Download im Format epub für Kindle, Tolino & Co. sowie als PDF für den PC. Hier der Link: https://www.xinxii.com/ans-kap-p-368517.html

Es kostet 9,99 €. Wer es gerne kostenlos hätte, kann mir eine Mail schreiben und erhält einen Gutscheincode zum Gratisdownload.

Als ich ‚Ans Kap‘ bearbeitete, wurde mir klar, dass diese, meine zweite wichtige digitale Expedition nur Teil eines Größeren ist. 2012 radelte ich in ‚Ums Meer‘ per Fahrrad auf dem längsten Fernradweg der Welt, einmal rund um die Nordsee und projizierte die Reise täglich in dieses Blog. Dies war vielleicht der erste Teil der Trilogie. Das Buch habe ich noch nicht bearbeitet, aber ich werde es wieder in Angriff nehmen, wenn ich den dritten Teil der Trilogie, Gibrantiago – mit dem Fahrrad nach Gibraltar, geschrieben habe.

Für Gibrantiago habe ich auf www.europenner.de ein eigenes Blog eingerichtet und werde auch auf Twitter über die Reise berichten.

Morgen starte ich, zunächst in die Schweiz, dann an der Rhône entlang bis zum Mittelmeer und immer weiter. Ich habe schon viermal versucht, nach Gibraltar zu radeln und das Ziel bisher nie erreicht. Seid also gespannt, ob es dieses Mal klappt.

Hier ist eine Karte, die das Projekt darstellt. Die rote Linie rechts zeigt die geplante Strecke. Die bunte Linie links zeigt zwei Reisen aus den Jahren 2000 und 2010, die in den Pyrenäen endeten.

https://www.google.com/maps/d/edit?mid=zb5MFMiNiT7M.k7KH1osMZyTI&usp=sharing

Wie bei ‚Ans Kap‘ wird es auch wieder iDogma-Postkarten geben, die die Reise finanzieren.  In dem ‚Reverse Mailart Projekt‘  entsteht eine Art Brotkrümelspur aus unikaten Kunstpostkarten, die sich entlang der Reisestrecke zieht. Die Sammlerinnen und Sammler erhalten individuelle Kunstwerke mit individuellen Texten. Dieses Mal verstecken sich fünf Jokerpostkarten in der Serie, die gegen Kunstwerke auf Aludibond eingetauscht werden können. Hier geht es zur iDogma-Kartenseite auf Europenner.

Beispiele für iDogmakarten, immerhin über 150 Stück, die ich auf der Reise ans Nordkap verschickte, findet Ihr in dieser Galerie.

Ich freue mich auf Eure Begleitung.

Herzlich – Euer Irgendlink

 

Ein Denkmal des Bruchteils der Zeit in totaloptimierter Welt

Entschuldigung, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.
Das Fahrwasser war schwierig in den letzten Wochen. Das Experiment ‚Jahr ohne Termin‘ hat an der Basis der Existenz gekratzt. Es ist nicht gerade leicht, das Konstrukt Mensch in Frage zu stellen, das man sich im Laufe der Jahrzehnte von sich selbst erdacht hat. Das Puzzle aus Gewohnheiten, die einem Halt geben, gerät gehörig durcheinander.
Kürzlich habe ich versucht, zu erklären, worum es mir mit dem ‚Jahr ohne Termin‘ geht. Ich scheiterte. Ich versuchte es erneut zu erklären und scheiterte und versuchte es wieder und scheiterte.
Dann herrschte plötzlich Klarheit. An einer Straßenkreuzung in der Schweiz wurde es mir mit einam Mal klar. Ich wollte mit dem Auto links abbiegen und das macht man als geübter Fahrer ja so nebenbei, links, rechts, links schauen, meist herrscht reger Verkehr, aber im Augenwinkel kann man routiniert abschätzen, ob es reicht, sich einzufädeln, oder nicht.
Ich zögerte, brachte das Auto zum Stehen, obwohl genug Platz und Zeit gewesen wäre, in die Kreuzung einzubiegen.
Bewusstwerdung. Ich nahm mir ein wenig mehr Zeit als üblich, um die Verkehrssituation zu beurteilen. Längst hätte ich zwischen dem grünen und dem grauen Auto einspuren können und im Verkehrsfluss weitertreiben in meine Richtung. Ich stand und dachte.
Ich lebe in einer totaloptimierten Welt. Da ist kein Platz, auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu verschwenden. Die streng getaktete Zeit und das streng getaktete Leben und die gelebte strukturierte Gesellschaft fordern unbarmherzig jeden noch so kleinen Sekundenbruchteil ein und als Opfer bleibt die Bewusstwerdung auf der Strecke. Da kann man es sich nicht leisten, einfach so an einer Kreuzung herumzutrödeln und so lange zu warten, bis die Zeit der inneren Uhr, die definitiv anders tickt als die kollektive äußere Uhr, endlich reif ist. In der totaloptimierten Welt geht man einen Kompromiss ein und opfert stückchenweise winzige Momente, die man mit Innehalten verbringen müsste, wenn man bewusst Leben wollte.
Im ‚Jahr ohne Termin‘ geht es nicht darum, sein Leben grundlegend zu ändern. Es geht nicht darum, zur absoluten Ruhe zu kommen. Es geht nicht darum, keine Termine zu haben. Es geht nicht darum, zu beginnen, oder aufzuhören. Es gibt keinen Anfang und es gibt kein Ende. Es geht nicht um Stunden, Tage oder Wochen. Es geht nicht ums Bummeln, Prokrastinieren oder darum, einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Es geht um jene winzigen Momente, die man nicht lebt, um optimal und ohne anzuecken im kollektiven Lebensfluss bestehen zu können. Sie zurückzugewinnen, ihnen ein Denkmal zu setzen, auf sie aufmerksam zu machen, das ist mein Ansinnen.

Es wirkt. Langsam.

Ich bin ruhiger geworden.

Ich hege die Hoffnung, dass die Zeit ihre Macht verliert.

Und das Geld.

Dass unter der Kruste jahrzehntelang eingefahrener Gewohnheiten eine neue Freiheit wächst.

Dass durch einfaches Verunwichtigen Wichtiges auf das Maß gestutzt wird, das ihm gebührt.

Dass das Leben wieder das Spiel wird, das es von Natur aus ist.

Man sich auf’s Atmen konzentriert.

Trotz all des Leids da draußen.

Trotz kollektiver Zwangskollektivierung um des Kollektivierens willen sich entkollektivieren, um in Frieden Teil eines Kollektivs sein zu können.

Das ‚Jahr ohne Termin‘ (siehe Blogeintrag zuvor) zeigt Wirkung. Frappierenderweise hilft schlichtes Nichtstun, etwas zu bewegen.

Ich weiß nicht, wohin das führt und wann das ‚Jahr ohne Termin‘ endet.

Jetzt bloß nicht nervös werden, bloß keine Kräfte erzeugen, die doch nur Gegenkräfte erzeugen.

Dranbleiben.

Artist in Motion