Pfälzisch, ja wie nennen wir es denn? | #UmsLand Tag 1

Sechs Uhr wach. Morgen. Die Nacht war trocken und etwas windig. Zwischendrin musste ich das Zelt verlassen und die Heringe etwas tiefer in den Pfälzer Sand rammen. Niederschlettenbach querab. Ein ruhiges Tal mit bestem Radweg.

Ich bin 104 Kilometer vom Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz entfernt. Am gestrigen Nachmittag in Zweibrücken, waren es nur 78. Luftlinie. Wie so ein Eselchen im etwas verqueren Rund des Bundeslandes an langer Leine dahin trottend. Oder wie ein Komet auf dem Weg zum fernsten Punkt der Ellipse, die keine Ellipse ist.

Frau SoSo sagte einmal, Rheinland-Pfalz sieht aus wie ein Drache. Sie hatte das sogar gezeichnet. und die Zeichnung sollte sich irgendwo im Netz finden, vielleicht? (EDIT: Hier!)

Die gestrige Etappe? Begann mit einen Fototermin am Startpunkt der Reise, dem Zweibrücker Herzogplatz. Inklusive lecker Haferschmatzriegelgeschenk vom Fotografen und dem Wunsch, hab eine gute Reise.

Raus aus Zweibrücken ist ekelerregend mit dem Fahrrad. An der Baustelle zum neuen Kreisel an der Autobahnauffahrt schepperten die Maschinen, Bleche, derb geschütteter Beton aus hoher Höhe, unendlich laut und die Verkehrsplanung hat auf dem nigelnagelneuen, straßenbegleitenden Radweg gar wunderbare Bordsteinkanten gebaut. Alle paar zig Meter. Reiseradler, Reiseradlerin, wenn Du nach Zweibrücken kommmst, komm besser nicht. Erst ab dem Bahntrassenradweg in Rimschweiler wird die Route besser.

Aus der Tour 2017 auf der Rheinland-Pfalz-Radroute erinnere ich an etwa drei eher eklige Abschnitte, die auf Landstraßen verlaufen, auf denen man mit hoher Geschwindigkeit überholt wird. Eines im Westerwald, eins in der Nähe von Prüm und die etwa acht Kilometer zwischen Großsteinhausen und Hochstellerhof bei Vinningen.

Lang haderte ich, ob ich nicht besser die Alternative durchs Tal in Frankreich radele. Über Walschbronn und Dorst. Man muss theoretisch kaum Steigung überwinden, aber hat dafür etliche Waldwegekilometer. Doch tue immer das, was die Radwegeschilder dir sagen, treuer Herr Irgendlink. Also schwitze ich hinauf auf das vierhundert Meter hohe Plateau um Bottenbach und Vinningen und werde gegen Feierabendverkehr von PKWs und Transportern geradezu umspült. Ein Geschiebe aus Berufspendlern. Die einen aus Pirmasens zurück nach Hause fahrend, die anderen aus Zweibrücken, so stelle ich mir das vor und muss an Skagen denken, wo sich die Wellen von Nord- und Ostsee gegenseitig überschlagen. Oder an Andalusien. Die Hochebene hinter Bottenbach ist frisch geerntet, eingeebnet, trocken, karg und hellbraun. Fehlen noch ein paar Weiße Dörfer. Pfälzisch Andalusien versus Pfälzisch Jütland und Pfälzisch Sibirien, wie ich das Wind umpfiffene Vinningen gerne nenne. Vorm Touristenschild mit der Höhenangabe 441 m über dem Meer mache ich ein Foto mit Reiseradel. Klassiker. Muss sein. Im Prinzip lohnt es sich schon alleine wegen dieses Motivs, der offiziellen Radroute zu folgen. Und wegen des verrosteten Radels, das ich in Bottenbach in einem Garten fotografiere und und und. Kurzum, wer Ruhe will, holpert durchs Tal, wer die offizielle Route und Straße mag, nimmt den Höhenweg.

Ab Hochstellerhof gehts rasant abwärts. Seltsame Graffities auf dem betonierten Feldweg und eine Hinweisschild-Phalanx bei einem Gartengrundstück mit Hinweisen nach Hiroshima und Indien und Trulben usw. Liebevoll gemacht. Handgemalt. Ich mag solche Objekte.
Und dann Wald und Tal via Eppenbrunn bis zur Wasserscheide zwischen Rhein und Mosel, die sich zum Glück als eher flacher Minipass auf wenig befahrener Straße entpuppt. Ab Fischbach bei Dahn meist auf Radwegen unterwegs. Dahinbrausend in den Abend. In Bundenthal ein Einkauf und das Phänomen der sich gegenseitig durch Lärm überbietenden Jungmänner. Tollkühne Minderwertigkeitskomplexkompensierer auf rasanten Karren mit solchen Röhrauspuffen. Wieder schweife ich in Gedanken ab. Diese Mal nach Lappand, wo es ein ähnliches Phänomen gibt. Das nennt sich dort Pilluralley. Ein finnisches, sehr sehr derbes Wort.

Wie auch immer. Nun im ersten Übernachtungslager auf einem Parkbänkchen hockend tippe ich diese Zeilen auf meiner klappbaren Bluetoothtastatur.  Sehr sensibles Teil. Tippfehlergarant par Excellance. Muss mich zu dieser Arbeit zwingen, denn eigentlich säße ich viel lieber im Sattel. Vermutlich wäre ich längst in Wissembourg, das noch knapp 12 Kilometer entfernt ist. Ich muss erst noch den richtigen Tourrhythmus finden. Schreiben, Kunstschaffen und Radfahren sind ein komplekes Tripel, das sich erst im Laufe der Zeit richtig einspielt. Wie Tanz.

Brücke aus Holz schlängelt sich über eine natürliche Sumpfwiese
Sumpfwiesenbrücke bei Fischbah bei Dahn.
Rotes Dekoradel mit Blumenampel
Dekorad in Eppenbrunn.
Hasenkopfgraffitty auf Teerweg.
Unterhalb des Hochstellerhofs findet sich dieses Horizontalgraffity.
Altes Bluna-Werbeschild
Blunawerbung, uralt am Hochstellerhof.
Mann und Fahrrad vor liebevoll geschnitztem Schild Vinningen 441 m über dem Meer
Klassiker: Gipfelfoto in Vinningen
Radwegeschilder an einer Landsraße
Etwa acht Kilometer weit muss man auf der Rheinland-Pfalz-Radroute über eine schnell befahrene Landstraße nahe Vinningen.
Bei Hornbach unterquert der radwweg eine hohe Straßenbrücke. Radel im Vordergrund
Radweg unter Brücke bei Hornbach
Kahl geerntete Felder hinter Sonneblumenfeldern.
Außerhalb Bottenbachs könnte mit viel Phantasie Pfälzisch Andalusien liegen.

Botschafter des langsamen Vorankommens

Pressemitteilung

Kunstprojekt per Fahrrad entlang der Grenzen von Rheinland-Pfalz auf der 1040 Kilometer langen Rheinland-Pfalz-Radroute. Liveblog vom 25. August bis 8. September 2020.

Botschafter des langsamen Vorankommens

Grenzen. Plötzlich kehrten sie zurück. Als sich im Frühling 2020 die Lage um das neuartige Coronavirus zuspitzte und sich mit Covid-19 eine lebensbedrohliche Krankheit rings um die Welt ausbreitete, verwandelte sich die Welt wie wir sie gewohnt waren in Windeseile in eine Welt der Grenzen. Hatte man sich im Laufe der letzten dreißig Jahre an ein weitgehend grenzenloses Europa gewöhnt, herrschten von heute auf morgen plötzlich Zustände wie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs und die freie Bewegung ohne Kontrollen war massiv eingeschränkt.

Die tägliche Dosis Rheinland-Pfalz

Der Zweibrücker Künstler Jürgen Rinck alias Irgendlink nimmt diese Situation zum Anlass, entlang der Grenzen von Rheinland-Pfalz zu radeln, nachdem seine ursprünglich im März geplante Reise von Zweibrücken nach Andorra vereitelt wurde. Live bloggend und online eine Karte malend folgt er der Rheinland-Pfalz-Radroute und schreibt täglich frisch in seinem Blog über das Erlebte. Er fotografiert, sammelt Daten, Geschichten, besondere Ansichten des Bundeslandes und zeichnet die bereiste Strecke mit dem GPS auf. Die Reise kann in den sozialen Medien und im Irgendlink-Blog verfolgt und kommentiert werden. Das Rohmaterial wird später zu einer informativen Kunstausstellung verarbeitet und ausgestellt.

Vielfalt im Rund des Bundeslandes

Die Rheinland-Pfalz-Radroute ist ein 1040 Kilometer langer Radweg sehr nahe bei den Grenzen des Bundeslandes, eine Kombination verschiedener Themen- und Fernradwege, der durchgängig beschildert ist und zu weiten Teilen über Radwege, Feldwege und wenig befahrene Landstraßen geführt wird. Die Radroute durchquert alle Regionen und Landschaften, die unser Bundesland zu bieten hat, die großen Städte, Mainz und Ludwigshafen, wie auch den Westerwald, die Eifel, den Hunsrück und den Pfälzer Wald. Abwechslung ist groß geschrieben bei dem Abenteuer. Im engen, aber distanzierten Kontakt mit den Menschen entsteht nach und nach eine künstlerisch-literarische Dokumentation unserer Heimat in Zeiten der Pandemie.

Reise zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz

In Tagesrhythmen von etwa 70 Kilometern ist der Künstler langsam genug, um die Reise auf sich einwirken zu lassen und darüber zu sinnieren.

Fünfzehn Tage sind eingeplant, sowie auch ein Abstecher zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz in Bärenbach, unweit des Flughafens Hunsrück-Hahn, denn auch das Kerngehäuse der Heimat will erkundet werden.

In einer Online-Karte, die begleitend zum Blog als Schaltzentrale für aktuelle Informationen dienen wird, kann man Blogartikel und Fotos betrachten und das behäbige, dem Fortbewegungsmittel geschuldete Wachstum des Kunstprojekts verfolgen.

Nebenbei Stadtradeln, aber im Land

Ein Teil der Reise fällt auch in die Phase des Stadtradelns, an dem sich Zweibrücken ab 30. August erstmals beteiligt. So wird nebenbei auch noch einiges an Radelkilometern für die Gemeinde beigetragen. Sowie der Intention des Stadtradelns, Aufmerksamkeit für die Belange des regionalen Radverkehrs zu erzeugen, Impulse gegeben.

Das Konzept der Reise ist nicht neu. Schon 2017 umradelte Jürgen Rinck Rheinland-Pfalz und berichtete darüber in seinem Blog. Als Gast beim SWR in der Landesschau und in Henriette von Hellborns Film Einig Land war er zwei Wochen entgegen dem Uhrzeigersinn als Botschafter des langsamen Vorankommens unterwegs.

Nun beginnt am 25. August der Rückweg.

Links

Blog: https://irgendlink.de

Twitter: https://twitter.com/irgendlink (Hashtag )

Projektkarte: http://u.osmfr.org/m/477537/ (die Webseite der Karte ist leider nicht verschlüsselt (‚https‘) und wird ggf. durch Browsereinstellungen blockiert)

Rheinland-Pfalz-Radroute: https://radwanderland.de/seiten/rlpradroute

Tourdaten:

25. August bis 8. September 2020, Fahrradreise im Outdoor-Stil, meist zeltend und, den Bedingungen der Pandemie genüge tragend, kontaktarm.

Voraussichtliche Aufenthaltsregionen/Etappenziele

(siehe auch interaktive Tourkarte)

25.8. Pfälzer Wald/Südpfalz/Wissembourg

26.8. Germersheim/Speyer

27.8. Worms/Oppenheim

28.8. Mittelrheintal

29.8. Hunsrück/Hahn (Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz)

30.8. Sankt Goar/Nastätten

31.8. Walmerod Westerwald

1.9. Daaden/Betzdorf

2.9. Altenkirchen

3.9. Altenahr Ahrtal

4.9. Neuendorf/Prüm

5.9. Irrel, Echternach, Luxemburgische Grenze

6.9. Kell am See/Hochwald

7.9. Baumholder/Idar Oberstein

8.9. Bruchmühlbach/Sickinger Höhe/Zweibrücken

Pressetreffen in den jeweiligen Regionen unterwegs können telefonisch oder per Mail vereinbart werden. Rufen Sie mich gerne an oder mailen Sie mir. Ich habe mein Büro immer dabei.

 

Im lichten Mischwald oberhalb des glänzenden Rutschenschlunds

„Bub oder Mädchen, meine Damen und Herren, kommense rein, kommense rein!“ Wedelnd mit Geldscheinen und wild fuchtelnden Händen mitten im Pfälzer Wald. Wie so ein Buchmacher beim illegalen Hunde- oder Hahnenkampf, so kann man mich sehen. Nicht!

Dennoch, die Vorstellung vom schmierigen Illegale-Wetten-Buchmacher garniert unsere ruhige, beschauliche Wanderung am gestrigen Tag, würzt ihn fein ab. Unterwegs auf der Wasgau-Seen-Tour. Gut zwanzig Kilometer auf einem Rundkurs. Wald. Stille. Schwüles Wetter. Noch immer spürt man den Einbruch des Flugverkehrs, murmele ich irgendwann. Kaum Kondensstreifen. Die Abwesendheit von Geräuschen fast jeder Art. Insektensummen. Teichplätschern. Diesiger Hochsommerhimmel zwischen müde hängendem Laub. Frühe Herbsttendenz. Trocken ist es seit Monaten. Das Laub fällt.

Die Wasgau Seen Runde führt meist über Waldwege und Pfade und tangiert die zahlreichen Teiche in den sanften Flusstälern um Fischbach und Ludwigswinkel. Über die Jahrhunderte trotzte der Mensch den einst sumpfigen Flussauen Landfleckchen um Landfleckchen ab, terrassierte die Rinnsale zu Teichen. Dementsprechend erklärt sich das lokale Nahrungsangebot, geräucherte Forelle und Honig, sowie winterwärmende Holzpolder allüberall. Wald, Wiese, Hochlandrinder, Forellen. Und viel viel Natur.

Wir befinden uns mitten in einer grenzübergreifenen Bisophäre, die sich von Kaiserslautern im Norden bis nach Saverne in Frankreich durch Pfälzer Wald und Nordvogesen zieht. In Fischbach bei Dahn lockt ein Baumwipfelpfad und das Biosphärenhaus mit zahlreichen Informationen und kleinen Abenteuern. Holzskulpturen entlang der Wege. Vor anderthalb Jahren hatten wir den Baumwipfelpfad einmal besucht. Und so die große edelstahlene Rutsche kennengelernt, auf der man am Ende des Pfades über verspielte Kurven abwärts rutschen kann und vor deren unterem Ende wir nun stehen und ich den imaginären Buchmacher spiele: „Komm’se rein, komm’se rein, Dam’un’Herrn, mal gewinnt man, mal verliert man!“ Einziger Gast und Zuschauerin ist Frau SoSo.

Niemand rutscht. In einem Western würde man die beängstigende Stille mit rollenden Büschen darstellen, Staubwirbeln, Grillenzirpen. Wie ausgestorben wirken die Holzstegekonstruktionen im lichten Mischwald oberhalb des glänzenden Rutschenschlunds. Es ist schon spät. 17 Uhr? 18 Uhr? Vielleicht ist die Attraktion schon geschlossen? Zu heiß heute? Alle auf Malle? Weit weg in den Ferien?

Ein paar Meter weiter werden wir eines Besseren belehrt. Der Wohnmobilstellplatz beim Eingang des Biosphärenhauses ist voll. Dicht an dicht stehen die weißen Concorde-Burgen und jede für sich bildet mit der linken Seite der nachbars Burg eine Art Burghof, in der die Menschen, denen die Burg gehört auf Liegestühlen lümmeln, Gasgrills brutzeln, Matten ausgelegt sind, Fliegengitter und Sonnenschirmchen.

Kleines, enges Touristenterrain und wir Wilden, wie wir mit unseren Schalks in unseren Nacken lachend aus den wie verlassenen Wäldern kommen, beobachten verstört.

Vermutlich ähnlich verstörend wäre es für die Menschen der Zivilisation, wenn sie tatsächlich beim Schlund der Rutsche auf einen Buchmachertypen treffen würden, der sie auffordert, Wetten abzuschließen, ob als Nächstes ein Bub oder ein Mädchen aus dem Schlund kommt, ein Rotschopf oder ein langhaariger Zottel, ein Hund vielleicht? The Palatin-Bookmaker-Performance, wenn auch nur theoretisch, ward geboren.

Kurze Zeit vorher hatten wir noch eine weitere kuriose Performance-Idee. Beim Wanderpfad gab es einige informative Spielereien mit Schautafeln und Erklärungen über Natur und Geologie. So auch ein paar Steine und Plexiglasröhren mit Sand verschiedener Regionen.

Da müsste man mal eine Hundeleine an dem großen Fels festmachen, scherzte ich mit Frau Soso, und sich einen Tag hinstellen und so tun, als wäre der Fels ein Hundchen. Den Vorbeikommenden erzählen, der macht nix, der will nur spielen, ja, sooo isser feiiin, und wenn andere Hundegassigänger vorbeikommen, fragen Bu’sche oder Mädsche und wenn sie sagen, Bubsche, ihnen antworten, ah, dann kann ich ihn ja losmachen. Da können sie ein bisschen spielen.

Auch Frau SoSo berichtet über die Begebenheiten -> hier.

 

Ein simulierter Reiseradlerkünstlertesttag #UmsLand

Ist es die Undurchquerbarkeit der Stadt mit ihren vielen Bordsteinen; den wenn vorhandenen, dann unsinnigen, gar perversen Radwegeführungen; die schnellen Landstraßen am nördlichen Stadtrand; die für Radlerinnen und Radler absolut tabue Ost-West-Hauptachse, die einen dazu zwingt, auf stark überflanierte Wege an den Bächen vorbei am Biergarten und am Schwimmbad zu nehmen? Spießrutenlauf, dein Name sei Zweibrücken.

Zu Beginn der Pandemie gab es ein paar schöne Radtouren, die mich durch die nähere Umgebung führten. Straßenbegebenheiten wie in den 1980ern. Wenig Verkehr, gute Hauptstraße, Rücksicht für ein zwei drei Wochen. Bis zum Rückkehr der sogenannten Normalität.

Die letzten Monate vergingen wie im Flug. Den April und Mai hatte ich mit Buchschreiben verbracht. Zwar nicht fertig geworden und gewiss auch kein Bestsellerformat, aber ein Buch nach meinem Geschmack. Eins für die Halde. Für die Zukunft, wenn das Leben mal stagniert und es nichts mehr zu tun gibt für einen Draußendurchdieweltblogger wie mich. In den letzten Monaten hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass der Moment schon gekommen ist, des nichts mehr zu tun Habens draußen in der Welt. Dass ich mich zurückziehen könnte hinter die heimische Tastatur, um alles aufzuschreiben, dass ich die Dinge ins Reine bringe, meinen Frieden mache, einschlafe nach und nach.

Nun fährt der Kunstreaktor wieder hoch. Und mit ihm der (Rad)reisereaktor. Alles was ich getan habe in den letzten zwanzig Jahren geschah unterwegs. Im Sattel des Fahrrads. Nachdem diesen Frühling Zweibrücken-Andorra als virtuelles Projekt recht zufriedenstellend lief, hatte ich noch Radlantix angehängt, und ich glaube, das Buch wird auf der Île de Batz enden, irgendwie mysteriös harukimurakamisch. Radlantix ist sicherlich mein ungewöhnlichstes Blogprojekt, weil sämtliche Blogeinträge frei erfunden sind und man dennoch das Gefühl hat, die Reise habe tatsächlich stattgefunden.

Die Vernunft ließ mich alle Termine absagen und alle Reiseideen einstampfen, die weiter weg führten. Sogar den für diesen Sommer geplanten dritten Abschnitt des UmsLand/Bayern-Projekts habe ich auf Eis gelegt. Über 500 Kilometer Anreise, um in Zwiesel oder in Rosenheim wieder in die Runde um Deutschlands größtes Bundesland einzusteigen ist ja doch ein Brett. Zugfahren mag ich nicht. Zu groß der Stress, Mitmenschen nahe zu kommen, mich mit Maskenverweigerern und sogenannten Covidioten rumzuärgern. Zudem scheint der Direktzug namens Dachstein, der von Homburg durchrauscht bis nach Österreich nicht mehr zu existieren. Bleibt nur noch, vor der eigenen Haustür zu bloggen.

Ein zweites UmsLand/Rheinland-Pfalz. Dieses Mal ohne Unterbrechung der Tour, etwa 16 Tage am Stück Ende August. Die erste Reise im Jahr 2017 mit viel Pressetamtam stand ja nicht gerade unter einem guten Stern. Der Vater lag im Sterben. Und so kam es auch, dass ich drei Tage vor Tourende abbrechen musste. Erst 2019 fortsetzte und erst vor ein paar Tagen habe ich überhaupt die Tourkarte ‚geschrieben‘, sprich die GPS-Tracks der geradelten Strecke in eine Umap integriert.

Vollbildanzeige

Der Plan: Während des Stadtradelns werde ich wie ein ganz normaler Mensch meinem Beruf nachgehen (Bloggen und Kunstschaffen im Sattel) und dabei das Rad nutzen (als ob ich das nicht schon seit zigtausenden Kilometern so mache). Stadtradeln ist eine deutschlandweite Aktion mit der Absicht, Radinfrastruktur zu verbessern und die Menschen spielerisch wettkämpferisch zum Umdenken zu bewegen, zum Umsteigen von Motormobilität auf Muskelmobilität.  Das Stadtradeln findet schon seit ein paar Jahren statt. Zweibrücken nimmt als Kommune heuer erstmals Teil. Ein bisschen stolz bin ich schon, das sich in diesem Quasimodo unter den Radlerstädten doch schon über hundert Menschen angemeldet haben. Trotz hoher Bordsteine und unmöglicher Radwegeführungen.

Problem: in diesem Jahr bin ich noch keine dreihundert Kilometer weit geradelt. Nicht dass ich unfit wäre. Die letzten Wochen plage ich mich jedoch mit unerklärlicher Müdigkeit, die mich manchmal auch tagsüber zum Ruhen zwingt. Unlust loszuradeln.

Muss aber wieder in den Flow kommen, wenn ich die zweite Rheinland-Pfalz-Umrundung machen möchte. Auch Schreiben, den täglichen Blogbericht, der unweigerlich zum Kunst-Reiseprojekt gehört, muss ich erst wieder üben. Was ich hiermit tue, sonntagsmorgens um 4:44.

Der gestrige Tag offenbarte das womögliche Problem. Der Körper ist fit. Aber der Geist verweigert. Den lieben langen Morgen verbrachte ich damit, mir vorzustellen eine knappe 100-Kilometer-Tour in den Pfälzer Wald zu machen. Ziel Saarbacherhammer. Baden, rumliegen, pausieren und dann über die Eselssteig und die Rheinland-Pfalz-Radroute wieder zurück. Es wurde spät und später. Der Mittag ging. Immer noch daheim. Die Müdigkeit übermannte mich. Im Kopf baute ich eine Barrikade nach der anderen. Das ist beim Losradeln immer so faszinierend, dass man sich die Route vorstellt, wenn man sie schon kennt. Der Ekel vor dem Durchqueren der verqueren Stadt; schon das paarhundert Meter lange Stück Landstraße direkt vor der Haustür, ein erstes Linksabbiegen auf einer Strecke, auf der viel Verkehr herrscht und man mit hundert durch eine Siebzigerzone zu rauschen pflegt. Abstoßend. Immerhin hatte ich gegen 13 Uhr die Radlerhose angezogen, stellte mir diese oder jene Steigungsstrecke vor, die zu bewältigen wäre, gähnte, fläzte mich im Gartenstuhl unter dem Nussbaum, überlegte zu schlafen, riet mir selbst aber, ‚quäl dich du Sau‘, saß schließlich doch auf dem Radel, bog links ab, überlebte die Stadt und draußen, südlich nach Frankreich zu radelnd, wurde mir plötzlich leicht um die Beine. Die Kilometer flogen dahin, alle Möglichkeiten waren zurück aus dem Nirvana jenseits der selbst gebauten Barrikaden.

Es ist alles in Ordnung mit dem Körper, diagnostizierte ich. Herz pumpt. Lunge jault, Beine fliegen rund.

Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal, sagte ich einmal. Schaffen es einfach nicht mehr zurück. Bleiben im Straßengraben liegen. Gutso. Wenn es bloß nicht in der unsäglich hektischen Stadt geschieht. Es ist die Enge, die Hektik, die einem auf die Pelle rückenden Mitmenschen, die mich so müde machen, die mich in die Knie zwingen. Sobald ich freies Land unter der Kurbel habe, läuft es prima.

Abends zurück, will ich eine Art Tourtag-Simulation. Zur täglichen Arbeit des Reisekünstlers gehört neben Radfahren und Dingen erleben, über die er schreiben kann auch Kommunikation, sowie Lebenserhaltung, sprich Zeltlager aufbauen und Essen kochen. Da es keinen Sinn ergibt, im heimischen Garten das Zelt aufzubauen, lasse ich mir beim Kochen Zeit (gibt lecker Zucchinisuppe mit Ingwer und Backerbsen, sowie Salat) und verschiebe den Blogartikel (diesen hier) auf frühmorgens.

Hiermit wäre dann der gestrige, simulierte Reiseradlerkünstlertesttag abgehakt. Und irgendwie gelungen. So kann es funktionieren. Ende August werde ich aufbrechen UmsLand Rheinland-Pfalz. Dieses Mal gegen den Uhrzeigersinn.