Wildes Denken und Nachtfahrten

Edit: Dieser Blogbeitrag wurde anlässlich des Metalabor 11 in Villmar geschrieben. Der Text dient als Grundlage für ein experimentelles „Dunkelvideo“.

Vier Gramm wiegt der Zucker, sage ich, so sagt es die Waage, die nicht besonders genau ist. Was steht denn drauf auf dem Zucker, fragt sie. Öhm. Nichts oder Saint Louis. Die Packung ist so ein typisches, kleines Papierröhrchen wie man es portionsweise in Cafés in Rewe- oder Edekamärkten mitnehmen kann. Mit ihren brillianten Augen beäugt sie das Päckchen, steht nichts drauf. Hat kein Gewicht.

Vertrauen wir der Waage, die beim Auflegen eines einzelnen Salzstängleins immer noch Null anzeigt? Die beim Auflegen einer Packung Nudeln, auf der 500 Gramm geschrieben steht 560 anzeigt?

Wischiwaschitage. Längst wollte ich die Radreise ans Ende der Nacht aus den Archiven hervor gekramt haben und einen Film geschnitten haben. Aber immer, wenn ich einen Anlauf nehme, das Ton- und Video- und Bildmaterial zu sichten, überwältigt mich die Fülle, übermannt mich eine silberne Müdigkeit, verlässt mich der Mut, ermatte ich, könnte ich eine Reise in die Nacht, also nicht etwa eine Reise in die Nacht mit dem Fahrrad, sondern eher eine Reise in den Schlaf auf dem hauseigenen Sofa oder woanders wo sichs gut liegen und träumen lässt. Ein sicherer Ort, um sich aufzulösen und das strenge Konstrukt der Taggedanken, die einem stets logisch und unabwendbar notwendig erscheinen, abzustreifen. Im Schlaf kann ich dem Hirn genehmigen, dass es alles Gedachte in Einzelteile zerlegt. Die Teilchen chaotisch ausbreitet. Die Freuden des Traums hochleben lässt. Denke wild und unbewusst.

Alles was ich über die Nacht weiß, habe ich im Traum gelernt.

Die Videos sind auf mehrere Verzeichnisse auf verschiedenen Datenträgern verteilt, was es nicht einfach macht, sie zu sortieren. Der Kern der Mission lautete: Durchradele die Nacht. Der erste Versuch liegt ein paar Jahre zurück. Nordwärts auf dem Glan-Bliesradweg. Gut ausgebaute Bahntrasse. In Kirn ein später Einkauf kurz vor Einbrauch der Dunkelheit. Zu dem Zeitpunkt habe ich fast 100 Kilometer in den Beinen. Der ursprüngliche Plan, zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu radeln, scheiterte am Mut, den Hunsrück zu erklimmen und am Einbrechen der Dunkelheit. Nach dem Einkauf trete ich den Rückwrg an. Per Fahrrad in die Nacht. Das war mein erster Kontakt mit der Nacht. Auf der ehemaligen Bahntrasse kaum Verkehr. Trotz Ortskenntnis irre ich umher. Stark eingeschränkter Sehsinn im schmalen Lichtkegel des Dynamolichts. Die Radwegehinweisschilder hängen oberhalb des Lichtkegels. Aus dem Wald spiegeln die Augen der Wildtiere, wenn sie der Lichtkegel trifft. Stille und Geräusche, die man tags nicht hört, weil der Verkehr sie überlärmt und solche, die man tags nicht hört, weil sie nur nachts passieren. Fahrradkette surrt und etwas knackt. Täusche ich mich, oder bin ich tatsächlich mehr Ohr als sonst?

Wie man eine Banane schält bei vollkommener Finsternis, wie es sich anhört, wenn man die Schale abzieht, wie sich das haptisch … äh anfühlt … ach, die Banane überhaupt erst einmal zu finden im Reisegepäck. Hatte ich sie mit Expander auf dem Heckträger festgeklemmt? Ist sie in dieser Packtasche? Oder in der anderen? Hätte ich bloß vor Einbruch der Dunkelheit … Mittlerweile sind einige Monate oder gar ein Jahr vergangen seit der ersten Nachtfahrt und ich sollte wissen, dass es gut ist, vor Einbruch der Dunkelheit zu wissen, wo die Kopflampe im Gepäck ist, denn sobald das Radel steht, versiegt das Licht des Dynamos, steht man, bis eben noch von der Ohnehin-nur-Funzel geblendet da und hat nur noch Ohr und Tastsinn und die Nase allenfalls.

Bananen sind elementarer Bestandteil der schnellen Radreisenahrung zwischendurch. Wenn die Schenkel schmerzen und es an Isotonen mangelt, esse ich sie. Oder kurz vor Anstiegen. Die hier am Rhein-Rhône-Kanal zum Glück nicht zu erwarten sind. Ab und zu gehts ein paar Meter eine Schleuse hinauf. Jenseits von Straßburg führt der Radweg schnurgerade Richtung Basel. Die unheimlichen Sportgelände südlich der Großstadt mit ihren Fußballabendgebolzen und das Skateboardklappern eines hell erleuchteten Skategeländes liegen hinter mir. Für wenige Kilometer bin ich guten Mutes, bis ans Ende der Nacht radeln zu können. Doch es ist noch nicht einmal zwölf Uhr. Hintern und Beine schmerzen. Banane finden, Lampe finden, weiter radeln, anhalten, ermüden, wenn ich einschlafe im Sattel, jaja, das geht tatsächlich, stürze ich in den Kanal, der nur einen Meter neben dem Radweg verläuft. Bei einem Picknickplatz baue ich das Zelt auf. Eine Stange bricht. Ich kann das reparieren. Ich schlafe löchrig, aber ich schlafe.

Hat je ein Mensch das Ende der Nacht erreicht? Und wenn ja, gelangte er zu einer Erkenntnis?

Monate später im unendlich heißen Hochsommer 2026. Die Uhr zeigt 19:37 am übelsten Bahnhof jemals, Pirmasens-Nord. Ich habe den Umstieg verpasst. Ein Blick in die Bahnapp zeigt, dass es ohnehin ein Wunder war, die 25 Kilometer ab Zweibrücken mit dem Zug zu fahren. Alles rot von ausfallenden Verbindungen, bis auf diese eine, die mich 19:37 nach PS-Nord brachte. Also gehts ab hier los über die Südpfalz-Radwege nach Hinterweidenthal, wo ich eigentlich hätte aussteigen wollen, wenn der Anschluss geklappt hätte. Ich schaffe die 15 Kilometer in 40 Minuten. Schwinge mich auf den Radweg nach Süden, erwische einen spät offenen Pennymarkt in Dahn, kaufe einen Bund Bananen, Cola, Konserve und ein Bier, falls ich doch irgendwo übernachten sollte und ein Feierabendbier haben möchte. Die Strecke durchs Elsass in die Schweiz kenne ich in- und auswendig. Am Radel sind alle Akkus geladen. Das Licht brennt. Die Nacht senkt sich. Dieses Mal könnte es klappen. Die unsägliche Hitze tagsüber von fast 40 Grad, zwingt einen förmlich, in die Nacht auszuweichen. Etwa 300 Kiometer liegen vor mir. Also schon einmal genug Strecke. Selbst wenn ich sehr schnell bin und keine Pause mache, werde ich die 300 Kiometer in den nächsten Stunden nicht aufbrauchen können. Gegen vier oder fünf Uhr ist der Spuk vorbei, werde ich es geschafft haben. Nächster Stopp Lembach. Ich radele auf der Straße. Das einzige Auto, das mich überholt, fährt langsam an mir vorbei. Scheibe geht runter und eine Frauenstimme sagt Piste Cyclable. Ansonsten herrscht zu dieser späten Stunde absolute Stille, einzig gebrochen von Froschquaken hie und da und Grillenzirpen und natürlich Ketten surren und Stoßatem-Atemgeräusche, doch das nehme ich nicht wahr. In Lembach fülle ich die Trinkflaschen an einem der drei Trinkwasserbrunnen, wie auch in Soufleweihersheim bei einem Wasserhahn am Kanalhafen kurz vor Straßburg. Bin zuversichtlich, dass wenn ich den Meilenstein Straßburg durchqueren kann, ich es dieses Mal bis ans Ende der Nacht schaffen kann. Die Aussicht auf Hitze, die mich am nächsten Tag garantiert aus den Socken hauen wird, ist unheimlich motivierend, wach zu bleiben. Straßburg zu durchradeln ist einfach. Es gibt jedoch dieses eine Stückchen Radweg nur etwa 300 Meter lang, sehr schmal, das durch eine besonders unheimliche Gegend führt. Wenn ich in Straßburg nachts Radreisende ausrauben wollte, würde ich das dort tun. Ihnen den Weg versperren, sie zum Anhalten bringen, ihnen das Messer in die Nase stecken und ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie Geld und Handy abgeben sollen. Ich überlege, was ich tun würde, sollte das tatsächlich passieren. Die Kreditkarte habe ich vorsorglich schon aus dem Geldbeutel genommen. Das Handy würde ich vielleicht in hohem Bogen in den Kanal direkt neben dem Radweg schleudern. Schwer zu sagen, was man tun würde, wenn man ein Opinel in der Nase stecken hat.

Wie schon öfter, geht es gut. Nie war ich so spät wie in dieser Nacht an dieser Stelle. Niemand lauert mir auf. Ich fotografiere die Lichter. Hinterm Hauptbahnhof zeigt der Tacho 100 Kilometer. Es ist kurz nach ein Uhr. Raus aus der Stadt dauert es noch eine knappe Stunde bis zu guten Lagerplätzen.

Alles was ich über die Nacht weiß, vergaß ich südlich von Straßburg.

Ein Geräusch. Ein Tier. Im Schummerlicht huscht ein struppiges Nutria über den Radweg und lässt sich in den Kanal plumpsen. Picknickplatz Erstein zehn Kilometer. Guter Lagerplatz. Ich widerstehe. Nächster Halt Marckolsheim, etwa 40 Kilometer. Ich rechne, zwei Uhr plus 40 Kilometer gleich vier Uhr. In Marckolsheim hat ein gutmütiger Mensch, der in einem alten Kanalschleusenhäuschen wohnt, eine kleine Bank aufgebaut, einen Tisch, einen Sonnenschirm, einen Mülleimer und vor allem einen riesigen Thermoballon mit eisgekühltem Wasser. Mein nächstes Wasserloch also. Die Müdigkeit hält sich in Grenzen. Die Nacht ist so heiß, dass ich ohne Frösteln im T-Shirt radeln kann.

Ich habe die Strecke bei früheren Fahrten tagsüber gefilmt, fotografiert, hab sie besungen, bewundert und verflucht. In jener heißen Nacht lief ein Diktiergerät mit, notierte ich Bilder auf Band, die ich wegen der Dunkelheit nicht auf Video oder Foto bannen konnte. Mehr noch, ich ließ das Hirn mäandern, teils fühlte sich das ein bisschen an wie Traum, die klaren Strukturen der Tagdenke zersetzten sich im Dunkel am Rand des Kanals. Wie träumen bei vollem Bewusstsein. Lucid. Einzelne Elemente liegen wie unsortierte Puzzleteile nebeneinander. Vielleicht ist es mit dem Denken nachts ja so wie mit Puzzle: Obschon die Grundmenge an Gedachtem exakt gleich ist wie beim fertig zusammen gebauten Puzzlebild, sieht es ganz anders aus und nur derjenige, der es schafft, das Unbewusste zu erlauben, kann es auch genießen. Denke wild und absichtslos.

Da ist ein möglicher Lagerplatz nördlich von Neuf-Brisach, der mir gefährlich werden könnte. Unweigerlich steuere ich darauf zu. Wann wird es endlich hell? Jetzt bloß nicht schwach werden. Da links schon Morgendämmerung? Kies knistert unter den Reifen. Nutrias hie und da. Frösche. Wind in den Platanenalleen und das holprige Voranstottern auf runzelndem Teer, der von ihren Wurzeln angehoben wird. Es ist zu warm, um müde zu sein. Blick auf die Uhr verliert sich im Dunkel jenseits des Lichtkegels. Als ob je ein Blick auf die Uhr den Lauf der Sonne beschleunigt hätte. Ich lausche. Ist das Morgenverkehrslärm? Östlich vom Kanal verläuft eine Landstraße. Wann fahren die Franzosen zur Arbeit? Fünf, sechs Uhr? Wenn das Zurarbeitleute sind, dann gibt es auch irgendwo eine frühaufe Bäckerei. If Zurarbeitfahrleute, then aufe Bäckerei; else Boulangerie fermeé. In einem Dorf verlasse ich den Kanal und tatsächlich, da hat schon eine Bäckerei auf. Rein, ein Kaffee, ein Éclaire und etwas Deftiges. Draußen neben dem Radel beobachte ich die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit hier stoppen. Manche nehmen sich Zeit zum Plausch bei Kaffee. Die meisten kaufen nur kurz ein und fahren weiter. Einer lässt den Motor laufen. Uralte Karre, kann also nicht wegen der Klimaanlage sein. Ich könnte das Auto stehlen.

Welch fulminantes Ende für eine Radreise ans Ende der Nacht.

Kehl Le Mittagshitz

Wie viele Bäcker gibt es auf der Welt, wie viele Reisbauern, Bauarbeiter, IT-Spezialisten, Topmanager, wie viele Bettler, Straßenhändler, Schlawiner? Jetzt in diesem Moment? Wie viele Menschen wie du und ich?

Am Morgen am Rhein-Marne-Kanal diagnostiziere ich einen Zeitkonflikt. Das Zelt steht im Schatten eines kleinen Buschs, die Morgensonne hebt sich aus dem Dunst. Ich bin elend müde. Erschöpft ist ein besserer Ausdruck. Die Hitze lässt den nutzbaren Teil des Tages auf ein Minimum schrumpfen. Mittags radfahren? Verrückt. Schlafen? Den Insekten bist du ein willkommenes Opfer. Sie trinken deinen Schweiß. Kill the beast, spill it’s blood … ein Saul Williams-Song kommt mir in den Sinn, in dem der Musiker rhythmisch, beinahe hypnotisch, diese Zeilen aus Lord Of The Flies zitiert. Auch das Schreiben will um die Mittagszeit nicht so ganz gelingen, zum einen, weil die Insekten nicht nur Schlafende, sondern auch Schreibende oder Sonstwastuende quälen, zum anderen ist das Hirn nur noch ein matschiges Etwas aus Eiweiß, das nutzlos unter der Schädeldecke wabbelt.

Ich bin alles andere als gut drauf an diesem dritten Tag. Stelle das Projekt in Frage, mich selbst, die Kunst, die Ewigkeit. Was letztlich bleibt, ist doch der Fetzen Gegenwart, den man als denkendes, fühlendes Wesen wahrnimmt. In dieser Welt ein paar Stunden vor dem Jetzt, das Jetzt selbst und ein paar Stunden danach. Langstreckendenkende können die Zeitspanne beliebig erweitern. Mein Jetzt ist nicht gerade glücklich. Bei Brumath ist der schöne Kanalradweg zu Ende. Bis dahin konnte ich in regelmäßigen Abständen das T-Shirt ins Wasser werfen, es ausquetschen, klatschnass wieder anziehen, aber plötzlich muss ich einer Umleitung folgen, hinein nach Brumath, wo ich in einer überhitzten Bäckerei ein Sandwich kaufe, ein Stück Pizza und ein Schokocroissant, welche ich mitschleppe entlang der elend staubigen Nationalstraße, auf der Hunderte von Autos fahren, Dieselrußgestank und kein Baum, der Schatten wirft, geschweige denn ein lauschiges Plätzchen zum Rasten. Diese verflixte Bahnlinienbaustelle! Kilometerweit läuft sie scheinbar parallel zum Kanal, so dass der Radweg unpassierbar wurde.

Erst bei Vendenheim kommt die schlecht beschilderte Umleitung zurück auf den Kanalradweg, der schnurstracks hineinführt in die Europametropole Straßburg. Beim Parlament verliert sich der Kanalradweg. Eine Passantin macht freundlicherweise ein Bild von mir direkt vor dem schiffsähnlichen Monsterbauwerk, das auf einer Insel zwischen Kanälen zu liegen scheint. Wasserburg der Moderne. In der Nähe stehen viele kleine Zelte in den Parks, eine Protestaktion, erklärt die Passantin, für den Europarat, dessen Gebäude ganz in der Nähe der Tramstation Platz der Menschenrechte liegt. Straßburg hat etwas venedigesques, durchzogen von Kanälen und garniert mit Brücken. Dazu Fachwerkhäuser soweit das Auge reicht. Auf dem Gehweg ist grün das Wahrzeichen der Stadt gesprayt mit Minutenangaben daneben – zehn Minuten zu Fuß bis zum Münster. Natürlich darf ich mir, als alter Jakobspilger, dieses imposante Bauwerk nicht entgehen lassen. Auf dem Platz rings um das Münster sowie in den Gassen der Altstadt wimmelt es von Touristen. Alle Sprachen der Welt. Wie Wespen, die um ein Stück Schinken schwirren, tummeln sich die Menschen um eine verchromte Säule mit der Aufschrift Eau Potable. Jeder will hier seine Trinkflasche füllen. Ein etwa dreijähriger Bub, dem das Auffangbecken des Brünnleins bis zum Kinn reicht, will direkt daraus saufen, aber die Zigeunerin, die mir gnädigerweise den Druckknopf festhält, damit das Wasser permanent fließt, verscheucht das Kind. Immerhin sammeln sich in dem Becken alle möglichen Schuppen, Bakterien, Überreste von den Menschenhänden, die zwangsläufig mit dem Wasser beim Befüllen in Berührung kommen.

Straßenmusiker aller Nationen: afrikanisch neben der Schicksalsmelodie neben Que Sera Sera neben dem Flug des Condor auf Panflöte neben einem erbärmlich verstimmten Geiger. Wie viele Straßenmusiker gibt es in der Stadt? Mitten auf einer Hauptstraße läuft ein bärtiger kleiner Mann mit Jacke und speckiger Hose und hält einen Plastikbecher in alle offenen Autoscheiben, egal, ob die Ampel grünt oder nicht. Er hat ja nichts zu verlieren. Wie viele Bettler? Ich schiebe das Radel zur Seite, weil es ein bisschen heikel ist, mitten im strömenden Verkehr den Geldbeutel rauszupfriemeln und ihm einen Euro in den Becher zu werfen. Weiter weiter weiter. Wie viele Menschen wie du und ich? Kann man die Welt hochrechnen und, sagen wir mal, wenn man alles Menschenvolk in einer Kleinstadt zählt, fünf Bettler, drei Bäcker, ein Massenmörder, zehn Du-und-ichs, pro fünftausend Personen, kann man das auf zehn Milliarden umrechnen? Eigentlich hätte Strasbourg, wie auch Saverne am Vortag, ein richtig gutes Portrait verdient. Aber bei der Hitze …!

Ich verirre mich, muss immer wieder das Fon rauskramen, um die Radwege zu lokalisieren, merke mir zwei markante Punkte, den Etoile und Aristide Briand, nach denen ich die Passanten frage, gelange irgendwie in Richtung Kehl/Offenburg meist auf Autostraßen. Das deckt sich nun so gar nicht mehr mit dem Bild, das ich einst von Straßburg hatte: dass man per Radel einfach so durchkommt, ohne Karte, ohne alles. Aber damals, vor ganz vielen Jahren, habe ich auch keinen Abstecher gemacht in die touristischen Innereien. Beim Parc des deux Rives, dem Park der zwei Flussseiten, der sich von Strasbourg über eine elegante Fußgängerbrücke wie ein riesiges Ei auf beiden Flussseiten erstreckt, wird es endlich ruhiger. Flusskilometer 293. Wunderbare Anlagen diesseits und jenseits der Grenze, des Rheins. Kehl-le-Mittagshitz. Bei einem Rewe-Markt kaufe ich Kühles. Die Nerven liegen allerorts blank: an der Kasse, auf dem Parkplatz, an Straßenkreuzungen, selbst auf dem Radweg kommen einem unentspannte Reviermarkierer entgegen, die jedes nur geringfügige Überschreiten der Mittellinie – ja, mein Gott, das kann doch mal vorkommen, das man in die Welt starrend auf die Gegenspur gelangt – mit scharfen, ich will keine verbal tödlichen Äußerungen kommentieren. Anyway.

Ab Willstätt stehe ich plötzlich wieder auf einem Deichradweg, der entlang der Kinzig, oder dessen, was davon noch übrig ist, bis nach Offenburg führt. Der Weg beginnt offenbar schon in Mannheim, führt über Kehl nach Offenburg und von da das Kinzigtal hinauf. Gemütlichkeit ist angesagt. Offenburg durchquert sich wie im Schlaf. Ein kleiner Park und Festungsmauern und wunderschöne alte Gebäude machen Lust auf mehr, aber es ist schon spät und ich muss bald einen Lagerplatz finden. Immer dem meist gut beschilderten Kinzigtalradweg folgend, werde ich schließlich fündig und baue mein Zelt jenseits des Hochwasserdeichs direkt am Fluss auf. Sogar Baden funktioniert, obschon ich mich erst ein paar Meter durch kniehohe Pflanzen wühlen muss, um bei einem kleinen Strauch in den streng kanalisierten Fluss zu gelangen.
(Notdürftig unterwegs von Fipptehlern beneirigt :-) )
(entfippthelert by Homebase, 21:12; Tag 3)