1/100stel Nordseerunde gegen den Uhrzeigersinn

Nach über neun Stunden Schlaf noch immer „schlags-kaputt“. Die gestrige Radtour, die erste des Jahres hat mir erheblich zugesetzt, erinnert mich an die eigene Sterblichkeit, jenes zweischneidige Schwert, das mich in allem, was ich tue, vorantreibt.

Schon auf dem Weg runter in die Stadt unter seichtem Hochnebel dividiere ich meine drei „Sphären“, die Gebiete, auf denen die Hauptarbeit der nächsten Wochen stattfindet: Körper, Geist/Seele, und die Technik. Langsam kurbele ich mich das Schwarzbachtal hinauf, auf den feinen Radwegen vorbei an Contwig, Stambach, Dellfeld usw. In Stambach ist ein neuer Bahnhof entstanden, seit ich das letzte Mal die Strecke geradelt bin. Mit bilnkender digitaler Ankunftstafel, Edelstahlbänken, Kabäuschen aus bruchsicherem Glas. Samstags ruhig, kühl, Nebel drückt aufs Gemüt. Mit einem Schlag wird mir klar, dass die Tour, die ich vor habe, eine Simulation der Nordseerunde ist. Sie führt von Daheim nach Daheim im Kreis, ist etwa 50 km lang, mit viel Wohlwollen also 1/100stel der Nordseerunde. Auch vom Ablauf her ist sie der Nordseerunde ähnlich. Müde und leer starte ich, kaum aufnahmebereit, doch die Reise klopft mich weich und so gelingen mir ab etwa km 25 die ersten besseren Fotos. Der Geist ist nun weichgeklopft und offen, ein Effekt, den der Langstreckenreisende, der seiende Mensch mit viel Anstrengung erreichen kann. Sowas kommt nicht von ungefähr und aus dem Nichts. Unser Alltag hat es so an sich, dass er uns abstumpft, dass er einen sich in die wohlgefügten Maschen des Gewohnheitsnetzes zurückfallen macht, taub und abstumpft. Gegen Wallhalben drifte ich auf dem normalerweise guten Waldweg dahin, aber durch Holzfällarbeiten wird der Pfad durchs Wallhalbtal ein echtes Abenteuer, Schlamm und Geäst. Kurz vor der Kneispermühle blockieren drei Holzfäller den Weg, beladen einen Langholzanhänger mit Kran. „Gebb dem Mann mo ä Schneckenudel“, sagt einer und sein langhaariger Kollege langt in eine Bäckertüte und kramt mit erdigen Fingern eine Nussschnecke hervor, gibt sie mir. „Cool“, sag ich, „ich war sowieso gerade am Verhungern“. Der dritte Holzfäller kämpft, auf dem Kran sitzend, mit Buchenstämmen, verschusselt sie, muss sie mühevoll wieder aufgreifen, was mich zu der Bemerkung verleitet: „Bei Wetten Dass würd‘ das so nix werden, von wegen, rohes Ei mit dem Langholzkran greifen und in einen Eierbecher setzen.“ Dabei muss ich an eine der ersten Wetten Dass Sendungen aus den Achtziger Jahren denken, damals noch mit Frank Elsner. Unvergessen, wie ein kleiner, dicker Baggeführer ein Ei mit dem eisernen Greifarm seines Arbeitsgeräts gefasst hat …

Wallhalben. Im Edeka-Markt kaufe ich eine Speckbretzel und einen Berliner für 2,70 Euro. Ob ich mit viermal so viel Essen am Tag durchkommen würde? Mindestbudget also 12 Euro pro Tag? Verfange mich in Langstreckenradtourträumen und phantasiere, dass ich die Nordseerunde eigentlich so angehen sollte, wie diese Radtour: ohne jegliches Gepäck, einzig mit Kreditkarte und iPhone unterwegs – wieviel würde ich brauchen pro Tag? 80 Euro? Ich würde in Hotels absteigen, dort Abendessen und frühstücken, meine Kleider waschen und mich. Sonst nichts. Am nächsten Tag weiterfahren – so könnte ich die 50 bis 100 km pro Tag locker schaffen. Die Zeiten des Europenners sind gezählt. Ich bin auch körperlich nicht mehr so sicher, das Leben „auf der Straße“ ertragen zu können. Ein bisschen mehr Geld für die Reise, und ich könnte mich quasi selbst runderneuern, ein völlig anders Reiseleben wäre das, ohne Wildcamping, ohne Lagerplatzsuche, ohne Energieprobleme (den Quatsch mit dem Akkutest, nur um immer online sein zu können und live über die Reise zu berichten, könnte ich mir auch sparen) – vieles wäre leichter mit ein Bisschen mehr Geld.

Kunstbübchenrechnung: 100 Tage reise mal 80 Euro Tagessatz macht 8000 Euro Reisebudget – minus 3000 derzeit veranschlagten Euro bleibt ein Defizit von 5000 Euro. Erstaunlich, dass mich das Monatsgehalt eines durchsschnittlichen Nettoverdieners in den Status eines geadelten Reisenden heben könnte.

Wallhalben als Kehrpunkt der Reise, ist symbolisch markant. Steil bergauf führt ein Teerweg auf die Sickinger Höhe. Oben liegt Schmittshausen, berühmt durch seinen Rosengarten. In einem Vorgarten hängt auf einer Wäscheleine ein einsamer roter Pullover. Perfekt. Alleine dieses Motiv war die ganze Reise wert. Runter ins Tal wieder bei Battweiler – in Oberauerbach, fast schon wieder daheim bin ich drin. Plötzlich kann ich „sehen“, bin aufnahmebereit, kann wieder denken. Das ist es, was die Reise auslöst, sie klopft einen weich, im Kleinen, wie im Großen.

Testlauf für Ums Meer – Textteil

Die erste Technik-Test-Radtour unter ungefähr realen Bedingungen: Ziel war, herauszufinden, wie die Kunststraße 2.0 gebaut werden könnte. Im Einsatz zwei iPhones (eins zum Track aufzeichnen, eins fürs Fotografieren), der Nabendynamo und der Zwischenakku zum Stromsammeln. Etwa 50 km Radfahren. Irgendwie hat alles geklappt wie geplant und trotzdem lief einiges schief. iPhone Nr. 2 hat den Track nicht aufgezeichnet, weil Monsieur Irgendlink zu doof war, die Software zu bedienen. Das Nicht-Aufzeichnen des Tracks hätte ich mir mitten in der Tour eigentlich schon denken können, da der Akku nicht nennenswert abgebaut hatte. Mit dem Photo-iPhone habe ich alle 2,5 km ein Hipstamatic-Foto gemacht, wobei ich die Software-Einstellungen der Hipstamatic App alle 10 km verändert habe, um den richtigen „Film“ und die richtige „Linse“ herauszufinden. Die Bilder zeigen die komplette 2,5 km-Serie von 0 bis 47,5 km, wobei die 16er-Gruppen aus je vier Vierergruppen zusammengesetzt sind, von oben links nach unten rechts als Viererbild eins bis vier. Die Viererbilder enthalten wiederum die Bilder 0, 2.5, 5, und 7.5 km. Soweit so kompliziert. Auch hier hat Monsieur etwas geschusselt, weil er bei der Filter-Umstellung nicht so recht aufgepasst hat, die immer vor dem nächsten Zehner-Bild zu tun. Auf der zweiten 16er-Kombi sind noch einige Schnappschüsse einkompiliert, damit das Blatt voll wird.
Ich denke, ich werde das sture Konzept mit den 10-km Bildern zwar durchführen, aber der werten Blog-Gemeinde die Direktuploads von unterwegs, die ich vor Ort übers Handynetz per Software „WordPress“ hochgeladen habe, sein lassen. Das verstopft nur unnötig das Blog.
Für die Nordseeumrundung hoffe ich, dass ich schon nach wenigen Tagen derart gut in der Reise „drin“ bin (fest im Sattel quasi), dass der Textteil des Blogs wieder zum Tragen kommt, so wie er es auf dem Jakobsweg ja auch getan hat. Ich bin ein bisschen aus der Übung, in Vielerlei Hinsicht, merke ich.

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