Ich rette Gedankenfetzen aufs Diktiergerät des iPhones, während ich über die stark befahrene 416 nach Risør radele. Falls ich zuhause nicht direkt wieder arbeite, könnte ich schreiben. Schon immer wollte ich auf eine real erlebte Reisegeschichte, wie die vorliegende, live geschriebene, eine fiktive Geschichte aufsetzen, einen Zukunftsroman der zeitgenössischen Kunst, der seine Wurzeln in der Realität hat. Nicht ganz so verrückt, wie Per Anhalter durch die Galaxis, der, habe ich einmal gehört, entstanden ist während einer Tramptour durch Deutschland.
Eine Kasperlefigur grinst mich von einem Holzstapel neben der 416 an. So könnte es auch in einem Roman von Jo Nesbø aussehen mit dem Titel Kasperle – Harry Holes zehnter Fall
Die Nacht vor dem Gebetshaus in Laget war trotz direkter Nähe zur Straßenkreuzung angenehm ruhig. Plumpsklo gabs auch, fast schon spartanisches Campingplatzfeeling. Um Klassen besser, als Fletchers Camping in England, auf dem ich für ein Stück ungemähte Wiese und das dreckigste Klo Englands zehn Pfund bezahlt hatte. Kann gar nicht glauben, dass ich mich nicht einfach umgedreht habe und gegangen bin mit den Worten “viel zu teuer”. Eine andere Zeit. England ist, wie der Name sagt, eng. Zwar schön, aber es handelt sich, aus der jetzigen Sicht um ein hochgradig eingezäuntes Etwas, in dem sich die Menschen in Burgen verschanzen vor dem Bösen, das jenseits der Zäune auf sie lauert.
Tut es ja auch.
In Norwegen sorgt die Natur für das Betretverbot. Im Sumpfland und auf Felsen und an Steilküsten kann man nun mal kein Zelt aufbauen. Ein uneingezäuntes Areal vor einem nicht videoüberwachten Gebetshaus hätte ich in England jedoch lange suchen müssen.
Ich schweife ab. Risør macht für die Nordseerunde nur dann Sinn, wenn man gegen den Uhrzeigersinn radelt. Am Hafen stehe ich nach sieben Kilometern Hauptstraße vor dem Fährenplan, der mir sagt, dass das Ding nur wochentags fährt (in umgekehrter Richtung liegt der Hafen Oeysang direkt an der Nordseeroute, ohne nervige Hauptstraßensackgasse. Erst in der Hochsaison ab 25. Juni kann man den Soendeletfjorden auch an Wochenenden überqueren. knapp drei Stunden später habe ich, entlang der Landstraße, Oeysang auf der anderen Seite erreicht. Dazwischen Regenschauer und alle dre Kilometer ein Zweibrücker Kreuzberg. Weitere sechs Zweibrücker Kreuzberge erklimme ich bis Stabbestad – 17 Uhr, zwei Stunden zu spät, um die letzte Fähre nach Krageroe zu nehmen. Ein Taxiboot fährt in den Hafen, spuckt vier Passagiere aus.
Eine Mischung aus Trotz und Lethargie hat sich breit gemacht: wenn die Nordseerunde an diesen beiden Fährstellen einen Bug hat und nicht ohne weiteres zu passieren ist, muss sie verlegt werden. Innerlich plädierend, dass die offizielle Strecke fürderhin um die Fjorde geführt wird, statt mit verlockenden potemkinschen Fähren ausgeschildert zu sein, ackere ich mich auf und ab um den Kilsfjorden, sehr einsam, sehr schön, Regenschauer sind meine Begleiter.
Ein Däne, der in Grimstad verheiratet ist und in den Schären bei Oeysang ein Ferienhaus hat, erzählt mir sein Leben: Zum Nordkap von Lindesnes aus ist er geradelt und bei Dauerregen von Bordeaux über die Pyrenäen und die Cevennen und die Alpen sechstausend Kilometer weit. Wieder diese magischen Extrempunkte, die so fiktiv sie sein mögen und so selbstgebastelt und hanebüchen (wie auch meine Strecke), doch nur Hülsen sind, die wir kraft unserer Reise mit Bedeutung füllen.
Wochenends radelt der perfekt deutsch sprechende Däne von Grimstad ins Ferienhaus, seine Frau kommt per Auto, sie sei es auch gewesen, die ihn von seinem bisher kühnsten Vorhaben hatte abbringen können: von Lindesnes mit dem Seekajak zum Nordkap. Weise Frau.
An diesem Tag erhalte ich eine Lehre oder eine Erkenntnis über meine Art des Reisens. Ich habe ausnahmsweise ein Ziel. Erstmals seit Boulogne-sur-Mer will ich abends an einem bestimmten Punkt auf der Reise sein, nämlich in Helgeroa, um Lars und Daniela aus Zweibrücken zu treffen. Sie haben ihren ersten Radlertag auf der norwegischen Nordseeroute. Helgeroa wären mit Fährunterstützung hundertzehn Kilometer. Machbar. Ohne Fähre jedoch hundertsechzig. Unmöglich, dabei auch noch einen kühlen Kopf zu behalten und das Leben zu genießen.
Vielleicht ist es ein Fingerzeig des Schicksals, dass für mich die Fähren nicht fahren. Wie zerbrechlich und filigran die Kunstmaschine doch ist, die ich geworden bin, wie sehr sie darauf angewiesen ist, im grünen Drehzahlbereich zu laufen, sich selbst antreibend im geregelten Takt, ohne sich von einem Tasgesziel verlocken zu lassen.
Nach hundert Kilometern und geschätzten acht- bis sechzehnhundert Höhenmetern in Form kleiner fieser Zweibrücker Kreuzberge finde ich im Strandbad von Skarbø einen guten Wildzeltplatz. Einsamer Fischer wirft den Haken in gekonntem Schwung. Ob es eine Verwandtschaft gibt zwischen Anglern und Golfern? Auf der anderen Seite des Fjords wummert eine Party vor einer Campingplatzhütte. Laut singen sie mit: “The Lion sleeps tonight” und ich bin froh, dass ich dort nicht abgestiegen bin. Für hundertfünfzig Kronen neben einer Sause zu übernachten wäre geradezu fletcheresk.
(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)
