Soweit ist es gekommen: nach Konzeptkunst kommt die Konzeptreise. Irgendwann wird es keine Reise mehr geben, sondern nur noch das Reflektieren der Reise. Ein Mehrwert entsteht allemal. Sind es bei Konzeptkunst Skizzen und Schriftfragmente, die die eigentliche Kunst beschreiben und als Stellvertreter fungieren, so ist es beim Konzeptreisen die selbstprogrammierte Googlemap, sowie eine Linkliste, in der die Reiseorte beschrieben werden.
So konnte ich heute Nacht lernen, dass Rom per Rad kein Zuckerschlecken ist, dass man aber viel Spaß haben kann, wenn man die Eigenheiten der römischen Autofahrer und Fußgänger berücksichtigt. Am Tiber, welcher die Stadt durchfließt, führt ein Radweg. Den Tiber habe ich mir bis zur 300 km entfernten Quelle nahe Verghereto (1300 m) angeschaut. Nun kratze ich all meine Erinnerungen zusammen an Paris, Lyon und Barcelona, per Rad – halb so wild. Das Schlimmste ist die Unruhe vor dem Unbekannten.
Lehrmeister A.
Die 800-Zeichen-Taktik gefällt mir. Es ist das Sushi der Online-Publikation. Was nun noch fehlt, ist dateiübergreifendes Denken. Jeder Blogeintrag eine Datei. Alle Blogeinträge zusammen eine Verkettung von Information, die in ihrer Gesamtheit ein wohlgeformtes Gefüge ergeben. Ich bewundere den Chefredaktuer der hiesigen Lokalredaktion der fünftgrößten Tageszeitung der Republik, Herrn A., der einmal gesagt hat, alles Wichtige könne man in 340 Zeichen zum Ausdruck bringen.
Er ist mein Held.
799 Zeichen
800 Zeichen. Wie lang ist das? Habe mich für die Arbeit bei der fünftgrößten Tageszeitung der Republik auf 3400 Zeichen eingeschossen. Das geht mittlerweile ganz leicht von der Hand, ist aber fürs Web zu lang. Das Web verlangt Schlagworte, direkte Information. Es fordert keywordbasierte Einträge, die man eher scannt, denn liest.
Ich will es üben in den nächsten Blogeinträgen – im Hinblick auf die Live-Reise im nächsten Frühjahr.
Aufruf der Dateieigenschaften: knapp 500 Zeichen mit Leerzeichen. Puuh, da bin ich ja schon fast am Ende. Wenn ich nun unterwegs wäre, was würde ich wohl schreiben? Das Übliche: wer hat wann was wo wie gemacht. Okay, das Wer kann man weglassen, das bin stets ich. Wo? Stets das graue Band, das niemals endet, die Straße. Bleibt das Was. Das sind die täglichen Notizen.
Das Katzentheme
Ala Pulpfiction, sequenzieller Aufbau. Nicht stubenreine Katzen stürmen die Bude, weil der Ofen so schön warm ist. Zum Dank defäkieren sie nach Herzenslust. Der Mensch (in diesem Fall ich), Opfer großer unschuldiger Katzenblicke, gibt immer wieder kleinbei und macht sich mit Putzlappen und Eimer auf die Suche nach den stinkenden Fäkalien. Trotz offenstehender Türen wagt sich die böse Katze nicht hinaus auf die Wiese, sondern verzieht sich lieber in die unzugänglichsten Ecken der Wohnung, um … ihr wisst schon.
Also habe ich alle Vernunft zusammengekratzt und mir gesagt, Null Grad ist ja nicht so schlimm für das Tierchen, es muss fürderhin draußen bleiben. Vorhin bin ich wieder schwach geworden und habe die böse Katze eingelassen. Zum Dank hat sie neben das Sofa gepinkelt. Wegwischen und das Vieh irgendwie nach draußen locken, indem ich alle Türen offen lasse. Ist ja nicht so schlimm, hat ja nur noch Null Grad draußen. Warte vor der Tür. Katze hockt hinter dem Ofen. Die Sache soll gewaltlos vorgehen, habe ich mir überlegt, schließlich sind die Katzenaugen groß und unschuldig und ihr Blick herzzerreißend. Vehement verbarrikardiert sich das Vieh hinter dem Ofen. Ich versuche es mit Katzenmilch, leckerlecker, direkt vor der Tür. Böse Katze reagiert nicht. Erst als ich die Ateliertür öffne folgt das Vieh. Ordentliche Portion Katzenmilch als Belohnung. Tür zu. Puuh. Kurze Zeit später schlimmste Randale ever an der Ateliertür. Die Böse Katze poltert und scharrt, springt auf den Fenstersims, starrt mich an, geradezu unheimlich. Okay, sie ist draußen, sag ich mir, wenn ich jetzt die eine Tür aufmache, darf ich sie im Genick packen und vor die andere Tür auf der Südterrasse setzen – freies Geleit durch die Wohnung ist doch gewaltfrei oder? Gesagt getan. Nun scharrt sie an der Südterrassentür. Ich muss stark bleiben. Und nein: sie hockt nicht draußen in der garstigen Kälte, ich habe die Tür zur Galerie im alten Kuhstall offen stehen. Dort gibt es ein Sofa und eine Daunendecke. Ich hoffe, damit können ich und sie leben.
Ach ja, da war doch was
Heilig Abend nachmittags klingelte das Telefon, es sei Zeit, zur Verwandtschaft zu fahren zwecks Kirchgang, Essen und Bescherung. Da wurde mir endgültig klar, dass Weihnachten den Fuß in der Tür hat. Schnell schönschniegeln, wir gottlosen Weihnachtsverächter waren noch frühmorgens auf den tiefgefrorenen Wiesen am nahegelegenen Waldrand, zerlegten eine faule Ulme, sowie mehrere Pseudoakazien in ofengerechte Scheite. Die Arbeit mit dem Spalthammer war schweißtreibend aber sie erwärmte das Gemüt.
Essen lecker. Kirche kalt. Krippenspiel bizarr. Bescherung ./. – Besinnlichkeit ala Irgendlink eben.
Zwischendurch genug Zeit, sich über das Mysterium „weihnachtliches Brauchtum“ Gedanken zu machen. Ich beobachtete die Katzen. Sie kennen kein Weihnachten. Es ist ihnen egal. Sie glauben nicht, sie handeln nicht und Gott (in diesem Fall ich) ernährt sie doch. Weihnachten ist wirklich mysteriös. Es ist diese seltsame Hysterie, nicht alleine sein zu wollen, obwohl man das doch das Ganze Jahr über genießt. Ist es eine Form des Neids, dass selbst Typen wie ich an Weihnachten sentimental werden und unruhig, wenn sie alleine zu Hause hocken? Was alle haben, gilt als Grundbedürfnis und muss zwingend befriedigt werden. Wir Menschen ticken seltsam. Dass auch mich das trifft, tse. Das Gefühl, anders zu sein ist nur dann zu ertragen, wenn auch ein paar Andere anders sind. Sobald es kaum Andersseiende gibt – und das ist an Weihnachten so – fühlt man sich zu anders und das ist auch für die härtesten Andersseienden zu viel. Man ist anders, will es aber nicht sein, weil es zu wenig Andersseiende gibt. Nicht in dieser Zeit.
Spät abends spazierte ich hinunter ins Gasthaus S., wo sich ca. 300 Menschen vereint hatten, sich gemütlich die Kanne zu geben. 300 sind fast ein bisschen zu viel. Gemeinsam mit P. wie eine Insel im Menschenmeer, umtöst von den rauhen Wellen der Hereinkommenden. „Klasse,“ sagte P., „da kann man wenigstens nicht umfallen,“ und schmiegte sich an einen Typen mit Ringelpullie. Der war zwar zunächst irritiert, doch dann lehnte er sich an sie und sie landete auf meinem Bauch und ich mit dem Rücken an einer 1,85 Meter Frau und so weiter und so fort. Wir tranken Tequilla, Bier, Freunde schwappten vorbei, Bussie hier, Fröhliche Weihnachten da. Super Stimmung. Zwischendurch Halbphilosophisches wie etwa: „Wenn man einmal auf dem Berg lebt, zieht man nie wieder zurück ins Tal,“ sagte P. und ich antwortete: „Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal.“ Das entzauberte die Stimmung, es tat mir leid, aber so ist das, wenn P. und ich schwadronieren. Vielleicht bin ich zu rauh, zu derb, zu sarkastisch?
Romantik hin, volle Kneipe her. Mit Schmerz zahlt man am Tag danach. Trotzdem gelang mir am Nachmittag ein Durchbruch auf dem Live-Reise-Sektor, indem ich DigiKam mit Kipi-Plugins installierte und somit eine einfache Schnittstelle geschaffen habe, GPS-Daten in die Exif-Felder von Digitalfotos zu schreiben. Die Grundlage also für eine Massenabfertigung.