Im Regen radelnd, die innere Regenbogenflagge gehisst – Tag 20

Von Eggebek in den Auwald

Es ist und bleibt wohl wie am ersten Tag: Eine Irgendwohin-Tour. Wobei der gestrige Tag 20, ein Dienstag, zu den stabileren gehört. Nachdem ich Kurs auf Eggebek und Umkehr gesetzt hatte und Eggebek auch erreichte, war der nächste Schritt logisch: weiter südwärts. Doch je ferner die Zukunft, desto ungewisser. Soll ich einfach weiter radeln? Soll ich in den Zug steigen? Freund L. anrufen, der gerade in Hamburg ist und schauen, ob ich mit ihm im Van ein bisschen südwärts fahren kann? Das klingt verlockend. Er könnte mich nähe Würzburg absetzen und ich würde nach Osterburken radeln und ab dort in der ellenlangen S1, die einmal als die längste S-Bahnstrecke Deutschlands galt, vielleicht ist sie das noch, bis Homburg ausbaumeln.

Müsste mich dann herumtreiben, bis L. vielleicht kommenden Montag retourniert und könnte noch Samstag in Neumünster zur Lesung und Ausstellung von Freund R.. Der würde sich vielleicht freuen!

Der Abend bei M., dem Freund meines Vaters, war goldrichtig. Im Vorfeld hatte ich Bedenken, war aufgeregt, schließlich hatte ich M. und seine Familie, die Frau, die Tochter, den Sohn  vermutlich nur ein zwei drei Mal in Kindertagen gesehen. Ich erinnere mich kaum und eigentlich auch nur daran, dass wir 1978 im ersten Wohnwagenurlaub in Dänemark bei ihnen vorbei geschaut hatten. M. schwärmte an diesem Abend allen vor, die er am Telefon hatte oder die ein und aus gingen, dass da einer an seinem Abendbrottisch sitzt, den er fünfzig Jahre nicht gesehen hatte. So viele waren es nun zwar nicht, aber es kommt fast hin. Irgendwie Sympathie auf den ersten, ne zweiten Blick und ich sage, ich hätte ihn von meinem Vater als Freund geerbt. Er erzählt wie sie sich kennen lernten, nämlich 1976 in A. Er kam per Zug als Aushilfslehrer zur dortigen Landwirtschaftsschule und mein Vater holte ihn vom Bahnhof ab. Dann Freundschaft. Einmal versuchte mein Vater ihn zum Tauchen zu bewegen, aber es ging nicht an ihn ran. Zu kalt das Wasser, zu düster der See, zu eng die Tauchklamotten. Nunja und mein Vater war auch kein Schönwettertaucher. Viele alte und neue Geschichten und über allem gaukelte der Tod und die Vergänglichkeit. M., seine Frau, starb im selben Jahr wie mein Vater. Nach zwei Jahren Krebs und Metastasen.

Morgens zum Frühstück meine Kinderfreundin C. mit am Frühstückstisch. Sehr herzige, vertiefende Gespräche. C. zeigte ein Video von einem Buben, dessen Mutter und seine beiden Drillingsgeschwister sie psychologisch betreut. Kind in Badewanne, das bei ihr einziehen möchte in der Hoffnung auf ein besseres Leben, ich weiß nicht, so rührend, dass mir ganz warm ums Herz wird.

Gegen zwölf wieder auf dem Sattel. Radele südwärts. Tags zuvor hatte ich in Tarp, dem Nachbararot am Bahnhof geschaut, ob ich dort womöglich weiter komme, und ja, das geht, aber meine Bahnapp lässt nur ein Fahrradticket bis zum Ende des Verkerhsverbunds zu. Ich finde auf Teufel komm raus nicht heraus, wie ich ein Langstreckenticket der DB kaufen könnte. Auch am Automaten gibts vermutlich nur die Verbundstickets, die in Hamburg enden. Ich habe keine Lust mich durch drei Verbünde bis Kassel zu buchen und dann den dreifachen Preis für die Radmitnahme zu zahlen. Es ist ohnehin nervig mit Rad in der Bahn und im Grunde genommen, das weiß ich jetzt, bin ich nur deshalb hier und die Reise verlief nur deshalb so, weil mich das Bahnfahren mit Radel und die Ticketungewissheit abschreckte.

Rückenwind. Das Navi routet gut. Nur einmal muss ich für 100 Meter durch den Wald schieben über einen zerfahrenen Moorweg, der zwar als Radroute ausgewiesen ist, aber eigentlich unfahrbar. Beim Militärstandort Jagel, nicht schön, ein paar Kilometer entlang der Bundesstraße, setzt Regen ein. Einsamer Soldat in Tarnkleidung auf weitem Feld an dystopisch wirkender Außerortsbushaltestelle. Rucksack. Der Mann wirkt verdrossen oder angepisst wegen des Regens. Flieger donnern durch die Wolken. Man sieht sie nicht. Ich suche einen Unterstand, eine Bushaltestelle (nein, die Soldatenhaltestelle gegenüber des Standort-Eingangs hatte keine Hütte) und auch im Dorf gibt es keinen Unterstand, radele also über Sandwege weiter ins nächste Dorf. Die neuen schneeweißen Schuhe, die mir M. geschenkt hatte sind nun schon sehr gebraucht und abgenutzt, halten den Regen aber besser ab als meine alten Schlappen. Im nächsten Dorf endlich ein Häuschen. Radel und ich passen rein. Koche Kaffee, esse etwas, mache Lebensmittelinventur, räume das Radel auf, verkabele Geräte zwecks Laden der Batterien. Die Tristesse und die Dauernavigation zehren an den Akkus. Der Son kommt kaum nach mit Laden. Für Handy UND Gopro reicht es definitiv nicht, was ich mit dem Nabendynamo einfahre, aber eben, besser als nix und bei jedem Fetzen Sonne, kommt die Solarzelle raus. Am Tag 20 keine Sonne. Wirklich nicht?

Das Bübchen aus dem Film von C. geht mir nicht aus dem Kopf. Was für ein mieser Start ins Leben: Schlaganfall im Mutterleib, die Mama überfordert, psychisch angeschlagen, Alleinerziehende. Im Kindergarten gemobbt, epileptische Anfälle als Folge des Schlaganfalls, aber so ein munteres Kerlchen. Da kommen mir die Tränen, da wünsch ich mir, ich könnte helfen oder die Menschheit machen, dass sie von Natur aus aus freiem Herzen immer allen hilft und keinen ausgrenzt oder mobbt. Wir sind keine Guten, gewiss, aber es gibt Gute, zum Glück. Hoffe, das Gute gewinnt, tritt um Tritt in die Pedale, mantrisch kurbelnd, die innere Regenbogenflagge gehisst.

Nach dem Bushäuschen weiter im Nieselregen, zu früh, der Regen nimmt wieder zu, rette mich in ein Edekacafé im nächten Dorf, Erdbeerspaghettikuchen: wie Spagehttieis muss man sich das vorstellen, dazu Kaffee. Lasse ein paar Milchportionen mitgehen beim Bestecktisch. Zucker gibts und Milch und Löffel und Tücher. Sollte ich öfter tun. Dann brauche ich mit der Portionierung beim Eigenkaffee nicht immer zu jonglieren. Die Steckdose neben dem Tisch funktioniert nicht. Egal. Hatte bei M. alle Geräte und Akkus aufgeladen. Das Lademanagement ist nicht zu verachten. Mit drei Kabeln und Steckdosenmöglichkeiten musste ich dennoch nachts aufstehen, um schon Volles auszustöpseln und noch Leeres einzustöpseln.

Erst nach 17 Uhr ist das Wetter stabil, kann ich endlich richtig loskurbeln. Noch 70 Kilometer bis zu meinem angedachten Ziel, ein Erlebniswald östlich von Neumünster. Ich wäre um 21:30 etwa dort, sagt das Navi. Unterwegs immer wieder stoppen zum Fotografieren. Die Kimberquelle. Plötzlich ist es bergig und ich kurbele in kleinen Gängen. Sehr schöner Ort, würde ggf. dort wild zelten, aber es scheint ein Wasserschutzgebiet zu sein. Das Wasser schmeckt nach Eisen. Zuvor den Nordostseekanal in Rendsburg überquert. Besser gesagt unterquert. Die Schwebefähre war außer Betrieb. Dort führte eigentlich meine Route entlang. Also kurbele ich zur nächsten eingezeichneten Fähre, aber da ist keine. Ja ja, da ist tatsächlich keine Fähre, erklären mir Leute auf der Straße, das ist ein Tunnel. Jetzt erst erinnere ich mich, dass ich mit der Liebsten da mal durch bin. Drüben auf der Südseite Wasser bei einem WC im Park. Dann hoch zur Kimber und zu meinen Schleswig-Holsteinischen Alpen. An einer Stelle in einem Dorf hoch oben hat man einen kurzen weiten Blick über grünes, meist bewaldetes Tiefland. Ich habe umgeroutet zu einem näheren Zeltplatz westlich von Neumünster. Bereitgestellt von einem Kanuverleih. Stelle mir vor, das es belebt sein könnte, dass eine Kanugruppe dort übernachtet, Naturschutzgebiet Aukrug. Im Ort zuvor gibts mehrere Campingplätze und mit ihnen Campingplatz-Amüsementsvolk. Viele Leute auf der Straße. Im Kopf sehe ich mich ohne Ruhe unter Menschen, doch schon zwei Kilometer nach dem Dorf herrscht Stille, bin ich mitten in der Natur, kann das Navi den Zugang zum Platz erst im zweiten Anlauf berechnen, radele ich einen Waldweg bis zum Fluss, der sich zu einem Pfad verjüngt und dann bin ich da, ein winziges Wieschen, kaum 50 qm groß am Rand eines frisch keimenden Maisfelds. Nur ein Schild: Sei willkommen, Wander und Radel und eine Sitzbankgarnitur mit Tisch. Ich bin alleine und das ist gut so.  Im Wald tutet eine  Bahn. Der Wind zaust heute sehr laut in den Bäumen. Ich weiß nicht, woher er kommt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Tag ähm? (17)

Auf einem verregneten Industriegelände liegen türkisfarbene Schläuche. Im Hintergrund ein Industriebauwerk und kleine Sträucher.

Ein Samstag. Regen durch die Nacht und übler Sturm. Ich gehe es langsam an auf dem Campingplatz Kommandörs-Gard im Süden Römös. Kaffee, Frühstück, Schreiben. Das Schneidersitzbüro par excellence, ganz wie früher. Meine Haltung tut weh, obschon es dem Rücken besser geht denn je, sitze auf der Luftmatratze bequem, die Beine verschränkt, Tastatur auf dem Boden, etwas zu tief (nun, da ich dies schreibe, liegt sie wie ein Brettchen auf den gefalteten Unterschenkeln) aber gestern noch unerfahren, ich Greenhorn, lange nicht geschneidersitzbürot. Die letzten Artikel schrieb ich an Picknicktischen sitzend. gestern die Witterung so mies, dass ein Verlassen des Zelts unangebracht schien. Zudem gabs im Kommandörsgaard keine Sitzbänkelchen in der Nähe. Der Platz ist wie jeder „gute“ moderne Campingplatz auf Autotouristen getrimmt, Leute mit Wohnwagen oder mit Wohnmobilen oder ohne Wohnwagen aber mit genug Geld für eine der Hütten hinter mir. Die Hütten beleben gegen halb sieben. Da bin ich schon hellwach, koche Kaffee, bummele in den Tag, denn der Regen lässt ohnehin erst gegen zehn nach. Früher kriegste mich hier nicht weg. Ich gönne dem Geschirr eine erstmalige echte Spüle, hatte ich es sonst doch nur mit Grasbüscheln ausgewischt und gut. Der Putzmann im Campingwaschhaus gibt mir von seinem Spülmittel, Schwämme liegen herum, wohl vergessen von anderen TouristInnen. Ich spüle Topf, Löffel und sogar das Kaffeemaschinchen, ein Geschenk der Liebsten, mein einziger Luxusgegenstand, den ich noch im Gepäck habe. Über fünf Kilo überschüssiges Gepäck hatte ich bei Freund Fliegerhorst gelassen: die beiden Fronttaschen und den vorderen Gepäckträger. Das schwere Trelockschloss, das ich schon längst hätte abmontieren sollen, wir tauschten es gegen ein leichteres, billiges Drahtschloss, das mir Fliegerhorst lieh. Das Trelock hatte ohnehin den Makel, dass es beim Aufschließen hakt, weshalb ich stets das Gefühl hatte: was, wenn ich es einmal nicht mehr öffenen kann? Fliegerhorst erzählte dazu eine Geschichte wie er in Kassel sein Schloss nicht mehr öffnen konnte – hoffentlich nicht das, das er mir lieh – man wirkt dann ja wie ein Fahrradieb, wenn man so rumfummelt.

Der Tag: Bei einem wuchtigen Walfischunterkiefer, sicher zwei drei Meter lang in einem Vorgarten mache ich einen Fotostop. Parke das Radel auf dem zweispurigen Radweg, da kommt mir mein dänischer Mopedfahrer entgegen, hupt, winkt, schüttelt den Kopf. Es ist nicht unsere erste Begegnung, realisiere ich. Dieses Mal ist er also nicht freundlich sondern erbost offenbar. Auf dem gestrigen Hinweg auf dem Deich hatte er auch gehupt und gewinkt, tolles Bild, das ich gerne gefilmt hätte und insgeheim gehofft, dass er mir wieder auf dem Deich begegnet. Moped mit großer flatternder Dänenflagge und Mensch, wahrscheinlich Mann, der darauf sitzt im Sturm. Nuja. Erbostes Hupen und ich frage mich mal wieder, wann es angefangen hat mit diesem pingeligen Protektionismus, mit diesem, hey, hier ist die Grenze, haste was falsch gemacht, musste gerügt werden durch Hupen und böse Blicke und Kopfschütteln. Keinen guten Gefühls geht es weiter. Auf den Deich, spreche aufs Video, wann ich bei welchem Kilometerstand losfahre, vergesse zehn Kilometer weiter auf dem Festland, auf die Uhr zu schauen, bin aber etwa sicher, dass es mit Rückenwind nur etwa 25 Minuten gedauert hatte.

Weiter zunächst ein paar Kiloemter auf Kieswegen, schwer fahrbar, kaum 15 km/h, Rückensturm dennoch, obschon  es sich zwischen Hecken und Schilf verliert. Wenn das so weiter geht bis Esbjerg, dann kann das eine heftige Sache werden. Kies wie in Lappland, relativ neu und noch nicht festgefahren. Von Gehöft zu Gehöft durchs Hinterland, ja ja, ich hatte von meinen drei Entscheidungen Esbjerg, Aabenraa oder Kolding, die letzteren beiden wahrscheinlich mit Rückenwind, Esbjerg gewählt, welches nördlich liegt und eher eine Seitenwindfahrt werden würde. Später am Deich radele ich mit einer Art Wirbelwind oder Windlosigkeit, wähne mich derweil im Rückenwind, aber als ich einmal umdrehe, um zu schauen, wie anstrengend es ist, in die andere Richtung zu radeln, stelle ich fest, dass ich mich in einem vom Deich abgeschrimten Art Wischiwaschi an Wind befinde. Stur weiter. Dunkle Wolken. Es bleibt trocken. Bin müde, aber stoisch genug, dass ich immer weiter fahren könnte. Bei einem Vogelbeobachtungshaus kurze Pause, die länger geworden wäre, wenn der Wind nicht durch alle Ritzen gepfiffen hätte. Es gibt in dem Häuschen ein Buch, in das man seine Beobachtungen eintragen kann. Vier fünf kubische Hocker, Sehschlitze, die mit Brettern verbaut sind, die man bei Bedarf abnehmen kann. Einer große Scheibe nach Süwesten, die aus Plexiglas ist, schirmt die Witterung ein wenig ab.

Kilometer gehen ins Land und ich bin meist allein. Ab und zu ein paar andere Radler. Ein kilometerlanges Stück Kiesweg, vorankriechend, zwei Radler entgegen, einer mit Brevetaufbau, Typ Bikepacker, aber er trägt auch einen riesigen Rucksack on Top auf dem Rücken. Der andere Radler, dem ich begegne, fährt klassisch wie ich mit Packtaschen und Gepäckrolle.

Bei der Kammerslus, einer gr0ßen Schleuse, die das Hinterland schützt, schaue ich mich ein bisschen um. Es gibt eine Art Atrium, ein Innenhof, in der ein 3D Modell des Gebiets um Ribe modelliert ist und wo die Schleuse quasi en miniature erklärt wird. Sie reguliert Ebbe und Flut und auch das Flüsschen Ribe. Riesiges Gebiet. In dem Modell kann man selbst Wasser hinein schütten und die Schleuse betätigen, um zu schauen, wie das funktiooniert. Interessanter und versteckt ist ein Raum mit Wandausstellung und Schautafeln, in dem sich vier Picknickgarnituren befinden. In der Ecke steht eine kleine technische Installation, eine Kurbel, mit der man das Ton abspielen kann. Und, für den Radreisenden ein Jackpot: Es gibt Steckdosen. Ich ruhe eine Weile, esse, lade das Telefon und den Pufferakku (obschon ich noch genug Kapazität habe, aber eine eiserne Regel ist, lade was geht wann immer es geht – nun, da ich dies schreibe lädt der Pufferakku an der Solarzelle, die hinter dem Zelt liegt. Bei bedecktem Himmel nur mäßig).

Im Kammerschleusen-Raum mit seinen Steckdosen ging es jedenfalls viel komfortabler zu. Leute kommen, Leute gehen, ein Platzregen geht nieder. Viele denken, das sei das Klo, andere picknicken auch. Zwei deutsche Radlerinnen, ein Deutsch-Dänisches Paar aus Hamburg. Sie radelten heute früh in Klanxbüll los, wohin sie per Zug kamen, wollen in ein 70 km nördlich gelegenes Ferienhaus der Eltern der Dänin. Zwei holländische Tagesradler, die mit dem Wohnmobil in Ribe sind.

Nach einem Platzregen gehts weiter, Esbjerg entgegen immer wieder mit Wind aus allen Richtungen. Der ist ziemlich laut und mürbt an den Nerven. Ich finde einen weiteren Picknickplatz, direkt daneben ein Shelter, markiere es in der Karte, denn es ist offen, ob ich, wenn ich in Esbjerg bin, nicht die gleiche Strecke retour fahre. Mein Ziel ist die riesige Skulptur ‚Der Mensch im Meer Mensch im Meer‘ , nördlich von Esbjerg. Etliche Meter hohe, sitzende schneeweiße Figuren, die hinaus aufs Meer starren. Schon 2012 hatte ich ein hastiges Foto gemacht, das Wetter war schlecht. Und nuja, ist es heute besser? Will trotzdem da hin und dann schauen, ob zurück oder weiter zu einem Shelter nordlich Esbjergs oder gar zur Insel Fanö.

Einkauf in Esbjerg bei einem Rema 1000. Norwegenerinnerungen werden wach, denn die Supermarktkette kenne ich vor allem aus Norwegen. Sieht leer aus, der Parkplatz, aber als ich drin bin, wimmelt es von Menschen. Kaufe Knäckebrot, Milch, Käse, Bier und Butter und eine kleine Snacksalami. 109 Kronen. Die Kasse zickt und obschon der Automat sagt, meine Karte sei akzeptiert, muss ich nebenan neu einscannen. Hoffen wir mal, dass es nicht doppelt berechnet wird (es wurde). Durchs samstäglich leere Esbjerg entlang der Hauptstraße. Traktor mit Anhänger voller Schulabgänger. Nordische Tradition offenbar. Im bösen Horizontalsprühregen erreiche ich die Skulptur. Einige wenige weitere Touristen und das ist das Gute am Mieswetter: nur mäßig von Touristen verstellte touristische Attraktionen. Filme mich mit Gorpro. Es ist verflixt. Der Wind zaust, sher schwer, gute Bilder einzufangen.

Im Ekelwettergetöse vergesse ich ein Handyphoto zu machen, um es zu posten. Also nix mit auf Mastodon damit angeben. Egal, der Goprofilm taugt hoffentlich. Radele retour Richtung Hafen: Es wird Fanö, habe ich entschieden, wenn es mit der Fähre klappt. Ich fahre mal zum Anleger, dreieinhalb Kilometer südlich durch trostlose Industrie und Fischerei. Ein Automännlein mit grünem Rennwagen braust laut, samtäglich verwaiste Gelände, auf denen Gerät und Zeug und Müll liegt. Ein paar Schläuche, die aussehen wie Kunst, nehme es per Handyfoto mit. Am Anleger liegt schon die Fähre und ich lasse mir den Fahrkartenkauf und das boarding von einer Frau am Schalter erklären: raus vor die Tür, Fahrkartenautomat, Sprache wählen, Anweisungen folgen, Reisendenanzahl und Radelanzahl eingeben, mit Karte zahlen und zack … 49 Kronen kostet es und ich kann mit dem QR-Code auf der Fahrkarte durch ein Gatter, durch das gerade so mein bepacktes Radel passt. Welche mit Anhänger müssen durch den Innenraum auf dem Fußgängereingang, weil das Gatter zu sperrig ist. Mir ist kalt, ich filme an Bord, auf dem Deck usw. Tolle Fahrt durch eine schmale Rinne im Watt, die offenbar auch bei Ebbe befahrbar ist und die Fähre fährt immer und drei Mal die Stunde. Offenbar ist Fanö ein Stadtteil von Esbjerg. Drüben Stille, weniger Hektik, Menschen verlaufen sich, verteilen sich auf der Insel und ich hole Wasser bei einem WC im Hafen, mache alle Flaschen voll, dann raus zum Trekkingplatz, der in der Openstreetmap gelistet ist. Bin gespannt, was mich erwartet? Samstagsparty mit Schulabgängern? Autorowdys? Müll, andere Touristen? Fast finde ich den Platz nicht, verirre mich auf einem Berg. Zumindest ein dicht bewachsener Hügel in dem Wäldchen. Urwüchsig. Immer wieder zücke ich das Handy zum Fotografieren oder um mich zu orientieren. Dann finde ich den Pfad zum Shelterplatz. Welch ein Idyll. Drei große Shelter und ein Plumpsklo etwas abseits, sowie zwei umzäunte kleine Areale, die wohl fürs Zelten vorgesehen sind. Im Shelter logiert schon eine Frau, deutsche Radlerin, seit langem unterwegs. ich baue mein Zelt vor den beiden verwilderten Umzäunungen auf. Später kommt noch ein junges Paar aus Holland. Sie haben das Auto unweit im Wald abgestellt und ihren Fliegenschutz und die Schlafsäcke hierher geschleppt.

Tag 16 – von Leck nach Römö

Am Fuß eines Deiches etwas nach oben gerichtet folgt der Blick einer Leitplanke, an der ein Fahrrad angelehnt ist. Regnerisch wirkt der Himmel.

Regen im Zelt. Ich liebs. Minim tropft es rein. Wind zaust mit hoher Stärke. Nachts hatte ich ein bisschen Sorge, dass es die dünnen Birken, Erlen, oder was, zwanzig Meter in Windrichtung knicken könnte. Zack. Eine kleine Gruppe Bäumchen, die wie Schafe bei Schlechtwetter, dicht gedrängt nebeneinander stehen.

Schneidersitzbüro, wobei, ich bin schon so lange wach, dass mir der Schneidersitz gerade Krämpfe bereitet, ich nicht weiß, wie ich die Tastatur legen soll. Gegen Morgendämmerung wohl um vier erstmals. Zum Glück hatte ich eine leere Flasche bereit gelegt. Keine Lust, mitten in der Nacht zum Waschhaus zu gehen oder auch nur zur Baumgruppe, was auch nicht gerade ziemlich ist auf einem Campingplatz.

6:30 dann raus aus den Federn. Büro. Wetter gucken hauptsächlich: Wann hört der Reegen auf, wie steht der Wind in den nächsten Tagen, wohin als nächstes? Die Windrichtung sagt Kolding, die Lust sagt Esbjerg, die Vernunft sagt Abenraa, südöstlich an der Ostsee. Mit Seitensturm. Die Werte liegen über 30, vermutlich Knoten, Windstärke sechs sagt jemand aus dem Fediversum per Mastodon-Kurznachricht und rechnet vor 30 x 1,85 gleich Kilometer pro Stunde. Ich brauche eine andere App, die genau sagt, welche Windgeschwindigkeitsmaßeinheit sie nutzt. Nur eine Zahl ist nur eine Zahl.

Gestern im Idyll erwacht und abends im ‚Naja‘ schlafen gegangen. Gestern in der Freiheit, im so sollte es sein erwacht und abends im so ist es nunmal. Den kleinen Wildes-SH-Platz hab ich im dort ausliegenden Gästebuch als ‚bedingungslos‘ bezeichnet. Es gibt keine Menschenbedingungen, nur Naturbedingungen. Wetter, sich und die Umwelt sauber halten, sich an die Situation angepasst benehmen. Sonst nichts. Hier auf dem Kommandörs Gaard Camping herrscht das Kapital. 23 Euro kostet der Fetzen Wiese, die Badhausmitbenutzung und es ist nicht idyllisch. Schön? Vielleicht. Hinter mir Holzhütten voller Leute, Gegenüber ein Dauercamp mit zwei Wohnwagen und Zelten, niemand da. Die Hütten jedoch sind alle belegt. Das Waschhaus, nicht wirklich dreckig, nicht wirklich sauber. Als ich duschte war im nach oben offenen Bereich des Badhauses – also zwischen den einzelnen Toilettenkabinen zirkuliert Luft – jemand zur Toilette, was erbärmlich stank. Nicht gerade genussvoll, die Dusche bei solch einem Ordure. Dennoch, warm. ich rasierte mich auch. Gestern früh war mein  Ziel klar, Insel Röm, Navi sagte 71 km, ich machte durch geschicktes Verrirren mit Rückenwind 80 daraus. Bissel ärgerlich, dass ich die fünf Kilometer mit Rückenwind letztlich mit heftigem Gegenwind zurück musste auf die Strecke. Entdeckte zwei Shelterplätze, einen privaten kleinen Shelter in einem Vorgarten und einen offenen ungefähr drei Kilometer nördlich von Hoyer. Dort ruhte ich eine Weile. Es gibt dort zwei Hütten, die jeweils um 180 Grad gedreht stehen, so dass man mit dem Wind umgehen kann. Weht er von da, liege ich da, weht er von dort, liege ich dort. Hundert Meter weiter noch ein dritter Shelter, den ich mir auch ansehen wollte, aber es hatten sich ein paar Autoleute zum Grillen eingenistet. Fand ich nicht gut. Auto ist Macht, auto nimmt sich alles. Auto kommt überall hin.

Auch auf den breiten Strand von Romo kommt das Auto. Ich nicht mit meinen schmalen Reifen und dem Gepäck, muss ich feststellen, als ich endlich über den Dammt zur Insel am Meer ankomme. Sinke ein. Zu viel Flugsand, sagt jemand. Hatte mich neun Kilometer gegen den Wind über den Damm geschafft und mir die ganze Zeit vorgestellt, wie ich bis zur Meerlinie rolle, mich ausziehe, hineinspringe, raus komme, abtrockne, glücklich bin. Natürlich quatsch im Nachhinein. Bei dem Sturm wäre höchstens Füße baden drin, alles andere zu gefährlich. Nun, so stehe ich jedenfalls am Beginn des Strands und die Wohnmobile und SUVs fahren ein und aus bis ganz vorne zur Meerlinie wie auch Frau Soso und ich das vor Jahren mit dem Autolie taten. Ungemütlich, im zausenden Wind. Halb acht. Ich schaffe mich rüber zum Kommandörsgaard, noch vier fünf Kilometer teils gegen, teils mit dem Wind auf geteerter Trasse durch Hausgebiete. Viele kleine verteilte Häuschen in den Dünen. Unterwegs spähe ich nach Wildzeltmöglichkeiten, obschon das auf Römö illusorisch ist. Reichenland. Privat besessen. Man will seine Ruhe. Jedes Ferienhäuschen eine kleine Burg. Manche Til salg, zum Verkauf, was mich auf den Gedanken bringt, dass bei zu verkaufenden Häuschen Wildzelten im Vortgarten gar nicht so unmöglich wäre. Oder in einem der Kiefernwäldchen.

Ich will meine Ruhe im Kopf, also nicht zweifeln müssen, ob ich entdeckt werde, also kaufe ich mich frei. Bis 25 Euro darf es kosten, lege ich eine Schmerzgrenze fest, recht üppig, aber eben, freikaufen. In der Rezeption vor mir Deutsche mit Wohnmobil, die die letzte Fähre nach Sylt verpasst haben. Sie zahlen vierzig. Nuja, da kann es bei mir ja nicht so viel werden. Nuja, wird es aber dann doch. 171 Kronen, umgerechnet 23 Euro. Holla die Wattfee.

Bau mich auf im leichten Nieselregen, Horizontalregen, Platz 86 umrinmgt von Unnatürlichcampern, also Campern, die sich eigentlich nicht Camper nennen dürften. Aber es ist ruhig, ein rein optischer Makel.

Eine stark rauchende Frau mit lauter Stimme, die ständig hustet und die ich Erna taufe, weil ihre Stimme so klingt wie Erna ausgesprochen wird.

Den Morgen rumgedacht. Es bleibt ‚irgendwohin-spannend‘. Esbjerg wahrscheinlich. Mit Manfred, einem alten Freund meines Vaters habe ich mich am Montag verabredet in Eggebeck. Das wird dann der Rückweg. Der Schlenker, Esbjerg Abenraa Eggebeck könnte klappen oder auch nicht, wer weiß, was der Wind macht.

Tag 15 – vom nicht im Jetzt sein können

Drei weiße Schafe stehen im Kreis um ein schwarzes Schaf, das auf einer grünen Deichwiese liegt.

Ein Donnerstag. Ich ahne, wie sich Schiffsbrüchige fühlen müssen. Die Zeit, die Zeit, die Zeit. So alldominant, dass man sie immer und überall hin mitnehmen möchte. Möchte?

Es liegt einem wohl im Blut, dass man misst, vergleicht, wiegt, haushält. Der innere Buchhalter, bloß wann fing das an? Es muss sich um ein erlerntes Verhalten, bzw. Symptom handeln. Das kann doch kein Instinkt sein, der sich so akribisch und allumfänglich in dein Leben schleicht?

Schon werde ich nervös, weil der Wind in den Bäumen überm Biwackplatz rauscht, ich das Geräusch zusammentue mit dem roten Bömpel in der Wetterapp, der für nachmittags Werte über 30 für die Insel Röm verzeichnet. Und Röm ist noch weit weg. 71 Kilometer rechnet das Navi. Die letzten fünf Kilometer führen schnurstracks über einen Deich bis ins Dünenland zum unheimlich breiten Strand, auf den man auch mit dem Auto auffahren kann. Und mit dem Radel, mit Mortorrädern, Quads, Wohnmobilen und LKW. Hinz und Kunz kann mit was auch immer über den ewig breiten Strand der Insel Röm bis in die Nordsee hinein fahren. So zumindest war es vor etlichen Jahren, als Frau SoSo und ich die Insel besuchten. Ich glaube, es war unsere Rückreise von aus Schweden als wir einen Schlenker über Skagen machten und anschließend die Nordseeküste entlang gen Süden bummelten.

Wenn ich bloß das Drängen, das Vorankommen wollen endlich loswerden könnte. Es macht mich unruhig, katapultiert mich aus dem Moment, nimmt mir das Gefühl, zu sein, einfach nur zu sein. Die vollkommene Einheit mit dem Jetzt. Ja ja, es gelingt ja schon manchmal, aber dann kommen doch immer wieder solch übelsinnige Kleinigkeiten wie rote Windbömpelsymbole in abstrakter App mit Bläterrauschen, die einen zurück auf Spur bringen. Das zieht sich durch die Tage, durch die Lebens- wie die Reisetage, durch die gesamte Zeit auf dem Planeten, die man wahrnimmt.

Gestern ging es gemächlich, mit viel Ruhe im Gepäck los auf Hof Groene. Ich verabschiedete mich von Ute und Steve, den Hosts. Die beiden sächsischen RadlerInnen, die im Bauwagen übernachtet hatten, sind auf dem Weg in die Heimat. Sie waren per Zug nach Husum gereist und wollen nach Radebeul. Adressen tauschten wir nicht, schade, ich hatte es angesprochen, wollte mich aber nicht aufdrängen und beim Abschied winkten sie nur, hatten es entweder vergessen oder ich war ihnen zu aufdringlich. Okay okay, ich hatte auch einen Hintergedanken: Falls ich jemals mein Projekt UmsLand Sachsen angehen sollte, wäre es hilfreich, einige Menschen mit Herz am richtigen Fleck zu kennen, die in dem Bundesland wohnen. Inseln in braunem Geflecht sozusagen und die beiden schienen mir so: weltoffen, Reisende, Radelnde.

Der Tag meist gegenwindig. In Friedrichstadt ein Modelleisenbahnmuseum. Ich trinke einen Kaffee und esse einen selbst gebackenen Erdbeerkuchen, gehe nicht in die Ausstellung. Drinnen wo die Bähnlein bimmeln, ist es dunkel. Ich hätte keine Ruhe. Die Frau an der Kasse schenkt mir eine Postkarte des Museums, die ich ohnehin gekauft hätte, um sie Fliegerhorst zu schicken. Zuvor hatte ich, ich glaube in Wilster bei einem Edekamarkt mit angegleiderter Postfiliale endlich Briefmarken gekauft. Obschon diese Märkte ja immer offen sind, macht die integrierte Postfiliale doch Pause. Die einzige Bedienstete arbeitete gerade eine Frau am Lottostand ab, also reihte ich mich dort ein und fragte, als ich darn kam, Post offen, ja, da nebenan am anderen Schalter, wo sich gerade eine weitere Kundin angereiht hatte, aber da ist jetzt jemand vor Ihnen. Tse. Ich nahms gelassen.

Nun da ich dies schreibe: Das Posterlebnis war ja vorgestern, egal.

In Drage verirre ich mich erst einmal. Ich muss wohl meine langjährige Erfahrung, dass ich mich etwa zehn Prozent der bereisten Strecke verirre oder Umwege mache, um etwas zu besichtigen oder einzukaufen, etwas nach oben korrigieren. In den Beinen dürfte ich nach 15 Reisetagen mit zwei Ruhetagen etwa 1300 Kilometer haben. Beachtlich. Die längste Tour seit langem.

Körper geht bestens. Das Genickproblem der ersten Tage ist weg, Po tut nicht weh. Ich könnte ewig radeln. Einzig das Steißbeinproblem bleibt erhalten. Obschon auch das besser wird. Gespannt aufs MRT am 5. August.

Friedrichstadt, ahja, da war ich stehen geblieben. Neben Modelbahnmuseum, das ich übrigens nur entdeckte, weil ein Hinweisschild am Wegrand war, ist die Stadt als Holländerstadt bekannt. Kanäle und Häuser mit faszinierenden Treppengibeln, aneinander gebaut, rings um den Marktplatz, Klinker und Enge, aber auch Weite. Es ist als wären die Enge der Gassen und Weite der Parks und Plätze miteinander im Clinch. Voller Touristen, wobei voll? Hier oben? Naja.

Orientiere mich gen Husum, folge dem Navi und teils auch Radwegen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe das Radwegekonzept endlich verinnerlicht, ein eigentlich logisches. Schilder gibts, wo sich die Radwege verzweigen, ansonsten immer nur Plaketten mit Pfeilen. Bloß eben, man hat es wohl öfter vergessen und Radweg ist hier oben überall. Endlich Deich. Ich könnte weiter nach Husum, bin aber neugierig und schaffe mich übern Deich, nur, um Ebbe zu sehen, aber wunderbare Watt-Moorlander-Motive, Bagger im Schlamm, unendlich viele Schafe, Schafscheiße, folge dem Deich auf der Meerseite bis zu einem Hafen, wo ich im Windschutz pausiere, den Kaffee, den ich morgens gekocht hatte und im Thermosbecher transportierte, trinke, Banane esse, eine Dose Sprotten, die ich im kyrillischen Laden in Mühlendorf nahe Oelixdorf gekauft hatte.

Weiter durch Husum ohne anzuhalten. Hie und da erkenne ich ein Da-warn-wir-schonmal, die Liebste und ich oder auch ich alleine, aber Husum ist definitiv eine Die-Liebste-und-ich-Erinnerung. Komme allerdings nicht am Hafen vorbei, schlenkere durch die Stadt und setze Ziel Trekkingplatz Leck, ein Privater. Werden wohl doch wieder bald 100 km heute, sagt das Navi. Es müht. Der Wind zaust mich und kommt oft entgegen. Einem Regenschauer unter langgezogener Wolke entgehe ich knapp. Kurz überlegte ich, mich in einem Blechhäuschen vor einem Hof unterzustellen, bzw. unterzubücken, denn das Ding ist nur etwa 1,20 Meter hoch.

Bei Sand, südlich von Leck, lotst mich das Navi auf den Ochsenweg, einen Wandwerweg, Sandpiste, fahre ich nicht, muss ich umrouten, komme an einem weiteren Trekkingplatz vorbei, schön groß, alles Sand und seltsame Gebilde wir Reiterhindernisse stehen darauf. Autospuren führen darauf und obschon ich müde bin, radele ich weiter. Keine Lust auf Wüstenfahrzeuge, deren Besitzer das Konzept Trekkingplatz nicht kennen. Und Bubis, die Moped-Akrobatik betreiben. Denn danach sehen die Spuren auf dem Gelände aus.

Schließlich lande ich doch beim geplanten Platz nördlich Lecks. In der Stadt hatte ich noch Trinkwasser gefüllt bei einem telefonierenden Kerl, dem ich mit Gesten zu verstehen gab und der verstand und der meine Trinkflasche telefonierend mit ins Haus nahm, sie füllte, sie mir wieder gab, wird uns, er telefonierend mit Blicken und Lächeln verabschiedeten.

Dann der Platz. Ein Privatplatz neben dem Naturschutzgebiet. Erst will ich es nicht kapieren, stehe vor einem Eisengatter, hinter dem ein schmaler gemähter Weg beginnt. Da soll eine Zeltwiese sein? Sieht eher nach einem Pfad rund um den Teich aus. Doch doch, da ist das Wildes SH Schild dran. Die Platzregeln stehen klein gedruckt und so folge ich durchs hohe Gras auf dem Pfad bis sich zwei gemähte Stellen weiten für Zelte. Bin alleine. Tisch gibts und Bank. Ich koche, schlafe wunderbar. Die Landstraße hört man zwar, aber auch Pferdegetrappel, einen Kuckuck, Singvögel, Wiehern und nachts einmal ein Geräusch – von einem Tier – das ich zuvor noch nie gehört hatte.

Die Wischhafen-Künstler-Abgabe und ein künstlich angelegter, wässriger Wegbegleiter des Herzens – Tag 14, 13 und 12einhalb

Am Tisch sitzen. Die Tastatur ausgebreitet. Komfort. Mags auch kühl sein oder heiß wie vor ein paar Tagen, mögen die Insekten einen plagen. Ich bin alt geworden. Das Schneidersitzbüro erwachsen oder in Rente geschickt. Die Zeiten, in denen ich im Zelt saß, Kaffee schlürfend, sinnierend, schreibend, die Tagesgeschehnisse notierend, sie sind vorbei. Nein, nicht ganz. Sie sind anders. Sie sind nicht mehr so wie auch schon. Letzter Schreibstop irgendwo nahe Hemmoor. Noch zwei drei Stunden Fahrt bis Oelixdorf zu Freund Fliegerhorst, S., auch Itze genannt, weil er lange in Itzehoe lebte.

Praforceritt entlang der Bundesstraße. Irgendwann gibts kein Halten mehr für mich und ich habs satt, mich durchs Radwegegetümmel kreuz und quer lotsen zu lassen, schalte das Navi ab, folge dem schmalen Bundesstraßenradweg, der holprig ist. Im Gestank von Dieselruß, was zum Glück wegen Winds von Nordwest sich verweht und ich mir einbilde, da kriegste nicht so arg viel ab. Aber der Lärm! Ich setze Kopfhörer auf. Ann Clue at Cercle. Technozeugs oder Trance oder was auch immer. Es beruhigt und hält den Straßenlärm ab. Aber es geht natürlich auch viel von der Umgebung verloren. Volle Konzentration aufs Ohr, das widerum sich voll auf die musik konzentriert, um die Hintergrundgeräusche und das schneidende Singen der Straße zu dimmen, es nicht wahrzunehmen, es hinzunehmen. Wischhafen neun Kilometer, acht, fünf, vier, Richtungswechsel der Straße, mehr Feinstaub, Lunge kotzt. Nase noch immer lädiert vom Schnupfen. Radele an einem kilometerlangen Auto- und LKW- und Wohnmobilstau vorbei. Arme Teufel. Anderthalb Stunden Wartezeit, sagt deren App, erzählt mir ein Wohnmobilist, den ich auf der Fähre nach Wartezeit frage. Aber das Warten sei immer noch besser als der Elbtunnel,  sagt er. Alles ist besser als der Elbtunnel. Ich radele natürlich am Stau vorbei. Viele Motoren laufen wegen Klimaanlage oder aus Vergesslichkeit. Dass ich von dem Benzin, also dem Geld, das es kostet, das in dem Stau für Klimaanlage oder aus Vergesslichkeit oder aus Ignoranz verbraten wird, prima leben könnte. Ha! Das wäre mal eine Abgabe für arme Künstler wie mich. Die Wischhafen-Künstler-Abgabe, ein guter Blogtitel eigentlich.

Auf der anderen Seite der Elbe folge ich wieder dem Navi bis das Handy sich wegen Strommangels ausschaltet. Zehn Kilometer vorm Ziel habe ich keine Karte mehr. Was tun? Mich durchfragen wäre eins, eine echte Karte, zum Beispiel an einem Infopunkt in einem Dorf etwas anderes. Man verhilflost im Nutzen von Apps und Technik, denke ich. Ich hätte kaum eine Telefonnummer parat ohne das Handy. Keine Karte, kein Wetter, kein Nichts.

Lade über den Pufferakku und bin nach kurzer Zeit wieder da. Das Handy startet, zeigt Akkuladung null Prozent. Wie ein rohes Ei schalte ich Apps ein und aus, bloß nicht zum erneuten Absturz bringen. Ein Prozent, zwei, drei, ich wage den Blick ins Navi, ahja, das kann ich mir ungefähr merken. Sind ja nur noch zehn Kilometer bis Oelixdorf.

Tag 13. Ein Tag bei Fliegerhorst im Garten. Wunderbar. Zelt steht fast ganztägig im Schatten. Es ist superheiß. Nachdem S. einen Arbeitseinsatz erledigt hat, machen wir eine Tour nach Itzehoe, etwa 15 Kiloemter hin und zurück, essen Eis. Telefonisch löse ich ein Webseitenproblem für Herrn Traumspruch. Tat gut, so unkompliziert helfen zu können. Spätnachmittags kommt Freund R. hinzu, Künstler, Autor, Journalist und klasse Mensch. Leider ziemlich angeschlagen wegen Chemotherapie. Er nimmts trotzdem gelassen und was bleibt einem auch übrig?

Tag 14. Wow. Mittwoch, der zweite Juli. Schon 14 Tage im Sattel und ich muss sagen, die Tour entwickelt sich bestens. Als hätte ich den Resetknopf gedrückt, gerät sie erneut zur Irgendwohin-Tour im kleinen Raum. Morgens noch peile ich ein strenges Tageszierl etwa 100 Kilometer entfernt nördlich von Husum an, da sagt Fliegerhorst, fahr doch so und so. Und so mache ich es denn auch, radele erstmal Richtung Wilster und Brunsbüttel. Dort kommt der Nordostseekanal aus der Elbe. Es ist unendlich heiß – achja, am frühen Morgen half ich Fliegerhorst noch bei der Montage seiner Anhängekupplung und der Stoßstangen an seinem historischen Auto. Weils ja besser ist, das nicht so in der Hitze … und nuja, geht auch alleine nicht so gut. Gegen Mittag also los. In einem Supermarkt, in dem es Lebensmittel mit kyrillischem oder snskritischem Etikett zu kaufen gibt, ich meine Mühlendorf, gleich einmal das Nötigste gekauft: Bananen, Dosenfisch, Haferflocken. Brot und Marmelade hatte mir Fliegerhorst mitgegeben. Fliederbeerenmarmelade. Hab sie noch nicht angebrochen, bin gespannt.

Ohne  Navi kann ich nicht fahren. Entweder habe ich es verlernt, vermutlich aber liegt es daran, dass ich das Beschilderungskonzept nicht verstehe. Oft ist ein Ort ausgeschildert, zum Beispiel Brunsbüttel und wenn es keine Verzweigungen gibt, gibts nur Radwege-da-lang-Plaketten wie ich es auch von daheim kenne. Bloß eben, dass ich mich dann trotzdem verirre und irgendwann ist eben Brunsbüttel nicht mehr auf dem Wegweise und das Schild zeigt ins Nachbardorf in 1,5 km Entfernung. Woher soll ich denn wissen, ob das richtig ist. Die Wege, meist auf winzigen Sträßchen, führen ohnehin zickzack.

Das ist gut. Gibts keinen konsequenten Gegenwind. Das ist schlecht, neigt man dazu, im Kreis zu fahren.

In Burg überquere ich den Nordostseekanal. Am WC bei der Fähre nässe ich T-Shirt und Haube und fülle Flaschen auf. Wie ich es zuvor in mindestens zwei Supermärkten gemacht habe. Bei den Leergutabgaben gibt es meist auch einen Wasserhahn. Irgendwo kriege ich auch endlich Briefmarken zu kaufen. Die Post in einem Reweladen hat tatsächlich geöffnet. Fehlen noch die Ansichtskarten, die ich in einem touristischen Ort besorgen werde.

Wo er schon da liegt, der Kanal, und beidseits Radwege führen, denke ich, dem folgste jetzt mal. Er führt zwar nicht zur Nordsee, denn da kommt er her, aber er führt inländisch nordwärts und ich hab keine Lust mehr auf Nav und Zickzack und Suche und Orientierung. Er ist mein Rhein-Rhône-Kanal des Nordens, mein künstlich angelegter, wässriger Wegbegleiter des Herzens. Zwei Betonspuren für Autos, gut verlegt, dazwischen Gras. Direkt am Kanal. Der Kanal ist etwa acht Mal so breit wie der Rhein-Rhône-Kanal (gemessen auf der Karte: etwa 150 Meter). Ab und zu kleine Boote, motorisierte Segler auf dem Weg von See zu See. Ein Raddampfer voller Touristen, der eine oder andere große Pott. Ich filme, denke nicht, folge nur dem Kanal. Hochbrücken und Fähren – das könnte man vergomringisieren. Hochbrücken und Fähren und ein Radler, der daran und darunter vorbei und hinweg … ach lassen wirs.

Irgendwann hab ich das Kanalradeln doch satt, schaue in die Karte. Zwar wäre jenseits von Rendsburg etwa 45 km entfernt ein Shelterplatz von Wildes SH, aber es gibt ja noch mehr. Mein ursprünglich angepeilter Platz nördlich Husums ist mit 65 km zu weit weg. Zu heiß und es wird Unwetter geben. Man sieht das Schlechtwetter nun auch schon ohne App. Ich orte einen Shelterplatz in Drage an der Eider, nur noch 40 km entfernt. Fast in Richtung Husum, rufe bei den Leuten an, die ihn betreiben, melde mich an. Steuere darauf zu. Parforce reitend plötzlich, denn der Himmel wird immer düsterer. Fast schon so verbissen, dass ich nicht wage, fürs Pinkeln mal kurz anzuhalten. Kurbelnd und dennoch ruhig und entspannt sinniere ich, was denn nun dabei ist, sich das zu verkneifen, wegen der halben Minute. Es kommt wieder das uralte Problem des zuerst das, dann das und um irgendeine fiktive, selbst gebastelte Ideallinie zu finden. Bedingungslos geht anders. Das wäre auch impulsiver und vermutlich auch natürlicher, mehr im Fluss, denn der Fluss, den ich gerade lebe mit der Prämisse, so lange wie möglich im Trockenen und un-geunwettert zu radeln, der ist künstlich. Das ist das Nordostseekanal-engstirnig kapitalistischen Denkens, sinniere ich, stoppe, pinkele in die Hecken, lasse den Blick übers Weite Land schweifen, erstaune, als ich feststelle, da ist gar kein garstiger, Unwetter ankündigender Wind. Das was ich die ganze Zeit bedrohlich im Ohr hatte, was mich schneller treten und hasten ließ, das war mein eigener Fahrtwind. Ich habe die Maschine gebaut. Ich habe sie erfunden. Ich trieb sie an, auf dass sie mich drangsalieren möge und mich schneller, schneller, schneller werden lies.

Dann doch. Einzelne Tropfen. Mehr Wolken, mehr Rumpel, aber auf die Idee, dass einen das Kleingeistige erst dies, dann das und dann … auf diese Idee muss man erst einmal kommen, dass einen das zu einem Getriebenen Selbstversklaver macht.

Ich überquere die Eider über eine urige Schleusenpassage südlich von Drage, nur noch zwei Kilometer bis zum Platz. Weiß nicht, was mich erwartet. Das macht es aufregend. Der Platz ist am Dorfrand. Ich folge wieder dem Track des Navis bis zu einem Schild, Hof Drage. Noch hundert, fünfzig, dreißig Meter, bin da. Haustür offen. Handy fummeln, Track ausschalten, schon steht U., die Betreiberin vor der Tür, begrüßt mich herzlich, zeigt mir alles. Gerade noch vorm Regen und Gewitter kann ich das Zelt aufstellen, koche im Zelt, sinniere über Metall in der Nähe, denn es blitzt und donnert, aber Host S., zeigte zuvor auf die Blitzableiter des nahen Hauses: Da schlägt er ein, wenn er einschlägt. Sollte er zumindest, fügt er hinzu und sollte er besser auch nicht, lachen wir beide.

Morgens kommt S. zum Zelt, interviewt mich, macht ein Foto, klärt mich auf, dass einst u. A. Robert Habecksich für die Initiative fürs Wildzelten in Schleswig-Holstein stark machte und das wärmt mir doch gerade mal wieder das Herz für den eigentlich einzigen Großpolitiker meines Herzens.

Wie zum Hohn lese ich quer in den Kurznachrichten, dass der jetzige Kanzler mal wieder eine Entgleisung verbaler Natur hatte. Traue mich gar nicht, die Nachrichtenseiten zu schauen. Und du, das mache ich auch nicht!

Nun am Bänkchen des Trekkingplatzes dies tippend. Das Zelt trocknet hinter mir. Wind rauscht in den Bäumen. Der Platz ist so liebevoll angelegt. Neben der Bank gibt es eine Betonplatte, auf der man den Trangia zum Kochen aufstellen kann. Im Haus Dusche und WC. In der halbmeter hohen Wiese ist eine Art Labyrinth gemäht zu einzelnen Zeltaufbaumöglichkeiten. Mindestens drei schöne individuelle Alkoven gibt es.

Und im Haus sei auch eine Ferienwohnung verfügbar, erzählen mir Ute und Jörg aus Sachsen. Die Beiden kamen gestern per Zug nach Husum und wollen nach Radebeul zurück radeln. Sind auch neu im „Wilden SH“.