Die schönste Straße der Welt

Die schönste Straße der Welt erschien mir im Traum. Von einer verwinkelten Stadt am Meer und in den Bergen zugleich, und zu Füßen eines Schlosses, das an der Loire liegen könnte, führte sie in Richtung meines Ziels, das ich unbedingt erreichen wollte. Weshalb ich mich beeilte und weshalb jedes Foto, jede Notiz, jeder Versuch, den Moment und die Schönheit des Orts und der Straße festzuhalten, scheiterte. Die Fotos waren verwackelt, denn immer, wenn ich den Auslöser des Fotoapparats betätigte, ruckte ich, drehte mich auf dem Absatz, rannte weiter. Eine Kolonne von Autos, die einem Gespann hinterherzuckelten, kam mir auf der engen schönsten Straße der Welt entgegen, so dass ich mich mit dem Rücken an die ockerfarbenen Felsen presste. Ich könnte trampen, dachte ich, hielt den Daumen raus, aber in meine Richtung war niemand unterwegs. Die kleine Gebirgsstraße schlängelte sich wie ein Kanal durch die Felsen. Immer wieder gaben Löcher in den Felswänden den Blick frei auf ein malerisches Tal. Blitzartig zuckten die Bilder der zauberhaften Stadt, die ich gerne intensiver erkundet hatte. Eine Hafenstadt in den Bergen, ein Brückenhaus, das man nur über Leitern erreichen konnte, unter den Häusern tosten Wellen in felsigen Buchten.

Beim Frühstück wirkte der Traum nach. Mir wurde bewusst, dass ich alles, was ich geträumt hatte in Wirklichkeit gesehen, durchwandert und durchradelt hatte. Die schönste Straße der Welt muss die D465 zwischen Giromagny und Belfort sein. In Wirklichkeit ist das eine kleine französische Departementsstraße in den Südvogesen. Sie führt durch krüppeligen Eichenwald, vorbei an winzigen Seen und einsamen Tümpeln. Sie ist nicht sehr stark befahren – vielleicht ist es auch die weiter östlich verlaufende D23, die vom großen Ballon des Elsass runter führt Richtung Belfort. Das Schloss in meinem Traum liegt an der oberen Loire. Eigentlich ist es eine kahle Ruine, die neben einem Stausee auf einem Felsvorsprung thront, aber im Traum war die Burg äußerst belebt, ein Märchen. Für die kleine Stadt am Meer in den Bergen stand definitiv das englische Robin Hoods Bay Pate mit seinen dreißig Prozent steilen Sträßchen, den engen Gassen, den Pubs und Souvenirsläden. Die Nordsee tost im winzigen Hafen und lässt das Städtchen verletzlich wirken.

Ich träume nicht oft. Ich erinnere mich selten an Träume, aber wenn, dann nehme ich das Gefühl beim Erwachen mit in den Alltag. Die Bilder sind nur zweitrangig, wichtig ist das Gefühl, das du aus den Träumen rettest. Anhand des Gefühls kannst du den Traum deuten und er kann dir tatsächlich etwas verraten.

Wenn du das Gefühl beschreiben kannst, deutest du den Traum. War dieser Traum nicht schnell, hektisch und zerrissen, ein elendes Hickhack zwischen allen Stühlen? Vor großartiger Kulisse, zweifelsohne. Auf den ersten Blick gesehen ja: zerrissen. Aber da war noch mehr. Es war, als lägen die Ruhe und die Hektik miteinander im Clinch. Ganz wie im richtigen Leben. Zu viele Gleichzeitigs, die eigentlich Nebeneinanders sind und ein direktes Zweitleben erfordern würden, das wie in einem Paralleluniversum ebenso wahr und echt ist wie das Erstleben. Ausbreitversuch der unendlichen Seele auf begrenztem Raum, nur dass es sich um ineinander verschachtelte Räume handelt. Nein, das kann, das muss niemand verstehen, auch nicht du; als stülpte sich wässriger Lehm aus einem Eimer auf einer leeren Fläche, wo er zerrinnt, zu langsam, als dass das, was Eimerform hatte Kraft des Zufalls oder des schlichten Freilassens eine ganz andere, wunderbare Form annehmen könnte.

Aber vielleicht ist das auch nur der Versuch, etwas zu vereinen, was sich nie und nimmer vereinen lässt? Die Straße, die Stadt am Meer in den Bergen und das Element, was mich von dort weglotste, bilden eigentlich eine Einheit. Alles gehört zusammen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich zugleich bleiben und gehen will, weder in diesem Traum, noch in Wirklichkeit und wenn ich mich konzentriere, gelingt es mir sogar, gleichzeitig zu gehen und zu bleiben. Fragt mich nicht wie, aber ich kann das. Natürlich nicht räumlich, das ist klar. Man sollte viel öfter das, was man für echt hält hinterfragen (nicht, weil es vielleicht unecht ist, sondern, um es einfach nur zu hinterfragen). Letztlich, so stelle ich mir das vor, ist die echte Welt, wie ich sie am Tag wahrnehme auch nur wie die Traumwelt, eine Überlagerung verschiedener Bilder, hinter denen das blanke Gefühl steht. Jenseits der Sinne fängt das Echte erst an. Ich weiß, das klingt verwirrend. Es ist nicht einfach, Gegenteile als Einheit zu sehen, aber ich glaube, so ähnlich muss es sich mit dem Yin-Yang-Gedanken abspielen. Du kannst jede Einheit aufspalten in ihre beiden (oder mehrere) Gegenteile (Gegenteile trifft es nicht, aber mir fällt kein besserer Begriff ein). Das geht mit einem Kreis, der sich aus zwei Tropfen zusammensetzt, es geht mit einem gesellschaftlichen Organismus, mit einem Verein, einem Staat, einer Fabrik, mit einem Gegenstand und es funktioniert auch, wenn man es auf das eigene Ich anwendet, auf das Bild, das man von sich hat.

Der Tag geht. Der Abend ist da. Einige Stunden liegen auf dem Traum.

Zu schnell, zu viel, zu unkonzentriert, zu sehr es allen und allem recht machen wollen. Das war schon immer die größte Gefahr des Kreativseins. Das und dieses nervige den Gesetzen des Marktes gehorchen wollen.

Wieviel Zeit hast du diese Woche vergeudet, dem Markt gerecht werden zu wollen und was für einen Mist hast du dabei produziert? (Eine Anspielung auf den Fineartprintshop, an dem ich arbeitete).

Das ist doch keine Kunst.

Schreibs auf.

Viel zu schnell.

Runderneuert durch die Nacht wieder ran an den Feind

Unendlich langsam geht es voran. Die Arbeiten an der Webseite, dieser hier, sind mühsam. Im Grunde habe ich es mit einer fast zwölf Jahre alten Datenbank zu tun, die neu organisiert werden muss. Inspiriert und ein bisschen getrietzt durch Twitterfreundin Vera @kaffeebeimir  habe ich begonnen, die Seite übersichtlicher zu machen und meine Kernkompetenz, das Livetexte-von-unterwegs-Schreiben nach vorne zu kehren.

Eigentlich ist das, was man an dieser Stelle sieht, nichts anderes, als eine Kombination verschiedener Datenbanktabellen. Alle Elemente des Blogs sind in einer großen Liste sortiert, deren Spalten und Zeilen miteinander verkettet sind. In der Liste finden sich Texte wie dieser, dazugehörig die Überschrift, das Datum, Schmuckgrafiken, sogar individuell einblendbare Linklisten, falls gewünscht. Ein Blog ist wie Cocktailmixen. Die Zutaten liegen in einer Datenbank. Mit der Irgendlinkschen Datenbank, die im Laufe der letzten zwölf Jahre gewachsen ist, könnte ich vermutlich verschiedene Ansichten generieren. Verschiedene Ansichten eines Langzeitbloggerlebens. Wahrscheinlich könnte ich mit ein bisschen Aufwand die Person Irgendlink sogar als vollkommen unterschiedliche Personen darstellen. Als reiner Fotokünstler, als Schriftsteller, als Webdesigner, Arbeiter, Lehrer, Journalist, als ganz normaler Mensch, aber das Eine würde dem Anderen ohne das nochmals Andere und viele andere ‚Anderes‘ nicht gerecht. Ich bin eine spätkapitalistische, virtuelle Mischperson, deren digitale Spur ein Leben aus Fleisch und Blut nachzeichnet. Nicht Künstler, noch Schriftsteller, noch sonst irgendwie konkret festlegbar.

Folglich bin ich ich.

Der Webdesigner in mir rät übrigens davon ab, ein Blog im ‚Livebetrieb‘ umzubauen, so wie ich das gerade tue. Immerhin ist jede Änderung direkt öffentlich sichtbar und somit auch die Fehler und Verwirrungen, die man vielleicht erzeugt.

Der Künstler in mir erklärt, warum ich es trotzdem tue. Ich bin kein Konzern oder ein wirtschaftliches Unternehmen, bei dem sich Konfusionen durch tollpatschigen Umgang mit der Webpräsenz direkt auf den Umsatz auswirken. Ich kann es mir sozusagen leisten unperfekt zu sein. Manchmal ärgert das den ordnungsliebenden Alltagsmenschen in mir und der selbstbauchpinselnde Narzisst in mir denkt, vielleicht vergraule ich Besucherinnen und Besucher, wie stehe ich denn da, aber dann denkt sich das Tier in mir, das einfach nur atmen will und existieren, ach, was solls, die Irgendlink-Blogsache ist doch sowieso für länger angelegt und das Jetzt spielt in diesem Blog nur dann eine Rolle, wenn mal wieder live gereist wird und man täglich dem ‚Artist in Motion‘ auf den Rad- und Wanderwegen dieser Welt folgen kann.

Sei einfach. Und gut.

Frisch installiert denkt sich der Irgendlink-Forscher in mir, der in einer fernen Zukunft lebt und dieses digitale Monument (also eigentlich die Datenbank) durchforstet: Neben den in Echtzeit ins Blog projizierten Livereisen war das Blog ein Archiv, ein Künstlerleben, das dokumentiert wurde.

Ich bin mir über die Magie der Selbsarchivierung in Blogform erst in den letzten Monaten klar geworden. Es wird zunehmend eine Quelle für mich selbst, ein Fundament. Eine Rohstoffquelle. Es birgt Schätze, vermutet derjenige in mir, der die Andienung an den Markt noch immer nicht aufgegeben hat.

Manchmal bin ich am Verzweifeln darüber, dem Chaos aus Datenbrei nicht Herr zu werden. Dann, wenn ich alte, überbordende Informationsstränge gekappt habe und durch neue, prägnantere ersetzt habe und es fehlt noch was und ich habe die Linkstruktur und die Möglichkeit zu weiteren Informationen unterbrochen. Es ist auch schwer, als Insider zu sehen, was einem als Von-draußen-Kommendem fehlt.

In diesen Momenten, in denen ich gerne alles hinwerfen würde und mir selbst entmutigt sage, ach, lass, das liest doch sowieso kein Schwein, hilft oft nur Abschalten. Gutseinlassen. Computer aus. Hinlegen, schlafen, aufwachen, durch die Nacht runderneuert wieder ran an den Feind.

Plötzlich. Ein Jakobsweg

Die Dienstleistungen dürfen nicht oben stehen. Ich habs vermasselt. Beim Relaunch des Blogs – quasi am offenen Herzen – habe ich versehentlich die Seite ‚Dienstleistungen‘, die nur eine Infoseite werden und nicht im Fließtext aller Beiträge auftauchen sollte, als normalen Blogartikel angelegt. Also taucht sie für alle sichtbar im kontinuierlichen Fließtext ganz oben auf. Verdammich.

Was tun? Löschen? Nein. Ich binde sie einfach ein und blogge obendrüber mit diesem Artikel. Ich bin an einem Wendepunkt angelangt. Alles, was getan werden musste, ist getan. Ich sitze auf einem Pulverfass hunderter, vielleicht tausender Blogartikel, die in einer einzigen Datenbank gespeichert sind und strukturiert, verwaltet werden wollen. Das ist mein neues Leben. Nach Jahren auf der Straße livebloggend wartet ein reiches Künstlerleben in Blogform darauf, endlich aufgearbeitet zu werden. All die Bilder, Texte, Denkweisen und Statements, die hier an dieser Stelle entstanden sind. Eine Heidenarbeit. Es zu strukturieren, zu verschlagworten, in Häppchen sichtbar zu machen. Ich möchte ehrlichgesagt nicht in meiner Haut stecken. Vor alldem zu sitzen und es aufzubereiten. Ich bin eine faule Sau, die lieber lebt und voranfließt, als zu ordnen und zu kategorisieren. Auf der Nordterrasse des einsamen Gehöfts sitze ich und starre in die Dunkelheit. Das Wohnungslicht schafft Konturen von Ästen, die an einem Baum stehen. Hellgrüne herbstliche Katarakte in aschfahlem Nichts. Schwach bin ich. Fehlerhaft. Eine Silhouette von Mensch. Drinnen in der Künstlerbude dudelt Musik. Das macht mich fröhlich. Das und die Situation.

Eigentlich wäre ich fertig, denke ich. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte. Ich bin zum Nordkap geradelt letztes Jahr. Dieses Jahr nach Gibraltar. Zusammen mit der über alles geliebten Frau Soso bin ich den Rhein abwärts gewandert und wir haben ein Buch darüber geschrieben. Live. In Blogform. Es gibt nun nichts mehr zu tun.

Was also kommt als Nächstes? Nichts? Nichts mehr zu tun hat so etwas von einem Todesurteil. Stillstand. Leere. Keine Perspektive.

Das Hirn martert.

Endlich arbeiten. Endlich all das Begonnene aufarbeiten. Endlich Flagge zeigen, sich als Schriftsteller etablieren. Fiktives wahr machen. Ja, das ist mein Plan.

Aber da lauert auch immer noch das Feuer der Reise. Ich formuliere Neues. Plötzlich ein Jakobsweg. Was, wenn ich einfach aufbrechen würde, mitte November, so wie damals 2010 und mit dem Zug nach Saint Jean fahren würde? In 35 Tagen könnte ich bis Santiago wandern. An Weihnachten wäre ich zurück. Live die Reise ins Internet stellen. Wie damals, nur mit den Mitteln von heute. Es ist so verlockend. Ich könnte es einfach tun. Aber wie hoch ist der Preis? Die Eltern sind angezählt und einige andere Verwandte. Was, wenn sie sterben, während ich auf dem Jakobsweg lustwandele? Würde ich zurückkehren in den Tod? Ach der Tod, seit Beginn des Jahres liegt er mir auf der Pelle und reißt einen lieben Menschen nach dem anderen. Wie so ein Wolf.

Schmerz. Unendlicher Schmerz. Nie habe ich mehr Tränen geweint, als in den letzten zehn, zwanzig Monaten. Ändert es etwas am Schmerz, den Lebensweg zu variieren? Kann man ihn vermeiden?

Zwei drei Wochen noch. Ich könnte einen Zug buchen nach Saint Jean. Einfach draufloswandern. Und dann? Zurückkehren, dunkle Leere, oder wäre alles beim Alten?

Dienstleistungen

  • Als Avatar aus Fleisch und Blut reise ich für Sie und Ihre Klienten, stelle Ihre Marke vor, vernetze und beschaffe Informationen.
  • Als Konzeptkünstler kreiere ich raumfüllende Foto- und Objektinstallationen. Ihre sechs Meter hohe und zwölf Meter breite Wand kann ich mit einem Bild voller hunderter Straßenbilder (wie im Header dieses Blogs) gestalten. Ich kann aber auch ‚klein‘ und beteilige mich harmonisch bis kontrovers an Ausstellungen.
  • Als Literat schreibe ich Echtzeittexte, aber auch Fiktives.
  • Als Journalist habe ich frei mitgearbeitet bei der Rheinpfalz, der TAZ und einigen Reisemagazinen. Ich bin offen für Neues.
  • Als Webdesigner habe ich etliche WordPress-Blogs ans Licht der Welt gebracht und andere davor bewahrt, im Spam-Nirvana zu verschwinden, behob Probleme mit dem Design und dem Schriftsatz und noch so einige schreckliche Dinge, die einem im Blog passieren können.
  • Als Problemlöser löse ich Ihr unlösbares Problem.
  • Als Coach zeige ich Ihnen alles, was Sie über WordPress wissen wollen.
  • Als Fotograf spiele ich mit Licht und Pixeln, liebend gerne helfe ich Ihnen bei Ihren Webgrafiken.
  • Als Texter begebe ich mich weit hinter die Grenze des Konventionellen.
  • Als Twitterer bin war ich ein Einmann-Orchester auf der 26-Tastenorgel des Aphorismus.
  • Fediverse
  • Als Facebooker – sagen wir es mal so – bin ich bemüht.
  • Als Youtuber arbeite ich mit Openshot und mache sehr schräge Sachen.
  • Als Blogger werde ich nie nie nie aufhören.
  • Als Mensch stehe ich für Frieden und Nächstenliebe.

Der Ernst des – nein ich will das Wort nicht in den Mund nehmen – Pünktchenpünktchenpünktchen-Lebens

Das Autorenleben hat begonnen. Jetzt wird es schmutzig und hart. Nicht, dass ich nicht schon längst seit etwa fünfzehn Jahren irgendsoein Autor bin, der sich in Blogs wie diesem hier tummelt. Neinneinnein, der Ernst beginnt. Der heimische PC ist ein wildes Schlachtfeld geworden, auf dem auf vier virtuellen Monitoren unzählige Fenster geöffnet sind. Recherchen im Browser. verschiedene Buchprojekte im Programm Scrivener, ein Serveradministrationsterminal und noch so einige Dinge, die niemand versteht.

Mit einer Art virtueller Kettensäge schnitze ich literarische Handlungsstränge. Die Biografie des fiktiven Künstlers Heiko Moorlander ist in der Mache und ein Krimi mit bauesoterischen Grundlagen. Ein Bilderbuch mit eigener Kunst, das eigentlich schon längst fertig ist, steht vor der Veröffentlichung. Und nicht zuletzt das vergangene Livereiseprojekt Flussnoten.

Dieses Gewusel von vielen verschiedenen Baustellen ist eigentlich nicht mein Ding. Ich bin ein linearer Mensch. Ich hab gerne immer schön eins nach dem anderen. Meine Arbeit ist aber nun in einem Stadium angelangt, an dem mich Linearität eher ausbremst. Deshalb wage ich den Sprung ins chaotische Becken des Multitaskings.

Irgendwie hängt ja bei mir auch alles zusammen. Ein Psychiater hätte wohl seine helle Freude an meinem Fall. Da ist einer, der jahrzehntelang an komischen Kunst- und Schreibprojekten geschuftet hat und nienienie einen Abschluss geschafft hat. Eine gescheiterte Existenenz, wenn man es rein wirtschaftlich kapitalistisch erfolgsorientiert betrachtet.

Eine Rohstoffquelle. Das klingt gut. Das klingt verwertbar. Das klingt ausbeutbar … narzisstisch, sagt der Psychiater … selbstüberschätzend, größenwahnsinnig.

Quatsch, sag ich. Es ist nüchterne Selbstbetrachtung auf dem fruchtbaren Boden einer im Wahnsinn des sich selbst zu Tode Hetzens verrückt gewordenen globalpathologisierten Gesellschaft (oder pathologisch globalisierten Gesellschaft).

In der wir kollektiv Scheinwerten hinterherhecheln.

Ich mag’s gemütlich. Ich mag’s bargeldlos, ich mag’s um der Dinge willen und nicht um des Bewundertwerdens ob irgendwelcher Dinge willen. Dort, wo alle anderen schon längst aufgegeben hätten, weil sie im Abgleich des Selbstbilds mit den kranken Anforderungen der schnellerschnellerschneller werdenden Gesellschaft keinen Sinn mehr sehen, fängt mein Sinn erst an. Etwas zu tun, weil etwas zu tun ist. Und zwar aus purem Spaß an der Sache.

Einen Großteil meiner Lebensenergie habe ich damit verschwendet, gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Auf Kosten der Gesundheit. Rücken, Kreislauf, Schlafstörung, Übelkeit, Angst – das alles ist mir ganz und gar nicht fremd und ich ringe noch immer gegen diese elenden Windmühlen.

Was, wenn ich mir keine Gedanken um die Zukunft machen müsste, keine materiellen Sorgen, einfach nur sein könnte und die Hirnmühle sich voll und ganz auf die verrückten Sachen konzentrieren könnte, die ihr alltäglich, woher auch immer, in die Quere kommen? Wäre das Leben dann chaotisch? Gäbe es ein Ende des Denkens irgendwann? oder würde das Ding im Schädel sich irgendwann verselbständigen und weiterweiterweiter machen ohne jegliche Bedenken, ob ES (also das, was das Hirn macht) materiell von Nutzen ist?

Die Linien liegen klar vor mir. Ich muss ihnen nur noch folgen. Würde ich rechnen, würde ich ihnen bestimmt nicht folgen. Würde ich rechnen, wieviel Lebenszeit ich schon in das Blogbuch Flussnoten gesteckt habe und wieviel Lebenszeit es noch braucht, um aus der Sammlung von Blogtexten ein echtes Buch zu machen, so müsste ich alles hinschmeißen. Der Wirtschaftsprüfer in mir würde diagnostizieren, du bist bankrott, melde Insolvenz an, tritt das Ding in die Tonne. Aber wenn ich das Projekt in die Tonne trete, wird es nie ein fertiges – ich weigere mich, zu sagen Produkt – Ding. Es wird nie eine schöne, druckbare PDF-Datei geben, die vielleicht irgendwann einen Verlag findet.

Genauso wie Kanzel. Ein unverkaufbares Bilderbuch. Es ist so teuer, dass kein Mensch es je kaufen wird, aber es ist käuflich. Ich verdiene daran kaum etwas – ihr solltet bloß nicht auf die Idee kommen, es zu bestellen. Fragt mich lieber um ein gratis PDF. Das meiste der knapp sechzig Euro Kaufpreis geht für den Druck drauf und für die Plattform, auf der es vertrieben wird. Ich sehe es mehr als ein Zeichen, hallo, hier bin ich, das Buch ist da, es könnte verlegt werden, wenn sich jemand findet und es in einer Auflage herausbringt, die es bezahlbar macht. Kanzel ist ein schlechtes Beispiel. Es ist wirklich nur ein simples Bilderbuch mit schönen Hochsitzen, das – vom kapitalistischen Gedanken her – besser nie gedruckt wird. Es läuft einfach nicht. Aber es war mir ein Bedürfnis, es druckreif zu erstellen.

Anders sieht es mit dem Krimi aus, an dem ich arbeite. Die Senkrechtmorde sind Auftakt einer Romantrilogie mit ernsthaft philosophischem Fundament, verfasst mit einem leichten Schmunzeln (so das denn zu einem Krimi passt) im Gesicht. Da hab ich echt Lust drauf. Der Plot wächst in Scrivener, meinem Schreibprogramm. Aber es ist auch nur ein totes Ende, nichts, bei dem man mir vorab sagen würde, hey, dafür zahlen wir dir ein anständiges Autorenhonorar, damit kannste rechnen. Du hast zwei Monate Arbeit wie ein ganz normaler Angestellter? Da, fünftausend Euro bar Kralle.

Das Buch wird nur dann wahr, wenn ich es auf eigene Kappe ohne Erwartung einer Bezahlung schreibe. Und das macht es so kompliziert. Das und dass ich so sozialisiert wurde, dass man für eine Arbeit eine Gegenleistung erwarten darf. Es bricht der Kreativität das Genick, wenn ich so denke. Denn es verlangt, dass das, woran man arbeitet, für die anderen Mitglieder der Gesellschaft eine Bedeutung hat. Dass es gewollt wird. Dass es zum Produkt wird. Dass man es verkaufen und wiederverkaufen und wiederwiederverkaufen kann. Kann ich doch nicht wissen, ob sich jemand für ein Buch mit eigenartigem Inhalt interessiert oder für Hochsitzbilder. Hey, aber das ist nunmal da. In mir. Und das will raus. Und da kommt der Sprung in die andere, nichtvermarktbare Welt ins Spiel.

Wie weit würdest du gehen ohne Anerkennung, ohne Feedback, ohne Lobhudelei, Hätschelei, Bauchpinselei?

The Gap. Der Sprung über die Schwelle, den man eigentlich besser nicht wagen sollte, wenn man als Mensch unter Menschen existieren möchte, wenn man das Spiel mitspielen möchte.

Wieviele gute Ideen gehen sekündlich verloren, weil irgendwo auf der Welt jemand sich sagt, ne, das mache ich nicht, das bringt mir doch nichts? Und wieviele schlechte Ideen werden sekündlich auf diesem Erdball in die Tat umgesetzt, weil jemand das Gespür hat, Mensch, das könnte klappen, damit kann ich echt Kohle scheffeln? Kohlekohlekohle.

Das Denkmal des unbekannten schändlichen Dings, das niemand braucht, aber das alle wollen und das nur deshalb entsteht, weil es vermarktbar ist, steht auf dem Platz der naiven Kunstbübchenkreativität und wirft lange Schatten auf vor Sau liegende Perlen. (Zu lang für einen Tweet, dieser Satz, schade).

Es ist zum Heulen, mitanzusehen, wie eine Hochkultur auf purem Schein aufgebaut ist, auf der kollektiv irrigen Meinung marktgemachter Werte.