Ein Server in USA oder Fernost?, schießt es mir in den Sinn, nur falls Europa unbewohnbar wird. Bald wird das „großartigste“ und am oftesten verlängerte Ultimatum ablaufen. Der Weltkrieg droht. Dinge werden teuer. Chaos wird sich ausbreiten. Mein kleines Endzeithirn rotiert zwischen heimischen Klein-klein-Sorgen – wo bitteschön lege ich dieses Jahr die Kartoffeln; wie bitteschön kriege ich die Löcher im Dach möglichst rückenschonend geflickt – und den tragenden, Dekaden fassenden Großsorgen zur Konzernapokalypse, die die nächsten Generationen plagen werden – wo bitteschön kriege ich billiges Öl, sauberes Wasser, Gasheizungsgas und wie bitteschön halte ich mir die marodierenden Soldatenmassen vom Leib, die dreißigjährigerkriegesque kreuz und quer durch die Lande ziehen werden, plündernd und Schlimmeres tuend?
Ich weiß, das ist klein. Das ist naiv. Das ist ängstlich. Das ist bis zur nächsten Ecke gedacht und kein bisschen weiter. Die Kette von Flugzeugen über Ramstein aufsteigen zu sehen, wie sie ausfliegen, wohin, wohin, wohin, und dünkelnd, mit was sie beladen sind, Waffen, Söldnern, Gift und Spionen, tut meiner inneren Unruhe nicht gut. Wir sind auf dem Weg ins Naheland, ein kleines Wandertreffen mit Freundin Lakritze und wenn man dorthin will, ins Naheland, von meinem Atelier aus kommend, muss man am Militärflughafen Ramstein vorbei. Und mit diesem Ort habe ich schon seit Anbeginn der Zeit ein Problem, genauer gesagt seit der Katastrophe bei der großen Flugschau irgendwann Ende des letzten Jahrtausends. Der Ort ist gefährlich. Von dort geht nichts Gutes aus, geht nichts Gutes in die Welt, treibt man Schindluder hinterm Rücken des friedliebenden Normalbürgers, der Normalbürgerin, die doch nur die A6 benutzen wollen vorbei am Kaiserslautern ihres kleinen feinen Lebens von irgendwo nach irgendwoanders.
Wir treffen Frau Lakritze am Bahnhof Staudernheim. Sie trägt Hut, Hemd, Tagesrucksack. Sie hat eine Landkarte aus Papier dabei. Unsere Wanderung wird dennoch nicht sehr lang, denn das Ziel, die Klosterruine Disibodenberg ist gleich da oben auf dem Hügel, der wie ein Sporn im Mündungsgebiet des Glans zum Hunsrückflüsschen Nahe liegt, ein von jungem Grün bewucherter Hügel.

Wir erklimmen. Wir plaudern. Wir staunen hinunter ins Tal, hinüber zum Lemberg und schon sind wir oben auf dem weitläufigen, hektargroßen Gelände, das fast nur noch aus Grundmauern besteht. Die Abtei muss einst riesig gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich zuletzt 2015 hier oben war, per Fahrrad unterwegs zum Nordkap. Damals war ich ganz alleine und das Wetter war nicht so brilliant wie heute und die Weltenlage nicht so zugespitzt. Ich hatte nicht so viel Ruhe, wollte weiter, aber auch die Ruine schauen. Eine Zerreißprobe an Tag eins der zwei, drei Monate währenden Reise.

Von Südwesten erklommen wir den Klosterberg entlang einer Linie uralter Bäume, die kurz vor den ersten Gemäuern ihren Höhepunkt bei einer mehrere Meter umfangenden uralten Eiche gipfelte. Dort stand auch ein eisernes, hohles Kreuz in den Boden gerammt mit einem Schlitz drin, innen hohl, bereit Geld aufzunehmen. Eine Tafel daran befestigt, dass der Besuch der Ruine „kostenpflichtig“ sei, man bitteschön fünf Euro einwerfen sollte. Die Anlage ist gepflegt und, früh wie wir da sind, noch kaum bevölkert. Wir lassen uns treiben zwischen Laientrakt, Abteiruine und den vielen anderen Gebäuden, von denen es nur noch die Grundmauern gibt. Mich zieht es magisch zum kleinen Labyrinth, das wer wo angelegt hatte. Auf vielleicht 100 Quadratmetern unter Eichen und Ahornbäumen, die ins Labyrinth integriert sind, erstreckt es sich ungewohnt „dreckig“, also unregelmäßig. Schon laufe ich den Weg ins Innere, folge der Spur zwischen Gras, vorbei an den Bäumen, gerate wieder auf die Außenspur wie das beim Labyrinth so ist, du denkst, du bist fast da, die Mitte zum Greifen nah, und schon führt dich der Weg wieder bis ganz weit weg in die äußeren Umläufe. Frau Soso und Frau Lakritze folgen. Immer wieder begegnen wir einander, laufen sogar kurze Zeit alle drei nebeneinander, jede auf ihrer oder seiner Spur, bis sich unsere Wege wieder in andere Richtungen richten und am Ende stehen wir alle im Zentrum, einem lädierten, großen Baum, dessen Rinde an einer Stelle großflächig abgerissen ist. Aber er lebt. Denken unsere Gedanken, scherzen, sinnieren. Der Labyrinthweg ist faszinierend. Es dauert nur wenige Minuten die vielleicht zweihundert Meter lange Strecke zu bewältigen und natürlich könnte man auch einfach geradeaus bis zum zentralen Baum wandern. Wie die Wurzeln der alten Bäume, die die Labyrinthstrecke ohne Rücksicht auf die vom Menschen gemachte Route nahezu schnurgerade durchdringen und ab und zu zu Tage treten.
Mein Desolations-Ich. Das, das sich die Katastrophe ausmalte, noch vor ein zwei Stunden im Vorbeifahren am evil evil Ramstein Airport. Staunend zwischen Himmel und Erde, den eigenen schon zurückgelegten Lebensweg dekadenlang vor Augen, die eine, höchstens zwei Dekaden, die womöglich noch vor ihm liegen im Fokus: Was will ich noch alles erreichen? Lange Radreise hie, kürzere Dinge vor der Haustür da und achja, einen neuen Server bauen, auf dem das „Lebenswerk“ gerettet wird und im Anbetracht der Lage sich fragend, ist es eine gute Idee, wenn alle meine Server an einem Ort stehen, der womöglich zerstört wird? Was also will mein kleines Restleben-Ich noch tun auf dieser Welt? Meine Liste der Zutuns beschränkt sich auf ein paar Kunst- und Schreib-Ideen, die im Konflikt stehen mit den alltäglichen Spontanaktionen, bei denen ich versuche, meine eigene Welt sauber zu halten, jaja, das kann mühsam sein, und auch in der Welt meiner Liebsten ein wenig zu assistieren, falls nötig und gewünscht. Das alles ist Lebenszeit und gerade eben, da oben auf dem Klosterweg sehe ich die vielen kleinen Zu-Wollens der letzten Lebensdekade schön sauber aufgereiht und die Reihe ist nicht etwa gerade, wie ich bis anhin dachte, sondern ein geschwungener, labyrinthischer Weg. Das nächst zu liegen Scheinende muss nicht das sein, was ich als nächstes tue im Leben, erkenne ich. Die Frühlingssonne schimmert durchs seichte Grün jungknospender Ahornbäume.
Nachdem wir das Labyrinth zu Ende gegangen sind, also rein ins Zentrum bis zum maroden zentralen Baum und wieder raus, pausieren wir auf einer Bank. Die Klosteranlage füllt sich mit Tagestourist*Innen. Ein junger Mann läuft das Labyrinth. Eine junge Frau folgt kurze Zeit später. Andere stehen nur davor, schauen nur, gehen wieder. Andere nehmen den geraden Weg zum zentralen Baum. Ich habe Nüsse mitgebracht. Wir knacken sie. Wir essen sie. Für eine Handvoll Nüsse bohre ich mit einem Stöckchen rings ums Labyrinth Löcher, lege sie hinein. Wer weiß?