Okay, Junge, jetzt bloß nicht durcheinander kommen mit den Daten. Nach einer gewissen Zeit auf Reisen stellt sich ein Zeitverlustgefühl ein. Du weißt dann nicht mehr, welcher Wochentag ist, welches Datum, wie lange du schon unterwegs bist, wo du vorgestern warst, wo vorvorgestern. Jegliches gesellschaftlich anerzogene Maß verliert sich, wird bedeutungslos. Die Zeit bedeutet nur noch, wenn es darum geht, vor Ladenschluss eine Einkaufsmöglichkeit zu finden. Kilometer ticken nur noch auf dem Fahrradtacho und takten allenfalls das Kunstprojekt. Alle zehn Kilometer stoppe ich im Jahr 2000 und schieße ein Foto der Straße. Man kann sich die Bilder in der Karte ansehen, indem man die Ebene ‚Bildstandorte 2000‘ einblendet (links auf der Karte befindet sich ein Ebenensymbol). Seit 1994 mache ich auf meinen Konzeptkunstreisen alle zehn Kilometer ein Foto der bereisten Strecke. Egal wie es an der Stelle aussieht. Egal, ob das Bild den Ansprüchen auf guten Bildaufbau genügt. Der Tacho bestimmt, wann das Bild fällig ist. Stets vom rechten Straßenrand aus. Stets in Richtung Reiseziel. So spule ich einen Film um den anderen durch die Spiegelreflexkamera und horte die vollen Pélicules, so heißt Kleinbildfilm auf französisch, tief unten in den Packtaschen. Eine Geschichte dieser sogenannten Kunststraßen kannst du auf dieser Seite anschauen.
Ich bin ein wenig wirr heute Morgen, weiß nicht, welcher Reisetag ist, blättere konfus in den alten Tagebüchern. Wo war ich 2000? Autun? Bei erstmals angenehmen Nachttemperaturen erwachte ich auf dem von dichten Thuja-Hecken umrankten Parzellen des Campingplatzes. Beim Aufbruch setzte Regen ein. 2010 lag ich mit meiner ‚Leistung‘ genau einen Tag zurück. Bei strahlendem Sonnenschein verließ ich den Campingplatz Lac-Kir. Der Kanalradweg am Canal de Bourgogne war in den zehn Jahren, die zwischen den beiden Touren liegen weiter ausgebaut worden und ich konnte dem schön geteerten Treidelpfad folgen bis Pont d’Ouche. Dort zweigt die Route südwärts ab vom Kanal, dem Fluss Ouche folgend über Bligny in die hügelige Gegend um Autun.
2020. Die Nacht war gräßlich. Ich hatte einen Alptraum. Eine Panikattacke mit Atemnot. Zu viele Menschen auf zu engem Raum. In dem Traum sollte ich zwei Worte einsprechen für eine Vertonung von irgendwas. Als sich die Menschen mir bedrohlich näherten, sprang ich aus dem Fenster, landete auf einem Balkon, lief davon in eine menschenleere, von Industrie und Gewerbe und kahlen Wohnblocks durchdrungene Stadt. Eben läuft ein Schatten durchs Büro. Ich bilde mir das nicht ein. Fahler Dämmerungshimmel hinter schmutziger Scheibe und kahlen Hainbuchen, Blick gen Osten. Ich zucke zusammen. Warum bin ich so schreckhaft? Erst nach einer Weile realisiere ich, dass die Sonne über den Horizont kommt und wohl ein LKW auf der Landstraße, hundert Meter entfernt durch die jungen Strahlen fuhr und einen Schatten ins Zimmer warf. Erklärung gefunden. Angst weg.
Die Sonne, ach die Sonne, die wunderbar schrägstehende, skandinavisch anmutende Sonne vor klarem ungetrübtem Blau. Es gibt Sehnsuchtsorte. Einge wenige wohl wie in jdem Menschenleben für jeden individuell mal hier mal dort, wo es einen eben hingespült hat in den Windungen des Schicksals. Da sind für immer festgeschriebene Orte in deiner Erinnerung, an die du dich zurücksehnst, an der du dir vielleicht wünschst, die Zeit wäre setehen geblieben. Die Britische Science Fiction Serie Doctor Who hält eine Bild dafür parat. Der Doctor ist ein Zeitreisender, der in gewissem Rahmen die Möglichkeit hat, Unheil von den Menschen abzuwenden. Die Erde ist sein Lieblingsplanet. Die Menschen seine Lieblingsspezies. Seit den 1960er Jahren rettet Doctor Who die Welt vor den unvorstellbarsten Katastrophen. Aber seine Macht hat Grenzen. Er nennt es Fixpunkte in der Zeit. Punkte, an denen selbst er nicht das Schicksal einzelner wenden kann. Dinge, die einfach passieren müssen, sonst würde das ganze Gefüge des Universums aus den Fugen geraten und jegliches Sein hörte auf.
Vielleicht sind diese Sehsuchtsorte Fixpunkte in unseren eigenen Werdegängen?

Der gestrige Tag. Tag sechs meiner nicht stattfindenden Reise nach Andorra. Morgens schreibe ich am heimischen PC. Nachmittags hecke ich mit meinem Freund Marc Kuhn ein Col-Art-Malprojekt aus, das vielleicht das größte Col-Art-Kunstwerk aller Zeiten hervorbringt. Dann ein wenig Holzhacken. Das Radfahren des kleinen Mannes und als mir abends noch nicht genug davon ist, breche ich eine Stunde vor Sonnenuntergang mit dem Ebike auf zu einer kleinen Tour. Das benachbarte Dorf ist fast menschenleer. Begegnungen, abzählbar an einer Hand: drei Mädchen auf der Landstraße. Überholender SUV. Radler voraus, zwei grobschlächtige Kerle ausbaldowern etwas an einer Häuserecke. Spazierendes Pärchen. Über die L 462 keuche ich hinauf zur Sickinger Höhe, wo mich die schräg stehende Abendsonne mit aller Wucht als langen Schattenradeler auf die Felder klatscht und mit einem Mal ist er da. Mein Sehnsuchtsort. Mit aller Kraft kommt mir ein Bild in den Sinn, Freund QQlka und ich im Jahr 1995 im lappländischen Lycksele. Wir unterqueren auf dem Radweg eine Hauptstraße und steuern auf einen See zu, an dessen gegenüberliegenden Ufer ein riesiges Hotel steht. Die Luft ist kalt. Es ist schon sehr spät, vielleicht 22 Uhr. Noch immer hell. Unsere langen Schatten züngeln im See. Das Wetter wird umschlagen, sagen die Leute. Der Sommer ist vorbei. Ihr seid zu spät. Fröstelnd lehnen wir an einem Geländer und schmatzen ein paar Süßigkeiten. Bald wird es dunkel. Wir müssen einen Lagerplatz finden. Morgen wird alles anders sein. Morgen wird Lappland uns das zu schmecken geben, was es für immer für alle bereithält. Dies ist unser letzter schöner Tag auf der Reise ans Nordkap. Vielleicht ist diese Szene deshalb einer meiner Sehnsuchtsorte geworden? Fixpunkt meiner individuellen Vergangenheit?
Ich erinnere mich wieder an das Zeitkonstrukt meiner beiden Zweibrücken-Andorras. Heute ist der siebte Reisetag. Ein Tag fehlt. Ich bin konfus. Wie kann ich es korrigieren? Hier im Buch, das wie alle meine Bücher am offenen Herzen der Literatur geschrieben wird? Es würde die geneigten Leserinnen und Leser nur verwirren, denke ich.
Lest nicht weiter. Der Rest des Artikels ist für die Akten. Schaut Euch gerne die Tourkarte an, in der der heutige Artikel als Marker an meinem Sehnsuchtsort in Lycksele als orangener Marker mit Buchsymbol zu finden ist.


Für die Akten. Nachtrag Korrekturen. Tag sieben der Reise 2020 nach Nacht Nummer sechs beginnt gerade. Ein strahlender Montag mit beißend kaltem Ostwind. Die Läden der Stallungen klappern. Ich fürchte um das marode Dach auf der Künstlerbude. Tag sieben der Reise 2000 beginnt nach Nachtlager Nummer sechs auf dem Camping La Motte-aux-Merles nahe Chambilly. Tag sieben der Reise im Jahr 2010 beginnt in Autun, im Nachtlager Nummer sechs auf dem Campingplatz. Darüber wird morgen zu berichten sein.



