Tag sechs – von Hängemattenhängmanövern, Rattenfängern und Alternativlosigkeiten

Artikel vom 25. Juni 2025, bearbeitet und veröffentlicht am 1. November 2025

Großenwieden. Die künstliche Verknappung der Zeit. Alternativkosten. Die natürliche Verknappung der Zeit. Wenn ich Essen koche, kann ich nicht schreiben, ja, auch Essen selbst ist etwas schwierig, denn das Kochen auf dem Trangia-Kocher erfordert Konzentration. Anwesenheit. Aufmerksamkeit. Auf dem Tisch liegen alle möglichen Ausrüstungsgegenstände, Nahrung, Kochzeugs, Pfandflaschen, Kaffeebecher. Am Fährhaus Großenwieden konnte ich gestern mein Zelt aufbauen. Wollte eigentlich noch weiter bis jenseits von Rinteln, etwa 15 Kilometer und mich auf einer Wiese installieren irgendwo zwischen Heuballen. Geriet aber mit dem Fährmann ins Gespräch und mit seinem Kumpel, der durchblicken ließ, dass öfter mal Leute auf der Wiese zelten würden. Man könne sogar den Schlüssel für die Toilette bekommen, im Tausch gegen den Personalausweis. Ich aß ein Eis. Die beiden saßen beieinander im Fährhaus, tranken ihr Feierabendbier, debattierten das Wetter: Dass es nächsten Montag wieder dreißig Grad werden soll. Kaum zu glauben bei der Tristesse, die mich heute umlullte, Wolken, kaum Sonne und dazu ein heftiger Wind, der – den Krümmungen der Weser seis gedankt – zum Glück nicht den ganzen Tag von vorne kam.

Es radelte sich ganz gut. Auch bei Gegenwind schaffte ich es, mit 14 bis 17 Kilometer Pro Stunde voran zu kommen.

Wozu die Eile? Zeit, Zeit, Zeit, das alte Dilemma. Mittags rief ich Freund Fliegerhorst an, dass ich „in der Gegend“ sei, obschon Hameln ja noch bald 400 Kilometer von seinem Wohnort itzehoe entfernt ist. Er freut sich. Ich kann jederzeit kommen. Und das ist auch gut so, das Jederzeit. Denn die Tour lässt sich nicht kalkulieren. In Gedanken sehe ich mich oft schon an der Küste. In Dänemark gar, auf Fünen vielleicht. In Gedanken besuche diesen und jenen Menschen, den ich am Wegrand kenne. Die KünstlerfreundInnen Horst und Irene Schmidt habe ich auch kontaktiert, ob sie ggf. in Norden in Ostfriesland, ihrer zweiten Heimat sind. Ich könnte einen Abstecher machen. Sind sie, antworten sie. Aber erst nächste Woche. Das ist also etwas für den Rückweg. Faszinierend ob all der „Losigkeit“ meines Seins, der Ungebundenheit, des Voranbummelns, dass ich mir dennoch Zeitfenster baue, mich, wenn auch nur leicht, damit unter Druck setze. Wenn Horst und Irene Schmitt, dann nicht Fliegerhorst, weil die einen westwärts und nächste Woche besuchbar sind, der andere nordwärts und eigentlich immer. Also wenn H.I.S, dann auf dem Rückweg.

Ha. Rückweg. Wenn ich schon kaum den Hinweg – wohin denn auf einer Irgendwohin-Tour – planen kann, wie erst den Rückweg? Auf Mastodon meldet sich Raspel aus Oldenburg, ich könne vorbei schauen. Kurz Karte geschaut: Oldenburg liegt nur etwa 80 Kilometer „Umweg“ – ha, Umweg auf einer Irgendwohin-Tour?!

Der gestrige Tag auf dem Weserradweg: Easy-Cycling. Sehr schöne Landschaft. In Hameln komme ich gegen halb sechs oder fünf, ich weiß nicht mehr so genau, gerade rechtzeitig zum ausgiebigen Glockenspiel, filme ein bisschen wie drei vier handvoll andere Menschen auch. Das Glockenspiel will und will nicht aufhören. Am Turm beim Rathaus ist eine Mechanik, die einen blechernen Rattenfänger en Miniature vorbei ziehen lässt. Auf einer Art Teller kurvt das Ensemble zum Spiel und als es fertig ist, wieder im Turm verschwindet, nach kurzer Pause ertönt das Spiel erneut und der Rattenfänger kommt nun mit den Kindern vorbei gezogen. So ähnlich. Vor einem Kaufhaus nebenbei macht ein schlicht gestrickter Junge eine abfällige Geste zu den Touristen, die das Spektakel filmen. Gut zu sprechen auf uns Ralderinnen und andere Touris ist hier offenbar nicht jeder. In einer Hütte, in der ich pausierte hatte jemand mit Edding geschrieben, Scheiß Touristen, haut ab – ohne Komma natürlich. Zwei Ebikende Damen verstricken mich in ein Gespräch, kommen aus dem nahegelegenen Ort Halle in Westfahlen, sind auf Rundtour mal das neue Ebike der einen ausprobieren. Ob ich öfter in der Hütte sei? Da sei so einer, nein nein, sie haben da nichts dagegen, der da öfter mal übernachtet und vielleicht bin ja ich derjenige? Ich sehe tatsächlich so aus, als würde ich auf der Straße leben. Seit einer Woche kein Haus von innen gesehen, keine Dusche, keinen Rasierspiegel. Vollbepackt. Obschon hier einige klassische Radreisende meiner Kategorie – guter alter Radreisender mit Gepäck in vier Taschen an Gepäckträgern – unterwegs sind. Das freut mich. Unter den vielen Bikepackern mit ihren spärlichen Lenkerrollen, Rahmentaschen und Arschraketen kam ich mir auf den hessischen Bahntrassenradwegen schon ein bisschen wie ein Dinosaurier vor.

Wir plaudern über dies und das, Ebike versus „Biobike“ ist immer ein Thema: was hab ich es doch so schwer, mutmaßen die Beiden. Aber nein, sag ich, die Unabhängigkeit von Stromnetzen hat ihren Preis. Mit Ebike müsste ich ja ständig in Hotels, mindestens jedoch auf Campingplätze. Neben der Hütte steht eine randalierte Bank bei dem schönen Platz an der Weser. Vandalismus-Vermutung liegt in der Luft, aber ich bin mir da nicht so ganz sicher. Schwer zu sagen. Ich sage, das sieht aus wie ein Hängemattenunfall. Die Lehne der Bank ist abgerissen und sie steht in Hängemattenlängeentfernung nicht weit weg von einem Pfosten. Ich erinnere mich, dass ich jüngst in der Schweiz durch solch ein gewagtes Hängemattenhängmanöver eine Parkbank zum Umkippen gebracht habe. Ein Glück, dass die Bank damals nicht kaputt ging.

Über das Gespräch vergesse ich, ein Foto aufzunehmen von einem Baum, der an einem Felsen hochwächst. Ein faszinierendes Ding. Vergiss nicht, den zu fotografieren, ich erinnere mich, sagte ich mir im Vorbeifahren, meinen Hüttenplatz schon im Visier, erst mal Pause, und ach nein, das vergisst du doch nicht. Der Baum wächst mindestens anderthalb Meter entlang des nackten Felsens und das Stück Stamm, das bloß liegt und sichtbar ist wirkt wie eine verlängerte Wurzel. Nach der Pause rolle ich unverrichteter Dinge weite. Adieu Baum. Es ist wie daheim: Wenn du einen Raum verlässt, um etwas zu suchen, vergisst du, was du suchen wolltest, sobald du die Tür passiert hast. Genauso ist es, wenn man sich mit zwei Radeldamen unterhält. Tattrig wie ich bin steckte ich beim Weiterfahren noch meine einzige Tütensuppe in den Mülleimer. Ich kann es mir nur so erklären: Vom Lebensmittelsack hatte ich sie beim Rumräumen auf den Gepäckträger gelegt, dort wo normalerweise der Müll festgeklemmt wird. Ich erinnere mich noch, dass ich mich wunderte wie kompakt sich das Ding anfühlt als ich es in die Tonne stopfte.

Raus aus Hameln ein korpulenter Bettler, umgeben von naja, Müll? Habseligkeiten? Ja klar, das ist kein Müll, was den Mann umgibt, das sind Habseligkeiten. Er sitzt unter einer Brücke und ich weiß nicht, wie er sich von dort je fortbewegen kann. Schon bin ich vorbei, halte ich an, krame Geld aus dem Geldbeutel, gehe zurück, gebe es ihm und er bedankt sich strahlend und im Weiterfahren komme ich mir blöd vor, dass ich nicht noch mehr gegeben habe und ich muss mal wieder an meine uralte Geschichte denken, die davon handelt, dass immer wenn sich zwei Menschen begegnern ein Kassensturz gemacht wird; du hast soviel, du soviel, alles addiert und durch zwei geteilt oder durch X, wenn man das ganze auf Menschengruppen bezieht. Ich denke daran, wie ich Elon Musk begegne, zack, um viele Milliarden reicher und er ist immer noch superreich. Muss schmunzeln.

Halb elf schon. Die Sonne scheint. Hinter mir brutzelt die Solarzelle, lädt das Handy, während ich hier im Schatten diese Zeilen schreibe. Für meine Verhältnisse bin ich spät dran. Meist schon gegen sieben acht neun gings los. Die letzte Nacht war wegen des zerrenden Winds am Zelt nicht so erholsam. Außerdem grummelte der Bauch. Gegen acht packte ich in windeseile alles zusammen. Das Klo vom Fährhaus war leider zu. Das mit dem Schlüssel gegen Personalausweis hatte nicht geklappt, weil der Fährmann heut gar nicht im Dienst ist. Nunja, man kann ja nicht mitten im Dorf wie so ein Hund. Weiß auch nicht, was ich gedacht habe. Hätte ja alles stehen lassen können und raus aus dem Dorf zu geheimem Ort, aber nein. Mit vollem Gepäck schaffe ich es geradeso zu einer Wiese hinter einem Schober. Ein Hoch auf Robbydogtüten! Der Gamechanger in Sachen Reisetoilettengang.

Alternativkosten, Kolateralkosten, verknappte Zeit. Wird mir das erst nun drängend? Ich hätte schon dreißig Kilometer geschafft während ich hier schreibe, und die alte Formel, die seit der Nordseeumrundung gilt, 70 Kilometer am Tag plus Kunst plus Schreiben ist doch genug. Während ich die Sachen zusammenpacke, kann ich nicht Essen, nicht schreiben, nur bedingt mit Leuten kommunizieren. Und umgekehrt, während ich schreibe, kann ich nur schreiben. Sonst nichts. Noch nichteinmal etwas anderes denken als das, was der Gedankenstrom gerade hergibt. Das macht es einerseits so einzigartig, andererseits so kompliziert.

Nun versuche ich mal die beiden Blogartikel per Hotspot hochzuladen. Das Haupthandy dürfte nun fast geladen sein und auf dem Schreibhandy habe ich satte 20 Prozent Akku verbraucht, um den Artikel zu schreiben.

Tag fünf – Birkenprassel-Lautmann-Kipppunkt

Von Dittershausen bis Wehrden.

Der Wind zaust die vier Birken, unter denen meine Hängematte baumelt. Weil die Bäume so nahe beieinander stehen, hängt die Matte entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, sie schön stramm aufzuspannen, ziemlich durch. Was sich als recht bequem herausstellt. Nicht, dass ich es nicht gewusst hätte. Immer wenn ich die Matte verlasse, um am Radel etwas zu kramen, den Kocher etwa aus den Packtaschen zu holen, oder die Brille zu suchen, bläht sie sich auf wie der Spinacker eines Schiffs. Ich döse ein, bin recht erschöpft. Schon seit Tagen im Sattel und kein Tag verging mit weniger als 100 Kilometern Tagesleistung. Seltsamer Weise macht mir das Radeln gar nichts mehr aus. Wenn ich nicht müde würde, könnte der Körper ewig so weiter fahren. Langsam verstehe ich die Menschen, die sich am Atlantik aufs Rad setzen und kreuz und quer durch Europa kurbeln und erst am Schwarzen Meer wieder aufhören. Ein Transcontinental-Racer wird trotzdem nicht aus mir werden. Mir reicht es oft, zu wissen, wie die Dinge funktionieren, wie es „geht“, wie dieser oder jener Mensch, der mir als Absonderling, als ein großer „Unvorstellbar“ erscheint, so und so sein kann.

Einfühlung? Die Windböen hier an der Weser sind heftig. Mein Lagerplatz bei einer Grillstelle mit drei Hütten und einem Kneippbecken bietet eigentlich alles, um das hier auszusitzen. Birkenäste prasseln herunter, verfehlen mich knappt. Ob es weh tut, wenn einem Schlafenden ein etwa fingerdicker Birkenreisig auf den Kopf fällt? Dieser hier hat mich nur um ein paar Zentimeter verfehlt. Ich schubse ihn aus der Hängematte. Bin zu müde, um mir einer eventuellen Gefahr bewusst zu werden. Vom Weg Stimmen, Radelgeräusche, Ebikemotoren. Ulkige Schalke suchen Schutz in der Hütte. Immer wieder ziehen Regenschauer vorbei, tun so als wollten sie die Welt untergehen, aber kaum hat man sich in Sicherheit gebracht, sind sie schon wieder weg. Die Kerle scherzen zu mir herüber, frotzeln, dass sie mich jetzt „endlich geweckt haben“ und das ist eigentlich kein so guter Beginn für einen Smalltalk. Normalerweise wäre ich vielleicht zu ihnen rüber gegangen und man hätte über das Woher und Wohin, das Warum geredet, aber so lächle ich und tue so, als sei ich fremd, bin ich ja auch, aber ich tue so als wäre ich noch viel fremder. So, als würde ich ihre Sprache nicht verstehen. Insgeheim bin ich Franzose oder Pole, denke ich, bloß was, wenn einer französisch oder polnisch spricht? Je regrette, isch spreche kein Deutsch. Ah qui, vous etes francais? Endlich haben wir sie geweckt. Egal. Einer kneippt im Becken, die anderen labern altmännerlaut höhö und hoho aus voller Brust … nein nein Herr Irgendlink, die wollen dich nicht provozieren, die sind von Natur aus so. Frequenzpotente Kerle mit Bäuchen und grauen Haaren.

Ich Misanthrop, ich.

Die Tour, ich habe sie die Irgendlinksche Irgendwohin-Tour getauft (in Anlehnung an Radlerfreundin Radltante aka Frau Laut, die solch eine Zickzack-Tour vor zwei Jahren und auch dieses Jahr durch Deutschland machte) – kurz Hashtag irlirwo. Alles klar? Die Tour fußt auf wieder einmal gescheiterten großen Plänen und ist sozusagen das Überbleibsel eines Vorhabens, das nicht durchführbar schien: Mit dem Fahrrad durch Norwegen ans Nordkap. Die Königsdisziplin. Hätte hätte Fahrradkette, hätte ich schon gerne gemacht, muss aber nicht und es gibt Gründe, dass ich nun auf einer ziellosen Irgendwohin-Reise bin, statt straight mit engem Blick das Ziel Nordkap zu fokussieren. Letztendlich eine reine Terminfrage. Der durch Termine zerhackte Alltag lässt einfach keine zwei bis drei Monate theoretischen Opend Ends zu.

Das Ende allen Birkenastprasselns. Ich packe zusammen, die Herren sind weg. Eine hustende Frau sitzt vor der Hütte. Kneippbecken verkneife ich mir, packe und stemme mich weiter gegen den Wind, der mich schon den ganzen Tag mal plagt, mal nicht. Die Fulda, der ich bis Kassel und darüber hinaus bis Hannoversch Münden folgte, macht nämlich zahlreiche Schleifen. Scherzhaft hatte ich einmal auf Mastodon getrötet, dass die Fulda aus tausend Saarschleifen gemacht wurde. Demeentsprechend habe ich immer mal wieder Gegenwind, mal Rückenwind. Oft seitlich. Es ist nicht mehr so heiß wie tags zuvor. Ein gutes Radelklima also. Bis zum Drei-laute-Herren-Kipppunkt, würde ich sagen, bin ich misanthropisch, nerven mich jedwede Menschen, halte ich mich wortkarg zurück, meide Kontakt. Ein kurzer Gruß hin und wieder, ein nettes Palim Palim für diejenigen, die die Fahrradklingel nicht hören. Mehr ist nicht drin an diesem Morgen. Die Stimmung entsprechend lethargisch. Ich bin nicht überzeugt vom Tag, von der Tour, von mir. Sinniere, was das Ganze soll, dennoch wachen Auges, Fotos und Filme mit der Gopro und auch ein paar Videologs. Am meisten sinniere ich, warum ich nicht darüber schreibe. Die Antwort: Das ist Urlaub. Echter Urlaub ohne Pflichten. Dennoch finde ich es schade, dass ich die vielen kleinen täglichen Erlebnisse eben nur erlebe, sie nicht festhalte in schriftlicher Form und mein Glaube an das Video-geloggte Wort ist noch nicht gefestigt. Es ist etwas anderes, ob du etwas schriftlich notierst oder es aufs Band sprichst.

Finde ich. Nach Birkenprassellautmänner-Kipppunkt gehts besser. Ich stemme mich gegen den moderaten meist Gegenwind nun. Seit Hann. Münden ist die Fulda zur Weser geworden. Scherzhaft frage ich mich, warum man nicht einfach eine Mauer zwischen der Werra und der Fuld gebaut hat, denn dann könnten beide ihre Identität bis zum Meer wahren und als Werra und Fulda dort ankommen. Analogie mit innerem Augenzwinkern zum menschlichen Hang, sinnlos Grenzen zu erreichten, jaja, darüber mal eine böse Kurzgeschichte schreiben, aber egal, bin doch Urlaub.

In Hann. Münden muss ich mich auch entscheiden, welche Seite des Flusses ich abwärts radele. Beide Seiten haben Radwege. An der Kreuzung sehen beide Möglichkeiten eher unverlockend aus, führen durch Industrie und Gewerbegebiete. Ich entscheide mich auf der Brücke über die Weser noch einmal schnell um und nehme den linksseitigen Radweg. Blick zurück nach Hann. Münden, das wahrscheinlich schön ist, aber meine Route hatte mich daran vorbei geführt. Eine Fußgängerbrücke aus Eisenfachwerk hinüber zu den Inseln zwischen Weser, kleiner Weser, Werra und Fulda war gesperrt und ich bin, wie erwähnt ja auch auf Misanthropietrip an diesem Tag. Da kann man nichts leiden.

Bundesstraßenradweg. Ich kenne es seit Hanau. Eine hessische Spezialität. Zumindest hatte ich bisher oft das Pech, zwar recht gute, aber direkt neben Bundesstraßen verlaufende Radwege zu erwischen. Ich schufte bis Lippoldstadter Fähre. Beim Anleger eine Bude mit Eisverkauf, Wurst in Dosen, Honig. Pause. Regenschauer. Ein Mann mäht, stoppt den Mäher, macht Kaffeepause. Er soll sich als Fährmann herausstellen und letztlich als Richtungsweiser, denn just radelt ein Paar heran, will zur Fähre, doch eine Tafel sagt unmissverständlich, dass die Fähre nur samstags verkehrt. Der Radlerpaarmann geht trotzdem zum Rasenmähmann, um sich zu erkundigen wie wo was und schon kommen sie zurück, ausnahmsweise würde er sie rüber bringen, ob ich mit will? Wo ists schöner zu radeln, frage ich, drüben sagen alle, nur gibts da eine 25 Prozent Steigung am Weg … na Herr Irgendlink, irgendwohin vielleicht?

Tu immer das, was fremde Radlerpaare und Fährmänner sagen. Ich fahre mit auf der schönen alten Seilfähre. Der Fährmann hat sie ein Leben lang betrieben. Nun ist er in Rente.

Der Radlermann versucht mich zum Abschied noch zum freichristlichen Glauben zu überzeugen – schon der zweite Mensch, Andreas, den ich zwischen Rüsselsheim und Frankfurt am Rheinradweg traf, wollte mich ebenfalls bekehren.

Drüben ists tatsächlich schöner. Keine Bundesstraße vor allem. Die 25 Prozent Steigung ist nur etwa 250 Meter lang. Alles andere geht als normal durch. In einem Dorf vor einer kleinen Traktorwerkstatt stehen noch zwei Oldteimer herum, die ich fotografiere. Wärste früher gekommen, hättste 25 Stück sehen können, sagt der Werkstätter. Es war nämlich Traktortüv heute. Nur die beiden sind noch nicht abgeholt worden. Einer der Traktoren ist ein Fahr, der andere eine Marke die ich nicht kenne, Typ Spessart.

Alle Traktoren haben übrigens bestanden.

Bad Karlshafen. Wasser bei einem Jungen geholt, der gerade sein Auto belud. Dann weiter und wieder auf die andere Seite. Die Lagerplatzsuche gestaltete sich insofern etwas kompliziert, dass es überall Campingplätze gibt. Zweischneidige Sache. Ich möchte nicht direkt daneben wildzelten, möchte aber auch nicht zwischen rumpelnden Wohnmobilen das einzige Zelt sein. In Beverungen beim Kanuclub sah es recht gemütlich aus, getrennte Plätze für die Zeltenden und die Campervans.

Dennoch radele ich weiter, Höxter nicht mehr weit. In Wehrden ein sauberes WC und 1,3 Kilometer weiter eine Hütte.

 

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten

Beitragsentwurf vom ersten Juni 2025, bearbeitet 21. Oktober 2025

„Die Welt krankt an alten weißen Männern, die im Stehen pinkeln …“, postuliere ich, „… und die ihr Geschirr nicht selbst spülen müssen und nie ein Klo geputzt haben.“ – „Nein nein, das ist abgeschmackt“, mildere ich mein Urteil, „nenn‘ sie nicht alte weiße Männer, denn das ist genau das, was sie wollen. Dann können sie schön in ihre Opferrolle schlüpfen, während sie röhrenden Auspuffs mit wehendem grauem Haar in ihren Cabrios in den Sonnenuntergang brausen. ‚Typen‘ reicht vollkommen. Ignorante Autoritaristen. Und ja, es sind fast immer Männer.“

Meine Hände im warmen Wasser der Spülschüssel. Licht in der Küche schummert. Das Becken ist voller Geschirr. Wasser schäumt. Zwischen Schüsselchen, Tellern, Besteck und ein paar Konservengläsern schwimmt eine Bürste und ein Schruppschwamm. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst spülen soll. Greife ein Messer, dann einen Kaffeelöffel, dann die hölzerne Kelle, an der die Nudelreste vertrocknet sind, scheitere an der Kelle, lege sie zum Einweichen zurück, nehme eine kleine gläserne Schüssel, in der eingetrocknetes Mehl sich noch nicht lösen will, scheitere auch damit, greife ein paar weitere Gegenstände vom Spülstapel, der seit Tagen steht, lege sie ins Wasser und erkenne.

Genau so sieht mein Hirn aus. Voller Gedanken, die alle gleichzeitig als Ketten von Seins und Tuns laufen. Im Hintergrund ein geheimisvoller cerebraler Peitschenschwinger, der die Herde antreibt, los, voran, macht schon, ohne zu erkennen, das ein jedes dieser zarten Gedankentierchen, die den Karren ziehen, seinen Raum braucht, seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, um aus dem Chaos erlöst zu werden, um zu Ende gedacht zu werden.

Ich kann mich nicht konzentrieren. Beginne einen Blogartikel zu denken über alte weiße Männer, die ihr Klo nie selbst putzten, stelle mir diese Männer vor wie frisch Gewählte, die ihr Hitlerbärtchen frei auf der Stirn tragen, schmunzele, da kommt mir die unverputzte Wand im Keller der Frau Mama in den Sinn, „Mann, Mann, Mann, da müsstste doch auch mal dran arbeiten!“ Stelle mir vor, wie ich das Spezialgemisch an isolierendem Schlämmputz anmische, zuvor mich in Schutzkleidung, Brille, Staubmaske etc. gehüllt habe, die Mischung genau abwiege … herrjeh, dieser Gedankengang verliert sich auch wie so viele, ohne dass der dazu nötige Körper je in Betrieb genommen würde. Ein Reisekunstprojekt im Sommer drängt sich nach vorne, will geplant, gedacht und auf Möglichkeit geprüft werden. Auch dieser Gedankengang reißt ab. Zu groß. Ebenso wie verwaltungstechnisches Zeug, das mich ohnehin anekelt zu denken und zu tun. Dann schon lieber Geschirr spülen.

Zeit Zeit Zeit. Alles kostet Zeit. Kostet, schreibs in Anführungszeichen „KOSTET“, so weit ist es schon, dass du rechnest, Mann.

Wozu wozu wozu? Lass fließen. Hab Geduld. Nur so kannst du dem Chaos in deiner cerebralen Spülschüssel Herr werden. Wie auch in der echten.

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten. Geschweige denn den Tisch abräumen. Arrogante Kreditkartenzücker, die sich mit anderen arroganten Kreditkartenzückern auf Restauranttoiletten treffen, um sich stehend an Urinalen zu vergleichen: die Güte ihrer Anzüge. Armbanduhren blitzen. Scharf klingt ein Autoschlüssel in der Jackentasche, womöglich. Oberflächliche Gespräche zwischen Waschtisch und Toilette. Und dann zurück zum Tisch, wo das Frauchen wartet oder die Geschäftspartner, die Geliebte, ein Kreditgeber oder ein paar arme angestellte Hansels, die man mal beeindrucken wollte.

Mittlerweile ist das Spülwasser nur noch lauwarm. Ich werde es wechseln müssen. Es taugt bestenfalls noch als Vorspülwasser. Nehme in den eingetrockneten Töpfen je ein bisschen des Wassers, und entledige mich des Geschirrs, das ich als sauber gelten lasse rüber auf das Abtropfgestell. Bevor ich weiter mache, muss der Boiler erst aufheizen, kann ich ein bisschen abtrocknen und Platz schaffen auf dem Gestell, kann das lauwarme Spülwasser in den schwer zu bewältigenden, eingetrockneten Töpfen wirken, kann ich eigentlich auch unterbrechen und das finale Rettungsspülen auf ein Andermal vertagen.

Wie so ein Parallelgedanke über eine zu verputzende Wand, der Hand in Hand läuft mit einem Gedanken zu sommerlichem Reisekunstplan und anderen wichtigen Gedanken.

Mein Hirn ist eine Spülschüssel, in der das Wasser schmutzt und kühlt und es funktioniert deshalb nicht mehr richtig und ich muss alles rausräumen und neu einrichten und das geht am besten beim Radfahren, beim Ausüben einer linearen Tätigkeit, in der Eins aufs Andere folgt, Kilometer um Kilometer, Kreuzung um Kreuzung, Bergetappe um Bergetappe.

Dies ist der Beginn meiner Radeltherapie. Paar Tage her, dass ich die Spülschüssel leerräumte, ein paar Töpfe nur noch stehen ließ, das Radel sattelte und längere Tagestouren machte. Die erste, ringst um Pirmasens, war hektisch, Vatertag wars, die Welt ohnehin grundaggressiv, alkohlgetränkte Bollerwagenarmada, die aber mitten im Pfälzer Wald sich verlor oder gar nicht existierte. Je pfälzer der Wald, desto freundlicher die Menschen, postulierte ich.

Kehrte abends heim mit 140 Kilometern in den Beinen, erschöpft glücklich. Diagnostizierte da erst mein Spülschüssel-Hirn-Syndrom, beschloss, weiter zu machen und über allem gaukelte das Mies der Welt, die falschen am Ruder, aber daran kann ich ja nichts ändern. Betonköpfe, die rückwärtsgewandt eine fossile Ära hochleben lassen und alles Neue abwürgen. Typen, nenn sie Typen, die im Stehen pinkeln und sich des feinen Urinsprühs nicht bewusst sind, der die schneeweißen Hochglanzfliesen ihres Badezimmers benetzt und der sich zu einer klebrigen Kruste schichten würde. Typen, die nie Geschirr spülen mussten, weil sie arme Teufel dafür bezahlen, den Schmutz zu beseitigen. Das Geschirr. Die Urinsteine …

 

Lebenszeichen – Akte Irgendlink

Herrje, ein Lebenszeichen: Ich bin noch am Ball und denke über das Bloggen nach.

Momentan ist viel Arbeit angesagt im und ums heimische Atelier. Garten, Brennholz. Aufräumen. Wände verputzen, Türen einbauen. Johannisbeeren beim Wachsen zuschauen. Die Welt in Ordnung bringen.

Das Nichtverzweifeln ob der Großweltlage kostet auch Kraft.

Positives: Eine Künstleredition der Galerie Beck habe ich vorgestern signiert. Mann Mann Mann, drei Stunden lang den eigenen Namen schreiben und mit der Nummerierung der 45 mal 25(?) Einzelblätter nicht verhaspeln – ich hatte ernsthaft überlegt, mir den Künstlernamen Bo zuzulegen, damit es ein bisschen schneller geht mit Signieren. Und beidhändig schreiben lernen wie die Fernsehkommisarin Marie Brand.

Eine Retrospektive meiner 30-jährigen Kunstarbeit gibts nächstes Jahr im März. Arbeitstitel „Akte Irgendlink“.

Ans Kap werde ich wohl auch dieses Jahr nicht reisen können.

Blogartikel folgen wenn das Wetter wieder schlechter wird oder ich doch noch den Hintern in den Fahrradsattel schwingen kann.

Nachtrag: Ich wusste, dass da mal was war mit „Bo“, lange ist’s her: Nenn mich Bob für 8,50 die Nacht

 

Dieser Tage – Verbuddeln des seit Jahren Unverbuddelbaren

Dieser Tage. Also Anfang März, das sei für die Akten gesagt, falls Zukunft A eintritt. Dieser Tage fiel die Entscheidung für eine Radreise mit Open End und Open Ziel. Grob ist die Richtung, nordwärts, angedacht. Grob ist der 17. Juni als Starttag angedacht. Nein, ziemlich exakt.

Der 17. Juni ist ein besonerer Tag für den Radareisenden in mir. Er ist die Wiege meiner Radtouren- Leidenschaft. Die ersten Radreisen von der Nordpfalz zum Bodensee, gemeinsam mit meinem Vater und Freunden, starteten wir meist in der 17.-Juni-Woche, also um jenen ehemaligen Feiertag der BRD, der sich Tag der Deutschen Einheit nannte.

Der 17. Juni ist eigentlich zu spät, um mein – grob – geliebäugeltes Ziel zu erreichen, den Polarkreis bei Mitternachtssonne zu überqueren. Aber egal. Ich habe in den letzten Monaten geübt, suboptimale Lebens- und Arbeits- und Vorankommensbedingungen zu durchstehen. Ein Springen über den inneren Schatten des Perfektionismus, der mich mein Leben lang schon ausbremst. Und wenn es nicht der 9. Mai werden kann, die Tour ohne Ziel und mit offenem Ende nordwärts zu starten, so bin ich auch mit dem 17. Juni zufrieden und ich bin sogar damit zufrieden, einfach daheim zu bleiben. Denn ich habe genug erlebt. Alle Ziele sind erreicht. Es gibt eigentlich nichts mehr zu tun für mich als das Leben so gut es geht zu genießen. Und Neugier. Aber ohne Gestaltungswillen.

Das Ende des Gestaltungswillens ist auch ein Neuanfang, in eine Laissez-faire Phase einzutreten und sich von der Gegenwart überraschen zu lassen. Ja, vielleicht ist so das echte, tiefe, unillusorische, nicht von anderen Zeitmodi verstellte Erlebnis von Gegenwart erst möglich? Ich weiß es nicht.

Ich glaube, ich bin seltsam in einem Zustand guten Vorankommens. Selbst wenn ich auf der Stelle trete und mich an Kleinigkeiten aufhalte, treffe ich Entscheidungen oder lasse sie einfach fallen und handele danach, mache dabei Abstriche an mein Selbst an meine im Lauf der Zeit angewöhnten Ansprüche, an die So-sollte-es-seins. Das ist gar nicht mal so übel. Im Tausch Schluderei-und-weiter gegen stehen-bleiben und grübeln, wie ich dieses oder jenes Problem am einfachsten löse, komme ich unversehens voran. Es fühlt sich gut an, längst liegen Gebliebenes einfach zu erledigen.

Letzte Woche war sicher ein Meilenstein. Seit Jahren steht ein Wassertank im Hof der Frau Mama, den wir schon immer mal eingraben wollten. Also eigentlich sollte ich das tun. Ein 6,5 Kubikmeter großes schwarzes Monster. Die Modalitäten, wie es begraben wird, sind schon seit Anbeginn klar: Bagger mieten Loch graben, Monster rein, zuschaufeln. Aber mach das mal, wenn du es noch nie gemacht hast und nur eine vage Idee hast, wie es geht. In Gedanken habe ich das Ding schon hundert mal vergraben.

Dieser Tage zog eine wandernde Baustelle am Hof der Mama vorbei. Fünf Männer verlegten Glasfaser mit zwei Baggern, Rüttler, kleinen LKWs. Brachiale Kerle, die ordentlich ranklotzen. Also frag ich mich samstags zum Polier durch, ob sie nicht Kapazität hätten, mal eben schnell ein Loch …? Zack. Nachmittags nach der Schicht rücken sie an, und verbuddeln das Ding.

Das Verbuddeln der großen scharzen Monsters, des seit Jahren Unverbuddelbaren bringt eine Art Lawine ins rollen. Von Fleiß und Ehrgeiz gepackt nehme ich weitere kosmetische Operationen am einsamen Gehöft vor, und auch in der Künstlerei bin ich fleißig. Schneide einen Kunstfilm, räume Datenspeicher auf, rette den PC der Liebsten und und und. Ich kann gar nicht glauben, wie flott das alles geht. Fast gerate ich in einen Schaffensrausch. So müssen sich Bluthunde fühlen, wenn sie das Eisen im Saft riechen. Runter zum Waldrand, zwei im Winter bereit gelegte Eichenstämme hochschleppen, Brennholz, Brennholz, Brennholz immer wieder.

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen. Wichtig ist, dass vieles geschieht auf engstem Raum und in engster Zeit und auf einer zweiten Schicht meines Daseins gaukelt auch wieder die Reisekunstlust. Ja ja. Anfang März wurde der Grundstein gelegt, so vermerke ich es hiermit als Aktennotiz. Der Sommer wird zeigen, ob ich tatsächlich aufbreche.

Vermutlich bin ich gerade in einem quantenphysischen Wechselzustand, in dem mehrere Zustände gleichzeitig stattfinden, bis sich einer am Ende durchsetzt?

Wichtig ist, einfach drauflos, merke ich.

Das gilt auch für diesen Artikel, den ich nicht beabsichtigte zu schreiben, der mir eigentlich zu grob und unreif scheint, aber im Nachhinein muss ich sagen, klar wird der veröffentlicht! Wichtig ist doch auch, für die eigene Dokumentation zu arbeiten. Falls einem doch einmal etwas Bahnbrechendes gelingt, man plötzlich gefragt wäre auf dem Markt, sind die Chronistinnen und Chronisten froh, auch solche Tagebucheinträge zu finden?

Ich hab nichts zu verlieren. Das Blog ist frei. Niemand muss es lesen und nur einer, nämlich ich, muss es schreiben.

Dir, der Du bis hierher last, sei gedankt.