The Jazz must go on.

Eben denke ich, es wäre gut, einen Artikel über das diesjährige Jazz-Festival im Nachbarstädtchen S. zu schreiben. Sowas Gediegenes, wie die letzten Jahre schwebt mir vor, ein Artikel voller Wehmut, Witz und Ironie, obendrein absichtslos, ja, absichtslos und dahingeschludert muss er sein. Hunde sollten in diesem Bericht vorkommen, Hunde, die sich an den eigenen Geschlechtsteilen lecken, sowie komische Chefinnen, die kistenweise Bier bestellen, um sich bei den Jazz-Ikonen liebkind zu machen; Männer mit Östrogen in der Brust dürfen nicht fehlen und ganz viel Kokain auf einem Spiegel, der im Backstageraum auf dem Büffet liegt.

Ich stehe unter Druck. Verleger B. hat mich neulich beim Vip-Empfang auf besagtem Jazz-Festival mit Handschlag begrüßt. Sein Blick suggerierte: Wo bleibt der Bericht?

Nun bin ich zurück in der eiskalten Künstlerbude. Wenn ich nicht ständig Holz in den Ofen werfe, kühlt die Wohnung aus. Es hat 9 Grad. Das ist nicht sehr viel. Aber auf dem Jazz-Festival ist es auch nicht besser. Dort weht nämlich ein ganz anderer Wind. Sie sind in diesem Jahr von der perfekt ausgestatteten, aber viel zu kleinen Festhalle in ein altes Industriebauwerk umgezogen, in dem es weder Wasser, noch Heizung gibt. Temperaturen um 14 Grad im Zuschauerraum scheinen realistisch. Beim Auftritt einer Big-Band vorhin, die teils sehr leise Töne anschlug, wurden die säußelnden Heizaggregate, welche Warmluft durch eigens in die Wand geschlagene Löcher pumpen, während der Vorstellung ganz abgeschaltet. Das Flair in dem ex Stahlwerk ist jedoch exorbitant. Licht vom Feinsten – sogar die Bigband, die die halbe Welt bereist hat, lobte, so etwas haben sie noch nie gesehen.

Nix Koksspiegel, skurrile New-Orleanstypen, die nach der Show direkt an die Dialyse müssen, oder schrille kanadische Milliardärinnen, die den Einzelhändlern in der Region aus purer Kauflust das Geschäft ihres Lebens bescheren. Auch die regionalen Jazz-Ikonen waren nicht zugegen. Somit erlebte man einen durchweg geregelten Arbeitstag – äh -nacht. Das war geradezu unheimlich. Irgendwas stimmt da nicht.

Nun wollte ich den Bericht, den ich just im Moment nicht schreibe – weil, es lief ja alles so glatt, dass es nichts zu berichten gibt – den Bericht wollte ich mit Links in die letzten Jahre meiner Jazz-Hilfsarbeit belegen und habe deshalb die Suchfunktion des Weblogs benutzt, Begriff „Jazz“. Da hat sich ein erkleckliches Sümmchen an Artikeln angesammelt, so dass mir die Auswahl schwer fällt. Soll ich nun den Spirit des Jazz nehmen oder die Geschichte mit den Hundepenissen? Schwere Sache.

Hum? Ich weiß: ich verlinke gar keinen Blogbeitrag aus dem Archiv und empfehle stattdessen, den Begriff „Jazz“, in der blogeigenen Suchfunktion zur Rechten, zu verwenden und sich auf die Artikel vor dem 25. März 2007 zu konzentrieren. Da ist passabler Stoff mitbei, finde ich.

’s war nicht das Un, es war das Ab

Absichtslos. Jetzt hab ich’s wieder, so lautete Künstlerin B.s großartiges Wort. Es dürfte dem normalen Blogleser nicht geheuer sein, dass der werte Herr Irgendlink so versessen auf ein einzelnes Wort sein kann. Die Komplexität des Absichtslosen jedoch ist es allemal wert, darüber nachzudenken. Somit ist das Wörtchen nichts anderes als Seelenschmauß. In den langen Stunden des Nur-bereit-stehens, die mir nachher beim Jazzfestival blühen, wird mein Hirn es mir sicher danken, sich am Begriff Absichtslos festzubeißen und einen der vielen Gedankenstränge, die er auslöst zu verfolgen.

Kikeriki-Mädchen

Für einen MP3-Player gibt es für den Radreisenden im Prinzip keine Verwendung. MP3-Player sind ein Fremdkörper im Kopf. Sie erhellen weder die Stimmung, noch erweitern sie die Wahrnehmung. Sie lenken einzig und alleine ab von den feinen Geräuschen, die das Unbekannte zu bieten hat. Umgeben von der Sinfonie der Sterne und dem unglaublichen Duft allen Lebenden ist man als Radreisender gut beraten, keinen MP3-Player zu besitzen.

Das Argument, man müsse die Psyche manchmal aufheitern, um Einsamkeit oder hohe Berge zu überwinden zählt nicht, denn wenn die Psyche nicht in der Lage ist, ohne MP3-Player hohe Berge zu überwinden oder die Einsamkeit als schlichtes Alleinesein zu erkennen, sollte man nicht alleine durch Europa radeln.

In Fact gab es jedoch einen Moment, in dem der MP3-Player für den Europaradelnden von ungemeiner Wichtigkeit gewesen wäre. Der Fall Kikeriki-Mädchen.

Feurs südlich von Dijon im Jahr 2000. Der Campingplatz in Feurs ist nicht besonders schön. Er ist so eine Art Durchgangslager an einer großen Straße auf dem Weg nach Süden, in das es den ein oder anderen Reisenden verschlägt. Das einzig Positive, was one über den Campingplatz von Feurs berichten kann, ist, dass er im Preis einfach unschlagbar ist. Für 7 Franc, also etwa 1,5 Euro konnte one im Jahr 2000 als Radler dort übernachten, heiß duschen und unweit der direkt daneben gelegenen Dorfdisco versuchen, Ruhe zu finden.

Dorfdiscos, das weiß jedes Kind, schließen gemeinhin um vier Uhr früh. Danach sollte eigentlich Stille herrschen. Aber wie das in Dörfern so ist, gibt es dort auch Hähne, welche ab vier Uhr früh mit lautem Krähen verkünden, aufstehen Leute, es wird hell. Eine ungünstige Konstellation verursachte in jener Aprilnacht im Jahr 2000 eine Resonanzkatastrophe der bizarren Art. Zwei wirre Mädchen, die offenbar niemand mit zu sich nach Hause nehmen wollte, lieferten sich Afterdisco mit dem Dorfhahn ein Krähduell, das gut eine Stunde dauerte, und dies, meine Lieben, ist der einzige, mir bekannte Fall, in dem ein MP3-Player einen minimalen Nutzen gebracht hätte.

„Ich schlief unruhig in jener Nacht, hatte mir Papier in die Ohren gestopft, wälzte mich hin und her … nach dieser Nacht mied ich Campingplätze, Dörfer, Zivilisation.“

Schneeschmelze vs. MP3

Noch so’n Ding. Ich glaube, daran ist die Frau schuld, die nach Marseille geradelt ist. Sie hatte nämlich einen MP3-Player mit, um sich unterwegs aufzuheitern. Das fand ich schick. Weshalb hast du eigenlich nicht so ein Ding, werter Hinterwäldlirgendlink?

Vorhin mit klaren Anweisungen, Tinte zu kaufen im Supermarkt und an der Kasse in den sündigen Verlockungskörben einen Stapel MP3 Player gefunden. Zu lange gewartet, nicht nachgedacht und einen mitgenommen. Nun hab ich so ein Ding. Es ist rot. Es wirkte billig. Der Kauf war logisch.

Die Musik ist jetzt mitten im Kopf. Hum. Dabei hatte die Schneeschmelze in der Mittagssonne auf dem riesigen Dach der Scheune so einen wunderbaren Klang.

Wort, das mit “un” beginnt gesucht – nicht unmotiviert

Die Nacht ist der Tag. Der Tag ist die Nacht. Vorhin fragte Künstlerin B. nach der Bauesoterik. Ich war todmüde, nicht in der Lage, die Komplexität dieser Sache zu erläutern, weshalb ich kurzangebunden gähnte und das Beispiel vom Maurer brachte: „Maurer sind bekanntermaßen vertikale Wesen. Alles in ihnen strebt danach, Stein auf Stein auf Stein zu setzen und mit jedem Arbeitsschritt der Horizontalen etwas ferner zu kommen, sich vom Erdmittelpunkt zu distanzieren. Maurer halten beim Frühstück ihre Bildzeitung senkrecht vors Gesicht. Maurer werden verrückt, wenn sie wegen Krankheit wochenlang im Krankenhaus, in der Horizontalen, verharren müssen. Wie anders ist doch der Bodenleger,“ erklärte ich Künstlerin B., „er ist vollends auf die Horizontale fixiert, jene schneinbar schnurgerade Linie, welche sich aber bei näherem Hinsehen als Kreis um den Mittelpunkt der Erde entpuppt. Bodenleger legen ihre Bildzeitung beim Frühstück natürlich flach auf den Tisch,“ sagte ich.

Künstlerin B., du liest diesen Beitrag womöglich. Vorhin habe ich über das Wort nachgedacht, das Du morgens schon am Telefon gesagt hast und das Du abends wiederholt hast: „un …“ verflixt, ich komme nicht mehr drauf. Es klang wie Serendipität, etwas finden, wonach man nicht gesucht hat.

Ja, meine Lieben, so komisch ist Herr Irgendlink, dass er stundenlang nach einem Wort sucht.

Es ist gut, dass die Nacht der Tag und der Tag die Nacht ist, denn Morgennacht wird Herr Irgendlink wieder ordentlich knechten auf dem Jazzfestival im Nachbarstädtchen S.